DG1G/Exkurs über Germanisch und Deutsch/07
▷Wer nun aus diesen Stellen folgern wollte, erst im neunten Jh., seit Karl der Große die deutschen Stämme stärker vereinte, sei die allgemeine Benennung entsprungen, würde fehlen, das Wort war, wie wir sahen, schon bei den Goten des vierten oder fünften Jh., und gewis auch früher überall vorhanden, warum hatte es nicht für den Begriff gelten sollen, den die Latein Schreibenden durch ein vulgo, rustice, sermone barbaro, barbarico[1] illius gentis sermone, juxta rusticitatem vornehm bezeichneten? Schwebt doch selbst dem Walafried und Otfried, neben ihrem theotiscus immer noch das barbarus und die barbaries auf der Zunge. Die barbara carmina[2], die vulgaria carmina[3], die carmina gentilia[4] bei Eginhard cap. 29, dem poeta Saxo 1, 168. 5,117. Theganus cap. 19 meinen, ohne daß sie geringeres ausdrücken wollen, gerade was theotisca besagt hätte; vgl. Carmen barbaricum in der Rubrik des lat. Ratpertliedes. In seinem Texte selbst mußte Otfried frenkisg dem Laien gefallen, in den lat. Phrasen dem geistlichen Leser das theotiscus zusagen: jenes klang stolzer, dieses gelehrter, aber theotiscus galt von dem Goten, Franken, Sachsen und Alamannen; bloß das kann man zugestehn, daß nach dem festeren Abschluß des hauptdeutschen Reichs, des Fränkischen, die außer ihm stehenden Stämme sich des allgemeineren Ausdrucks mehr enthalten haben, eben weil er eine gewisse Einschränkung und Bestimmtheit empfangen mußte, wobei auch der früher obwaltende Bezug auf den Niederrhein vielleicht nachhielt, bei Angelsachsen begegnet weder wenn sie lat. noch wenn sie ags. schreiben ein theodiscus, þiudisc in der entwickelten Bedeutung; doch setzt Älfred im Boeth. 43 das subst. þeódisc für þeód, Volk, und metr. 10, 51 on monig þeódisc (in variis gentibus); unter Langobarden finde ich den Mannsnamen Teotisch[5] (Lupi p. 659 a. 816.) das ahd. diutiscâ ist gramm. 4, 264. 891 besprochen; bei seinem in diutiscûn (ps. 80, 3. Arist 40. 63. 141) denkt sich Notker kein Alamannisch, sondern Allgemeindeutsch, Gemeindeutsch, in solchem Sinn führen es auch andere Urkunden und Denkmäler des 10. 11. Jh. fort: 'usque ad acutum monem, qui diutisce wassinperch dicitur'[6] hat dipl. Otto des 2 von 974 (Längs gaue p. 148); 'capsulas apibus ponendi, quod rustice cidelwida dicitur'[7] ch. a. 1025 (Längs reg. 4, 732); 'ad arborem, que vulgariter dicitur melboum'[8] ch. a. 1036 (Höfers arch. 2, 157.) Durch die Poesie des 12. 13 Jh. wurde aber die Benennung gehoben: *diutischin (germanice) sprechin' Anno 313; 'in dutischen' Alex. 16. vom gelouben 2912; 'mit dûtisker rede 'Mar. 148, 41; 'tiuschen' Parz. 416, 30; in tiusche Greg. 2; 'in tiuscher zungen' Kl. 2156; 'diu tiutsche, tiusche" Wh. 237, 11. welsch, gast 41. Ls. 3, 327. 329 ; und das bäurische war genöthigt von der Sprache ab sich auf den Inhalt zu beziehen: 'von dem die geburen singent', 'dar de bur van singhet' (Heldensage s. 281. 286.) Als aber nach der Trennung Frankreichs der Begriff der Deutschheit wieder auf den Kern des inneren Landes wies, mußten die überrheinischen Franken aufhören Deutsche zu heißen, und wie sie sich selbst Alemans et Tyois [9](Meon 2, 313. 4, 185) gegenüber stellen, wurden sie bei uns erst als Kerlinge, dann als Franzosen unterschieden: Pilat 324 steht tütisch Volk den Karlingeren entgegen; die Kaiserchronik cod. pal. 361, 2b schreibt seltsam totis volc der Phaffe Chuonrat kehrt aus franzischer Zungen in die tûtiske Rol. 310. Den Niederländern, die sich zum deutschen Reiche rechneten, verblieb der name dietsc 'in dietsce' (theotisce) Rein. 9; als Reinaert lateinisch zu beichten anhebt, sagt ihm Grimbert: 'walschedi? sprêct in dietsche, dat ict mach verstaen' Rein. 1461; Maerlant im Franciscus: 'om dat ic Vlaminc ben, met goeder herte biddic hen, die dit dietsce sullen lesen?' Hoffm. horae Belg. 1, 14, wo noch andere stellen p. 25. 26. 27. 61[10]; 'walsch en dietsch' Stoke 2,188. Nnl. duitsch. Wir verbinden heute mit deutsch die Vorstellung der angestammten Sprache in voller Reiheit und Allgemeinheit des Ausdrucks, Die Grammatik hat ihn noch über die Grenzen des Landes, das gegenwärtig Deutsches heißt, auszudehnen, und jenes frühere Verhältnis, wonach Deutsch minder edel erscheinen konnte als Fränkisch oder Sächsisch, dreht sich um, da uns Deutsch die allgemeine Ausbildung unserer Sprache, die von einzelnen Stämmen hergenommne Benennung nur den fortdauernden örtlichen Zustand bezeichnet.
Die bisher gewonnenen Ergebnisse verdienen aber noch andere Bestätigung und Erweiterung.◀▷
- ↑ 1) 'barbarice clamans au wê mir wê! casus S. Galli (Pertz 2, 98.)
- ↑ "barbarische Lieder"
- ↑ "Volkslieder"
- ↑ "Nichtjüdische Lieder"
- ↑ Anm. KF: "Sowohl Vorbemerkung wie Regest erkennen richtig den Zusammenhang zwischen Teutisci und Bayern, mögen auch die Terminologie wie die Ausschließlichkeit der Aussage anachronistisch und übertrieben sein. Auf einen älteren italischen Beleg für Teotisch(i) (816 VII 19) macht Jarnut, Bergamo 19 mit Anm. 42 und 141 mit Anm. 92, nach Codex diplomaticus Langobardiae n. 92; col. 173, aufmerksam; siehe demnächst in den MIOG. 312 Brühl (wie Anm. 311), dessen Überlegungen zu den „Anfängen der deutschen Geschichte" schon vor mehr als zwei Jahrzehnten lebhaft begrüßt wurden (siehe M I O G 82, 1974, 509 f.), fällt hier der üblichen frankozentrischen Betrachtungsweise zum Opfer, so daß er die bayerische Zwischenstufe der von ihm schon seinerzeit zurecht als langwierigen Prozeß beschriebenen deutschen Nationswerdung übersehen muß. (Quelle)
- ↑ sogar bis zur scharfen Spitze, die schließlich deutsch „Wassinbarsch“ genannt wird
- ↑ Kisten zum Platzieren von Bienen, die im Land Cidelwida genannt werden
- ↑ zu einem Baum, der allgemein Melboom genannt wird
- ↑ 1) Aus dem T dieses romanischen tyois, tiesc haben die mhd. Dichter des 13 Jh. ihr unorganisches tiutsch für diutscb, das gleichwohl immer noch daneben durchbricht.
- ↑ 2) wenn p. 14 dûtsc und dietsc seltsam nebeneinander stehn, scheint mit jenem Hochdeutsch gemeint? doch p. 26 in dûtscer tale und p. 90 dûtscen für niederdeutsch.