Werk:Briefe (Platon)/Siebter Brief/09
▷Soll ich euch nun einen Rat geben, so würde ich dies selbstverständlich in derselben Weise tun wie ich im Vereine mit Dion ihn auch dem Dionysius zu geben pflegte, nämlich vorerst sein tägliches Leben so einzurichten, dass er so viel als möglich mit seiner Vernunft erst Souverän über sich selbst sei, und dass er dann dadurch Freunde und Vertraute erwerbe, damit es ihm nicht gehe wie seinem Vater. Als dieser nämlich viele große von den Barbaren zerstörte Städte übernommen hatte, so war er nach dem Wiederaufbau derselben nicht im Stande, in jeder derselben eine zuverlässige Verwaltung niederzusetzen mittels vertrauter Männer oder mittels andrer irgendwoher herbeigezogenen Fremden [332 St.3 A] oder mittels seiner jüngeren von ihm selbst erzogenen Brüder, die er aus unwissenden Bürgern zu hohen Beamten und aus armen Schluckern zu ganz reichen Leuten gemacht hatte. Weder durch gute Worte noch durch große Wohltaten, noch durch eheliche Verbindungen mit seiner Familie vermochte er irgendeinen jener Leute zu wirklichen Mitarbeitern seiner Regierung zu machen. Er war in dieser Beziehung sieben Mal schlechter daran als Darius. Dieser konnte sich auch nicht Brüdern, selbst den von ihn erzogenen nicht, anvertrauen, wohl aber den [B] Mitverschworenen welche ihm den medischen Eunuchen hatten stürzen helfen. Er teile das Land in sieben Provinzen für sie, jedes größer als Sizilien, und hatte an ihnen zuverlässige Mitstreiter, welche weder gegen ihn noch gegen einander intrigierten, und hat ein Vorbild von einem guten Gesetzgeber und König aufgestellt, denn er ist der Gründer einer gesetzlichen Staatseinrichtung, welche noch heutigen Tages der Anker des persischen Reiches ist. Ferner haben nebst dem, die Athener viele von den Barbaren nach Verjagung ihrer Bürger zerstörten Städte zwar nicht selbst aufgebaut, sondern schon aufgebaute in ihre Botmäßigkeit bekommen, [C] sie haben indessen siebzig Jahre lang darin die Oberherrschaft behauptet dadurch, dass sie in jeder jener Städte befreundete Männer hatten. Der alte Dionysius dagegen, welcher vor lauter Gescheitheit ganz Sizilien in einen einzigen Staatskörper konzentrierte, welcher Niemandem traute, hielt sich mit knapper Not auf dem Throne, denn er war arm an befreundeten und treuen Männern. Es gibt in Absicht auf moralischen Wert und Unwert kein größeres Zeichen als den Mangel oder den Besitz solcher Männer. Doch um auf die Ratschläge, welche ich und Dion unserem Hauptgrundsatz gemäß auch dem jüngeren Dionysius gaben, zurück zu kommen, so bestanden sie darin: [D] nachdem durch die Schuld seines Vaters er das Unglück gehabt hätte, ohne Bekanntschaft mit einem ordentlichen Jugendunterrichte, ohne Umgang mit einer passenden Gesellschaft aufgewachsen zu sein, so sollte er vor allem dahin sein Streben richten, dass er sich andre Freunde unter den jungen Leuten seiner Verwandtschaft und seines Alters erwerbe, welche im Ringen nach geistiger Tüchtigkeit mit ihm die Waage halten, dass er aber vor Allem in seinem Innern mit sich selbst einig werde, denn in diesem Punkte fehle es ihm außerordentlich. Wir drückten uns dabei nicht so deutlich aus, denn es wäre nicht gefahrlos gewesen, sondern wir gaben ihm nur versteckte Winke und suchten seinem Verstande mit Vorstellungen beizukommen, wie auf jene Weise jeder Mensch sein eigenes Heil sowohl wie das jener deren Führer er ist erreichen werde, [E] schlage er aber einen andren Weg ein, so werde er in allen Stücken das Gegenteil bewirken; und so werde auch er durch einen Wandel, wie wir ihn zeigten, erstlich sich selbst zu einem Kinde des Geistes und besonnener Selbstbeherrschung machen, sodann auch im Besitze dieser Tugenden das väterliche Reich nicht nur nicht doppelt, sondern im Geiste und der Wahrheit tausendfach vergrößern, wenn er die verwüsteten Städte Siziliens wieder herstellte und sie nur durch das Band einer auf dem moralischen Gefühl beruhenden Gesetzgebung sowie einer von demselben edlen Geiste beseelten Staatsverfassung konzentrierte, und nur so würden sie ihm treulich beistehen sowohl bei inneren Aufständen als auch nach außen im Kriege gegen die Barbaren. [333 St.3 A] Nach Verwirklichung solcher Werke stehe sicherlich zu erwarten, dass die Karthager in eine viel größere Unterwürfigkeit kommen würden als die war, welche sie unter Gelon erfuhren, und es würde nicht wie heutzutage das Gegenteil davon passieren; bekanntlich hatte sein Vater sich anheischig gemacht, jenen Barbaren einen Tribut zu bezahlen.▷