DG1G/Exkurs über Germanisch und Deutsch/25
▷Geringere Schwierigkeit hat es das Verhältnis zwischen unsrer Schriftsprache und den unter dem Volke lebendigen gemeinen Mundarten[1] anzugeben. Diese enthalten das vielgestaltige Material der entweder nie zur höheren Ausbildung gelangten oder wiederum versunkenen besonderen Dialekte einzelner deutscher Stämme: es wird oft gar nicht zu ermitteln stehn, welche beider Ursachen über das Schicksal der Mundart entschieden habe, in der Regel ist es die Macht der Poesie, durch welche unter begünstigenden äußeren Bedingungen die Herrschaft einer Sprache vor der andern bestimmt wird, der zurückbleibende Dialekt fristet auf kargem Boden und ungepflegt, in immer enger werdende Grenzen abgeschlossen sein kümmerliches Dasein, kann aber durch die treue Anhänglichkeit des Volks sehr lange zeit aufrecht erhalten werden. So ist z. b. der hessische, der türingische Dialekt niemals der Schrift und Dichtkunst teilhaftig, der friesische oder sächsische seiner Bildung nachher verlustig geworden: jene beiden hat früher, diese erst später die Gewalt der hochdeutschen Zunge niedergedrückt, doch muß gegenüber dem friesischen auch das niederländische und dänische in Betracht kommen, so schmal und langgestreckt war die Mundart. Wer nun heute die friesische oder sächsische Sprache schriftlich zu fassen unternimmt, befindet sich in gleicher Lage mit dem, der schwäbisch, scltweizerisch oder bairisch schreibt und dichtet: ihnen allen entgeht der Hauptvorteil gehobener, gereinigter Mitteilung, allein sie vermögen kleine Vorlage immer noch zu behaupten.
- ↑ * ) So muß man sich, unverächtlich, ausdrücken, gemein im Sinne von vulgaris verstanden, ein Begriff der, wie gezeigt worden ist, anfangs selbst der nunmehr gehobnen Benennung Deutsch anhaftete, in Mundart allein liegt bloß διάλεκτος ἰδιωτισμός was von jeder Eigenheit ebenwohl der Schriftsprache gilt; gleich unbestimmt scheint Volkssprache, das zwar die Sprache des gemeinen Manns, aber auch des Volks überhaupt bezeichnet, verletzender sind die Ausdrücke grobe, rohe , niedrige, platte Mundart, span. language tosco franz. langage grossier, bas langage, patois ital. dialetto piatto, triviale; platt reden ist gemein, grob und bäurisch reden, was ebensowohl jeden andern als den sächsischen Vulgärdialekt bezeichnet, da aber die sächsische Mundart der hochdeutschen Schriftsprache überhaupt entgegen trat, haben Plattdeutsch und Niederdeutsch notwendig den Begrif der vernachlässigten und zurückweichenden sächsischen Vulgärsprache erhalten müssen und der Name Hochdeutsch für die veredelte Schriftsprache steht umso mehr gerechtfertigt. Ten Kate nennt sein feines Niederdeutsch verheven, und wir stellen den höheren Stil, die erhabene Schreibart als die feierliche Sprache der vertraulichen des gewöhnlichen Lebens gegenüber.