GULR/Einleitung/10
▷Adelung stellt auch die altdeutsche Sprache als eine rohe, misstönende, dem Geheul wilder Thiere ähnliche dar, und doch hat uns Grimm die hohe Schönheit und Vollendung der altgothischen Sprache des Ulphilas dargethan, die unmäglich so schnell so weit gediehen wäre, wenn einige Jahrhunderte vorher Volk und Sprache noch eine solche Barbarei gedrückt hätte. Da mun auch die deutsche Sprache nicht nur Namen von natürlichen Gegenständen, wie taw Thau, Ersen Hirse, fered Plerd, gau Kuh, lam lahm mit der Persischen gemein hat, sondern auch Ausdrücke von Kunstproducten, wie bend Band, pistr Polster, chus Haus, tas Tasse, gird Girtel, gardin Gardiene, tal Teller, wadschterwägen, kup Kuffe, kamer Kummer, lac Lack, balsem Balsam, von denen mehrere wie cupa, camera, laca, balsamun bis ins Latein mit übergingen, so sieht man, dass die Germanen schon manche Gegenstände der Kunst and manche Gewerbe mit nach Europa brachten. Es würde auch für die germanischen Völker, welche vielleicht durch die starkwachsende Berölkerung gedrängt nach Scandinavien übersetzten, in diesen noch rauhern Ländern ein nachtheiliger Einfluss auf Körper und Geist sich gezeigt haben, wie ihm Lappen und Samojeden erfuhren, wenn sie micht durch Kenntniss von mancherlei Gewerben und Künsten gegen den ungünstigen Einfluss der Witterung und gegen Mangel sich hätten schützen können. Völker, welche dies nicht verstehen, verkrüppeln, wie in ungünstigen Himmelsstrich und Boden versetzte Pilanzen. Dass also die Germanen später Jahrhunderte lang mit den Römern siegreiche Kämpfe führen, deutet auf innere Zucht und Ordnung, dass, ungeachtet grosser Menschenverluste in so vielen Schlachten – wenn auch nicht nach der Römer prahlenden Berichten, ganze Stämme bis auf den letzten Mann vertilgt sein mögen – immer neue Schaaren hervorbrechen und in wenigen Jahrhunderten das oströmische Reich oft erschüttern, das weströmische stürzen, Italien, Gallien, einen Theil Spaniens und Brittanien unterwerfen und bevölkern, ja bis Afrika übersetzen können, ohne dass Deutschland verödet, setzt eine zahlreiche Bevölkerung voraus, die nur durch Ackerbau und Gewerbe bestehen konnte, daher wir, da die Entwickelung solcher Erscheinungen, zumal im Norden, Zeit erfordert, annehmen müssen, dass lange Jahrhunderte vor der geschichtlichen Erwähnung die Germanen Europa und Deutschland bewohnen und nur wegen Unkenntniss der Schreibekunst in jenen Zeiten, vielleicht auch durch den Untergang manches schriftlichen Denkmals ihre Thaten und Schicksale uns unbekannt geblieben sind. Wenn nun fast in allen Zeiten fortwährend einzelne Stämme, von den Römern meist gallische genannt, den Weg nach Italien finden, so darf es uns nicht auffallen, dass auch früher einige die Alpen überstiegen, unter Italiens mildem Himmel sich niederliessen und den Kern eines Volkes bildeten, das den Süden, Osten und Westen sich unterwarf, aber nicht ungestraft dem alten Stammsitze nahen durfte, vielmehr als es ausgeartet war von der alten Einfachheit der Väter durch Ausländerei und orientalische Schwelgerei, durch seinen von Völkergemisch und Lastern reinen Bruderstamm gestraft wurde, der allein die gepriesene römische Tapferkeit und Unbesiegbarkeit zu übertreffen in Stande war. Da mun die Unmöglichkeit einer frühen Einwanderung germanischer Stämme nach Italien auf keine Weise wird gezeigt werden können, vielmehr sehr vieles für sie spricht, da die Zahl der mit den germanischen Sprachen zusammenhangenden und die ersten Begriile und Bedürfnisse bezeichwenden Wörter mi Latein sehr gross ist, die Abstammung anderer nur aus germanischen Wurzeln und die Flesion, zumal des Zeitworts nur durch Hille des Germanischen erklärt werden kann, so müssen wir auf die Ähnlichkeit beider Sprachen mehr achten, als auf die Angaben mit dem Norden unbekannter römischer und griechischer Schriftsteller, welche Alles aus dem Griechischen ableiten wollten und denen viele neuere nur zu oft folgend, es – wenn auch mit wenig Glück – versuchten, die lateinische Sprache als griechischen Dialect zu erklären. Allein wenn man auch zugiebt, dass die griechische Sprache einen wesentlichen Einfluss auf die Bildung und besonders die Wortfügung des Lateinischen gehabt hat, so weiss man doch, dass die Zahl der gleichlautenden und besonders die ersten Elemente des Lebens bezeichnenden Wörter nicht so sehr gross ist, welche dagegen auf eine auffallende Weise mit dem Deutschen übereinstimmen, und dass endlich das lateinische Verbum aus dem Griechischen sich gar nicht erklären lässt. Mehr Ausdrücke der Kunst, Wissenschaft und des gebildetern Lebens hat die lateinische Sprache allerdings aus dem Griechischen; doch zeigt ja eben hierin sich der spätere Einfluss. Wenn daher oft alle drei Sprachen dasselbe Wort haben, wird man es, wenn wan bisher das Latein aus dem Griechischen ableitete, zumal wenn es einen natürlichen Gegenstand bezeichnet, mit mehr Recht auf das Germanische zurückführen. Selbst die dem Griechischen ähnlichere Form wird nicht entscheiden, da man annehmen kann, dass besonders die Schriftsprache den dem Griechischen ähnlich klingenden Ton vorzog, die Volkssprache aber für uns verloren ist, wir müssten denn in dem heutigen Halienischen noch einzelue Spuren finden. Übrigens darf nicht übersehen werden, dass auch in Griechischen ein germanisches Element, worauf Platos Cratylus uns schliessen lässt, sich findet, und das von Bushorn, Kanne, Kwithan und andern schon dargethan ist, auch ausserhalb der Gränzen dieser Untersuchung liegt.