Zum Inhalt springen

Charles Sanders Peirce (Leben)

aus AufEinWort, der freien Forschung
Benjamin Peirce
Das Geburtshaus von Peirce. Jetzt Teil der Lesley University's Graduate School of Arts and Social Sciences

Peirce wurde in Cambridge, Massachusetts, als zweites von fünf Kindern von Sarah und Benjamin Peirce (1809–1880) geboren. Sein Vater war Professor für Astronomie und Mathematik an der Harvard University und nachweislich der erste ernsthaft forschende Mathematiker in den USA. Sein Lebensumfeld war das eines gut situierten Bildungsbürgertums. Schon als Junge erhielt Peirce von einem Onkel die Einrichtung eines Chemielabors. Sein Vater erkannte seine Begabung und bemühte sich, ihm eine umfassende Bildung zu vermitteln. Mit 16 Jahren begann er die Kritik der reinen Vernunft zu lesen. Er benötigte für das Studium des Werkes, mit dem er sich täglich mehrere Stunden auseinandersetzte, drei Jahre, nach denen er nach eigener Aussage das Buch fast auswendig konnte.

Charles Sanders Peirce
Charles Sanders Peirce im Jahr 1859

Peirce litt seit seiner späten Jugend an Schmerzattacken, die heute als Trigeminusneuralgie diagnostiziert würden. Sein Biograph Joseph Brent berichtet, dass er während dieser Schmerzen „zuerst fast betäubt war, dann distanziert, kalt, deprimiert, extrem misstrauisch, ungeduldig bei der kleinsten Berührung und zu heftigen Wutausbrüchen neigend“.[1]

Peirce studierte an der Harvard University und an der Lawrence Scientific School. Er bestand 1862 den Master of Arts und war einer der ersten (1863), die den Bachelor of Science im Fach Chemie ablegten – mit Summa cum laude. Noch während seines Chemiestudiums heiratete er Harriett Melusina Fay, die aus einer prominenten Pfarrersfamilie stammte. Sie veröffentlichte Bücher zu allgemein politischen Themen und war in der Frauenrechtsbewegung aktiv.

Von 1859 bis 1891 war er mit Unterbrechungen bei der United States Coast and Geodetic Survey tätig. Ab 1861 hatte er eine reguläre Planstelle, so dass er nicht am amerikanischen Sezessionskrieg teilnehmen musste. Er erhielt diese Stelle auf Vermittlung seines Vaters, der als einer der Gründer dieser Behörde dort als Aufsichtsrat fungierte. Peirce' Aufgabenfeld lag im Bereich Geodäsie und Gravimetrie in der Weiterentwicklung der Anwendung von Pendeln zur Bestimmung von lokalen Abweichungen in der Erdgravitation. In Harvard hielt Peirce zwischen 1864 und 1870 nebenberuflich Vorlesungen über Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftstheorie. Schon zu diesem Zeitpunkt findet man in den Manuskripten der Vorlesungen fast alle Grundthemen der Philosophie, die ihn sein Leben lang beschäftigten. Zu Beginn war er sehr stark von Kant geprägt, setzte sich aber intensiv mit Fragen der Logik auseinander und entwickelte zunächst seine eigene Kategorienlehre. Die logischen Arbeiten standen in den ersten Jahren im Vordergrund. So befasste er sich 1865 mit der neuen Logik von George Boole und 1866 erhielt er einen Sonderdruck von Augustus De Morgans Logik der Relative, die seiner Denkentwicklung einen wesentlichen Impuls gab. 1867 wurde er in die American Academy of Arts and Sciences gewählt, 1877 in die National Academy of Sciences. 1868 veröffentlichte Peirce eine Artikelserie in den Proceedings der American Academy of Arts and Sciences (PAAAS, Band 7, 1868).

  • On an Improvement in Boole's Calculus of Logic
  • On the Natural Classification of Arguments
  • On a New List of Categories
  • Upon the Logic of Mathematics

Kurz darauf publizierte er im Journal of Speculative Philosophy die zweite Artikelserie

  • Nominalism versus Realism
  • What is Meant by 'Determined'?
  • Questions Concerning Certain Faculties Claimed for Man
  • Some Consequences of Four Incapacities
  • Grounds of the Validity of the Laws of Logic. Further Consequences of Four Incapacities
Charles Sanders Peirce,Foto: Napoleon Sarony, 1891

Ab 1869 schrieb Peirce in unregelmäßigen Abständen eine Vielzahl von Rezensionen und kleineren Beiträgen in The Nation, der Sonntagsausgabe der New York Evening Post. Zum Jahreswechsel 1869/70 hielt Peirce erneut Vorlesungen über die Geschichte der Logik mit Schwerpunkt „British Logicians“ an der Harvard-Universität.

In den 1860er Jahren begleitete Peirce interessiert die astronomischen Forschungen des gleichaltrigen George Mary Searle, der in dieser Zeit ebenfalls für die Coast Survey und am Harvard Observatory tätig war. Von 1869 bis 1872 arbeitete Peirce dann selbst im astronomischen Observatorium von Harvard als Assistent über Fragen der Photometrie zur Bestimmung der Helligkeit von Sternen und der Struktur der Milchstraße. 1870 erschien eine kleine, für Peirce und Logiker aber wichtige Schrift über die Logik der Verwandten (Begriffe), die auch als Vortrag vor der American Academy of Arts and Sciences veröffentlicht wurde unter dem Titel Description of a Notation for the Logic of Relatives, Resulting from the Amplification of Boole's Calculus of Logic (CP 3.45–148). Wichtig für Peirce und auch für William James war ein Zirkel junger Wissenschaftler verschiedener Disziplinen Anfang der 1870er Jahre, der als „metaphysischer Club“ bezeichnet wurde. Hier lernte Peirce die Philosophie von Alexander Bain kennen, von dem er das Prinzip des Zweifels und der Überzeugungen, die das Handeln der Menschen bestimmen, übernahm. Peirce trug seine Grundgedanken zum Pragmatismus vor und stellte sie zur Debatte, woraus später seine wichtige Aufsatzreihe von 1877/78 entstand. Diese Veröffentlichung in Popular Science wird gewöhnlich als die Geburtsstunde des Pragmatismus bezeichnet. Die Aufsatzreihe umfasst die Titel

  • The Fixation of Belief (1877)
  • How to Make Our Ideas Clear (1878)
  • The Doctrine of Chances (1878)
  • The Probability of Induction (1878)
  • The Order of Nature (1878)
  • Deduction, Induction, and Hypothesis (1878)

Zwischen 1871 und 1888 konnte Peirce im Rahmen seiner geodätischen Aufgabenstellung insgesamt fünf jeweils mehrmonatige Forschungsreisen nach Europa unternehmen, wo er eine Reihe prominenter Wissenschaftler traf. In einem Bericht an den Coast Survey legte Peirce 1879 eine neue Methode der Kartenprojektion vor, die er „Quincunx“ oder auch „quincunial projection“ nannte. Diese Art der Projektion wurde (in erweiterter Fassung) noch im Zweiten Weltkrieg von der Coast Survey als besonders geeignet zur Aufzeichnung internationaler Flugrouten vorgeschlagen. 1879 wurde Peirce „half-time lecturer of logic“ an der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore, seine einzige akademische Festanstellung. Dort waren unter anderem John Dewey und Josiah Royce seine Hörer. In dieser Zeit kam es zur Veröffentlichung von A Brief Description of the Algebra of Relatives (1882, Privatdruck) und der Herausgabe der Studies in Logic by Members of the Johns Hopkins University (1883).

Peirce hatte außer dieser Anstellung niemals wieder eine feste akademische Stelle. Von seinen Biographen wird als Ursache seine schwierige Persönlichkeit gesehen. Es gibt Vermutungen, dass er manisch-depressiv gewesen sei (Brent). Seine erste Frau verließ ihn 1876 während eines Europaaufenthaltes, von dem sie allein zurückkehrte. Über den Grund haben sich beide nie geäußert. Schon bald darauf ging er ein Verhältnis mit Juliette Froissy (Geburtsname nicht gesichert) ein, mit der er bis zu seiner Scheidung von Fay 1883 unverheiratet zusammenlebte. Schon zwei Tage nach der Scheidung heiratete er Juliette. Vermutlich aufgrund des damit verbundenen Skandals verlor er 1884 seinen Posten an der Johns-Hopkins-Universität.

Arisbe – Das Wohnhaus von Peirce ab 1887 im Jahr 2011
Juliette und Charles Peirce im Jahr 1907

1887 nutzte Peirce die Erbschaft seiner Eltern, um sich eine Farm bei Milford, Pennsylvania, zu kaufen, wo er – mit Ausnahme einiger Reisen, vor allem zu Vorträgen – den Rest seines Lebens verbrachte, unablässig schreibend. Ende der 1880er Jahre leistete Peirce einen wesentlichen Beitrag zu The Century Dictionary and Cyclopedia, einer von James Mark Baldwin herausgegebenen, 450.000 Begriffe und Namen umfassenden Enzyklopädie in den Bereichen Mechanik, Mathematik, Astronomie, Astrologie und Philosophie.[2] Nachdem er einen umfangreichen wissenschaftlichen Bericht über seine Pendelversuche an die US Coast Survey geliefert hatte, dieser aber von dem erst seit kurzem amtierenden Superintendenten Thomas C. Mendenhall abgelehnt worden war, gab Peirce seine Stellung bei dieser Behörde nach über 30 Jahren Ende 1891 auf. Damit hatte er seine gesicherte wirtschaftliche Lebensgrundlage verloren und musste nun sein Geld ausschließlich durch Unterricht, Übersetzungen, Vorträge und Veröffentlichungen verdienen. Eine wesentliche Basis waren Lexikonbeiträge sowie die Rezensionen in der Zeitschrift The Nation, mit deren Herausgeber Wendell Phillips Garrison Peirce freundschaftlich verbunden war. Durch eine weitere Freundschaft mit einem Richter fand er auch ab ca. 1890 Zugang zu Paul Carus, dem Herausgeber der Zeitschrift The Monist, in der er eine Vielzahl von Aufsätzen veröffentlichte. Erst spät baute Peirce seine metaphysischen Gedanken aus, insbesondere den des Kontinuums und die Integration der Evolution in seine Philosophie. Diesen Themenkreis behandelte Peirce in seiner ersten Aufsatzserie in The Monist (1891–1893):

  • The Architecture of Theories
  • The Doctrine of Necessity Examined
  • The Law of Mind
  • Man's Glassy Essence
  • Evolutionary Love
  • Reply to the Necessitarians

Den Schwerpunkt Logik und Methoden logischen Schließens hatte eine Artikelserie aus dem Jahr 1892 in The Open Court, einer ebenfalls von Carus herausgegebenen Zeitschrift:

  • Pythagorics
  • The Critic of Arguments I. Exact Thinking
  • Dmesis
  • The Critic of Arguments II. The Reader is Introduced to Relatives

Der formale und mathematische Anspruch dieser Artikelreihe war so hoch, dass zwei weitere Artikel, deren Manuskripte bereits fertiggestellt waren, nicht mehr zur Veröffentlichung kamen:

  • The Critic of Arguments III. Synthetical Propositions a priori
  • The Critic of Arguments IV.

Peirce Verhältnis zur Religion ergibt sich unter anderem aus drei Artikeln in The Open Court aus dem Jahr 1893, in denen er sich einerseits für eine klare Trennung von Wissenschaft und Religion aussprach, andererseits Verkrustungen und Zersplitterungen der verfassten Kirchen kritisierte. Liebe ist das Prinzip für das Leben und die einzige Grundlage einer Universalreligion. Die Titel der Aufsätze lauten:

  • The Marriage of Religion and Science
  • Cogito Ergo Sum
  • What is Christian Faith
Grab Charles S. und Juliette Peirce

In den Folgejahren begann er eine Reihe von Buchprojekten, die sich jedoch nicht realisieren ließen, obwohl die Manuskripte zum Teil schon weit gediehen waren. Im Winter 1892/93 konnte Peirce am Lowell Institut 12 Vorlesungen über Wissenschaftsgeschichte halten. Im Lauf der Zeit geriet er in immer größere finanzielle Schwierigkeiten, die ihn bis an sein Lebensende begleiteten. Oft genug fehlte das Geld, um auch nur Nahrungsmittel oder Brennmaterial für die Heizung zu beschaffen. Auf Vermittlung von William James, mit dem er seit der Zeit seines Chemiestudiums befreundet war, konnte Peirce im Jahr 1898 eine Vorlesungsreihe in Cambridge mit dem Generalthema Reasoning and the Logic of Things halten. 1903 konnte James nochmals helfen, so dass Peirce die Möglichkeit einer Vorlesungsreihe in Harvard über Pragmatism as a Principle and Method of Right Thinking erhielt. Ebenfalls 1903 konnte Peirce acht Vorlesungen am Lowell Institut über Some Topics of Logic Bearing on Questions Now Vexed halten. Die drei Vorlesungsreihen sind für die Rezeption wichtig, da Peirce sich auf Drängen von James bemüht hatte, seine Vorlesungen nicht zu schwierig zu gestalten, sondern auf ein allgemeines Publikum auszurichten. So hat Peirce in einem relativ reifen Stadium seines Denkens wesentliche Eckpunkte seiner Philosophie in einem geschlossenen Zusammenhang dargestellt, allerdings nicht veröffentlicht. Einen anderen Überblick über das Denken von Peirce gibt eine Bewerbung aus dem Jahr 1902 auf ein Stipendium der Carnegie Institution, in der er in einem umfangreichen Exposé darlegt, wie er seine Philosophie in einem geschlossenen Werk darstellen könnte.[3] Seine Bewerbung wurde jedoch abgelehnt. Ebenfalls in das Jahr 1903 fällt die Rezension des Buches What is Meaning von Victoria Lady Welby. Diese hatte für die Klärung des Begriffs Bedeutung einen semiotischen Ansatz mit drei Graden der Signifikation gefunden. Hieraus entspann sich ein langjähriger Briefwechsel, aus dem sich umfangreiche Darlegungen zur Semiotik ergaben. In den Jahren 1905 bis 1907 distanzierte Peirce sich immer mehr von den anderen Pragmatisten und nannte schließlich seine Philosophie Pragmatizismus. Ab 1906 wurde er von einer Stiftung unterstützt, die James ins Leben gerufen hatte. Peirce blieb ohne Kinder und starb 1914 an Krebs, zwanzig Jahre vor seiner Witwe.

  1. ↑ Josep Brent: Charles Sanders Peirce: A Life. 2. Auflage. Indiana University Press, Bloomington 1998, ISBN 978-0-253-21161-3 (englisch).
  2. ↑ Die Liste der Beiträge (PDF; 2,4 MB), wie sie vom Institute for Studies in Pragmaticism erfasst ist, umfasst 40 dreispaltige Druckseiten.
  3. ↑ Patrick J. Coppock: Grammar, logic and community in science: Charles Sanders Peirce and his presuppositional classification of the sciences. (Memento vom 4. September 2014 im Internet Archive) (PDF; 895 kB), abgerufen am 7. Juli 2013.