(Die Verteidigung der gelehrten Unwissenheit) (1449), eine Antwort auf die Vorwürfe der Häresie und des Pantheismus des Heidelberger Scholastikers John Wenck in einem Werk mit dem Titel De ignota litteratura (Über belehrte Unwissenheit).
discipuli ad discipulum
Verteidugung der wissenden Unwissenheit / Ein Schüler an einen Schüler
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▷ ▷[1]Rettulit mihi aliquando communis praeceptor noster, magister Nicolaus de Cusa, nunc coetui cardinalium adiunctus, quantum valeas in coincidentiis, quas in libellis Doctae ignorantiae ad apostolicum legatum datis ac in aliis plerisque suis opusculis nobis patefecit, quoque studio ardeas, ut omnia colligas, quae passim in hiis rebus ab eodem emanant; quodque tu neminem peritorum te praeterire sinas, cum quo de hac re non conferas, multosque induxeris, qui hoc studium spreverant, ut inveterata consuetudine, qua Aristotelicae traditioni insudarunt, parum intercepta in has se conferant considerationes ea fide, quasi in ipsis magni aliquid lateat, quousque quodam interno gustu profundius alliciantur et eo pertingant, quod experiantur hanc rem tantum ab aliis viis differre quantum visus ab auditu; sicque de detractoribus plures attraxeris, ut tecum mentis oculo arcana quaeque modo, quo homini gradatim conceditur, speculentur. Unde, cum tantus sis, recte arbitratus sum ego, condiscipulus eiusdem, ut aliqua tibi nota fiant, quae non plene instructos avertere possent, ac scias talibus insultationibus facilius obviare.
Unser gemeinsamer Lehrer, der Meister Nikolaus von Kues, der jetzt ins Kardinalskollegium berufen wurde, berichtete mir einmal von Deinem großen Verständnis für die Koinzidenz, die er in den dem apostolischen Legaten gewidmeten Büchern der Docta ignorantia und in vielen andern seiner Schriften uns darlegte. Er sagte mir, von welchem Eifer Du erfüllt bist, alles zu sammeln, was darin zerstreut von ihr ausgeht. Auch erzählte er, daß Du es nicht zuläßt, daß irgendein Gelehrter an Dir vorbeigeht, ohne daß Du mit ihm über dieses Thema sprichst, und daß Du schließlich viele, die dieses Studium verachtet hatten, dazu gebracht hast, die alte Gewohnheit, mit der sie bei der Aristotelischen Tradition verharrten, ein wenig zu unterbrechen und sich diesen Gedanken zuzuwenden, und zwar im Vertrauen darauf, daß in ihnen etwas Großes verborgen sei. Das tatest Du so lange, bis sie durch eigenes Verlangen immer stärker angezogen wurden und zu der Erfahrung gelangten, daß dieser Weg von den andern Wegen wie das Sehen vom Hören verschieden sei. So hast Du von den Gegnern viele dafür gewonnen, mit Dir zusammen alle Geheimnisse auf die Weise, wie es dem Menschen schrittweise geschenkt wird, zu betrachten. Da Du nun ein solcher Mann bist, halte ich es als ein Schüler desselben Meisters für richtig, Dir einige Tatsachen, die die noch nicht voll Ausgebildeten abtrünnig machen können, bekannt zu machen, damit Du derartigen Beschuldigungen leichter entgegentreten kannst.
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▷ ▷Pervenit ad me hodie libellus quidam cuiusdam non tantum imprudentis sed et arrogantissimi viri, hominis, qui se magistrum in theologia nominat, vocabulo Iohannis Wenck, cui titulum Ignotae litteraturae inscripsit. In quo cum legerem graves invectivas et iniurias contra praeceptorem nostrum et eius Doctae ignorantiae libellos, cum animo multa displicentia conturbato praeceptorem adii, causam accessus et invectivarum continentiam declaravi. Subrisit parumper praeceptor et me amoroso quodam oculo respectans aiebat: «Non turberis, amice, sed gratias age creatori, qui tantum tibi luminis tribuit, quod hunc hominem sapientia antecedis quasi Socrates sciolos sui temporis.» Quaerebam ego, in quo Atheniensis Socrates praecellerat. Respondit: «Quia se scivit ignorantem; ceteri autem, qui se aliquid egregii scire gloriabantur, cum multa ignorarent, non se sciebant ignorantes. Ex Delphico oraculo testimonium sapientiae suae ob hoc sortitus est Socrates.»
Heute erreichte mich nämlich ein Buch eines nicht nur törichten, sondern vor allem höchst anmaßenden und unverschämten Mannes, eines Menschen, der sich Magister der Theologie nennt, und der Johannes Wenck heißt. Der Titel dieser Schrift lautet «De ignota litteratura». Als ich darin heftige und ungerechte Angriffe gegen unseren Lehrer und seine Schrift «De docta ignorantia» fand, wandte ich mich, von großem Mißbehagen verwirrt, an meinen Lehrer und teilte ihm den Grund der Anklage und den Hauptinhalt der Angriffe mit. Er lächelte ein wenig, blickte mich liebevoll an und sagte: «Laß Dich nicht verwirren, mein Freund, sondern danke Deinem Schöpfer, der Dir soviel Einsicht gab, daß Du diesen Menschen ebenso an Weisheit übertriffst wie Sokrates die Nichtswisser seiner Zeit.»Ich fragte, worin Sokrates die Athener überragte. Er erwiderte: «Darin, daß er wußte, daß er unwissend war; die andern aber wußten das nicht, obwohl sie vieles nicht verstanden. Sie rühmten sich sogar außerordentlich viel zu wissen. Von dem Delphischen Orakel erhielt Sokrates darob eine Bestätigung seiner Weisheit.»
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▷ ▷Et ego: «Dic, quaeso, praeceptor, quae comparatio fuit scientiae Socratis ad ceteros.» Et ille: «Quasi scientia videntis ad scientiam caeci de solari claritate. Potest enim caecus aliquis multa audisse de solis claritate atque quod tanta sit, quod comprehendi nequeat, credens se per ea, quae sic audivit, scire aliqua de solis claritate, cuius tamen habet ignorantiam. Videns vero de solis claritate, quanta sit, interrogatus respondit se ignorare et huius ignorantiae scientiam habet, quia, cum lux solo visu attingatur, experitur solis claritatem visum excellere.» Sic plerosque, qui se scientiam theologiae habere iactant, caecis comparavit. «Versantur enim paene omnes, qui theologiae studio se conferunt, circa positivas quasdam traditiones et earum formas, et tunc se putant theologos esse, quando sic sciunt loqui uti alii, quos sibi constituerunt auctores; et non habent scientiam ignorantiae lucis illius inaccessibilis, ‹in quo non sunt ullae tenebrae.›
[2] Sed qui per doctam ignorantiam de auditu ad visum mentis transferuntur, illi certiori experimento scientiam ignorantiae se gaudent attigisse.»
Darauf sagte ich: «Bitte, sage mir, mein Lehrer, in welchem Verhältnis das Wissen des Sokrates zu dem der anderen stand.» Seine Antwort war: «Wie das Wissen eines Sehenden zum Wissen eines Blinden in bezug auf den Glanz der Sonne. Ein Blinder kann viel über den Glanz der Sonne gehört haben; auch daß er so groß ist, daß man ihn nicht erfassen kann. Nun glaubt er aus dem, was er so gehört hat, etwas über den Glanz der Sonne zu wissen, von dem er doch nichts weiß. Wenn aber ein Sehender über den Glanz der Sonne befragt wird, antwortet er, daß er darüber nichts weiß; und weil er, wenn er die Sonne nur mit dem Gesichtssinn berührt, erfährt, daß der Glanz der Sonne das Sehvermögen übertrifft, hat er das Wissen dieses Nichtwissens.» So verglich er die meisten, die sich mit ihrem theologischen Wissen brüsten, mit Blinden. «Denn beinahe alle, die sich dem Studium der Theologie widmen, beschäftigen sich mit gewissen festgelegten Traditionen und deren Formen, und wenn sie so reden können wie die andern, die sie sich als Vorbilder aufgestellt haben, halten sie sich für Theologen. Sie wissen nichts vom Nichtwissen jenes unerreichbaren Lichtes, in dem keine Dunkelheiten sind. Die aber, die durch das wissende Nichtwissen vom Hören zur Schau des Geistes gebracht werden, freuen sich darüber, das Wissen des Nichtwissens durch sicherere Erfahrung erlangt zu haben.»
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▷ ▷Simile quid apud Philonem illum sapientissimum, cui per nonnullos graves viros libri Sapientiae adscribuntur, Super quaestionibus in Genesim quaestione 51. dixit reperiri, ubi loquitur de puteo Isaac sic dicens: «Sicut puteum fodientes aquam requirunt, ita etiam disciplinam sectantes finem explorant, quod est impossibile hominibus revelari. Et quidam superbi mentientes solent affirmare se summos esse musicos, summos grammaticos, transivisse vero et philosophiae grumos et sapientiam totius disciplinae et virtutis metas. Astutus vero et non sui cultor vel sui laudator confitetur ex aperto, quan|tum deest a fine;
[3] et iuratus tali foedere conscientiam commendat, quod nihil perfecte homo noscere poterit. Hic aliena loquitur, qui tot capitulis se aestimat tantum scire; finis enim scientiae Deo tantum reconditus est, quem etiam testem anima vocat, quoniam pura conscientia confitetur suam ignorantiam. Sola enim novit anima, quoniam nihil novit firmiter.» Haec ille.
Etwas Ähnliches steht, wie er sagte, bei Philo, jenem Weisen, dem von mehreren bedeutenden Männern die Bücher der Weisheit zugeschrieben werden, in den Untersuchungen zur Genesis in Frage 51, wo vom Brunnen Isaacs die Rede ist. Er fuhr fort: «So wie die, welche einen Brunnen graben, Wasser finden, so entdecken auch jene, welche einer Lehre folgen, ein Ziel, das den Menschen unmöglich enthüllt werden kann.
Manche hochmütige Lügner pflegen zu behaupten, sie seien die besten Musiker und Sprachgelehrten und hätten auch die Gipfel der Philosophie, die Weisheit der gesamten Disziplin und die Zielsäule der Tugend überschritten. Aber ein kluger Mann, der nicht sich selbst verehrt und lobt, wird offen bekennen, wie weit er vom Ziel entfernt ist; mit Eidschwur darauf ist er sich bewußt, daß der Mensch nichts vollkommen wissen kann.
Dieser Mann, der in so vielen Kapiteln so viel zu wissen glaubt, schreibt Unsinn, denn in Gott allein ist das Ziel des Wissens geborgen. Ihn ruft die Seele zum Zeugen an, da sie mit reinem Gewissen und Bewußtsein ihre Unwissenheit bekennt. Die Seele nämlich weiß allein, daß sie nichts mit Bestimmtheit weiß.» Soweit er.
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▷ ▷Placuit mihi haec praeceptoris comparatio; sed obieci ex hoc theologiam veram non posse litteris commendari. Fatebatur plane omne id, quod aut scribitur aut auditur, longe inferius ea esse; quam tamen in Scripturis sacris dixit occultari. Est enim theologia de regno Dei; et hoc magister noster Christus occultatum in abscondito thesauro declaravit. Unde, cum ad hoc tendat omnis inquisitio et hoc sit scrutari Scripturas, scilicet id reperire, quod inventum absconditur et remanet occultum et inaccessibile, satis patere dixit hoc aliud non esse quam doctam ignorantiam. «Iactant se enim», ut aiebat, «huius temporis plerique magistri, qui agrum habent Scripturarum, ubi audiverunt occultari thesaurum regni Dei, ex hoc se divites, ut is homo, qui Ignotam scripsit litteraturam. Sed qui vidit thesaurum manere absconditum ab oculis omnium sapientum, in hoc gloriatur, quia scit se pauperem; et in hoc se videt praefatis ditiorem, quia scit se pauperem, quod alii ignorant. Unde ob scientiam paupertatis hic se humiliat, et ob praesumptionem divitiarum alius superbit, uti hic homo ignorans inflatus vanitate verbalis scientiae in suo exordio non veretur se promittere elucidationem aeternae sapientiae.»
Mir gefiel dieser Vergleich des Meisters; aber ich hielt ihm entgegen, daß demzufolge die wahre Theologie den Buchstaben nicht anvertraut werden könne. Er gab offen zu, daß alles, was geschrieben oder gehört wird, ihr weit unterlegen sei; dennoch sei sie verborgenerweise in den heiligen Schriften enthalten. Es befaßt sich nämlich die Theologie mit dem Reich Gottes. Von diesem sagt Christus, unser Meister, daß es in einem verborgenen Schatz enthalten sei. Wenn also alles Suchen und die Erforschung der Schrift darauf zielt, das zu finden, was, sobald es gefunden ist, verborgen wird und geheim und unerreichbar bleibt, dann – so sagte er – sei es offenkundig, daß dies nichts anderes sei als die wissende Unwissenheit. «Viele Lehrer unserer Zeit», so sagte er, «besitzen den Acker der Schriften, in dem, wie sie gehört haben, der Schatz des Gottesreiches verborgen ist. Sie halten sich deshalb für reich, so wie dieser Mensch, der die Ignota litteratura verfaßte. Derjenige aber, der erkennt, daß dieser Schatz den Augen aller Weisen verborgen bleibt, rühmt sich darin, daß er sich arm weiß; in diesem Wissen, das den Vorerwähnten fehlt, sieht er sich reicher als jene. Dieser erniedrigt sich um des Wissens seiner Armut willen, und jener erhöht sich um des Wahnes seines Reichtums willen, so wie dieser unwissende Mensch mit der Nichtigkeit des Wortwissens prahlt und sich nicht scheut, in seinem Vorwort die Erleuchtung der ewigen Weisheit zu versprechen.»
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▷ ▷Post quae ego, qui ad evacuandum scripta Ignotae litteraturae festinavi, interrogare coepi, quisnam hic olim abbas Mulbrunnensis, per quem Docta ignorantia ad adversarium delata fuisset. Respondit eum hominem acris ingenii et sanctae conversationis fuisse, qui Doctae ignorantiae libellos dilexit, maxime quia ab apostolico legato et plerisque magnis viris magni aliquid continere laudabantur, cui quidem legato abbas ipse singularissima affectione constringebatur. Sed adiecit se non putare, quod abbas ipse huic viro libellos obtulisset, sed potius alteri religioso, a quo ad istum pervenissent; adiungens abbatem in ea differentia, quae inter Apostolicam Sedem et Basiliensem congregationem per dietas agitabatur, partem veritatis Apostolicae Sedis sollicitasse, cui adversabatur iste Wenck. Ostendit autem mihi praeceptor verba adversarii in fine suae compilationis, ubi praeceptorem pseudo-apostolum nominat, ut viderem hominem ex passione locutum. Scis enim, amice optime, quod nemo cum tanta ferventia restitit Basiliensibus sicut praeceptor noster. Hinc ille Wenck, qui ab universis doctoribus Heidelbergensis studii abierat et partem dampnatam Basiliensium sumpsit, in qua fortassis pertinaciter persistit, veritatis defensorem ‘pseudo-apostolum’ nominare non erubuit. Curavit enim, ut eum ipsi abbati et cunctis odiosum et parvi momenti faceret; sed non praevaluit fraudulentia, quia veritas vicit.
Da ich die Angriffe der Ignota litteratura so schnell als möglich zunichte machen wollte, begann ich danach zu fragen, wer denn dieser einstige Abt von Maulbronn sei, durch den die Docta ignorantia zu dem Gegner gelangt war. Er antwortete, dieser sei ein Mann von scharfem Geist und heiligmäßiger Rede gewesen, der die Bücher der Docta ignorantia hochschätzte, vor allem deshalb, weil der apostolische Legat, dem der Abt in außerordentlicher Zuneigung verbunden war und andere bedeutende Männer sie lobten und sagten, in ihnen sei Großes enthalten. Er fügte jedoch hinzu, er sei nicht der Meinung, daß der Abt selbst jenem Mann die Bücher gegeben habe, sondern vielmehr einem andern Ordensmann, von dem sie zu jenem gelangt seien; und daß der Abt in jenem Streit, der zwischen dem Apostolischen Stuhl und der Basler Partei lange Zeit hindurch geführt wurde, die Vertreter der Wahrheit des Apostolischen Stuhles angefeuert habe; dem widersetzte sich dieser Wenck. Der Meister zeigte mir auch die Worte des Gegners am Ende seiner Kompilation, wo er ihn einen Lügenapostel nennt, um mir darzutun, daß dieser Mensch in leidenschaftlicher Voreingenommenheit spricht. Denn Du weißt, bester Freund, daß niemand den Baslern mit solch entschiedenem Eifer Widerstand leistete wie unser Meister. Trotzdem schämte sich dieser Wenck, der sich von allen Lehrern der Heidelberger Universität trennte und die verabscheuungswürdige Partei der Basler ergriff, bei der er vielleicht noch immer hartnäckig verharrt, nicht, den Verteidiger der Wahrheit einen Lügenapostel zu nennen. Er bemühte sich, ihn dem Abt und allen andern verhaßt zu machen und als unbedeutend hinzustellen; doch der Betrug hatte keinen Erfolg, da die Wahrheit siegte.
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▷ ▷Vidi autem, dum praeceptori legerem adversario Doctae ignorantiae libellos praesentatos, quomodo parumper ingemuit. Cuius causam dum diligentius sciscitarer, respondit: «Si quis graviores prisci temporis sapientes attendit, comperit magno studio praecavisse, ne mystica ad indoctorum manus pervenirent. Sic Hermetem Trismegistum Aesculapio atque Ariopagitam Dionysium Timotheo praecepisse legimus, quod et Christum nostrum docuisse scimus; inhibuit enim margaritam, quam regnum Dei figurat, ante porcos proici, in quibus non est intellectus. Sic Paulus ea, quae ab hoc mundo raptus in tertium intellectibile caelum vidit, dicit revelari non licere. Undique unica huius causa existit; nam ubi non capitur, ibi non solum non fert fructum vitae, sed vilipenditur et mortem inducit. Maxime autem cavendum monuerunt, ne secretum communicaretur ligatis mentibus per auctoritatem inveteratae consuetudinis. Nam tanta est vis longaevae observantiae, quod citius vita multorum evellitur quam consuetudo, | – uti experimur in persecutione
[4] Iudaeorum, Sarracenorum et aliorum pertinacium haereticorum, qui opinionem usu temporis firmatam legem asserunt, quam vitae praeponunt. Unde, cum nunc Aristotelica secta praevaleat, quae haeresim putat esse oppositorum coincidentiam, in cuius admissione est initium ascensus in mysticam theologiam, in ea secta nutritis haec via penitus insipida quasi propositi contraria ab eis procul pellitur, ut sit miraculo simile – sicuti sectae mutatio – reiecto Aristotele eos altius transilire.»
Als ich dem Meister vorlas, daß die Bücher der Docta ignorantia dem Widersacher überreicht worden seien, bemerkte ich, wie er leise seufzte. Als ich genauer nach dem Grund forschte, antwortete er: «Wenn jemand sich mit den bedeutenderen Weisen der alten Zeit beschäftigt, erfährt er, daß sie mit höchster Sorgfalt darum bemüht waren, ihre Geheimnisse nicht in die Hände Unerfahrener kommen zu lassen. Wir lesen, daß Hermes Trismegistos dem Aesculapius und Dionysius Areopagita dem Timotheos das befohlen haben, und wissen auch, daß unser Herr Christus dies gelehrt hat, da er verbot, die Perle, die ein Gleichnis für das Reich Gottes ist, den Säuen vorzuwerfen, die keinen Verstand haben. Ebenso sagte Paulus, es sei ihm nicht gestattet zu enthüllen, was er bei seiner Entrückung von dieser Welt in den dritten, geistigen Himmel gesehen habe. Dafür gibt es nur einen Grund; wo das Geistige nicht begriffen wird, ist es gering geachtet und statt die Frucht des Lebens zu tragen, bringt es den Tod. Vor allem geboten sie, zu verhindern, daß das Geheimnis Menschen mitgeteilt werde, deren Geist durch die Macht eingefleischter Gewohnheit gefesselt ist. Denn die Macht langer Übung ist so stark, daß eher das Leben vieler ausgelöscht wird als diese – wie wir in der Verfolgung der Juden, der Sarazenen und anderer hartnäckiger Häretiker erfahren haben, die eine im Laufe der Zeit verfestigte Meinung zu einem Gesetz machen und dieses über ihr Leben stellen. Jetzt hat vor allem die aristotelische Richtung Geltung, die die Koinzidenz der Gegensätze, welche man anerkennen muß, um den Anfang des Aufstiegs zur mystischen Theologie zu finden, für eine Häresie hält. Den in dieser Schule Ausgebildeten scheint dieser Weg vollkommen unsinnig zu sein. Er wird als ein ihren Absichten entgegengesetzter völlig abgelehnt. Daher käme es einem Wunder gleich – ebenso wie es eine Umwandlung der Schule wäre –, wenn sie von Aristoteles abließen und höher gelangten.»
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▷ ▷Dixit haec praeceptor, sed ad punctum cuncta nec cepi nec scripsi. Ego autem continuo admonui, ut me legentem Ignotam litteraturam ad eius confutationem animum erigeret; sed segnis atque tardior mihi visus est, quam optabam. Nam non est sibi visum scriptum illud tanti esse, quod aut legi aut reprehendi conveniat. Adduxit in testimonium non decere gravem virum attendere ad confutationem ignorantium illud, quod magnus Dionysius scribit undecimo capitulo De divinis nominibus, ubi ait Paulum, quia dicebat Deum se ignorare non posse, per Elymam magum, quasi negasset Deum omnipotentem, reprehensum; quem cum Dionysius reprehendere proponeret, dicebat se vehementer timere, ne ut amens rideretur, qui puerorum ludentium structuras et supra arenam fundatas et infirmas evertere moliretur; quem dixit imitatorem athletarum imperitorum, qui saepe imbecillos sibi adversarios esse suadentes contraque absentes ipsos fortiter adumbrata pugna dimicantes et aerem cassis ictibus constanter ferientes adversarios ipsos superasse arbitrantur seque victores bucinantur, cum neque illorum noverint vires. Hoc proprie aiebat propinquum esse proposito. Ego autem adieci eo non obstante Dionysium illius magi malam consequentiam refellisse; quod et fatebatur.
So ungefähr sprach der Meister, wenn ich auch nicht alles genau begriffen und niedergeschrieben habe. Ich mahnte ihn aber ständig, daß er mich die Ignota litteratura vorlesen lasse und mich zu ihrer Widerlegung ermuntere. Da ihm jedoch die Schrift nicht soviel wert zu sein schien, daß es sich lohne, sie zu lesen oder zu widerlegen, schien er mir dabei langsamer und zurückhaltender vorzugehen, als ich es wünschte. Als Zeugnis dafür, daß es einem besonnenen Mann nicht zieme, sich um die Widerlegung irgendwelcher Toren zu kümmern, zog er eine Stelle aus dem Buch des Dionysius im 11. Kapitel von «De divinis nominibus» heran. Dort schreibt dieser, daß Paulus, als er sagte, daß Gott sich selbst nicht unbekannt sein könne, von dem Magier Elymas, der die Allmacht Gottes leugnete, angegriffen wurde; als Dionysius Paulus den Rat gab, diesen zu tadeln, erwiderte er, er fürchte, als ein Verrückter verlacht zu werden, der sich bemühe, die auf Sand errichteten, schwankenden Bauten spielender Kinder zu zerstören. Er würde jenen törichten Ringkämpfern gleich handeln, die sich oft vorstellen, kraftlose Gegner vor sich zu haben und tapfer gegen die Abwesenden einen Scheinkampf führen; wenn sie dann die Luft ständig mit leeren Hieben geschlagen haben, bilden sie sich ein, ihre Gegner überwunden zu haben und brüsten sich als Sieger, obwohl sie ihre Kräfte nicht erprobt haben. Das komme jenem Vorhaben genau gleich. Ich hielt ihm aber entgegen, daß ohne den Widerstand des Paulus Dionysius die bösen Folgen der Behauptungen jenes Magiers durch eine Widerlegung verhindert hätte, was er auch zugab.
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▷ ▷Sic vici mansuetudinem suam et ob nostrum saltim profectum passus est, ut cursim legerem. Et ubi exordium ex verbis David “Vacate et videte, quoniam ego sum Deus” legerem et continuarem hunc passum, quomodo Deus velit a nobis otium sequestrare et imperet nostram visionem in seipsum reflecti non stando in nuda visione scientiali nos inflante, a qua ait daemones Graeco vocabulo nuncupari, sed potius visionis vacantia tendendo in id, quod vere Deus est, sit omnis nostrae motionis satians requietio, quoniam ait “Ego sum Deus”, ubi ego singularizans omnem creaturam patenter a divinitate excludit, Deum ab omni distinguens creatura, quia ipse Deus creator non creatura; post quae in haec verba concludit: «Rectificatum est ex themate totum nostrae mentis negotiandi exercitium Ignotae litteraturae pernecessarium respectu conflictus eundi contra Doctam ignorantiam» – indicto silentio per manum aiebat modesta voce praeceptor:
So überwand ich seine Nachsicht, und um uns ein sofortiges Handeln zu ermöglichen, gestattete er, daß ich ihm die Schrift in Auszügen vorlas. Ich las ihm den Anfang, wo die Worte Davids zitiert sind, «habet acht und seht, daß ich Gott bin» und jenen Absatz, in dem es heißt, daß Gott uns die Ruhe entziehen will und befiehlt, daß unsere Schau in ihm widergespiegelt wird; nicht in einer unverhüllten Schau, die uns wissensmäßig aufbläht (daraus sei, wie er sagt, die griechische Bezeichnung Dämonen gekommen); vielmehr soll die Ruhe bedeuten, leer von dieser Schau nach dem zu streben, was wahrhaft Gott ist, die Ruhe, die alle unsere Bewegung stillt; wenn er also sagt, «ich bin Gott», dann schließt dieses vereinzelnde «Ich» jedes Geschöpf offenbar von der Göttlichkeit aus und unterscheidet Gott von allen Geschöpfen, weil Gott der Schöpfer, nicht ein Geschöpf ist; danach schließt er mit folgenden Worten: «Diese ganze Aufgabe der Ignota litteratura, die ich mit meinem Verstand durchführen will, ist daher in Hinblick auf den Angriff gegen die wissende Unwissenheit aus dem Thema als eine höchst notwendige gerechtfertigt.» Da gebot mir der Meister mit der Hand, zu schweigen und sagte mit ruhiger Stimme:
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▷ ▷«Non satis praemeditate haec praemisit pro clipeo, cum totum sit in sano intellectu Doctae ignorantiae consentaneum. Pauca videtur hic homo legisse et minus, quae legit, intellexisse. Nam mystica theologia ducit ad vacationem et silentium, ubi est visio, quae nobis conceditur, invisibilis Dei; scientia autem, quae est in exercitio ad confligendum, illa est, quae victoriam verborum exspectat et inflatur, et longe abest ab illa, quae ad Deum, qui est pax nostra, properat. Unde, cum confligere ex sua scientia proponat, qualis sit illa, occultare nequivit. Id enim, quod inflat et ad conflictum excitat, seipsum prodit: eam scilicet non esse scientiam, quae per vacationem in mentis visionem tendit, qualis est docta ignorantia. Putabat autem se novi aliquid aperuisse, quando daemonium ab inflante scientia Graece dictum asserit; sed non vidit fortassis Platonem aut Apuleium De deo Socratis aut Philonem, qui ait Moysen eos appellare angelos, quos Graeci daemones, licet ibi kalodaemones et kakodaemones distinguantur. .
«Als er das als Schild vorhielt, hat er sich dies vorher nicht genügend überlegt, denn für einen gesunden Verstand stimmt das ganze mit der wissenden Unwissenheit völlig überein. Der Mensch scheint wenig gelesen und noch weniger das, was er gelesen hat, verstanden zu haben. Denn die mystische Theologie führt zu Leere und Schweigen, wo die uns zugestandene Schau des unsichtbaren Gottes ist. Das Wissen, das im Streitgespräch verwendet wird, ist jenes, das einen prahlerischen Sieg der Worte erwartet. Es ist weit entfernt von jenem Wissen, das zu Gott, der unser Friede ist, eilt. Darum kann er, wenn er vorhat, seinem Wissen gemäß zu kämpfen, dessen Qualität nicht verbergen. Das Wissen nämlich, das aufbläht und zum Streit antreibt, verrät sich selbst als ein Wissen, das nicht jenes ist, welches durch Leere zur Schau des Geistes strebt, wie die wissende Unwissenheit. Er glaubt, er habe etwas Neues gebracht, wenn er behauptet, daß das Wort «Dämon» im Griechischen vom sich aufblähenden Wissen abgeleitet sei; aber er hat vielleicht nicht einmal Plato oder Apuleius' «De deo Socratis» oder Philo eingesehen. Letzterer sagt, daß Moses jene Wesen Engel nennt, welche die Griechen als Dämonen bezeichnen, wenn sie auch zwischen kalodaemones und kakodaemones unterscheiden.
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▷ ▷Ubi autem adicit prophetam per pronomen ‘ego’ singularizasse Deum et exclusisse et distinxisse ab omni creatura, in quo ait propositum suum solidari, pueriliter satis se fundare videtur. | Nemo enim
[5] umquam adeo desipuit, ut Deum aliud affirmaret quam id, quo maius concipi nequit, qui est formans omnia. Unde nec Deus est hoc aut illud, nec caelum nec terra, sed dans esse omnibus, ut ipse sit proprie forma omnis formae, et omnis forma, quae non est Deus, non sit proprie forma, quia formata ab ipsa incontracta et absoluta forma. Quapropter absolutissimae et perfectissimae atque simplicissimae formae nullum esse abesse potest, quoniam dat omne esse. Et cum omne esse ab ipsa sit forma et extra eam esse nequeat, omne esse in ipsa est; omne autem esse in ipsa forma non potest aliud esse quam ipsa, cum ipsa sit infinita essendi forma, simplicissima et perfectissima. Hinc patet Deum nequaquam concipi debere habere esse, modo quo singulare diversum et distinctum aliquod esse concipitur, neque eo modo, quo universale esse concipitur aut genus aut species, sed ultra coincidentiam singularis et universalis absolutissima forma omnium generalium, specialium ac singularium aut quarumcumque formarum, quae concipi et dici possunt. Est enim principium, medium et finis omnium talium ipsa omnem conceptum excedens ineffabilis forma.
Dort aber, wo er bemerkt, daß durch das Pronomen «Ich» der Prophet Gott vereinzelt, ausgeschlossen und von jedem Geschöpf getrennt habe und diese seine «Erkenntnis» zur Grundlage seines Vorhabens machen will, scheint er sich vollkommen kindisch benommen zu haben. Denn niemand ist jemals so ohne Verstand gewesen, daß er von Gott etwas anderes behauptet hätte, als dies: Größer als Gott kann nichts gedacht werden; Gott bildet alles. Darum ist Gott nicht dieses oder jenes, weder Himmel noch Erde, sondern der, der allem das Sein gibt, wie er selbst die eigentliche Gestalt einer jeden Gestalt ist; und jede Gestalt, die nicht Gott ist, ist nicht die eigentliche Gestalt, weil sie von der entschränkten und absoluten Gestalt gestaltet ist. Deshalb kann der absoluten, vollkommensten und einfachsten Gestalt nichts fehlen, weil sie alles Sein gibt. Und da alles Sein von dieser Gestalt kommt und außerhalb von ihr nicht sein kann, ist alles Sein in ihr. Alles Sein aber kann in dieser Gestalt nichts anderes sein als sie selbst, da sie selbst die unbegrenzte Gestalt der Wirklichkeit ist, die einfachste und vollkommenste. Daraus erhellt, daß Gott keineswegs so begriffen werden darf, als ob er Sein hätte; und zwar darf er weder auf die Weise, wie irgendein einzelnes, getrenntes und gesondertes Sein begriffen wird, noch auf die Weise, wie das universale Sein oder die Gattung oder die Eigengestalt begriffen wird, verstanden werden. Er ist vielmehr jenseits der Koinzidenz des Einzelnen und Allgemeinen die absolute Gestalt alles Gattungshaften, Eigengestaltlichen und Einzelnen oder jeder Gestalt, die begriffen und genannt werden kann. Denn die unsagbare Gestalt, die jeden Begriff übersteigt, ist Anfang, Mitte und Ende aller Gestalten.
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Si quis enim supra omnem disciplinam mathematicae, quae terminos et mensuras rebus ponit, et omnem pluralitatem et numerum ac proportionem harmonicam omnia intuetur sine mensura, numero et pondere, profecto ille in quadam simplicissima unitate omnia videt; et sic videre Deum est videre omnia Deum et Deum omnia, – quo modo scimus per doctam ignorantiam eum per nos videri non posse. Sed si quis videt omnia in numero, pondere et mensura, in se experitur sine differentia et concordantia hoc esse non posse. Quoniam autem de regno Dei non potest esse alteritas, ubi est simplicitas et pax, quae omnem sensum exsuperat, – quare nec singularitas eo modo, quo adversarius concipit, sed bene eo modo, quo de Dei singularitate loquitur Avicenna in Metaphysica sua de stabiliendo prophetam, ubi praecipit populo de hac singularitate non esse dicendum, quoniam eum potius averteret quam instrueret. Eo enim modo singularitas, quo eam occultari mandat, est singularitas singularitatum, et sic Deus dicitur singularis insingulariter sicut finis infinitus et interminus terminus et indistincta distinctio.
Wenn jemand jenseits der ganzen mathematischen Disziplin die den Dingen Maß und Grenze setzt, und jenseits aller Vielheit, Zahl und harmonischen Verhältnisse Betrachtungen ohne Maß, Zahl und Gewicht anstellt, dann wird er sicher alles in irgendeiner einfachsten Einheit sehen. Und Gott so sehen, heißt alles als Gott und Gott als alles sehen – so wie wir vermittels der wissenden Unwissenheit wissen, daß er von uns nicht gesehen werden kann. Aber wenn jemand alles in Zahl, Gewicht und Maß sieht, dann erfährt er in sich selbst, daß dies nicht ohne Unterschied und Übereinstimmung sein kann. Da aber im Reiche Gottes Einfachheit und Friede, der jeden Sinn übertrifft, herrschen, kann in ihm keine Andersheit sein, und die Einfachheit kann daher auch nicht von der Art sein, wie sie der Gegner begriffen hat; sie ist vielmehr von jener Art, wie sie Avicenna in seiner Metaphysik im Kapitel über die Bestätigung des Propheten begreift, wo er über die Einzigkeit Gottes spricht und empfiehlt, nicht zum Volk über die Einzigkeit zu sprechen, weil es dadurch eher abgewendet als belehrt werde. Auf diese Weise, auf die er sie zu verbergen mahnt, ist die Einzigkeit die Einzigkeit der Einzigkeiten und so wird Gott der nichteinzige Einzige genannt, wie das endlose Ende und die unbegrenzte Grenze und die nicht unterschiedene Unterscheidung.
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▷ ▷Qui enim in absolutam omnium singularium singularitatem mentis oculum inicit, hic satis videt universalitatem absolutam cum absoluta singularitate coincidere, sicut maximum absolutum cum minimo coincidit absoluto, in quo omnia unum. Unde, quando Avicenna in Dei singularitatem conatur ascendere per theologiam negativam, Deum ab omni singulari et universali absolvit; sed acutius ante ipsum divinus Plato in Parmenide tali modo in Deum conatus est viam pandere; quem adeo divinus Dionysius imitatus est, ut saepius Platonis verba seriatim posuisse reperiatur. Fateor tamen cum Avicenna ista adversario non congruere, qui de vulgo est et ad vulgares conceptus Deo improportionales propheticas altissimas visiones retorquet contra omnium sapientum et magni Dionysii doctrinam, qui decimo capitulo De divinis nominibus – in novissima Ambrosii Camaldulensis translatione, quam a sanctissimo domino nostro Papa Nicolao recepimus, – sic ait: “Itaque divina oportet ut intelligamus non humano more, sed toti integre a nobisipsis excedentes atque prorsus in Deum transeuntes.
[6] Ubi de hoc plura.
Der, welcher das Auge des Geistes auf die absolute Einzigkeit alles Einzelnen richtet, sieht deutlich genug, daß die absolute Allgemeinheit mit der absoluten Einzigkeit zusammenfällt, wie das absolute Größte mit dem absoluten Kleinsten, in dem alles Eines ist. Wenn daher Avicenna mit Hilfe der negativen Theologie zur Einzigkeit Gottes aufzusteigen versucht, löst er Gott von den Einzelnen und Allgemeinen los. Aber noch scharfsinniger versuchte vor ihm Plato, im Parmenides auf dieselbe Weise, den Weg zu Gott zu weisen. Und Dionysius ahmte ihn so sehr nach, daß man sehr oft findet, wie er die Worte Platons reihenweise abgeschrieben hat. Ich gebe allerdings mit Avicenna zu, daß dies dem Gegner nicht entspricht, der ein gemeiner Mensch ist und die erhabenen Visionen der Propheten zu unverständigen und Gott unangemessenen Begriffen verdreht – entgegen der Meinung aller Weisen und des großen Dionysius, der im 10. Kapitel von «De divinis nominibus» (in der neuesten Übersetzung des Ambrosius Camaldulensis, die ich von unserem Heiligen Vater Papst Nikolaus erhalten habe) folgendes sagt: «Darum gebührt es sich, das Göttliche nicht auf menschliche Weise verstehen zu wollen, sondern ganz aus uns selbst vollständig herauszutreten und gänzlich in Gott überzugehen.» Dort findet sich weiteres darüber.
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▷ ▷Iam vides, amice, quam puerili atque debili fulciatur firmamento Ignota litteratura.» Cum sic ista seriatim praeceptor noster ad iam lecta replicasset, lectionem continuabam, ubi sequitur, qualiter praeceptor noster glorietur se Dei dono invenisse, quomodo ad incomprehensibilia per transcensum corruptibilium humanitus scibilium incomprehensibiliter ductus fuit. Post pleraque iniuriosa, quae animum praeceptoris non movebant, ait evangelium primae Corinthiarum 13. huic apertioni contradicere, ubi hic in speculo et aenigmate comprehensionem versari astruit.
Du siehst schon, mein Freund, durch was für eine kindische und schwache Stütze die Ignota litteratura aufrechterhalten wird.» Nachdem unser Meister dies zu dem bereits Vorgelesenen gesagt hatte, fuhr ich fort zu lesen. Es folgte die Stelle, wo behauptet wird, daß unser Meister sich rühme, durch ein Geschenk Gottes vermittels des Überschreitens des vergänglichen und auf menschliche Weise Wißbaren auf unbegreifliche Weise zum Unbegreiflichen geführt worden zu sein. Nach vielen verletzenden Ungerechtigkeiten, die unseren Lehrer nicht berühren, behauptet Wenck, daß 1 Kor 13 dieser Eröffnung widerspreche, weil danach das Verstehen in Spiegel und Gleichnis bleiben müsse.
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▷ ▷Iubebat me praeceptor parum sistere et aiebat: «Ecce, | quomodo
[7] varietas sensuum oritur, quando respectus variatur. Respexit hic vir ad speculum et aenigma, quasi Deus sit – uti est – incomprehensibilis. Veritas enim in imagine nequaquam, uti est, videri potest; cadit enim omnis imago eo, quia imago, a veritate sui exemplaris. Hinc visum est reprehensori incomprehensibilem non capi per transcensum incomprehensibiliter. Sed qui videt, quomodo imago est exemplaris imago, ille transiliendo imaginem ad incomprehensibilem veritatem incomprehensibiliter se convertit. Nam ille, qui omnem creaturam unius creatoris concipit imaginem, in se videt, quod, sicut imaginis esse penitus nihil perfectionis ex se habet, sic omnis sua perfectio est ab eo, cuius est imago; exemplar enim mensura et ratio est imaginis. Sic enim Deus relucet in creaturis sicut veritas in imagine. Qui igitur tantam videt rerum varietatem unius Dei esse imaginem, ille, dum linquit omnem omnium imaginum varietatem, incomprehensibiliter ad incomprehensibilem pergit. In stuporem enim ducitur, dum hoc infinitum esse admiratur, quod in omnibus comprehensibilibus est ut in speculo et aenigmate. Bene videt ille hanc formam nulla creatura comprehensibilem, cuius omnis creatura imago existit; nulla enim imago esse potest veritatis adaequata mensura, cum in eo, quod imago, deficiat. Non igitur comprehensibilis est veritas absoluta.
Der Meister bat mich, ein wenig innezuhalten, und sagte: «Siehe, wie die Verschiedenheit der sinnlichen Wahrnehmung entsteht, wenn sich der Blickwinkel ändert. Dieser Mann sah in Hinblick auf Spiegel und Gleichnis, daß Gott – wie es ja auch der Fall ist – unbegreiflich ist. Die Wahrheit kann im Bild keineswegs so gesehen werden, wie sie ist; denn jedes Bild fällt deshalb, weil es Bild ist, der Wahrheit seines Urbildes gegenüber ab. Daher schien es unserem Kritiker, daß der Unbegreifliche nicht durch den Überstieg auf unbegreifliche Weise erfaßt werden kann. Aber der, welcher sieht, daß das Abbild das Abbild des Urbildes ist, wendet sich, indem er das Abbild überspringt, auf unbegreifliche Weise zu der unbegreiflichen Wahrheit. Denn jener, der alle Geschöpfe als Abbild des einen Schöpfers begreift, sieht in sich selbst, daß, wie das Sein des Abbildes keine Vollkommenheit aus sich hat, alle seine Vollkommenheit von dem stammt, dessen Abbild er ist. Denn das Urbild ist Maß und Wesenssinn des Abbildes. So strahlt Gott in allen Geschöpfen wider, wie die Wahrheit im Abbild. Jener, der erkennt, daß die ungeheure Verschiedenheit der Dinge das Abbild des einen Gottes ist, wird, wenn er alle Vielfalt aller Abbilder verläßt, unbegreiflich zum Unbegreiflichen gelangen. Wenn er dieses unendliche Sein, das in allem Begreiflichen wie in Spiegel und Gleichnis ist, bewundert, wird er zum Staunen geführt, und er sieht wohl, daß diese Gestalt, deren Abbild jedes Geschöpf ist, durch kein Geschöpf begreiflich ist. Denn kein Abbild kann ein angemessenes Maß der Wahrheit sein, da es ihr gegenüber durch sein Abbildsein unterlegen ist. Darum ist die absolute Wahrheit nicht begreiflich.
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▷ ▷Si igitur quoquo modo ad ipsam accedi debet, oportet ut hoc quodam incomprehensibili intuitu quasi via momentanei raptus fiat, uti carneo oculo solis claritatem incomprehensibiliter momentanee intuemur, – non quod sol non sit maxime visibilis, cum lumen se oculis ingerat propria virtute, sed ob excellentissimam visibilitatem est comprehensibiliter invisibilis. Sic Deus, qui est veritas, quod est obiectum intellectus, est maxime intelligibilis et ob suam superexcelsam intelligibilitatem est inintelligibilis. Unde sola docta ignorantia seu comprehensibilis incomprehensibilitas verior via manet ad ipsum transcendendi.» Et ego: «Praecare praeceptor, quamvis nullo studio tibi advenerit consideratio, quam in Docta ignorantia aperuisti, sed Dei dono, tamen non dubium multos veterum sapientum quaesivisti, ut videres, si in omnibus idem reluceret. Hinc oro ut, si qua eorum, quae legisti, occurrunt, adicito.»
Wenn man also auf irgendeine Weise zu ihr gelangen soll, ist es notwendig, daß dies durch eine unbegreifliche Einsicht gleichsam auf dem Wege einer Entrückung im Augenblick geschieht; so wie wir mit dem fleischlichen Auge den Glanz der Sonne nur für einen Augenblick auf unbegreifliche Weise betrachten können; das ist nicht deshalb so, weil die Sonne, wenn ihr Licht mit der ihm eigenen Kraft in das Auge dringt, nicht das am meisten Sichtbare wäre, sondern weil sie ihrer außerordentlichen Sichtbarkeit wegen auf begreifliche Weise unsichtbar ist. Ebenso ist Gott, der als die Wahrheit der Gegenstand des verstehenden Denkens ist, der am meisten Einsichtige und zugleich ob dieser seiner überragenden Einsichtigkeit uneinsichtig. Daher bleibt allein die wissende Unwissenheit oder die begreifliche Unbegreiflichkeit der wahre Weg, um zu ihm hin zu gelangen.» Darauf erwiderte ich: «Wenn Dir auch, mein teuerster Meister, diese Erkenntnis, die Du in der Docta ignorantia dargelegt hast, ohne Mühe, allein durch die Gnade Gottes kam, hast Du doch sicherlich die Schriften vieler alter Weisen daraufhin geprüft, ob sich in allen dasselbe wiederfinde. Darum bitte ich Dich, daß Du das hinzufügst, was Dir von dem, was Du gelesen hast, einfällt.»
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▷ ▷Et ipse: «Fateor, amice, non me Dionysium aut quemquam theologorum verorum tunc vidisse, quando desuper conceptum recepi; sed avido cursu me ad doctorum scripta contuli et nihil nisi revelatum varie figuratum inveni. Nam Dionysius ad Gaium ignorantiam perfectissimam scientiam affirmat et de scientia ignorationis multis in locis loquitur; et Augustinus ait Deum potius ignorantia quam scientia attingi. Ignorantia enim abicit, intelligentia colligit; docta vero ignorantia omnes modos, quibus accedi ad veritatem potest, unit. Ita eleganter dixit Algazel in sua Metaphysica de Deo, quod “quisquis scit per probationem necessariam impossibilitatem suam apprehendendi eum, est cognitor et apprehensor, quoniam apprehendit scire ipsum a nullo posse comprehendi. Quisquis autem non potest apprehendere et nescit necessario esse impossibile eum apprehendere per probationem praedictam, est ignorans Deum; et tales sunt omnes homines exceptis dignis et prophetis et sapientibus, qui sunt profundi in sapientia.” Haec ille.
Er antwortete: «Ich muß gestehen, mein Freund, daß ich damals, als mir dieser Gedanke von Gott gegeben wurde, weder Dionysius noch einen andern der wahren Theologen verstanden hatte. Dann aber warf ich mich eilendst über die Schriften der Gelehrten und überall fand ich das mir Geoffenbarte auf verschiedene Weise vorgebildet. Dionysius nennt im Brief an Gaius die Unwissenheit das vollkommenste Wissen und spricht an vielen Stellen über das Wissen der Unwissenheit. Und Augustinus sagt, Gott sei eher durch Unwissenheit als durch Wissen zu erreichen. Denn die Unwissenheit entfernt und zerstreut, das Verstehen sammelt; die wissende Unwissenheit aber vereint alle Weisen, nach denen man zur Wahrheit gelangen kann. Ebenso scharfsinnig sagt Algazel in seiner Metaphysik von Gott, «daß, wer immer anerkennt und weiß, daß er notwendigerweise unfähig ist, ihn zu erreichen, ihn erkennt und erreicht, denn er hat jenes Wissen erlangt, daß Gott von niemandem erfaßt werden kann. Wer dieses Wissen aber nicht erreichen kann und keine Kenntnis davon hat, daß es notwendig ist, auf die oben erwähnte Weise die Unmöglichkeit, ihn zu erreichen, anzuerkennen, der weiß nichts von Gott. Und das sind alle Menschen, ausgenommen die Würdigen, die Propheten und Weisen, die in die Weisheit tief eingedrungen sind». Soweit jener.
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▷ ▷Quomodo autem in nobis sit docta ignorantia, Aurelius Augustinus super octavo capitulo ad Romanos, exponens verbum Pauli “nescimus, quid oremus”, ait post alia: “Esse quidem, quod quaerimus, scimus; sed quale sit, non novimus. Quae, ut ita dicatur, docta ignorantia per spiritum, qui adiuvat infirmitatem nostram, in nobis est.” Et post pauca: “Et cum Paulus dicat, quomodo spiritus postulat gemitibus inenarrabilibus, designat rem, quae ignoratur, et ignorari et non omnino ignorari; cum gemitu enim non quaereretur, si omnino ignoraretur.” Haec ille. In nobis igitur est docta ignorantia, sine qua non quaereretur | Deus.
[8] Scripsi alias libellum De quaerendo Deum; quem lege. Reperies enim ibi, quod, licet ubique sit et non absit a nobis – ut ait Paulus Atheniensibus, quando Dionysium convertit –, tamen tunc propius ad ipsum acceditur, quando plus fugisse reperitur; quanto enim ipsius inaccessibilis maior elongatio melius capitur, tanto propinquius inaccessibilitas attingitur.»
Daß nun die wissende Unwissenheit in uns ist, sagt Aurelius Augustinus im Kommentar zum achten Kapitel des Römerbriefes, wo er das Wort des heiligen Paulus «wir wissen nicht, um was wir beten» erklärt. Er schreibt unter anderem: «Wir wissen zwar, daß wir etwas suchen, aber was es ist, wissen wir nicht. Dieses wissende Nichtwissen – wenn es erlaubt ist, dies so zu nennen – ist in uns durch den Geist, welcher unserer Schwachheit hilft.» Und ein wenig später: «Wenn Paulus sagt, daß der Geist mit unzähligen Seufzern sucht, zeigt er damit, daß diese unbekannte Sache sowohl unbekannt als auch nicht ganz unbekannt ist. Denn sie würde nicht mit Seufzern gesucht, wenn sie gänzlich unbekannt wäre.» Soweit Augustinus. In uns also ist die wissende Unwissenheit ohne die Gott nicht gesucht werden kann. Andernorts habe ich ein Büchlein De quarendo Deum geschrieben. Wenn du dort nachliest, wirst du finden, daß, «wenn er auch überall ist und uns nicht fern» – wie Paulus den Athenern sagte, als er Dionysius bekehrte – man ihm um so näher kommt, je weiter er sich entfernt zu haben scheint. Denn je besser man eine unerreichbare Entfernung erkennt, um so näher kommt man zur Unzugänglichkeit.»
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▷ ▷Et cum haec sic praeceptor dixisset, quamvis non satiarer talia audire, tamen plura dici oportere considerans non sinebam ipsum plebeios doctores adducere; aiebam enim proposito nostro egregios istos satisfacere cum hiis, qui in Docta ignorantia allegantur. Et cum acquiesceret et ego cursim continuarem et legerem, quomodo adversarius fatetur praeceptorem cautelam adhibuisse, ut omnem impugnationem evadat, quando admonet intentum suum versari in elevatione mentis ad simplicitatem illam, ubi est contradictoriorum coincidentia, risit praeceptor dicens:
Nachdem der Meister dies so gesagt hatte, ließ ich, obwohl ich solches zu hören noch nicht satt war, nicht zu, daß er auch die unbedeutenderen Gelehrten heranzog, sondern hielt es für besser, weiter fortzufahren und sprach zu ihm, daß für unser Vorhaben jene ausgezeichneten Männer, zusammen mit den in der Docta ignorantia angeführten, genügten. Da er schwieg, fuhr ich fort und las, wie der Gegner zugibt, unser Meister habe, um jeden Angriff zu vermeiden, die Vorsicht angewandt, darauf hinzuweisen, daß seine Absicht sich damit beschäftigte, den Geist zu jener Einfachheit zu erheben, in der die Koinzidenz der Gegensätze ist. Da sagte der Meister lachend:
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▷ ▷«Ostendit se potius quadam invidia contra personam motum, quando fatetur cautelam additam, quae omnem impugnationem scripti excludit. Sed quando ait semen scientiae, quod in illo prin- cipio ‘quodlibet est vel non est’ complicatur, et omnem discursum tolli, non sane concipit. Non enim advertit doctam ignorantiam versari circa mentis oculum et intellectibilitatem; et hinc cessat ab omni ratiocinatione, qui ducitur ad visionem, et testimonium eius est de visu. “Quod enim vidit, attestatur
[9], uti Iohannes Baptista de Christo et Paulus de raptu suo loquitur. Opus autem habet discursu, qui per testimonium de auditu veritatem venatur, – sicuti communius ducimur per fidem, quae ex auditu est. Unde, si quis diceret: “Tu cum dicas testimonium de visu esse certius, quod sine omni argumento et discursu ostendit, igitur negas aliud esse testimonium de auditu et omnem ratiocinationem”, nequaquam bene diceret.
«Wenn er zugibt, daß ein Vorbehalt beigefügt ist, der jeden Angriff gegen die Schrift ausschließt, beweist er damit, daß er eher aus persönlicher Abneigung gehandelt hat. Wenn er aber dann sagt, daß der in dem Prinzip «etwas ist oder ist nicht» enthaltene Samen des Wissens auch jeden Fortgang des Gedankens aufhebe, so hat er ihn nicht richtig begriffen. Er bemerkt nicht, daß die wissende Unwissenheit das Auge des Geistes und die vernünftige Verständlichkeit anspricht. Und daher weicht er ab von jeder vernünftigen Denkbewegung, die zur Schau führt. Das Zeugnis, das er gibt, gilt für die Sinnlichkeit. «Denn was er sah, bezeugt er», sprechen Johannes der Täufer von Christus und Paulus von seiner Entrückung. Derjenige, der durch das Zeugnis des Hörens die Wahrheit sucht, braucht einen Fortgang des Gedankens – so wie wir ja auch gemeinhin durch den Glauben, der aus dem Hören ist, geführt werden. Falls darum jemand sagt: «Wenn du behauptest, daß das Zeugnis der Schau, weil es ohne jede Begründung und Überlegung aufweist, sicherer sei, dann leugnest du, daß es außerdem noch das Zeugnis des Hörens und die verständige Denkbewegung gibt» – dann hat er keineswegs richtig gesprochen.
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▷ ▷Logica igitur atque omnis philosophica inquisitio nondum ad visionem venit. Hinc, uti venaticus canis utitur in vestigiis per sensibile experimentum discursu sibi indito, ut demum ea via ad quaesitum attingat: sic quodlibet animal suo modo – et sapientissimus Philo eapropter omnibus animalibus dixit rationem inesse, uti beatissimus recitat Hieronymus in De illustribus viris –, sic homo logica. Nam, ut ait Algazel, “logica nobis naturaliter indita est; nam est vis rationis”. Rationabilia vero animalia ratiocinantur. Ratiocinatio quaerit et discurrit. Discursus est necessario terminatus inter terminos a quo et ad quem, et illa adversa sibi dicimus contradictoria. Unde rationi discurrenti termini oppositi et disiuncti sunt. Quare in regione rationis extrema sunt disiuncta, ut in ratione circuli, quae est, quod lineae a centro ad circumferentiam sint aequales, centrum non potest coincidere cum circumferentia. Sed in regione intellectus, qui vidit in unitate numerum complicari et in puncto lineam et in centro circulum, coincidentia unitatis et pluralitatis, puncti et lineae, centri et circuli attingitur visu mentis sine discursu, uti in libellis De coniecturis videre potuisti, ubi etiam super coincidentiam contradictoriorum Deum esse declaravi, cum sit oppositorum oppositio secundum Dionysium.
Die Logik nämlich und jede philosophische Untersuchung gelangt noch nicht zur Schau. Wie daher der Jagdhund beim Spurensuchen über die sinnliche Erfahrung seinen ihm angeborenen Spürsinn als Methode gebraucht, um so das Gesuchte endlich zu erreichen, so handhabt es jegliches Lebewesen auf seine Weise – weshalb auch der weise Philo, den der heilige Hieronymus in «De illustribus viris» zitiert, sagt, daß jedem Tier Verstandessinn innewohne. Der Mensch gebraucht die Logik. Die Logik nämlich ist uns, wie Algazel sagt, von Natur angeboren; denn sie ist die Kraft des Verstandes. Die der verständigen Denkbewegung fähigen Lebewesen schlußfolgern. Die Schlußfolgerung sucht und ist methodisch. Der methodische Gang ist notwendigerweise zwischen dem Ausgangspunkt und Zielpunkt begrenzt und diese einander entgegengewandten Gegensätze nennen wir kontradiktorische. Daher sind die Zielgrenzen für das methodisch vorgehende Denken entgegengesetzt und getrennt. Darum sind auf der Ebene des Verstandes die Extreme getrennt wie im Wesenssinn des Kreises, der besagt, daß der Mittelpunkt mit dem Umkreis nicht zusammenfallen kann, weil die Entfernung vom Mittelpunkt und Umkreis stets gleich ist. Aber auf der Ebene des vernünftigen Geistes, der sieht, daß in der Einheit die Zahl und im Punkt die Linie und im Zentrum der Kreis eingefaltet ist, wird das Zusammenfallen von Einheit und Vielheit, Punkt und Linie, Zentrum und Umkreis in der Schau des Geistes ohne methodisches Hin und Her erreicht; das konntest du in den Büchern De coniecturis sehen, wo ich dargelegt habe, daß Gott sogar über dem Zusammenfall der kontradiktorischen Gegensätze steht, da er nach Dionysius der Gegensatz der Gegensätze ist.
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▷ ▷Fuit aliquando Henricus de Mechlinia, ut scribit in Speculo divinorum, ad hoc ductus, ut in intellectualibus conspiceret unitatis et pluralitatis coincidentiam, de qua plurimum admiratur. Sed, ut saepe audisti, qui videt, quomodo intelligere est motus et quies pariter ipsius intellectus, uti de Deo Augustinus fatetur in Confessionibus, de aliis contradictoriis se facilius expedit.» Admonuit deinde praeceptor, cum haec dixisset, ut attenderem doctam ignorantiam sic aliquem ad visum elevare quasi alta turris. «Videt enim ibi constitutus id, quod discursu vario vestigialiter quaeritur per in agro vagantem; et quantum quaerens accedit et elongatur a quaesito, ipse intuetur. Docta enim ignorantia de alta regione intellectus existens sic iudicat de ratiocinativo discursu.»
Heinrich von Mecheln schreibt im Speculum divinorum, daß er einmal dahin geführt worden sei, im Geistigen die Koinzidenz von Einheit und Vielheit in höchster Bewunderung zu erblicken. Du hast oft gehört, daß derjenige sich leichter von den anderen kontradiktorischen Gegensätzen löst, der erkennt, daß, wie Augustinus in den Confessiones von Gott sagt, Verstehen zugleich Bewegung und Ruhe des Geistes ist.» Nach diesen Worten mahnte mich der Meister, zu beachten, daß die wissende Unwissenheit einem hohen Turme gleich jeden zur Schau erhebe. «Denn wer dort oben steht, übersieht alles, was der unten über das Feld Schweifende auf verschiedenen Wegen nach Spuren forschend sucht; er erblickt auch, inwieweit der Suchende sich dem Gesuchten nähert oder entfernt. So urteilt die wissende Unwissenheit, die aus der Höhe des vernünftigen Geistes stammt, über den methodischen Gang der verständigen Denkbewegung.»
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▷ ▷Hiis taliter recensi|tis per praeceptorem – quae te puto aliquotiens
[10] ab eo in summa audivisse – aiebam ego: «Non videtur impugnator intellexisse, quid volueris per coincidentiam contradictoriorum. Nam, ut audisti, tibi – licet falso – adscribit, quod asseras creaturam cum creatore coincidere, et hanc partem impugnat.» Ad quae ille: «Dixi, quomodo animalis homo non percipit ea, quae sunt de regno Dei, et si passio eum non vicisset, non falsificasset scripta. Statuit autem, ut videtur, quomodo omnino impugnare vellet scripta illa; et pro suo desiderio tam in sensu quam verbis falsarius reperitur. “Mos est pertinacissimorum haereticorum detruncare scripturas”, aiunt sextae synodi Patres. Nam tale quid ex libellis Doctae ignorantiae veritatis amator haberi negat neque quidquam eorum, quae elicit, admitteret modo, quo elicit. Nam dicere imaginem coincidere cum exemplari et causatum cum sua causa potius est insensati hominis quam errantis. Per hoc enim, quod omnia sunt in Deo ut causata in causa, non sequitur causatum esse causam, – licet in causa non sint nisi causa, sicut de unitate et numero saepe audisti. Nam numerus non est unitas, quamvis omnis numerus in unitate sit complicitus sicut causatum in causa; sed id, quod intelligimus numerum, est explicatio virtutis unitatis. Sic numerus in unitate non est nisi unitas.
Nachdem der Meister dies durchgesprochen hatte – sicher hast du das schon irgendeinmal kurz von ihm gehört –, bemerkte ich: «Unser Gegner scheint nicht verstanden zu haben, was du mit der Koinzidenz der Gegensätze wolltest. Denn du hast gehört, wie er dir fälschlich zuschreibt, du hättest behauptet, daß das Geschöpf mit dem Schöpfer zusammenfalle. Und das bekämpft er.» Darauf er: «Ich habe dargelegt, daß der sinnliche Mensch das, was zum Reiche Gottes gehört, nicht begreift, und wenn Wenck nicht von seiner Voreingenommenheit überwältigt worden wäre, hätte er die Schrift nicht durch falsche Beschuldigungen entstellt. Er scheint aber beschlossen zu haben, sie unter allen Umständen zu bekämpfen und aus diesem Bestreben wird er in Sinn und Wort als Lügner erfunden. «Es ist die Art hartnäckiger Häretiker, die Schriften zu verstümmeln», sagten die Väter des Sechsten Synode. Ein wahrheitsliebender Mensch nämlich wird nicht zugeben, solches aus den Büchern der Docta ignorantia herauszulesen, noch würde er gelten lassen, daß irgend etwas auf jene Weise, wie dieser es tat, herausgegriffen wird. Denn zu behaupten, das Abbild sei mit seinem Urbild identisch und das Begründete mit seinem Grund, kommt eher einem Verrückten denn einem Irrenden zu. Darum nämlich, weil in Gott alles ist wie das Begründete in seinem Grund, kann folglich das Begründete nicht der Grund sein, wenn es auch im Grund nichts als der Grund selbst ist. Solches hast du über die Einheit und die Zahl oft gehört. Denn die Zahl ist nicht die Einheit, obwohl jede Zahl in der Einheit wie das Begründete im Grund eingeschlossen ist, sondern das, was wir unter Zahl verstehen, ist die Ausfaltung der Wirk-Kraft der Einheit; deshalb ist die Zahl in der Einheit nichts als die Einheit.
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▷ ▷Arbitror autem te satis concepisse, quid in ea re sentiam, ex hiis, quae in libello De dato lumine impigre lectitasti. Oportet enim, qui scribentis in re aliqua mentem investigat, ut omnia scripta legat attente et in unam concordantem sententiam resolvat. Facile est enim ex truncatis scripturis aliquid reperiri, quod in se videtur dissonum; sed collatum ad integritatem voluminis est concordans, – uti venenosa animalia, quando separatim ab universo conspiciuntur, nihil pulchritudinis aut bonitatis habere videntur, sed ad universum collata, cuius sunt membra, suam habere pulchritudinem et bonitatem reperiuntur, cum universum, quod est totaliter pulchrum, ex partium pulchra componatur harmonia. Recitat in simili sanctus Thomas Contra gentiles quosdam ex dictis magni Dionysii occasionem recepisse, ut dicerent omnia esse Deum, quia ait in Caelesti hierarchia Deum esse omnium esse; si illi omnia eiusdem Ariopagitae opuscula legissent, utique in De divinis nominibus repperissent sic Deum esse omnium esse quod tamen nullum omnium, cum causatum numquam possit in aequalitatem suae causae elevari.
Ich glaube aber, daß du auf Grund dessen, was du in dem Büchlein De dato lumine eifrig gelesen hast, zur Genüge verstanden hast, was ich darüber denke. Wenn jemand die Ansicht eines Schriftstellers über irgendein Thema untersucht, so ist es notwendig, daß er dessen sämtliche Schriften aufmerksam liest und diese in ein einheitliches Sinnganzes auflöst. Denn es ist leicht, aus verstümmelten Schriften etwas zu finden, das in sich widersprüchlich erscheint; wenn man es aber dem vollständigen Werk gegenüberstellt, ist es einheitlich, so wie giftige Tiere, wenn man sie vom Gesamt getrennt betrachtet, nichts Schönes oder Gutes zu haben scheinen, wenn man sie aber dem Ganzen gegenüberstellt, dessen Glieder sie sind, findet man, daß sie ihre eigene Schönheit und Güte besitzen, da das Gesamt, das ganzheitlich schön ist, sich aus der schönen Harmonie der Teile zusammensetzt. Ähnlich berichtet der heilige Thomas in der Schrift Contra gentiles, daß einige Leute bei den Aussprüchen des großen Dionysius die Gelegenheit benützten, zu behaupten, alles sei Gott, weil dieser in De caelesti hierarchia sagt, Gott sei das Sein von allem. Aber wenn sie alle Werke des Areopagiten gelesen hätten, dann hätten sie auf alle Fälle in De divinis nominibus gefunden, daß Gott so das Sein von allem ist, daß er nichts von allem ist, weil das Begründete niemals zur Gleichheit mit seinem Grund erhoben werden kann.
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▷ ▷Iubebat me praeceptor parum sistere et aiebat: «Ecce, | quomodo
[11] varietas sensuum oritur, quando respectus variatur. Respexit hic vir ad speculum et aenigma, quasi Deus sit – uti est – incomprehensibilis. Veritas enim in imagine nequaquam, uti est, videri potest; cadit enim omnis imago eo, quia imago, a veritate sui exemplaris. Hinc visum est reprehensori incomprehensibilem non capi per transcensum incomprehensibiliter. Sed qui videt, quomodo imago est exemplaris imago, ille transiliendo imaginem ad incomprehensibilem veritatem incomprehensibiliter se convertit. Nam ille, qui omnem creaturam unius creatoris concipit imaginem, in se videt, quod, sicut imaginis esse penitus nihil perfectionis ex se habet, sic omnis sua perfectio est ab eo, cuius est imago; exemplar enim mensura et ratio est imaginis. Sic enim Deus relucet in creaturis sicut veritas in imagine. Qui igitur tantam videt rerum varietatem unius Dei esse imaginem, ille, dum linquit omnem omnium imaginum varietatem, incomprehensibiliter ad incomprehensibilem pergit. In stuporem enim ducitur, dum hoc infinitum esse admiratur, quod in omnibus comprehensibilibus est ut in speculo et aenigmate. Bene videt ille hanc formam nulla creatura comprehensibilem, cuius omnis creatura imago existit; nulla enim imago esse potest veritatis adaequata mensura, cum in eo, quod imago, deficiat. Non igitur comprehensibilis est veritas absoluta.
Der Meister bat mich, ein wenig innezuhalten, und sagte: «Siehe, wie die Verschiedenheit der sinnlichen Wahrnehmung entsteht, wenn sich der Blickwinkel ändert. Dieser Mann sah in Hinblick auf Spiegel und Gleichnis, daß Gott – wie es ja auch der Fall ist – unbegreiflich ist. Die Wahrheit kann im Bild keineswegs so gesehen werden, wie sie ist; denn jedes Bild fällt deshalb, weil es Bild ist, der Wahrheit seines Urbildes gegenüber ab. Daher schien es unserem Kritiker, daß der Unbegreifliche nicht durch den Überstieg auf unbegreifliche Weise erfaßt werden kann. Aber der, welcher sieht, daß das Abbild das Abbild des Urbildes ist, wendet sich, indem er das Abbild überspringt, auf unbegreifliche Weise zu der unbegreiflichen Wahrheit. Denn jener, der alle Geschöpfe als Abbild des einen Schöpfers begreift, sieht in sich selbst, daß, wie das Sein des Abbildes keine Vollkommenheit aus sich hat, alle seine Vollkommenheit von dem stammt, dessen Abbild er ist. Denn das Urbild ist Maß und Wesenssinn des Abbildes. So strahlt Gott in allen Geschöpfen wider, wie die Wahrheit im Abbild. Jener, der erkennt, daß die ungeheure Verschiedenheit der Dinge das Abbild des einen Gottes ist, wird, wenn er alle Vielfalt aller Abbilder verläßt, unbegreiflich zum Unbegreiflichen gelangen. Wenn er dieses unendliche Sein, das in allem Begreiflichen wie in Spiegel und Gleichnis ist, bewundert, wird er zum Staunen geführt, und er sieht wohl, daß diese Gestalt, deren Abbild jedes Geschöpf ist, durch kein Geschöpf begreiflich ist. Denn kein Abbild kann ein angemessenes Maß der Wahrheit sein, da es ihr gegenüber durch sein Abbildsein unterlegen ist. Darum ist die absolute Wahrheit nicht begreiflich.
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▷ ▷Ad quae cum ego subiungerem, ut missis superfluis citius evacuaret adversarii phantasmata, quod faciliter fieri posse adiunxi, cum sic in falso fundentur supposito, praecepit, ut ego saltim faciliora convellerem et sibi, quoad fieri posset, in arduis versari indulgerem. Tunc textum adversarii ad manus habens legi ibi, ubi ait non recte dici scire esse ignorare, cum habitus et privatio distinguantur. Statim interrupta lectura aiebat praeceptor: «Miror hominem, qui se magni aliquid esse putat, cur hoc sic scriptum in libellis Doctae ignorantiae affirmet. Nam etsi rubrum primi capituli inquisitorie dicat ‘Quomodo scire sit ignorare
[12], tamen ob hoc non affirmat scire esse ignorare, nisi modo quo declaratur ibidem; qui est scilicet, quod se sciat ignorare. De qua scientia ignorationis in eo capitulo clarissima scribitur apertio, prout etiam supra de hoc actum est sufficienter; quam magnus Dionysius in principio libri De divinis nominibus supremam divi|namque esse ait, adiungens
[13] eam scientiam, qua ipsum supersubstantiale nescitur, sermonem omnem ac sensum vincere et Deo adscribendam esse.»
Als ich ihn aufforderte, er solle das Überflüssige weglassen, um schneller die Wahnideen des Gegners zu entkräften, was, wie ich hinzufügte, leicht geschehen könne, da sie auf einer falschen Grundlage beruhten, entschied er, daß ich sogleich die geringeren Probleme erledigen und ihm soweit als möglich die Beschäftigung mit den schwierigeren überlassen solle. Ich nahm also den Text des Widersachers zur Hand und las die Stelle, an der er sagt, daß es unrichtig sei, zu behaupten, Wissen sei Nichtwissen, da Besitz und Beraubung zu unterscheiden seien. Sofort unterbrach der Meister die Vorlesung und sagte: «Ich staune, wie dieser Mann, der sich einbildet, etwas Bedeutendes zu sein, behaupten kann, dies sei so in den Büchern der Docta ignorantia geschrieben. Denn wenn auch die Überschrift des ersten Kapitels in der Form der Frage lautet: «Auf welche Weise Wissen Nichtwissen ist?», so wird darob trotzdem nicht behauptet, daß Wissen Nichtwissen sei; außer natürlich auf die dort dargelegte Art, nämlich, daß man um sein Nichtwissen weiß. Über das Wissen des Nichtwissens wird in diesem Kapitel eine sehr klare Ausführung geboten; außerdem ist früher schon genügend davon geschrieben worden. Der große Dionysius nennt es am Anfang seines Buches De divinis nominibus das höchste und göttliche und fügt hinzu, daß dieses Wissen, durch das, was jenseits der Substanz liegt, nicht gewußt wird, jede Rede und jeden Sinn überträfe und in Hinblick auf Gott gelte.»
27
▷ ▷Legi post hoc, quomodo hanc partem, qua linqui sensibilia mandantur in docta ignorantia, ut ad incomprehensibile perveniatur, ex eo reprehendit, quasi hoc sit contra ea, quae Sapientiae tertio decimo capitulo leguntur, scilicet a magnitudine speciei creaturae cognoscibiliter posse creatorem videri. Quod nihil obesse proposito aiebam. Nam cum non sit proportio creaturae ad creatorem, nihil eorum, quae creata sunt, speciem gerit, per quam creator attingi possit. Sed a magnitudine speciei et decoris creatorum ad infinite et incomprehensibiliter pulchrum erigimur sicut ab artificiato ad magisterium, licet artificiatum nihil proportionale habeat ad magisterium; adiciendo, quomodo adversarius sua erubescentia merito confundi debuit, quando subsumpsit praeceptorem doctae ignorantiae repudiasse creaturas, quasi ad Dei cognitionem non proficiant, cum reperiat in ultimo capitulo primi libri Doctae ignorantiae sufficientissime declaratum omnem Dei culturam in affirmativis positionibus necessario fundari, licet docta ignorantia sibi iudicium veri retineat. Ex quo conclusi, quod hominis istius quisque perversum animum facile deprehendit et ruditatem intelligentiae, quando ait:
Darauf las ich, wie er den Abschnitt der Docta ignorantia, in dem empfohlen wird, das Sinnliche zu verlassen, um zu dem Unbegreiflichen zu gelangen, darum tadelt, weil er angeblich zu dem, was im 13. Kapitel des Weisheitsbuches zu lesen ist, nämlich, daß durch die Größe der Geschöpfe der Schöpfer erkannt werden kann, im Widerspruch steht. Darin liege, so sagte ich, kein Gegensatz. Denn da es keinen Verhältnisbezug des Geschöpfes zum Schöpfer gibt, trägt keines von den Geschöpfen eine Eigengestalt, durch die der Schöpfer erreicht werden könnte. Aber wir werden von der Größe der Eigengestalten und der Zierde der Geschöpfe zu dem unendlich und unfaßbar Schönen ausgerichtet wie vom Kunstwerk zum Künstler, obwohl das Kunstwerk kein Verhältnis zum Künstler hat. Der Meister fügte hinzu, daß der Gegner, als er ihm unterstellte, der Lehrer der wissenden Unwissenheit schätze die Geschöpfe gering, als ob sie der Gotteserkenntnis keinen Nutzen brächten, durch sein Schamgefühl hätte verwirrt werden sollen, wenn er im letzten Kapitel des ersten Buches der Docta ignorantia ausführlichst erklärt findet, daß alle Verehrung Gottes notwendigerweise in bestimmten Bejahungen begründet sei, wenn auch die wissende Unwissenheit sich das Urteil über das Wahre selbst zurückbehält. Daraus schloß ich, daß jeder Beliebige den verkehrten Geist dieses Mannes und die mangelnde Ausbildung seines Denkens leicht entdecken kann, wenn er sagt:
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▷ ▷«Sic ergo scriba Doctae ignorantiae intrans caliginem tenebrarum, linquens omnem speciem et decorem creaturarum, evanescit in cogitationibus; et non valens Deum intueri, sicuti est, quia adhuc viator, ipsum nequaquam glorificat, sed in tenebris suis eans culmen divinae laudis, ad quod omnis psalmodia perducitur, derelinquit. Quod fore nefandissimum et incredulum quis fidelium ignorat?», addens, quomodo «ad hunc errorem eum paucitas instructionis logicae induxit, qua putavit in sua ignorantia adaequatam et praecisam ad Deum proportionem tamquam medium Deum venandi et noscendi se repperisse.» » Ad quae ego: «Ecce mendacis et arrogantis hominis verba, qui omni theologia caret.»
«So also betritt der Schreiber der Docta ignorantia tiefe Dunkelheit, verläßt alle Form und Schönheit der Geschöpfe und verliert sich in seinen Gedankengängen; und als einer, der noch auf der Wanderschaft ist, ist er unfähig, Gott so, wie er ist, zu betrachten. Er lobt ihn in keiner Weise, sondern verläßt auf dem Gang durch seine Dunkelheit für immer den Gipfel des Göttlichen Lobes, zu dem alle Psalmengesänge führen. Und welcher Gläubige weiß nicht, daß dies höchst frevelhaft und ungläubig ist?» und er fügt hinzu, daß «ihn zu diesem Irrtum seine ungenügende Ausbildung in der Logik führte, auf Grund deren er glaubte, in seiner Unwissenheit ein angemessenes und präzises Verhältnis zu Gott, gleichsam als Mittel ihn zu erjagen und zu erkennen, gefunden zu haben». Darauf sagte ich: «Dies sind Worte eines verlogenen und hochmütigen Mannes, der von der Theologie keine Ahnung hat.»
29
▷ ▷Praeceptor laudatis, quae dixi, subiunxit potius parcendum esse deliro quam contra ipsum insultandum. «Nam id, quod improperat, quaeritur in docta ignorantia, uti Dionysius noster, cuius hodie festa agimus, in Mystica theologia sic cum Moyse in caliginem ascendendum instruit. Tunc enim reperitur Deus, quando omnia linquuntur; et haec tenebra est lux in Domino. Et in illa tam docta ignorantia acceditur propius ad ipsum, uti omnes sapientes et ante et post Dionysium conati sunt. Unde aiebat primus Graecus commentator Dionysii: “Videtur potius ad nihil quam ad aliquid ascendere, qui ad Deum pertingere cupit, quia non reperitur Deus nisi per eum, qui omnia linquit.” Et talis videtur per adversarium evanescere, quando omnia linquit, qui secundum primos theologos tunc primum rapi potest cum Moyse ad locum, ubi stetit Deus invisibilis. Vocat autem Dionysius caliginem divinum radium, dicens eos – de quorum numero est adversarius –, qui visibilibus affixi nihil super ea, quae obtutibus et sensibus patent, supersubstantialiter esse arbitrantur, putare scientia sua illum assequi, qui posuit tenebras latibulum; praecipiens Timotheo, ut caveat, ne talium rudium aliquis audiat haec mystica.»
Der Meister stimmte dem völlig bei, fügte aber hinzu, man müsse den Verrückten eher schonen denn verhöhnen. «Denn das, was er mir vorwirft, wird in der Docta ignorantia so untersucht, wie es Dionysius, dessen Fest wir heute feiern, in der Mystischen Theologie lehrt, nämlich, daß wir mit Moses in der Dunkelheit aufsteigen müssen. Denn Gott findet man dann, wenn man alles andere verläßt, und dieses Dunkel ist Licht im Herrn. Und in dieser so sehr wissenden Unwissenheit gelangt man näher zu ihm, wie es alle Weisen sowohl vor als auch nach Dionysius versucht haben. Darum sagt auch der erste griechische Kommentator des Dionysius: «Derjenige, welcher Gott zu erreichen strebt, scheint eher zu nichts als zu etwas emporzusteigen, da Gott von niemandem gefunden wird als nur von dem, der alles verläßt.» Und jemand, der alles verläßt, der nach der Meinung der ersten Theologen erst dann mit Moses zu jenem Ort entrückt werden kann, wo der unsichtbare Gott steht, scheint dem Gegner etwas Nichtiges zu tun! Dionysius dagegen nennt dieses Dunkel einen göttlichen Lichtstrahl und sagt, daß diejenigen – unter ihnen auch unser Gegner –, die dem Sichtbaren verhaftet sind und glauben, daß nichts über das, was den Blicken und Sinnen zugänglich ist, auf eine Weise jenseits der Substanz bestehe, meinen, mit ihrem Wissen den zu erreichen, der das Dunkel als verborgenen Aufenthalt wählte. Darum schrieb er Timotheus vor, sich zu hüten, daß irgendeiner dieser Barbaren etwas von solcher Mystik höre.»
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▷ ▷Et mihi tunc iniunxit pietate sua praeceptor noster, ut, si fieri posset, caritative admoneam adversarium, cum sit istarum altarum intellectionum incapax, ut ori suo silentium indicat et id, quod capere nequit, admiretur potius quam mordeat, neque credat studio aliquo quemquam ad haec mystica ascendere posse, cui Deus non dederit. «Sed si se gratiam assequi sperat, ut de caecitate ad lumen transferatur, legat cum intellectu Mysticam theologiam iam dictam, Maximum monachum, Hugonem de Sancto Victore, Robertum Lincolniensem, Iohannem Scotigenam, abbatem Vercellensem et ceteros moderniores commentatores illius libelli; et indubie se hactenus caecum fuisse reperiet.»
Nun trug mir unser Meister mit der ihm eigenen Nachsicht auf, den Gegner, wenn es möglich sei, liebevoll zu ermahnen, daß er, da er für jene hohen Gedankengänge nicht geeignet sei, schweige und das, was er nicht begreifen könne eher bewundern möge als es anzugreifen; auch möge er sich nicht einbilden, daß jemand, dem es Gott nicht gegeben habe, durch irgendwelche Anstrengung zum Mystischen aufsteigen könne. «Aber, wenn er die Gnade zu erlangen hofft, aus seiner Blindheit zum Licht geführt zu werden, so möge er mit einsichtiger Aufmerksamkeit die schon genannte Mystische Theologie, dann den Mönch Maximus, Hugo von St. Victor, Robert Grosseteste, Johannes Scotus, den Abt von Vercelli und die übrigen neuzeitlichen Kommentatoren dieses Buches lesen; und ohne Zweifel wird er finden, daß er bis jetzt blind gewesen ist.»
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▷ ▷Et ego patientiam praeceptoris admirans subintuli: «Im|patienter
[14] fero, quod te comparat ignoranti logicam, uti Averrois Avicennam.» Ad quae ipse: «Non te offendat istud. Nam etsi omnium sim ignorantissimus, sufficiat saltim mihi, quod huius ignorantiae scientiam habeam, quam adversarius non habet, licet desipiat. Legitur beatissimum Ambrosium letaniis addidisse: “A dialecticis libera nos, Domine.” Nam garrula logica sacratissimae theologiae potius obest quam conferat.» Et ego: «Cum tu, praeceptor, nisus sis ostendere Deum sciri non posse, uti est – in quo est radix doctae ignorantiae –, cur tibi mendacium imponit adaequatae praecisionis?» Ad quae praeceptor: «Nunc sic, tunc aliter dicit, quia non legit Doctae ignorantiae libellos, nisi ut, si posset, bene dicta confutaret. Hinc nihil intellexit eorum, quae legit. Sic actum est, ut reprehendendo non-scriptum quasi scriptum seipsum potius confunderet quam doctam sacram ignorantiam laederet, quae a nullo sperni potest, qui eam apprehendit. Nihil enim apertius in omnibus meis opusculis reperitur quam huius contrarium, in quod impingit. Undique enim, si voluisset, me hoc tantum sentire, quod praecisio, uti est, omnibus inaccessibilis manet, comperisset, – licet solam doctam ignorantiam fatear omnem modum Deum contemplandi incomparabiliter praecellere, quemadmodum omnes sancti id ipsum fatentur.»
Voll Bewunderung für die Geduld des Meisters warf ich ein: «Ich bin ungeduldig, weil er dich mit einem logischen Ignoranten vergleicht, wie Averroes den Avicenna.» Darauf erwiderte er: «Laß dich dadurch nicht beleidigen. Auch wenn ich der Unwissendste von allen sein sollte, würde es mir vollkommen genügen, daß ich um diese meine Unwissenheit weiß und der Gegner um seine nicht, wenn er auch unsinnig handelt. Man liest, daß der heilige Ambrosius der Litanei hinzugefügt habe: «Von den Dialektikern erlöse uns o Herr.» Denn eine geschwätzige Logik schadet der heiligen Theologie mehr als sie nützt.» Ich sagte: «Da du, Meister, dich zu zeigen bemühst, daß Gott nicht so gewußt werden kann, wie er ist – darin liegt die Wurzel der wissenden Unwissenheit –, wie kann er dir dann die Lüge zuschreiben, du habest dir eine genaue Angleichung angemaßt.» Der Meister antwortete: «Wenck spricht einmal so und einmal so, weil er die Bücher der Docta ignorantia nicht gelesen oder, wenn das möglich wäre, die richtigen Worte verdreht hat. Darum hat er nichts von dem, was er gelesen hat, verstanden, und so kommt es, daß er dadurch, daß er Nicht-Geschriebenes als Geschriebenes tadelt, sich eher selbst verwirrt, als daß er der heiligen wissenden Unwissenheit schadet. Sie nämlich kann von niemandem, der sie einmal verstanden hat, verachtet werden. In allen meinen Schriften ist nichts deutlicher zu finden als das Gegenteil von dem, was er angreift. Wenn er gewollt hätte, hätte er erfahren, daß meine Meinung nur dahin geht, daß die wirkliche Genauigkeit allen unerreichbar bleibt – wenn ich auch gestehe, daß die wissende Unwissenheit – wie es alle Heiligen bekennen –, jede andere Weise, Gott zu betrachten, unvergleichlich übertrifft.»
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▷ ▷Continuavi ego lecturam, ubi dicit adversarius: «Venio nunc specialius ad eius dicta per conclusiones et correlaria. Prima conclusio: Omnia cum Deo coincidunt. Patet, quia est maximum absolutum non admittens excedens et excessum, ergo nihil sibi oppositum; et per consequens ob defectum discretionis ipse est universitas rerum, et nullum nomen potest ei proprie convenire, cum impositio nominis sit a determinata qualitate eius, cui nomen imponitur; cui alludit magister Eckardus.» Subiungit episcopum Argentinensem condempnasse eos, qui dicebant Deum esse omnia formaliter et se esse Deum sine distinctione per naturam. Deinde contra probationem dicit absurdissimum esse, quod sequeretur, si nulla esset distinctio nec relationis oppositio in divinis; sublata enim tunc foret Trinitas, et cetera.
Ich fuhr fort zu lesen und kam zu der Stelle, wo der Gegner sagt: «Ich komme nun mit Hilfe von Schlußfolgerungen und Wechselbeziehungen ausführlicher auf das von ihm Gesagte zu sprechen. Erste Schlußfolgerung: Alles fällt mit Gott zusammen. Da das absolut Größte nichts Hervorgehendes und nichts Hervorgegangenes zuläßt, ist es klar, daß ihm nichts entgegengesetzt ist; folglich ist es wegen des Fehlens der Unterscheidung die Gesamtheit der Dinge und da jeder Name nach der bestimmten Qualität des zu Benennenden diesem beigelegt wird, kann ihm kein Name wahrhaft entsprechen. Darauf spielt Meister Eckhart an.» Er fügt hinzu, daß der Bischof von Straßburg jene verdammt habe, die sagten, Gott sei formaliter alles und sie selbst seien ohne Unterschied der Natur Gott. Dann sagt er gegen die Beweisführung, daß ihre Folgerung völlig absurd sei, wenn es keine Unterscheidung noch Gegensatz der Beziehung im Göttlichen gäbe. Dann wäre die Dreifaltigkeit und alles übrige aufgehoben.
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▷ ▷Ad quae praeceptor: «Nonne falsarius iste potius ridendus quam confutandus esset? Cur non dicit locum, ubi in libellis Doctae ignorantiae haec conclusio reperitur?» Et ego: «Quia nusquam reperitur, dicere non potuit. Legi enim ego quam diligenter et non memini umquam repperisse, quod omnia cum Deo coincidunt. Repperi bene in secundo Doctae ignorantiae creaturam non esse Deum nec nihil; neque capio, quid velit adversarius dicere, neque forte ipse se intelligit. Nam omnia attributa divina coincidere in Deo et totam theologiam esse in circulo positam, sic quod iustitia in Deo est bonitas et e converso – ita de reliquis –, necessarium comperi et ita legi; et in hoc concordant omnes sancti, qui ad infinitam Dei simplicitatem respexerunt.»
Dazu sagte der Meister: «Wäre es nicht besser, diesen Lügner auszulachen als zu überführen? Warum gibt er nicht die Stelle an, wo man in der Docta ignorantia diesen Schluß findet?» Ich antwortete: «Weil man sie nicht findet, konnte er sie nicht nennen. Ich habe die Schrift mit der größtmöglichen Aufmerksamkeit gelesen und erinnere mich nicht, irgendwo die Behauptung entdeckt zu haben, daß alles mit Gott zusammenfalle. Dagegen habe ich wohl im zweiten Buch der Docta ignorantia gefunden, daß das Geschöpf weder Gott noch nichts ist. Darum begreife ich nicht, was der Gegner sagen will; vielleicht versteht er sich selbst nicht. Denn es ist notwendig, daß man erfährt und liest, daß alle göttlichen Attribute in Gott zusammenfallen und daß die ganze Theologie in einem Zirkel steht, und zwar dergestalt, daß die Gerechtigkeit in Gott die Güte ist und umgekehrt – und in allen andern Fällen ebenso. Darin stimmen alle Heiligen, die zur unendlichen Einfachheit Gottes blicken, überein.
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▷ ▷«Cum hoc tamen stat superbenedicta Trinitas. Infinita enim simplicitas admittit ita Deum unum esse quod est trinus, ita trinum quod est unus, sicut clarius illud in libellis Doctae ignorantiae explicatur. Legitur consimiliter Coelestinum Papam in professione fidei sic dixisse: “Profitemur nos credere indivisibilem sanctam Trinitatem, hoc est Patrem et Filium et Spiritum sanctum, ita unum ut trinum et ita trinum ut unum.
[15] Ecce, quomodo penitus nullum habet intellectum in theologicis, qui ad coincidentiam unitatis et trinitatis non respicit; nec ex hoc sequitur Patrem esse Filium vel Spiritum sanctum. Et non potest hoc pervenire ad hominem durae cervicis, quomodo scilicet in coincidentia summae simplicitatis et indivisibilitatis atque unitatis et trinitatis alia sit persona Patris, alia Filii, alia Spiritus sancti; et obsunt ei vocabula, quorum significata theologiae non conveniunt.
Damit besteht dennoch die über alles gepriesene Dreifaltigkeit. Denn die unendliche Einfachheit gestattet, daß Gott so einer ist, daß er drei ist und daß er so drei ist, daß er einer ist; in der Docta ignorantia wird dies genauer erklärt. In gleicher Weise liest man auch, daß der Papst Coelestin in der Professio fidei gesagt hat: Wir bekennen, daß wir an die unsichtbare Heilige Dreifaligkeit glauben, den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist; Gott ist so einer, daß er drei und so drei, daß er einer ist. Demnach hat derjenige, der die Koinzidenz der Einheit und Dreiheit nicht beachtet, nicht die geringste Einsicht in die Theologie; denn daraus folgt nicht, daß der Vater der Sohn oder der Heilige Geist ist. Auch kann die Einsicht, daß in der Koinzidenz der höchsten Einfachheit und Unteilbarkeit, Einheit und Dreiheit, eine Person die des Vaters, eine andere die des Sohnes, eine andere die des Heiligen Geistes ist, nicht zu einem hartnäckig verstockten Menschen gelangen. Es hindern ihn daran die Wörter, deren Bedeutungen der Theologie nicht entsprechen.
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▷ ▷Cum enim dicitur Patrem unam esse personam et Filium alteram et Spiritum sanctum tertiam, non potest alteritas significatum suum tenere, cum sit haec dictio imposita, ut significet alteritatem ab unitate divisam et distinctam; et ita non est alteritas sine numero. Talis autem alteritas nequaquam indivisibili | Trinitati convenire potest.
[16] Unde ait commentator Boethii De Trinitate, vir facile omnium, quos legerim, ingenio clarissimus: “Ex quo in divinis non est numerus, ubi trinitas est unitas – ubi, ut Augustinus ait, si incipis numerare, incipis errare –, tunc proprie non est differentia in divinis.” Dicit ‘proprie’ secundum impositionem vocabuli; et hoc melius intelligitur quam dici possit, licet numquam adeo perfecte intelligatur, quin perfectius sit intelligibile. Necesse est, ut se elevet quisque supra omnes modos imaginabiles et intelligibiles, qui ad divinum modum scandere cupit. Nam ille modus, qui est omnis modi modus, non attingitur nisi supra omnem modum, cum nihil simile ei cadere possit in mentem nostram, ut Paulus Actuum XVII. elegantissime dixit. Quis enim modum concipere possit discretum indiscrete, ut ait Athanasius, “neque confundentes personas neque substantiam separantes
[17]? Sunt enim omnes similitudines, quas sancti ponunt, etiam divinissimus Dionysius, penitus improportionales et omnibus non habentibus doctam ignorantiam – huius scilicet scientiam, quod sunt penitus improportionales, – potius inutiles quam utiles. De hiis tamen, modo quo Deus dedit, libro primo Doctae ignorantiae satis scriptum reperitur, licet improportionabiliter minus quam dici possit.»
Wenn man nämlich sagt, der Vater sei eine Person, der Sohn die andere und der Heilige Geist die dritte, dann kann die Andersheit ihre Bedeutung nicht behalten, da dieser Ausdruck gegeben ist, um eine von der Einheit getrennte und unterschiedene Andersheit zu bezeichnen, weshalb es keine Andersheit ohne die Zahl gibt. Eine solche Andersheit kann aber niemals der unteilbaren Dreiheit zukommen. Daher sagt der Kommentator von Boethius' De Trinitate, bei weitem der begabteste Autor, den ich gelesen habe: «Darum, daß es bei Gott, wo die Dreiheit die Einheit ist, keine Zahl gibt – wo man, wie Augustinus sagt, zu irren beginnt, sobald man zu zählen anfängt –, gibt es eigentlich keinen Unterschied im Göttlichen.» Er sagt «eigentlich» entsprechend dem Sinn des Wortes; und dies kann man besser verstehen als ausdrücken, wenn es auch niemals so vollkommen erfaßt wird, daß es nicht noch vollkommener erfaßt werden könnte. Es ist notwendig, daß jeder, der zur Weise des Göttlichen aufzusteigen wünscht, sich über alle vorstellbaren und denkbaren Weisen erhebt. Denn da, wie es Paulus in der Apostelgeschichte XVII sehr gut zum Ausdruck bringt, nichts ihm Ähnliches in unseren Geist eindringen kann, wird jener Modus, der die Weise aller Weisen ist, nur über jene Weisen erreicht. Denn wer könnte eine Weise fassen, nichtgeschieden unterscheiden, wie Athanasius sagt, die «weder die Personen verschmilzt noch die Substanz trennt»? Alle Ähnlichkeiten, die die Heiligen geben, auch die des Dionysius, sind völlig unentsprechend und für alle, die die wissende Unwissenheit nicht haben – das Wissen davon nämlich, daß sie völlig unentsprechend sind –, eher unnütz als nützlich. Diese Fragen findet man auf die Weise, wie es mir Gott gab, im ersten Buch der Docta ignorantia genügend ausgeführt, wenn auch unverhältnismäßig weniger als man sagen könnte.»
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▷ ▷Et ego non sinens indiscussum relinqui id, quod de magistro Eckardo adversarius allegavit, interrogabam, an praeceptor aliquid de eo audisset. Qui ait se multa eius expositoria opera hincinde in librariis vidisse super plerisque libris Bibliae et sermones multos, disputata multa, atque etiam plures legisse articulos ex scriptis suis super Iohannem extractos, ab aliis notatos et refutatos, vidisseque Moguntiae breve scriptum eiusdem apud magistrum Iohannem Guldenschaf, ubi respondet illis, qui eum nisi fuerunt reprehendere, declarando se atque, quod reprehensores eum non intellexerunt, ostendendo. Aiebat tamen praeceptor se numquam legisse ipsum sensisse creaturam esse creatorem, laudans ingenium et studium ipsius; sed optavit, quod libri sui amoverentur de locis publicis, quia vulgus non est aptus ad ea, quae praeter consuetudinem aliorum doctorum ipse saepe intermiscet, licet per intelligentes multa subtilia et utilia in ipsis reperiantur.
Da ich das, was der Gegner vom Meister Eckhart gesagt hatte, nicht ungeklärt übergehen wollte, fragte ich den Meister, ob er etwas darüber gehört hätte.Er antwortete mir, daß er viele von dessen Kommentaren zu den meisten Büchern der Bibel in den Bibliotheken gesehen und viele Reden, viele Streitgespräche und noch mehr Artikel gelesen habe, die aus seinen Schriften über Johannes exzerpiert, von anderen angemerkt und angegriffen worden sind. Und in Mainz habe er bei dem Magister Johannes Guldenschaff eine kurze Schrift gesehen, in der er jenen, die nur darauf aus waren ihn zu tadeln, erwidert, indem er erklärte und zeigte, daß sie ihn nicht verstanden hätten. Dennoch sagte der Meister, habe er niemals gelesen, daß Eckharts Meinung nach das Geschöpf mit dem Schöpfer identisch sei. Er lobte seine Begabung und seinen Eifer, aber sprach zugleich auch den Wunsch aus, daß seine Bücher der Öffentlichkeit entzogen würden; denn, wenn auch die Einsichtigen viel Feines und Nutzbringendes darin fänden, so sei das Volk doch nicht reif für das, was er oft konträr zur Gepflogenheit der anderen Gelehrten einflicht.
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▷ ▷Et cum consequenter correlarium, quod adversarius ponit, legerem, – quomodo “in maximitate absoluta omnia id sunt, quod sunt, quia est entitas absoluta, sine qua nihil est
[18]; addendo Eckardum similiter dicere esse esse Deum, inferendo per hoc tolli subsistentias rerum in proprio genere, – aiebat praeceptor: «Posset dici adversario illud, quod dixit Augustinus in Confessionibus, dum laudaret Deum tamquam venam omnis esse, subiungendo: “Quid ad me, si non intelligis?
[19] Nam cum creatorem nominemus Deum et dicimus eum esse, ad coincidentiam nos elevantes dicimus Deum cum esse coincidere. Moyses nominat eum formatorem: “Formavit igitur Deus hominem
[20], et cetera. Si igitur ipse est formarum forma, ipse dat esse, licet forma terrae det terrae esse et forma ignis igni. Forma vero, quae dat esse, Deus est, qui format omnem formam. Unde, sicut imago habet formam, quae dat ei esse hoc, per quod est imago, et forma imaginis est forma formata et id, quod est veritatis, non habet nisi ex forma, quae est veritas et exemplar: sic omnis creatura in Deo est id, quod est. Nam ibi est omnis creatura, quae est imago Dei, in sua veritate. Per hoc tamen non tolluntur subsistentiae rerum in suis propriis formis; et si hic homo veritatem amaret, addere debuisset correlarium contrarium ex hiis, quae legere potuit multum diffuse, clare et expresse in Docta ignorantia.
Als ich anschließend nun das von dem Gegner zusammengestellte Korrelarium las – daß «in der absoluten Größe alles das ist, was es ist, weil sie die absolute Seiendheit ist, ohne die nichts ist» indem er hinzufügt, daß Eckhart in ähnlicher Weise sage, daß das Sein Gott sei, und noch einflicht, daß dadurch der Grundbestand der Dinge in ihrer eigenen Gattung aufgehoben werde –, sagte der Meister: «Man könnte dem Gegner das sagen, was Augustinus in den Confessiones sagt, wo er Gott als Lebensnerv alles Seins preist: «Was geht es mich an, wenn du mich nicht verstehst?» Denn wenn wir den Schöpfer Gott nennen und sagen, daß er ist, erheben wir uns zur Koinzidenz und sagen, daß Gott mit dem Sein koinzidiert. Moses nennt ihn den Bildner: «Es bildete also Gott den Menschen» usw. Wenn er also selbst die Gestalt der Gestalten ist, gibt er auch selbst das Sein, so wie die Gestalt der Erde der Erde das Sein gibt und die Gestalt des Feuers dem Feuer. Die Gestalt aber, die das Sein gibt, ist Gott, der jede Gestalt gestaltet. Wie daher das Bild eine Gestalt hat, die ihm das Bild-Sein gibt und die Gestalt des Bildes eine gestaltete Gestalt ist und es das, was Wahrheit ist, nur aus jener Gestalt hat, die Wahrheit und Urbild ist, so ist jedes Geschöpf in Gott das, was es ist. Denn dort ist jedes Geschöpf, das ein Abbild Gottes ist, in seiner Wahrheit. Dadurch werden aber die Bestandgründe der Dinge in ihren eigentlichen Gestalten nicht aufgehoben; und wenn dieser Mann die Wahrheit liebte, hätte er aus dem, was er ausführlich, klar und deutlich in der Docta ignorantia lesen konnte, ein völlig gegensätzliches Korrelarium hinzufügen müssen.
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▷ ▷Similiter etiam, quando allegat magistrum Eckardum; nam Eckardus circa principium Genesis, ubi praemittit de esse, postquam probavit Deum esse ipsum esse et qui dat esse et formas particulares hoc et hoc esse: subiungit per hoc non tolli subsistentias rerum in proprio esse, sed potius fundari, probando hoc per tria similia, scilicet ma|teriam
[21], partes totius et humanitatem Christi. Non enim tollitur materia et penitus in nihil vertitur per hoc, quod omne esse totius est a forma, nec pars per hoc, quod partis esse est penitus ab esse totius; nec per hoc, quod dicimus in Christo unicum esse personale hypostaticum ipsius Verbi, negamus Christum fuisse verum hominem cum aliis hominibus, addendo ibidem ad hoc rationes.»
Genauso verhält es sich mit seinem Hinweis auf Meister Eckhart. Denn nachdem dieser im Kommentar zum Anfang der Genesis, wo er zuerst über das Sein spricht, bewiesen hat, daß Gott das Sein ist und das Sein gibt, so daß auch die Einzelgestalten des So- und So-Seins sind, fügt er hinzu, daß dadurch die Bestandgründe der Dinge im eigentlichen Sein nicht aufgehoben, sondern eher begründet werden. Das bewies er durch drei analoge Beispiele, nämlich die Materie, die Teile des Ganzen und die Menschheit Christi. Dadurch, daß alles Sein von der Gestalt des Ganzen kommt, wird die Materie nicht aufgehoben und völlig ins Nichts verwandelt, noch dadurch, daß das Sein des Teiles völlig vom Sein des Ganzen ist, der Teil; auch leugnen wir nicht, wenn wir sagen, daß in Christus die personale Hypostase des Wortes eine einzige sei, daß Christus mit den andern Menschen ein wahrer Mensch gewesen ist. – Er führt dort noch weitere diesbezügliche Gründe an.»
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▷ ▷Legi deinceps aliud correlarium, quomodo “maximitas absoluta habet in se omnia et est in omnibus
[22], adiciendo, quomodo adversarius ait universalizantes <repraesentare> omnia essentialiter deificari in huiusmodi praecisa abstractione. Ad quae praeceptor: «Nescio, quid velit per ‘universalizantes’. Hoc notum est ex Paulo apostolo et omnibus sapientibus Deum esse in omnibus et omnia in ipso. Per hoc tamen nemo ponit compositionem in Deo, quia omnia in Deo Deus; nam non est terra in Deo terra, sed Deus; ita de singulis. Unde penitus nihil intelligit hic homo inferendo hoc repugnare simplicitati divinae. Nam sicut simplicitati unitatis non repugnat omnem numerum in ea complicari, sic simplicitati causae omnia causata.
Darauf las ich ein anderes Korrelarium, in dem Wenck schreibt, «daß die absolute Größe in sich alles hat und in allem ist», wobei ich hinzufügte, wie der Gegner behauptet, daß diejenigen, die verallgemeinern, damit darstellen, daß in einer solchen genauen Abstraktion alles wesenhaft vergöttlicht werde. Dazu sagte der Meister: «Ich weiß nicht, was er mit den «Verallgemeinernden» meint. Aus den Briefen des Apostels Paulus und den Schriften aller Weisen ist bekannt, daß Gott in allem ist und alles in ihm. Aber deshalb, weil alles in Gott ist, schreibt ihm doch niemand eine Zusammengesetztheit zu; denn die Erde ist in Gott nicht Erde, sondern Gott; und ebenso verhält es sich mit allem. Wenn er einwendet, daß dies der Einfachheit Gottes widerspreche, zeigt es sich, daß dieser Mensch absolut nichts verstanden hat. Denn wie es nicht der Einfachheit der Einheit widerspricht, daß jede Zahl in ihr enthalten ist, so auch nicht der Einfachheit des Grundes, daß alles Gegründete in ihm ist.
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▷ ▷Et cum dicat infinitam perfectionem non posse plus perfici, fateor», aiebat praeceptor; «ob hoc omnis perfectio omnium perfectorum est in ipso Deo ipse, qui est omnium absoluta perfectio omnes complicans omnium perfectiones. Si enim esset dabilis aliqua perfectio, quae non complicaretur in divina, illa posset esse maior et non esset infinita.» Vide, amice et condiscipule praecare, quomodo praeceptor noster ex ratione adversarii contra ipsum concludit!
Und da er sagt, daß die unendliche Vollkommenheit nicht weiter vervollkommnet werden kann, gestehe ich», so sagte der Meister, «daß darob in Gott, der absoluten Vollkommenheit, die die Vollkommenheiten aller in sich schließt, die Vollkommenheit aller Vollkommenheiten er selbst ist. Denn wenn es eine Vollkommenheit gäbe, die nicht in der göttlichen eingeschlossen ist, dann könnte diese größer sein und wäre nicht unendlich.» Sieh, mein Freund und teuerster Mitschüler, wie unser Meister die Argumente des Gegners gegen diesen selbst kehrt!
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▷ ▷Post haec legi praeceptori secundam conclusionem, quam traxit adversarius, scilicet praecisionem incomprehensibilem, et admirationem eius, quomodo videtur in docta ignorantia, si est incomprehensibilis. . Tunc praeceptor adiunxit: «Non mirum, si admiratur, quia nihil mirabilius homini quam docta ignorantia, videre scilicet praecisionem videri non posse, – ut supra et satis de hoc dictum est. Ubi ait hoc fundamentum annullare scientiam divinorum, verum dicit: Quia non est scientia, qua quis credit se scire, quod sciri nequit, ibi scire est scire se non posse scire. Dixit correlarium verum, scilicet omnem similitudinem claudicare. Sed cum admiratur, quomodo dato simili semper in infinitum similius dari possit in habentibus terminos magnitudinis suae, consideret divisionem lineae finitae, ubi ad indivisibilem punctum non pertingitur, licet per partium partes ad ipsum accedere videamur. – Correlarium aliud similiter est verum, scilicet quod per similitudinem non attingitur veritas.»
Nun las ich dem Meister die zweite Schlußfolgerung des Gegners vor, nämlich jene über die unfaßbare Genauigkeit, und seine Verwunderung, wie diese, wenn sie unfaßbar ist, in der wissenden Unwissenheit gesehen werden kann. Darauf sagte der Meister: «Es ist kein Wunder, wenn er staunt, denn nichts ist erstaunlicher für den Menschen als die wissende Unwissenheit: zu sehen, daß die Genauigkeit nicht gesehen werden kann – wie es oben ausführlich dargelegt wurde. Wenn er sagt, daß dieses Fundament das Wissen um das Göttliche zunichte mache, sagt er die Wahrheit, denn ein Wissen, durch das jemand glaubt, etwas zu wissen, was nicht gewußt werden kann, ist kein Wissen. In diesem Fall bedeutet darum Wissen, daß man weiß, nichts wissen zu können. Im Korrelarium kommt etwas Wahres zum Ausdruck, nämlich, daß jeder Vergleich hinke. Aber, wenn er erstaunt, daß in den Dingen, die ein Ende ihrer Größe haben, zum gegebenen Ähnlichen ohne Ende ein noch Ähnlicheres gegeben werden kann, möge er die Teilung der begrenzten Linie bedenken, bei der man den unteilbaren Punkt nicht erreicht, obwohl man sich ihm durch Teilen der Teile zu nähern scheint. – Das andere Korrelarium, daß man die Wahrheit durch Ähnlichkeit und Gleichnis nicht erreicht, ist auf ähnliche Weise wahr.»
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▷ ▷Consequenter legi tertiam conclusionem, quam ex Docta ignorantia traxisse se asserit, scilicet quod quidditas est inattingibilis. . Dixit praeceptor: «Licet etiam intelligibilis, ut opponit: tamen actu numquam intelligitur, sicut Deus est summe intelligibilis et sol summe visibilis. Nec sequitur ex coincidentia etiam oppositorum in maximo hoc ‘venenum erroris et perfidiae’, scilicet destructio seminis scientiarum, primi principii, ut impugnator elicit. Nam illud principium est quoad rationem discurrentem primum, sed nequaquam quoad intellectum videntem, – ut supra de hoc. Neque est verum, si Deus est omne, quod est, quod propterea non creaverit omnia de nihilo. Nam cum Deus solum sit complicatio omnis esse cuiuscumque existentis, hinc creando explicavit caelum et terram; immo, quia Deus est omnia complicite modo intellectualiter divino, hinc et omnium explicator, creator, factor et quidquid circa hoc dici potest; sic arguit magnus Dionysius.
In der Folge las ich die dritte Schlußfolgerung, die, wie Wenck versichert, aus der Docta ignorantia gewonnen ist, nämlich, daß die Washeit unerreichbar ist. Der Meister sagte: «Wenn sie auch, wie der Gegner behauptet, einsichtig ist, so wird sie dennoch niemals wirklich eingesehen, wie auch Gott höchst einsichtig und die Sonne höchst sichtbar ist. Auch folgt nicht aus der Koinzidenz der Gegensätze im Größten, dieses «Gift des Irrtums und der Ruchlosigkeit», nämlich die Vernichtung des Keimes der Wissenschaften, des ersten Prinzips, wie es der Gegner folgert. Denn dieses Prinzip ist zwar das erste hinsichtlich der schlußfolgernden Vernunft, ist es aber keineswegs in bezug auf den schauenden Geist (vgl. oben). Noch ist es wahr, daß Gott nicht alles aus dem Nichts erschaffen hätte, wenn er alles ist, was ist. Denn wenn Gott allein die Einfaltung alles Seins und eines jeden Existierenden ist, entfaltet er von da durch die Schöpfung Himmel und Erde; da Gott in göttlicher Art auf geistige Weise alles eingefaltet ist, ist er daher auch der Entfalter, Schöpfer, Bildner und was in dieser Beziehung noch gesagt werden kann von allem. So stellt es der große Dionysius dar.
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▷ ▷Et si fuerunt Begardi, qui sic dicebant, ut scribit, scilicet se esse Deum per naturam, merito fuerunt condempnati, prout etiam Almericus fuit per Innocentium Tertium condempnatus in concilio generali, de quo in capitulo ‘Dampnamus de summa Trinitate’; qui non habuit sanum intellectum, quomodo Deus est omnia complicite; de cuius erro|ribus Iohannes Andreas aliqua recitat in Novella.
[23] Accidit autem hoc viris parvi intellectus, ut in errores incidant, quando altiora sine docta ignorantia perquirunt; et fiunt ab infinitate lucis summe intelligibilis in oculo mentis caeci et suae caecitatis scientiam non habentes credunt se videre et quasi videntes indurantur in assertionibus, sicut Iudaei per litteram non habentes spiritum ducuntur in mortem. Sunt alii, qui illos videntes sapientes putant ignorantes et errantes, quando in eis legunt eis insolita, et maxime, quando reperiunt eos tunc se doctos credere, quando cognoscunt se ignorantes. Unde recte admonent omnes sancti, quod illis debilibus mentis oculis lux intellectualis subtrahatur. Sunt autem illis nequaquam libri sancti Dionysii, Marii Victorini ad Candidum Arrianum, Clavis physicae Theodori, Iohannis Scotigenae περὶ φύσεως, Tomi David de Dynanto, Commentaria fratris Iohannis de Mossbach in Propositiones Proculi et consimiles libri ostendendi.»
Und wenn es Begarden gab, die derartige Ansichten, wie er schreibt – nämlich, daß sie von Natur Gott seien –, vertraten, so wurden sie mit Recht verdammt, so wie auch Almaricus von Innozenz III. auf dem allgemeinen Konzil verdammt wurde (vgl. dazu das Kapitel «damnamus de summa Trinitate»). Dieser hatte nicht richtig verstanden, wie Gott alles in Einfaltung ist. Einige von seinen Irrtümern behandelt Johannes Andreas in der «Novella». Es geschieht aber, daß Männer geringeren Geistes in Irrtümer geraten, wenn sie Höheres ohne die wissende Unwissenheit erforschen. Durch die unendliche Größe des höchst einsichtigen Lichtes wird das Auge ihres Geistes blind und sie, ihrer Blindheit nicht bewußt, glauben zu sehen und wie Sehende bestehen sie auf ihren Behauptungen und werden, wie die Juden, die den Geist nicht haben, durch den Buchstaben in den Tod geführt. Es gibt andere, welche die sehenden Weisen für Unwissende und Irrende halten, wenn sie bei ihnen Ungewohntes lesen, vor allem dann, wenn sie finden, daß diese sich dann für Wissende halten, wenn sie sich als Unwissende erkennen. Daher mahnen mit Recht alle Heiligen, daß jenen schwachen Augen des Geistes das Licht der Einsicht entzogen werden solle. Ihnen darf man auf keinen Fall die Bücher des heiligen Dionysius, das von Marius Victorinus dem Candidus Arrianus gewidmete Buch, den Clavis physicae des Theodor, das Werk Peri physeos des Johannes Scotus Eriugena, die Schriften des David von Dynant, die Kommentare des Johannes von Mossbach zu den Propositionen des Proklos und ähnliche Bücher zeigen.»
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▷ ▷Et cum consequenter iterum legerem quartam conclusionem, et praeceptor audiret, quomodo adversarius in ea dicit ex Docta ignorantia haberi unam esse naturam imaginis et exemplaris, exclamavit praeceptor dicens: «Absit, absit! Ecce detestandum facinus inverecundi falsarii!» Et arrepto codice Doctae ignorantiae libro primo capitulo undecimo legit: «Hoc autem, quod spiritualia per se a nobis inattingibilia symbolice investigentur, radicem habet ab hiis, quae superius dicta sunt, quoniam omnia ad se invicem quandam, nobis tamen occultam et incomprehensibilem habent proportionem, ut ex omnibus unum exsurgat universum et omnia in uno maximo sint ipsum maximum. Et quamvis omnis imago accedere videatur ad similitudinem exemplaris, tamen praeter maximam imaginem, quae est hoc ipsum quod exemplar in unitate naturae, non est imago adeo similis aut aequalis exemplari, quin per infinitum similior et aequalior esse possit, uti iam illa ex superioribus patefacta sunt.» Haec ibi.
Darauf las ich die vierte Schlußfolgerung und der Meister hörte, wie der Gegner darin sagte, es ergäbe sich aus der Docta ignorantia, daß die Natur des Abbildes und des Urbildes eine sei. Da rief er aus: «Höre auf! Was für ein abscheuliches Verbrechen des schamlosen Betrügers!» Er ergriff den Band der Docta ignorantia und las aus dem ersten Buch im 11. Kapitel: «Die Tatsache, daß die geistigen Dinge, die durch sich für uns unerreichbar sind, symbolisch erforscht werden, hat ihre Wurzel in dem oben Gesagten; darin nämlich, daß alles zueinander in einem, wenn auch uns verborgenen und unfaßbaren Verhältnis steht, so daß aus allen das eine Gesamt entsteht und alles in dem einen Größten dieses Größte selbst ist. Und obwohl jedes Abbild sich der Ähnlichkeit des Urbildes zu nähern scheint, ist trotzdem außer dem größten Abbild, welches das selbst ist, was das Urbild in der Einheit der Natur ist, kein Abbild dem Urbild so ähnlich oder gleich, daß es nicht noch unendlich ähnlicher und gleicher sein könnte, wie dies aus dem Vorhergehenden offenbar ist.»
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▷ ▷«Ecce,» aiebat praeceptor, «quomodo id, quod secundum Paulum de unigenito Filio, qui est imago consubstantialis Patri, excipitur, ille falsarius asserit de omni imagine diminuta positum.» Ad quae ego concitatissimus adieci: «Eat nunc mendax truncator librorum et abscondat se. Non enim est dignus luce, qui in lucem offendit, quod censeo esse peccatum in Spiritum sanctum.» Et cum cursim sequentia legerem, ostendit mihi praeceptor, quomodo adversarius usus est falsitate et truncatione et mendacio atque perversa interpretatione in omnibus, quae sequuntur. Et ubi de Socrate aliqua dicere nititur, quae ignorat, «Videat» ait praeceptor, «libellum Platonis De apologia Socratis, ubi in iudicio se excusat, et reperiet phantasias suas ab omni veritate vacuas.» Et ego: «Mirandum est de profectae aetatis cano homine, qui se sciolum putat, quod ita pueriles ineptias scribat, maxime quando interpretatur doctam ignorantiam ‘abstractam vitam
[24].»
«Sieh», sagte der Meister, «wie jener Betrüger sagt, daß das, was nach Paulus von dem eingeborenen Sohn, der das wesensgleiche Abbild des Vaters ist, festgestellt wird, von jedem geringeren Abbild behauptet wird.» Ich sagte höchst erregt: «Dieser verlogene Verstümmler der Schriften sollte verschwinden und sich verstecken. Denn der, der gegen das Licht sündigt, ist des Lichtes nicht würdig; das halte ich für die Sünde wider den Heiligen Geist.» Im weiteren Verlauf meines Vorlesens zeigte mir der Meister, wie der Gegner sich in allem, was folgt, der Täuschung, Verstümmelung, Entstellung und böswilligen Interpretation bedient. Dort, wo er über Sokrates etwas zu sagen versuchte, was er nicht wußte, sagte der Meister, er möge in Platons Apologie des Sokrates, wo dieser sich vor Gericht verteidigt, nachsehen. Dort würde er finden, daß seine Phantasien jeglicher Wahrheit entbehren.Ich sagte darauf: «Es ist erstaunlich, daß ein grauhaariger Mann vorgerückten Alters, der sich noch dazu für einen Wissenden hält, solche kindische Dummheiten schreibt, am meisten, wenn er die wissende Unwissenheit als abstraktes Leben deutet.»
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▷ ▷Et cum interrogarem, an aliquid dicendum occurreret contra impugnationem, quam adversarius in quinta conclusione contra hoc facit, quod maximum est actu omne possibile, aiebat, quod cum carente intellectu supervacue contenditur. «Nam cum Deus sit purissimus infinitus actus, tunc est absolute omne absolute possibile; et in coincidentia illa latet omnis theologia apprehensibilis. Neque intelligit adversarius, quid sit theologia, neque quid impugnet, neque quid allegat. Nam cum habeatur in Docta ignorantia, quomodo “Deus non istud quidem est et aliud non est, sed est omnia et nihil omnium” – quae sunt verba sancti Dionysii –, dicit hoc contradictionem in se habere ‘esse omnia et nihil omnium’ et non intelligit, quomodo est complicative omnia et nihil omnium explicative. Et cum non habeat aliquid de intellectu, ridet, quando legit ponderosissima verba, nesciens illa esse sanctorum et per eum, qui doctam ignorantiam explanavit, adducta, ut secundum doctrinam sancti Dionysii non exiret terminos sanctorum.
Als ich fragte, ob irgend etwas gegen den Angriff zu sagen sei, welchen der Gegner in der fünften Schlußfolgerung gegen den Satz, daß das Größte als Wirklichkeit alles Mögliche ist, vorbringt, gab er mir zur Antwort, daß es sinnlos sei, mit einem, der keinen Verstand hat, zu streiten. «Denn wenn Gott die reinste, unendliche Wirkung und Wirklichkeit ist, dann ist er in absoluter Weise alles absolut Mögliche; und in dieser Koinzidenz ist jede sinnvolle Theologie verborgen. Aber der Gegner begreift weder was Theologie ist noch was er eigentlich bekämpft noch worauf er sich beruft. Denn da in der Docta ignorantia steht, daß Gott nicht das ist und nichts anderes, sondern alles und nichts von allem – das sind Worte des heiligen Dionysius –, behauptet er, daß dieser Satz «alles und nichts von allem sein» in sich einen Widerspruch beinhalte; er begreift nicht, daß das bedeutet: komplikativ alles und explikativ nichts von allem sein. Und da er überhaupt keine Einsicht hat, lacht er, wenn er diese gewichtigen Worte liest und ahnt nicht, daß sie von den Heiligen stammen, und von dem, welcher die wissende Unwissenheit erklärte, nur herangezogen wurde, damit er gemäß der Lehre des heiligen Dionysius, die Grenzen der Heiligen nicht überschreite.
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▷ ▷Uti etiam sunt illa, quae in tertio correlario quintae conclusionis
[25] et in sequenti de mensura ponuntur. Nam capere nequit, quomodo infinitum est adaequatissima mensura finitorum, licet finitum sit ad ipsum infinitum penitus improportionale. Neque capere potest exemplum de infinita linea, quod impugnat de falsitate, – licet supervacue, cum impossibilitas essendi lineam infinitam actu sit multipliciter in Docta ignorantia ostensum; iuvat tamen se intellectus per positionem lineae infinitae, ut intret ad simpliciter infinitum, quod est ipsa absoluta essendi necessitas.» Subiunxit Augustinum Deum mensuram sic attigisse: «“Deus est in omnibus non per partes, sed totus in omnibus, sive illa sint magna sive parva. In omnibus igitur cum sit aequaliter, ipse est omnis mensurae mensura aequalissima.” Per hoc tamen non negat, quin magnitudinis eius non sit finis, quae est magnitudo absoluta.»
Ebenso verhält es sich mit dem, was im dritten Korrelarium der fünften Schlußfolgerung und in der folgenden über das Maß gesagt wird. Er kann nämlich nicht begreifen, warum das Unendliche das adäquateste Maß des Endlichen ist, wenn auch das Endliche zum Unendlichen völlig ohne Verhältnis ist. Ebensowenig begreift er das Beispiel der unendlichen Linie, das er als falsch bekämpft – wenn auch vollkommen überflüssig, da die Unmöglichkeit des Seins einer tatsächlich unendlichen Linie in der Docta ignorantia vielfach bewiesen wurde. Dennoch hilft sich der Geist durch die Setzung dieser unendlichen Linie, um zu dem schlechthin Unendlichen zu gelangen, das die absolute Notwendigkeit des Seins ist.» Er fügte hinzu, daß Augustinus Gott als das Maß auf folgende Weise erreicht habe: Gott ist in allem nicht nur durch Teile, sondern als Ganzer ist er in allem, ob nun die Teile groß oder klein sind. Da er in allem auf gleiche Weise ist, ist er eines Jeden angeglichenstes und angemessenstes Maß. Damit leugnet er jedoch nicht, daß seine Größe, die die absolute Größe ist, kein Ende hat.
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▷ ▷Ubi vero in sexta conclusione Parmenidem impugnat, non illum tantum, sed omnes doctos et sanctos theologos impugnare nititur, quos nequaquam intelligit; de quo supra. Et modo suo falsissime dicit post hoc ex Docta ignorantia haberi: «Quia omnia, quae conveniunt Deo, sunt Deus, ideo neque Pater est neque Filius, et cetera.» Bene habetur, quomodo secundum considerationem infinitatis Deus neque Pater est neque Filius, quia per negationem est consideratio de Deo secundum infinitatem; et ideo omnia tunc negantur, prout etiam sanctus Dionysius in fine Mysticae theologiae per eadem verba hoc idem determinat.
In der sechsten Schlußfolgerung greift Wenck Parmenides an. Aber er bemüht sich nicht nur, ihn allein zu bekämpfen, sondern auch alle gelehrten und heiligen Theologen, die er in keiner Weise versteht (siehe oben). Nach seiner Art sagt er danach völlig unrichtig, aus der Docta ignorantia ergäbe sich, daß «da alles, was Gott zukommt, Gott ist, er weder Vater noch Sohn usw. ist». Es ist durchaus richtig, daß nach der Betrachtung der Unendlichkeit Gott weder Vater noch Sohn ist, weil diese Betrachtung über Gott gemäß seiner Unendlichkeit durch Negation zustande kommt; und folglich wird alles geleugnet, wie auch der heilige Dionysius gegen Ende der Mystischen Theologie dasselbe mit den gleichen Worten ausdrückt.
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▷ ▷Ubi providentiam impugnat, penitus se ignorantem ostendit. Nam capitulum illud, licet sit clarissime positum, est inattingibile per talem sensibilem consideratorem, qualem se esse adversarius ostendit. Et quia in conclusionibus sequentibus falsarius procedit modo addendo, quae non repperit, tunc affirmando non affirmatum, taedio affectus praeceptor voluit se ad utiliora studia convertere. Sic artabar velocius transcurrere adversarii invectivam.
Vollends unwissend zeigt er sich, wo er die Vorsehung bekämpft. Denn jenes Kapitel ist, obwohl ganz klar dargelegt, unerreichbar für einen derartig sinnenverhafteten Betrachter, wie sich der Gegner zeigt. Da in den weiteren Schlußfolgerungen der Betrüger fortfährt hinzuzufügen, was er nicht gefunden hat, und zu behaupten, was nicht behauptet ist, wollte der Meister voller Überdruß sich nützlicherem Studium zuwenden. So wurde ich gedrängt, die Schmähschrift des Gegners schneller durchzugehen.
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▷ ▷Postquam autem raptim legi ex Ignota litteratura conclusiones, quas se ex Docta ignorantia extraxisse scribit, praeceptor arrepto codice Doctae ignorantiae legit secundum et tertium capitulum secundi libri et ad oculum ostendit septimam conclusionem cum correlariis perverse extractam. Nam nihil aliud in illis capitulis ex intentione tractatur, quam quod creaturae esse sit ab esse absoluto, modo quo dici aut intelligi nequit; et alia non est assertio, licet tangantur modi dicendi diversi. Ubi vero adversarius impugnat Deum absolutam omnium quidditatem, aiebat praeceptor: «Nihil penitus intelligit homo ille. Nam Deus est quidditas omnium quidditatum et absoluta omnium quidditas sicut absoluta entitas entium et absoluta vita viventium. Ita dicit Ecclesia in oratione: “Deus vita viventium” et reliqua. Nec hoc dicere est confundere aut destruere quidditates rerum, sed construere, ut intelligunt sapientes.»
Nachdem ich aber eilig einige Schlüsse der Ignota litteratura, von denen Wenck behauptet, er habe sie aus der Docta ignorantia gewonnen, vorlas, griff der Meister wieder zu seiner Schrift, las das zweite und dritte Kapitel des zweiten Buches vor und zeigte ganz klar, daß die siebente Schlußfolgerung samt den Korrelarien sinnwidrig entnommen sei. Denn nichts anderes soll in diesen Kapiteln behandelt werden, als daß das Sein des Geschöpfes auf eine Art, die nicht ausgesagt oder eingesehen werden kann, vom absoluten Sein stammt. Und keine andere Behauptung findet sich dort, wenn auch verschiedene Aussageweisen berührt werden. Zu der Stelle, wo der Gegner Gott als absolute Washeit von allem angreift, bemerkte der Meister: «Dieser Mensch begreift überhaupt nichts. Denn Gott ist die Washeit aller Washeiten und die absolute Washeit von allem, wie er auch die absolute Seiendheit der Seienden und das absolute Leben der Lebenden ist. So betet die Kirche: «Gott, Du Leben der Lebenden ...» usw. So zu sprechen bedeutet nicht, die Washeiten der Dinge zu verwirren oder zu zerstören, sondern sie aufzubauen; so verstehen es die Weisen.»
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▷ ▷Et ad alias conclusiones nihil dicere curavit praeceptor et sprevit ruditatem adversarii. Rogavi tamen, ut aliqua diceret ad hoc, quod adversarius impolluto ore ipsum miserum, pauperem, caecum et nudum intellectu iniuriose despicit. Ad quae praeceptor: «Omnia, quae de caecitate intellectus dicit, plane fateor.» Sed aiebat se excellere adversarium in hoc, quod se caecum sciebat.
Et ubi impingit Iesum dehonorari, aiebat praeceptor: «Non est haec Doctae ignorantiae intentio, ut Iesus dehonoretur, sed ut maior fiat in intellectu et affectu.» Sed adversarium loqui ostendit, quasi quis diceret, quod, si quis exaltatur in maxime publicam personam, ut sit rex regum et dominus dominantium, uti Christus exaltatur, – quod per hoc dehonoretur; et hoc dictum quisque dementis esse non ambigit.
Zu den anderen Schlüssen etwas zu sagen, bemühte sich der Meister nicht, da er die Roheit des Gegners verachtete. Dennoch bat ich ihn, etwas dazu zu bemerken, da der Gegner mit seinem ungeschliffenen Mund ihn als elend, arm, blind und geistlos zu unrecht verachte. Darauf meinte er: «Allem, was er über die Blindheit des Geistes sagt, stimme ich vorbehaltlos zu.» Darin aber, daß er seine Blindheit kenne, übertreffe er jenen.
Zu der Behauptung, daß Jesus entehrt werde, entgegnete der Meister: «Es ist nicht die Absicht der Docta ignorantia, Jesu Ehre zu vermindern, sondern vielmehr ihn größer werden zu lassen in Geist und Liebe.» Aber er zeigte, daß der Gegner so spricht, als ob jemand dann, wenn man einen berühmten Menschen aufs höchste erhöhen würde, so daß er der König der Könige und der Herr der Herren wäre (wie Christus erhöht wird), der Ansicht wäre, daß dieser Mensch dadurch entehrt werde; und niemand zweifelt, daß das die Ansicht eines Wahnsinnigen ist.
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▷ ▷Applicatis igitur adversarii scriptis ad textum Doctae ignorantiae et ostenso, quod impugnator false elicuit assertas conclusiones et nihil ex omnibus intellexit aut saltim intelligere voluit omnia perverse interpretando, dixit praeceptor: «Quae de Iesu scripta sunt in Docta ignorantia, secundum Scripturas sanctas modo convenienti ad finem, ut Christus in nobis crescat, scripta sunt. Ad ea enim, quae Iohannes evangelista et apostolus Paulus et Hierotheus et Dionysius et Leo Papa, Ambrosius in Epistolis ad Herennium et Fulgentius | atque ceteri altissimi intellectus sancti
[26] nobis de Christo reliquerunt, nititur Docta ignorantia suo modo nos ducere, licet ipsa et omnes deficiant, qui se ad describendum illud mysterium umquam contulerunt.»
Nachdem er also die Schrift des Gegners mit dem Text der Docta ignorantia verglichen und gezeigt hatte, daß der Gegner fälschlich Schlüsse gezogen habe, die von ihm für wahr ausgegeben wurden und, indem er alles verkehrt interpretierte, nichts von allem verstanden habe oder wenigstens verstehen wollte, sagte der Meister: «Was in der Docta ignorantia über Jesus geschrieben ist, ist entsprechend der Heiligen Schrift in zutreffender Weise zu dem Zweck geschrieben, daß Christus in uns wachse. Denn die wissende Unwissenheit bemüht sich auf ihre Weise, uns zu dem zu führen, was der Evangelist Johannes, der Apostel Paulus, Hierotheus, Dionysius, Papst Leo, Ambrosius in den Briefen an Herennius, Fulgentius und die übrigen heiligen Weisen von Christus überliefert haben, wenn auch sie und alle anderen, die sich jemals dazu gewandt haben, dieses Mysterium zu beschreiben, ihre Grenze fanden.»
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▷ ▷Et ad me amoroso vultu conversus aiebat: «Amice, optime nosti, quomodo hii, qui sensibilia transilientes per altitudinem fidei Christo et veritati coniuncti ab ignorantibus huius mundi contemptui habiti sunt, quia testante maximo Dionysio De divinis nominibus capitulo decimo “is, qui veritati coniunctus est, novit, quam bene habeat, etiam si plures illum corripiant quasi amentem et extra se factum
[27], et quod per mortem contestati sunt principales duces veritatis hanc solum esse unicam et simplicem divinam notionem.» Hinc maximo animi affectu admonuit, ut non tepescerem in studii ferventia, quousque ad simplicitatem intelligentiae elevarer ad melius cognoscendum incognoscibilem Deum, qui “in omnibus et ab omnibus per scientiam et ignorantiam agnoscitur,
[28] ut in eodem capitulo Dionysius attestatur, et Iesum benedictum, qui est solus altissimus, perfectio et plenitudo omnium; quodque eo studio omnem conatum mentis ad hoc – quanto acutius concederetur – conferrem, ut me semper nihil dignum intelligere viderem; promittens numquam quemquam sophistarum me turbare posse, si tanti secreti ineffabilis gratiae divinam dulcedinem qualitercumque degustarem. .
Zu mir gewandt sagte er liebevoll: «Freund, du hast wohl gewußt, wie diejenigen, die das Sinnliche überschreiten und durch die Tiefe des Glaubens Christus und der Wahrheit verbunden sind, von den Toren dieser Welt verachtet werden, weil nach Dionysius De divinis nominibus, Kapitel 10, «der, welcher der Wahrheit vereint ist, weiß, was für ein Gut er hat, wenn auch die Vielen über ihn wie über einen Wahnsinnigen, der außer sich ist, herfallen», und daß die ersten Lehrer der Wahrheit durch den Tod bezeugt haben, daß dies allein die einzige und schlichte Erkenntnis des Göttlichen ist.» Darauf mahnte er mich bewegt, im Eifer meines Studiums nicht lau zu werden, bis ich zur Einfachheit des Geistes und zur besseren Erkenntnis des unerkennbaren Gottes erhoben würde, der «in allem und von allem durch Wissen und Nichtwissen anerkannt wird» (wie es Dionysius in dem genannten Kapitel bezeugt), und auch zum hochgelobten Herrn Jesus, der allein der Höchste, die Vollkommenheit und Fülle von allem ist, gelange. Und er mahnte mich, daß ich in diesem Streben jedes Bemühen des Geistes – soweit es mir zugestanden würde – darauf wende, mir immer vor Augen zu halten, daß ich nichts Würdiges erkenne; und er versprach mir, daß mich niemals einer der Sophisten werde verwirren können, wenn ich irgendwie die göttliche Süße dieses großen Geheimnisses der unaussprechlichen Gnade gekostet hätte.
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▷ ▷«Nam cum omni motu non quaeratur nisi pax, et haec pax, quae exsuperat omnem sensum, sit pax nostra, scilicet vita vitae nostrae, ex qua et in qua vivendo indicibili delectatione quiescimus, cum Paulo omnis dicet apprehensor: Quis me separabit ab hac veritate vitae? Non mors, quia moriendo vivo. Nihil igitur tunc te separabit, quando omnium terribilium terribilissimum te non terrebit. Ridebis omnes caecos, quando tibi eum ostendere promittent, quem non vident, et inhaerebis eius amplexibus, quem diliget anima tua ex omnibus viribus suis. Cui gloria in saecula.»
«Denn, da durch alles Streben nichts gesucht wird als der Friede, und dieser Friede, der jeden Sinn übertrifft, unser Friede ist, nämlich das Leben unseres Lebens, aus dem und in dem wir in einem Leben unsagbaren Entzückens ruhen, wird jeder, der es erfaßt hat, mit Paulus sagen: «Wer wird mich von dieser Wahrheit des Lebens trennen? Nicht der Tod, denn durch Sterben lebe ich.» Nichts wird dich also trennen, wenn der schrecklichste aller Schrecken dich nicht schreckt. Du wirst alle Blinden verlachen, wenn sie versprechen, dir den zu zeigen, den sie nicht sehen, und du wirst in den Armen dessen liegen, den deine Seele aus allen ihren Kräften liebt. Ihm sei Ehre in Ewigkeit.»
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▷ ▷«Ecce,» aiebat praeceptor, «quomodo id, quod secundum Paulum de unigenito Filio, qui est imago consubstantialis Patri, excipitur, ille falsarius asserit de omni imagine diminuta positum.» Ad quae ego concitatissimus adieci: «Eat nunc mendax truncator librorum et abscondat se. Non enim est dignus luce, qui in lucem offendit, quod censeo esse peccatum in Spiritum sanctum.» Et cum cursim sequentia legerem, ostendit mihi praeceptor, quomodo adversarius usus est falsitate et truncatione et mendacio atque perversa interpretatione in omnibus, quae sequuntur. Et ubi de Socrate aliqua dicere nititur, quae ignorat, «Videat» ait praeceptor, «libellum Platonis De apologia Socratis, ubi in iudicio se excusat, et reperiet phantasias suas ab omni veritate vacuas.» Et ego: «Mirandum est de profectae aetatis cano homine, qui se sciolum putat, quod ita pueriles ineptias scribat, maxime quando interpretatur doctam ignorantiam ‘abstractam vitam
[29].»
«Sieh», sagte der Meister, «wie jener Betrüger sagt, daß das, was nach Paulus von dem eingeborenen Sohn, der das wesensgleiche Abbild des Vaters ist, festgestellt wird, von jedem geringeren Abbild behauptet wird.» Ich sagte höchst erregt: «Dieser verlogene Verstümmler der Schriften sollte verschwinden und sich verstecken. Denn der, der gegen das Licht sündigt, ist des Lichtes nicht würdig; das halte ich für die Sünde wider den Heiligen Geist.» Im weiteren Verlauf meines Vorlesens zeigte mir der Meister, wie der Gegner sich in allem, was folgt, der Täuschung, Verstümmelung, Entstellung und böswilligen Interpretation bedient. Dort, wo er über Sokrates etwas zu sagen versuchte, was er nicht wußte, sagte der Meister, er möge in Platons Apologie des Sokrates, wo dieser sich vor Gericht verteidigt, nachsehen. Dort würde er finden, daß seine Phantasien jeglicher Wahrheit entbehren.Ich sagte darauf: «Es ist erstaunlich, daß ein grauhaariger Mann vorgerückten Alters, der sich noch dazu für einen Wissenden hält, solche kindische Dummheiten schreibt, am meisten, wenn er die wissende Unwissenheit als abstraktes Leben deutet.»
- ↑ fol.34v
- ↑ cf. I Ioann. 1,5.
- ↑ fol.35r
- ↑ fol.35v
- ↑ fol.36r
- ↑ VII 1 (PG 3 col. 865 d sq.) = cap. X sec. exemplar Cusani, cod. cusan. 43.
- ↑ fol.36v
- ↑ fol.37r
- ↑ cf. Ioann. 3,32.
- ↑ fol.37v
- ↑ fol.36v
- ↑ De d. ign. I 1, fol. 1r.
- ↑ fol.38r
- ↑ fol.38v
- ↑ Hoc dictum neque apud Coelestinum I. (PL 50 col. 417-558) neque apud alios huius nominis Papas reperitur; qua via ad Cus. pervenerit, incertum.
- ↑ fol.39r
- ↑ [Athanasius] Symbolum "Quicumque" (Enchiridion symbolorum p. 18 Denzinger-Bannwart16-17).
- ↑ Wenck concl. I cor. 1 p. 26,1-5; 26,20 sq.
- ↑ Augustinus Confessiones I 6 (p. 7 Knoell).
- ↑ Gen. 2,7.
- ↑ fol.39v
- ↑ Wenck concl. I cor. 2 p. 26,26-28.
- ↑ fol.40r
- ↑ sic Cusanus Latine vertit "abgeschaiden leben", quae verba Wenck (p. 31,24) sermone vernaculo "doctam ignorantiam" significare voluit.
- ↑ fol.40v
- ↑ fol.41r
- ↑ [Dionysius Areopagita] De div. nom. VII 4 (PG 3 col. 872 d sq.); = cap. X exemplaris Cusani.
- ↑ [Dionysius Areopagita] De div. nom. VII 3 (PG 3 col. 872 a).
- ↑ sic Cusanus Latine vertit "abgeschaiden leben", quae verba Wenck (p. 31,24) sermone vernaculo "doctam ignorantiam" significare voluit.