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GULR/Einleitung/3

aus AufEinWort, der freien Forschung

▷Geben wir auch zu, dass es eine gemeinschaftliche Ursprache bei den Völkern kaukasischen Stammes gab, worauf die Verwandschaft vieler Wortstämme und Wortbiegungen in den vom atlantischen bis indischen Ocean verbreiteten Sprachen weiset und dass der Einfluss der Sanscritsprache in allen sichtbar ist, so werden wir doch auch nicht läugnen können, dass oft Sprachen einander ganz nah, ja vermischt unter einander wohnender Völker wie z. B. germanischer und slavischer nur wenig mit einander gemein haben, daher eine sehr frühe Trennung dieser Stämme angenommen werden muss, dagegen Sprachen anderer vielleicht weit getrennter Völker, sich viel näher stehen. Es bleibt daher immer noch die Untersuchung übrig, welche von den einzelnen verwandten Sprachen die ältere sei, und welche sich auf naturgemässem Wege am leichtesten von der andern herleiten lasse?

Der Untersuchung, ob das Deutsche vom Englischen oder das Englische vom Deutschen abstamme, überhebt uns die Geschichte. Aber wie verhält es sich mit den Ursachen der Ähnlichkeit zwischen dem Latein und Deutschen, worüber sie nichts sagt. Sollen die lateinischen Wörter zu den deutschen durch die Römer gekommen sein, so müsste dies entweder in den Zeiten der Kämpfe der Germanen und Römer oder in einer über die Geschichte hinaus liegenden Zeit geschehen sein.

Sollten die Deutschen erst in einer so späten Zeit, etwa in Cäsars Jahrhunderte, Ausdrücke für die Theile ihres Körpers, der Verwandschaften, die Begriffe des Wollens, Habens etc. bekommen haben, so müssten sie das roheste Volk der Erde gewesen sein, nicht über das Thier erhaben, welchem ihr Auftreten in der Geschichte widerspricht, da sie zu keiner Zeit als geistlose und rohe Wilde erscheinen.

Oder sollen die altdeutschen Ausdrücke durch römische verdrängt worden sein? Aber wie wäre dies möglich gewesen, da Deutschland nie von den Römern auf die Dauer in Besitz genommen wurde, und sie eine Liebe zu ihrem Lande und ihrer Sprache zeigten, wie kein ander Volk? Auch würden sich dann für jene Dinge Synonyme finden, die aber grade hier meist fehlen. Und wie drangen denn diese Wörter zu den nördlichen Sachsen oder gar nach Scandinavien? Ja wie drangen in dies nördliche, fern jenseit des Meeres liegende, nie von einem römischen Fusse betretene Land eine Menge von Ausdrücken, die nicht nur mit dem Lateinischen gleichen Ton und gleiche Bedeutung haben, sondern sogar diesseits der Ostsee, in dem eigentlichen Deutschland sich nicht finden? Sollen etwa die Scandinavier aus einer lateinischen Lexicon im 9ten Jahrhundert erst es gelernt haben, dass der hell leuchtende und wärmende Körper, dem sie in ihrem kältern Lande gewiss mit Freuden stets entgegen sehen, Sol hiess und die ersehnte Zeit der erwachenden Natur wäär? Ja woher finden sich in der gemeinen Volkssprache vieler Provinzen mehrere in der Büchersprache nicht übliche und doch mit dem Latein gleich lautende Wörter? Oder sollen wir annehmen, dass lange Jahrhunderte vorher italische Völker eine Wanderung nach Deutschland unternahmen?

Aber so früh bestand die römische Sprache selbst noch nicht einmal, die, wie schon von Vielen gezeigt worden ist, sich aus einem Gemisch mehrer Völker bildete. Denn wie die Römer selbst kein Urvolk waren und deshalb auch von den Athenern σύγχλυδες genannt wurden, so war auch ihre Sprache keine Ursprache, sondern eine Mischsprache. Dies war den Römern selbst auch wohl bekannt, daher auch Varro in seinem Werke, de lingua latina sagt: multās vōcēs Graecōrum et Latīnōrum orīgine esse barbarās et etymologiae vetustāte obtrītās[1]. Und was hätte auch Völker antreiben können, nach einem nördlichern, rauhern Himmelsstrich zu ziehen, zumal aus einem glücklichen, fruchtbaren und keinesweges übervölkerten Lande, was immer noch Raum genug für viele zur See herbeikommende Colonisten hatte? ja, wie wäre eine solche Einwanderung möglich gewesen, da andere Stämme sich zwischen die germanischen und Italien gezogen hatten?

Endlich sollen wir, da ein grosser Theil dieser Wörter zugleich in der persischen und Sanscritsprache sich findet, glauben, dass sie von den Lateinern zu den Germanen und von diesen zu Persern und Indern wanderten? Dies hiesse doch den ganzen Gang der Völkerwanderungen umkehren, der Natur und allen geschichtlichen Überlieferungen Hohn sprechen!

Es bleibt uns also nur übrig anzunehmen, dass diese Wörter von den Germanen zu den Römern wanderten. Und dagegen wird sich nichts Erhebliches einwenden lassen. Die deutsche Sprache ist keine Misch-, sondern eine Ursprache von grosser Eigenthümlichkeit, ausgezeichnet durch die Art, den Ton auf die Stammsylbe zu legen, durch Biegungen, Zusammensetzungen und Wortfolge, Sprache eines zahlreichen Volkes; von dem die Einwohner der meisten andern europäischen Länder abstammen, das nie einen Eroberer lange in seinem Lande sah, und das, wenn auch mancherlei Volksstämme an, und hie und dort innerhalb seiner Gränzen wohnten, doch dieses geistige Element so treu bewahrte, dass der grosse britische Sprachforscher Murray sagt, er kenne von allen Sprachen, die vom indischen bis atlantischen Meere gesprochen würden, keine reinere als die deutsche.

Durch Ton, Beugung, Mangel an Fähigkeit zusammengesetzte Wörter zu bilden, verräth sich auch das ausländische Wort leicht, und der Wortreichthum der deutschen Sprache, wie die Fähigkeit immer Neues zu bilden, welche auch in den frühesten gothischen Denkmälern schon sich zeigt, macht ihr alles Fremde leicht entbehrlich. Warum sollte der Reichthum zur Armuth betteln gehen? Ihre Formen sind die reinsten und vollsten, und haben sich behauptet, während die Südländer, sei es aus Streben nach Wohlklang auf Kosten der Deutlichkeit, oder aus Bequemlichkeit mangelhaftere, verstümmelte haben, wie wir weiter unten zeigen werden.

Ist es nun denkbar, dass eine Ursprache mit ihren vollern, reinern Formen von der Mischsprache abstammen sollte, oder scheint es nicht jedem natürlich, dass der umgekehrte Fall eingetreten sei und daher das Latein vom Deutschen hergeleitet werden müsse. Aber auch Erdkunde und Geschichte spricht für eine solche Abstammung. Sei es auch, dass die Griechen die thörichte Meinung von Autochthonen hatten, wo in jedem Lande die Menschen wie Pilze gewachsen sein sollen, so könnten wir heute nach so viel geistvollen Untersuchungen über die persische und indische Sprache ihr doch keinesweges mehr huldigen.

Denn wollte man auch der Meinung mancher Philosophen folgen, welche das menschliche Geschlecht nach den verschiedenen Stämmen von verschiedenen Urältern ableiten; so würde man doch keinesweges so weit gehen dürfen, jedem einzelnen Lande ein besonderes Menschengeschlecht zu geben, sondern wenigstens die Völker caucasischen Stammes, zu dem alle Europäer gehören, von Asien aus, wohin Sagen, Geschichte, Planzen- und Thiernamen, und besonders die Sprachen zeigen, durch deren Studium ein neues Licht für die Geschichte aufgegangen ist, einwandern lassen müssen.

Wenn nach den Untersuchungen von Wahl, Herrn von Hammer und Frank, über persische Sprache eine solche Menge ähnlicher Wörter im Persischen und Deutschen sich zeigt, dass fast der 3te Theil des persischen Sprachschatzes germanisch ist, und die grösste Ähnlichkeit in den Infinitivendungen – griften, greiffen, porsidan, forschen etc. Statt findet, wenn man nicht übersieht, dass die Trennung dieser germanischen Völker vom asiatischen Mutterlande an 4000 Jahre her sein mag, dass in Persien viele Wörter durch die mannigfaltigen Eroberungen, Umwälzungen und Einwanderungen verloren oder verändert worden sein müssen, so darf man wohl die Verwandschaft beider Völker nicht abläugnen, wenn auch die historischen Werke der Alten davon schweigen.

Die Germanoí des Herodot, wie gering man dies auch, in neuerer Zeit hat auschlagen wollen, sind also gewiss eben so wenig bedeutungslos, als der Name Armenien, in welchem Lande die Kreuzfahrer Friedrichs Barbarossa zu ihrem Erstaunen Einwohner fanden, die eine der baierschen ähnliche Sprache redeten. Auch zeigen die von Busbeck in seinen Briefen angeführten Wörter der Alanen[2] in der Krimm, welche man für mösogoethische hielt, die Spuren der alten Wanderung, und deutlicher hat sie der tief forschende Ritter nachgewiesen.

Alle jene frühen Wanderungen aber erfolgten zu Lande, da die Schifffahrt, selbst 4 und 3 Jahrhunderte vor Christo, so in ihrer Kindheit war, dass an eine Colonisation zu Wasser kaum zu denken ist. Wir können also annehmen, dass sehr früh, vielleicht 2 Jahrtausende vor unserer Zeitrechmung, germanische Stämme aus Asien aufbrachen und nach Westen wanderten, wahrscheinlich längere Zeit mi Norden der Donau wohnten, bis nach stärkerer Vermehrung ein Theil sich nördlich, der andere sich südlich wandte, ein dritter zurückblieb.

Der nach Norden wandernde setzte wahrscheinlich, vielleicht nach und nach, über die dänischen Inseln zur See nach Schweden. Denn ohnerachtet manche ihn unmittelbar aus Persien zu Lande einwandern lassen wollen, so ist es doch nicht wahrscheinlich, dass Völker gleich bei ihrer Trennung aus Aien sich so sehr gegen den unfreundlichen Norden sollten gewendet haben und über Finnland und Nordland hinunter nach Gothland gedrungen wären, vielmehr deutet die Ähnlichkeit der dänischen mit der schwedischen Sprache und der Name Gothenburg und Gothland auf den natürlichern Weg über die dänischen Inseln.

Der nach Süden wandernde Stamm ging über die Donau und Alpen, und gelangte so in das fruchtbare und milde Italien, welches er nicht wieder verliess. Freilich die Geschichte sagt nichts davon. Aber sie schweigt auch von der Berölkerung Scandinaviens durch germanische Stämme, welche doch niemand läugnet. Und wenn wir nun wissen, dass auch Brittanien, Gallien und Hispanien von Deutschland aus bevölkert worden sind, warum will man mit Italien eine Ausnalme machen, da der Landweg dahin eben so über Deutschlaud fülirt, wie in jene Länder.

Dass römische Geschichtsschreiber diese Abstammung nicht erwähnen, will nichts sagen, da die Schreibekunst ers spät nach Italien kam und zwar durch Griechen, welche, wohin sie kamen, aus Nationalstolz überall griechische Abkömmlinge suchten, man auch die nördlichen Völker nicht kannte, und durch das Völkergemisch und Gedränge in Italien die Sage grösstentheils verhallt war. Dennoch erhielt sich noch mancher Anklang, dass die Ureltern aus einem mit Eichen besetzten Lande gekommen wären, wovon folgendes Distichon zeigt:

Τηλόθῐ δίσκε δρυός πέλεκυν, κοκὺαι γὰρ

Fern von dem Eichbaum wirfst du die Axt, denn es sagten die Väter, Dass als Mutter zuerst, einst uns die Eiche gebahr.

  1. ↑ dass viele griechische und lateinische Wörter barbarischen Ursprungs sind und ihre Etymologie durch die Antike abgenutzt ist
  2. ↑ *) Brot, Stul, Hus, Reghen, Silver, Holz, Salt, Sonne, Stern, Tag, Handa, Bogu, Schlieten.