Werk:Briefe (Platon)/Siebter Brief/01
▷[323 St.3 E] Ihr habt mir geschrieben, dass ihr der Meinung wäret, ihr müsstet im Staate denselben Gedanken verfolgen, welchen Dion hatte, und demnach fordert ihr mich auf, mit euch in Wort und Tat nach Kräften in Gemeinschaft zu treten. [324 St.3 A] Ich meinerseits gebe euch hierauf meine Zusage, mit euch in völlige Gemeinschaft zu treten, falls ihr dieselbe Ansicht und Streben habt, wie jener; ist das aber nicht der Fall, so werde ich es mir mehr als einmal überlegen. Was war aber Dions politische Ansicht und Streben? Das kann ich euch deutlich sagen, nicht etwa nach einer Vermutung, sondern aus eigner Anschauung. Als ich nämlich, eben vierzig Jahre alt, anfangs nach Syrakus kam, hatte Dion das Alter in welchem jetzt Hipparinos steht, und die politische Ansicht, welchen er damals hatte, hat er sein ganzes Leben lang ununterbrochen behalten. Er glaubte nämlich, dass die Syrakuser frei sein [B]und nicht unter dem Regimente von Edlen, sondern nur unter den besten Gesetzen wohnen sollten, und es wäre daher gar kein Wunder, wenn die Götter es gefügt hätten, auch jenen Hipparinos in Absicht auf dieselbe Meinung mit seinem berühmten Vater gleichgesinnt zu stimmen. Welches aber die Art und Weise war, wie jene politische Ansicht sich ausbildete, das ist wert gehört zu werden von Jung und Alt, und ich will es versuchen euch von Anfang an die Geschichte derselben zu erzählen. Denn die gegenwärtigen Verhältnisse sind dafür passend.▷