Gorgias 2 (Platon)
3. Teil: Gorgias 3 (Platon)
SOKRATES: Sagtest du jetzt nicht so, die Redner töteten wen sie wollen, und beraubten des Vermögens und verbannten aus der Stadt wen ihnen gut dünkt?
POLOS: So sagte ich.
SOKRATES: [D] So sage ich dir denn, dass dies zwei Fragen sind, und dass ich dir auf beide antworten will. Ich behaupte nämlich, Polos, Macht haben Redner sowohl als Tyrannen eigentlich am wenigsten im Staat, weil sie nämlich nichts tun was sie wollen, dass ich es grade heraus sage, jedoch tun sie freilich was ihnen dünkt das Beste zu sein.
POLOS: Dies ist ja doch eben die Macht haben, das viel vermögen.
SOKRATES: Nein, wie Polos wenigstens sagt.
[E] POLOS: Ich sagte Nein? Ich sage eben Ja.
SOKRATES: Nein wahrlich, du wohl nicht, da du ja sagtest, Macht haben, viel vermögen sei etwas Gutes dem der sie hat.
POLOS: Das sage ich freilich.
SOKRATES: Meinst du also, das sei gut, wenn, was ihn dünkt das Beste zu sein, einer ausrichtet, der keine Erkenntnis hat, und nennst du das viel vermögen?
POLOS: Nein, das nicht.
SOKRATES: Also musst du zeigen, dass die Redner Erkenntnis haben, und die Redekunst eine Kunst ist, [467 St.1 A] nicht bloße Schmeichelei, mich widerlegend. Wenn du mich aber unwiderlegt lässt, so werden die Redner, wenn sie in den Städten tun, was ihnen gut dünkt, und so auch die Tyrannen, hieran nichts Gutes besitzen. Und Macht haben soll doch wie du behauptest etwas Gutes sein. Ausrichten aber was einen gedünkt ohne Erkenntnis, das räumst auch du ein, sei ein Übel. Oder nicht?
POLOS: Das räume ich ein.
SOKRATES: Wie also sollten wohl Redner Macht haben im Staate oder auch Tyrannen, wenn nicht dem Sokrates zuvor vom Polos bewiesen wird, dass sie bewirken [B] was sie wollen?
POLOS: Das ist mir ein Mann!
SOKRATES: Ich leugne, dass sie bewirken was sie wollen. Widerlege mich.
POLOS: Hast du nicht eben zugegeben, dass sie bewirken, was ihnen dünkt das Beste zu sein? SOKRATES: Das gebe ich auch noch zu.
POLOS: So bewirken sie ja, was sie wollen?
SOKRATES: Das leugne ich.
POLOS: Unerachtet sie bewirken was ihnen gut dünkt? SOKRATES: Ja.
POLOS: Erbärmliche Sachen sagst du, und ganz ungewaschene.
SOKRATES: Ei, teures Freundchen, dass ich dich doch nach deiner Weise anrede, schelte nicht, sondern wenn du verstehst mich zu fragen, so zeige dass ich unrecht habe, wo nicht, [C] so antworte selbst.
POLOS: Ich will auch antworten, um doch zu sehen was du meinst.
SOKRATES: Denkst du denn, dass die Menschen dasjenige wollen was sie jedesmal tun? Oder vielmehr jenes, um deswillen sie dasjenige tun was sie tun? Wie etwa, die Arznei einnehmen von den Ärzten, denkst du, dass die dasjenige wollen, was sie tun, Arznei nehmen und Schmerzen haben, oder jenes das Genesen, um deswillen sie sie nehmen?
POLOS: Offenbar das Genesen, um deswillen sie die Arznei nehmen.
SOKRATES: So auch bei den Schifffahrttreibenden, und die, die auf ein anderes [D] Gewerbe ausgehen, ist was sie wollen, nicht dasjenige, was sie jedesmal tun. Denn wer will wohl zu Schiffe sein, und in Gefahr schweben und Händel haben? Sondern jenes, denke ich, um deswillen sie zu Schiffe gehen, das Reichwerden; denn um des Reichtums willen gehen sie zu Schiffe.
POLOS: Allerdings.
SOKRATES: Ist es nun nicht ebenso mit allem, wenn jemand etwas um eines andern willen tut, so will er nicht das, was er tut, sondern das, um deswillen er es tut?
POLOS: Ja.
SOKRATES: Gibt es nun wohl etwas, das nicht entweder gut wäre oder übel, [E] oder zwischen beiden, weder gut noch übel?
POLOS: Eins von diesen ganz notwendig, Sokrates.
SOKRATES: Sagst du nun nicht, dass gut die Weisheit ist und die Gesundheit und der Reichtum, und das Übrige der Art, übel aber das Gegenteil hiervon?
POLOS: Allerdings.
SOKRATES: Weder gut noch übel aber meinst du sei dergleichen, was bisweilen mit dem Guten zusammenhängt, bisweilen mit dem Übel, [468 St.1 A] bisweilen mit keinem von beiden? Wie sitzen und gehen, laufen und segeln, oder auch wie Stein und Holz sind und anderes dergleichen. Meinst du nicht dies? Oder nennst du etwas anderes weder gut noch böse?
POLOS: Nein, sondern dieses.
SOKRATES: Tun sie nun etwa dies mittlere um des Guten willen, wenn sie es tun, oder das Gute um des mittleren willen?
POLOS: Das mittlere doch wohl um des Guten willen.
SOKRATES: Dem Guten also nachtrachtend gehen wir, wenn wir gehen, in der Meinung [B] dass es besser sei, und wenn wir im Gegenteil stehen, so stehen wir um des nämlichen willen, des Guten. Oder nicht?
POLOS: Ja.
SOKRATES: Also töten wir auch wenn wir Jemand töten, und vertreiben und berauben des Vermögens, in der Meinung es sei uns besser dieses zu tun als nicht?
POLOS: Allerdings.
SOKRATES: Um des Guten willen also tut alles dieses, wer es tut. POLOS: Das gebe ich zu.
SOKRATES: Haben wir nun nicht eingestanden, was wir um eines Andern willen tun, dieses selbst wollten wir eigentlich nicht, sondern nur jenes, um deswillen wir es eigentlich tun?
POLOS: Unbedenklich.
SOKRATES: Also wollen wir nicht hinrichten und des Landes verweisen [C] und des Vermögens berauben, so schlechthin an sich, sondern wenn uns dergleichen nützlich ist wollen wir es tun, ist es uns aber schädlich dann nicht. Denn nur das Gute wollen wir, wie du behauptest, das weder gut noch üble aber wollen wir nicht, noch auch das üble. Nicht wahr? Dünkt dich dass ich recht habe, Polos, oder nicht? Warum antwortest du nicht?
POLOS: Recht.
SOKRATES: Wenn wir also hierin einig sind, so wird, wenn jemand einen hinrichten lässt, oder aus dem Staate vertreibt, oder seines Vermögens beraubt, in der Meinung, es sei für ihn selbst besser, es ist aber in der Tat schlimmer für ihn, [D] dieser zwar allerdings tun, was ihn gut dünkt; nicht wahr?
POLOS: Ja.
SOKRATES: Aber etwa auch was er will, wenn es doch ein Übel für ihn ist? Was antwortest du nicht?
POLOS: Nein also, er scheint mir nicht zu tun, was er will.
SOKRATES: Kann man also wohl sagen, ein solcher habe Macht in diesem Staat, wenn doch mächtig sein, wie du einräumtest, etwas Gutes ist?
POLOS: Man kann es nicht sagen.
SOKRATES: Recht also hatte ich, als ich sagte, es könne gar wohl ein Mensch, der in der Stadt ausrichtet was ihm gedünkt, dennoch nicht mächtig sein, [E] noch auch ausrichten was er will.
POLOS: Also du, Sokrates, wünschtest nicht, dass dir frei stände zu tun was dich gut dünkt in der Stadt, lieber als es nicht zu können, und bist nicht neidisch, wenn du einen siehst, der ums Leben gebracht hat, wen es ihm beliebte, oder des Eigentums beraubt, oder ins Gefängnis gesetzt?
SOKRATES: Meinst du rechtmäßig oder unrechtmäßig?
POLOS: Wie er es auch tue, [469 St.1 A] ist es nicht in beiden Fällen zu beneiden?
SOKRATES: Sprich besser, o Polos!
POLOS: Wie so?
SOKRATES: Man soll ja wohl weder die nicht zu beneidenden beneiden, noch die Elenden, sondern die bedauern.
POLOS: Und wie? So meinst du, stehe es mit denjenigen, von welchen ich rede? SOKRATES: Wie wohl anders?
POLOS: Wer also töten kann, wen es ihn beliebt, der dünkt dich, wenn er ihn mit Recht tötet, elend zu sein und bedauernswürdig?
SOKRATES: Nein das nicht, aber auch nicht beneidenswert. [B] POLOS: Behauptetest du nicht eben, er sei ein Elender?
SOKRATES: Von dem unrechtmäßig tötenden, o Freund, und dass er bedauernswürdig wäre dazu, wer aber rechtmäßig, wäre auch nicht zu beneiden.
POLOS: Vielmehr wer unrechtmäßiger Weise sterben muss, ist bedauernswürdig und elend.
SOKRATES: Weniger als der ihn tötet, Polos, und auch weniger, als der rechtmäßiger Weise sterben muss.
POLOS: Wie das, Sokrates?
SOKRATES: So, wie ja Unrecht tun das größte aller Übel ist. POLOS: Also dies ist das größte? Nicht [C] Unrecht leiden größer? SOKRATES: Keineswegs.
POLOS: Du also wolltest Unrecht leiden lieber als Unrecht tun?
SOKRATES: Ich wollte wohl keines von beiden, müsste ich aber eines von beiden, unrecht tun oder unrecht leiden, so würde ich vorziehen lieber unrecht zu leiden als unrecht zu tun.
POLOS: Du also möchtest nicht ein Tyrann sein?
SOKRATES: Nein, wenn du darunter dasselbe verstehst wie ich.
POLOS: Ich verstehe darunter eben das vorige, dass man Macht habe im Staate was einen gutdünkt auszurichten, zu töten, zu vertreiben, [D] und alles zu tun nach eigenem Wohlgefallen.
SOKRATES: O Bester, was ich dir jetzt sagen will, das nimm doch recht vor. Wenn ich auf vollem Markte mit einem Dolch unter dem Arm zu dir spräche: O Polos, zu einer wunderbaren Gewalt und Herrschaft bin ich jetzt gelangt. Denn wenn es mir gefiele, dass irgendeiner von diesen Menschen, die du hier siehst, sogleich sterben sollte, so wird der tot sein, von dem es mir gefällt. Und wenn, dass einem der Kopf müsste eingeschlagen werden, so würde er sogleich eingeschlagen sein, und wenn einem das Kleid zu zerreißen, so wäre es zerrissen. [E] So viel Macht habe ich in dieser Stadt. Wenn du es dann bezweifeltest, und ich dir den Dolch zeigte, so würdest du mir vielleicht sagen: Ja auf diese Art, Sokrates, kann jeder Macht haben. Auf diese Weise müsste auch jedes Haus abbrennen was dir einfiele, und die Athener Schiffswerften und Galeeren und alle Schiffe, die der Stadt oder Einzelnen gehören. Aber das heißt nicht mächtig sein, auf diese Art tun was einem gut dünkt. Oder meinst du?
POLOS: Nein, so freilich nicht.
[470* St.1 A] SOKRATES: Kannst du nun wohl sagen, warum du eine solche Macht tadelst? POLOS: Das kann ich.
SOKRATES: Warum denn? sprich.
POLOS: Weil notwendig wer so zu Werke geht, zu Schaden kommt.
SOKRATES: Und ist das Schadenleiden nicht ein Übel?
POLOS: Freilich.
SOKRATES: Also, du Wunderlicher, zeigt sich dir schon wieder das Mächtigsein nur da, wo indem einer tut, was ihm gedünkt, auch dies damit verbunden ist, dass er es zu seinem Vorteil tue und dass es gut sei, und eben dies nun, wie es scheint, ist das mächtig sein, wenn aber nicht, und es ein Übel ist, dann ist es ohnmächtig sein. Erwägen wir [B] auch dies. Gestehen wir nicht ein, dass es bisweilen besser ist das zu tun, was wir eben anführten, Menschen zu töten und zu verbannen und des Eigentums zu berauben, bisweilen aber auch nicht.
POLOS: Freilich.
SOKRATES: Dies also, wie es scheint, wird von dir nicht minder als von mir eingestanden.
POLOS: Ja.
SOKRATES: Wann also meinst du, dass es besser sei dies zu tun? Sprich, welche Bestimmung setzest du fest?
POLOS: Du, o Sokrates, beantworte doch eben dieses.
SOKRATES: Ich also behaupte, o Polos, wenn dir doch lieber ist von mir dies zu hören, dass wenn einer dieses rechtmäßig tut, [C] es besser ist, wenn aber unrechtmäßig, dann schlimmer.
POLOS: Ein schweres Stück ist es wohl dich zu überführen, Sokrates, aber könnte nicht jedes Kind dich überführen, dass du nicht recht hast?
SOKRATES: So werde ich dem Kinde großen Dank wissen, und gleich auch dir, wenn du mich überführst und der Torheit entledigest. Also lasse dir’s nicht beschwerlich sein, einem Freunde dich wohltätig zu erzeigen.
POLOS: Wohl denn, Sokrates, es ist gar nicht nötig, dich durch alte Geschichten zu widerlegen; sondern was Gestern und Vorgestern sich ereignet hat, ist hinlänglich dich [D] zu widerlegen und zu beweisen, dass viele Menschen, welche Unrecht tun, glückselig sind.
SOKRATES: Welche Ereignisse nur?
POLOS: Du siehst doch diesen Archelaos, des Perdikkas Sohn, über Makedonien herrschen?
SOKRATES: Wenigstens höre ich es doch.
POLOS: Dünkt dich nun der glückselig zu sein oder elend?
SOKRATES: Ich weiß nicht, Polos; denn ich habe nie Umgang gehabt mit dem Manne.
POLOS: Wie doch? Im Umgang würdest du es erkennen, anders aber kannst du von selbst nicht einsehen, dass er glückselig ist?
SOKRATES: Beim Zeus, nicht recht.
POLOS: Offenbar also, Sokrates, wirst du auch nicht einmal [E] vom großen Könige wissen wollen, dass er glückselig ist.
SOKRATES: Und ganz mit Recht werde ich das sagen. Denn ich weiß ja nicht, wie es um seine Einsicht und Gerechtigkeit steht.
POLOS: Wie? Darin also besteht alle Glückseligkeit?
SOKRATES: Wie ich wenigstens sage, Polos. Denn wer rechtschaffen und gut ist, der, behaupte ich, ist glückselig, sei es Mann oder Frau, wer aber ungerecht und böse, ist elend.
[471 St.1 A] POLOS: Unglückselig also ist dieser Archelaos nach deiner Meinung? SOKRATES: Wenn er anders ungerecht ist, Freund.
POLOS: Wie sollte er denn nicht ungerecht sein, dem ja von der Herrschaft gar nichts gebührte, die er jetzt hat, indem er von einer Mutter geboren ist, welche dem Alketas, dem Bruder des Perdikkas, als Magd gehörte? Nach dem Recht also wäre er des Alketas Knecht, und wollte er gerecht handeln, so müsste er dem Alketas dienen, und wäre dann doch glückselig, nach deiner Rede. Nun aber ist er wunderbar wie unglückselig geworden, [B] weil er so äußerst ungerecht gehandelt hat, indem er zuerst eben diesen seinen Herrn und Ohm zu sich einlud, als wolle er ihm die Herrschaft übergeben, welche Perdikkas ihm geraubt hatte, dann ihn und seinen Sohn Alexandros, seinen eignen Vetter also fast von gleichem Alter mit ihm selbst, beide bewirtete und trunken machte, dann sie auf einen Wagen geworfen bei Nacht fortschaffen und beide umbringen ließ, dass niemand weiß wo sie geblieben sind. Und nach solcher ungerechten Tat merkte er gar nicht, dass er selbst der unglückseligste Mensch geworden war, und es gereute ihn auch gar nicht, sondern er wollte noch immer nicht glückselig werden, dadurch dass er seinen Bruder, den vollbürtigen Sohn des Perdikkas, [C] ein siebenjähriges Kind, dem nun nach dem Rechte die Regierung zukam, auferzogen, und sie ihm übergeben hätte. Vielmehr ließ er diesen bald darauf in eine Pfütze werfen und ertränken, und sagte zu seiner Mutter Kleopatra, er sei einer Gans nachgelaufen und so hineingefallen. Dem zufolge ist er nun, wie er gewiss unter allen in Makedonien am ungerechtesten gehandelt hat, auch der elendeste aller Makedonier, und nicht der glückseligste, und es möchte vielleicht [D] mancher Athener, du voran, lieber jeder andere Makedonier sein als Archelaos.
SOKRATES: Schon am Anfang unserer Unterredung, o Polos, habe ich dich gelobt, dass mir schien, du habest dich sehr gut in der Redekunst gebildet, wiewohl die Kunst des Gesprächs darüber vernachlässigt. Auch jetzt, nicht wahr, ist dies nun die Rede, womit jedes Kind mich widerlegen könnte, und ich bin also nun, wie du meinst, durch diese Rede widerlegt mit meiner Behauptung, dass wer unrecht handle nicht glückselig sein könne. Woher doch, du Guter? Gebe ich dir doch nichts zu von Allem, was du sagst.
[E] POLOS: Du willst eben nicht, denkst aber doch gewiss eben wie ich rede.
SOKRATES: Du Seliger, gedenkst eben mich auf rednerische Art zu überführen, wie sie auch an der Gerichtsstätte Beweis zu führen sich einbilden. Denn auch da glaubt ein Teil den andern überführt zu haben, wenn er für seine Behauptung, die er vorträgt, viele Zeugen aufstellen kann und angesehene, der Gegenpart dann auch einen aufstellt oder gar keinen. Ein solcher Beweis aber ist gar nichts wert, wo es auf die Wahrheit ankommt. [472 St.1 A] Denn gar manches Mal kann einer unter den falschen Zeugnissen vieler erliegen, die für etwas rechtes gehalten werden.
So auch jetzt in dem, was du sagst, werden dir meist alle beistimmen, die Athener und die Fremden, und wenn du gegen mich Zeugen aufrufen willst, dass ich Unrecht habe, so werden sich dir dazu hergeben, wenn du willst, Nikias, der Sohn des Nikeratos, samt seinen Brüdern, von denen die Dreifüße herrühren, die neben einander im Dionysion stehen, auch wenn du willst Aristokrates, des Skellias Sohn, von welchem wiederum das schöne Weihgeschenk im pythischen Tempel zu Delphi kommt, [B] und wenn du willst das ganze Haus des Perikles, oder welches andere Geschlecht von den hiesigen du auswählen möchtest. Ich aber als Einziger gebe es dir nicht zu. Denn du beweisest mir nichts, sondern nur durch Aufstellung vieler falscher Zeugen gegen mich versuchst du mich aus meinem Gut, der Wahrheit hinauszuwerfen. Ich dagegen, wenn ich nicht dich selbst einzeln als Zeugen aufstelle, der mir beistimmen muss in dem was ich sage, will mich dann gar [C] nicht dünken lassen, dass ich etwas tüchtiges ausgeführt habe über unsern Gegenstand. Ich glaube aber auch du nicht, wenn nicht ich selbst allein dir Zeugnis gebe, und du die andern allesamt gehen lässt. Dies ist nun eine Beweisart, wie du dafür hältst und viele andere, es gibt aber auch eine andere, mit der ich es wiederum halte. Lasse sie uns also neben einander stellen und Acht geben, ob sie sich in etwas voneinander unterscheiden werden. Ist doch auch das, worüber wir streiten, [D] nichts Kleines, sondern fast wohl dasjenige, welches zu wissen das Schönste, nicht zu wissen aber das Unschönste ist. Denn das Wesentliche davon ist doch entweder einsehen oder nicht einsehen, wer glückselig ist und wer nicht. Gleich zuerst also, wovon wir jetzt reden, du hältst dafür, es könne ein Mensch glückselig sein, der unrecht handelt und ungerecht, wenn du doch dafür hältst, Archelaos sei ungerecht und dabei glückselig. Nicht wahr, wir sollen denken, dass du dies annimmst?
POLOS: Allerdings.
SOKRATES: Ich aber erkläre dies für unmöglich. [E] Über dieses sind wir uneinig. Wohl. Soll nun der Ungerechte etwa glückselig sein, wenn ihm Recht widerfährt und Strafe?
POLOS: Keineswegs. Denn so wäre er freilich der elendeste.
SOKRATES: Sondern, wenn ihm also nicht Recht widerfährt dann wird der Ungerechte nach deiner Rede glückselig sein.
POLOS: Das behaupte ich.
SOKRATES: Nach meiner Meinung aber, Polos, ist der Unrechttuende und Ungerechte auf jeden Fall zwar elend, elender jedoch, wenn ihm nicht sein Recht widerfährt, und er keine Strafe erleidet für sein Unrecht, weniger elend aber, wenn ihm Recht widerfährt, und er Strafe erleidet von Göttern und Menschen.
[473 St.1 A] POLOS: Ungereimtes, o Sokrates, unternimmst du zu behaupten.
SOKRATES: Ich will indes doch versuchen auch dich, Freund, dahin zu bringen, dass du dasselbe mit mir behauptest. Denn du willst mir wohl, glaube ich. Worüber wir also uneins sind, das wäre dies. Sieh du nun selbst. Ich sagte doch wie im vorigen Unrecht tun wäre schlimmer als Unrecht leiden.
POLOS: Freilich.
SOKRATES: Du aber Unrecht leiden?
POLOS: Ja.
SOKRATES: Und die Unrechttuenden, behauptete ich, wären unglückselig, und wurde von dir widerlegt.
POLOS: Ja, beim Zeus.
SOKRATES: Wie du wenigstens meinst, Polos.
POLOS: Und ganz richtig hoffentlich.
SOKRATES: Und du wiederum, die Unrechttuenden wären glückselig, wenn sie nämlich keinen Strafe litten.
POLOS: Allerdings.
SOKRATES: Ich aber behaupte, [B] dass gerade diese die unglückseligsten sind, die aber Strafe leiden weniger. Willst du auch dies widerlegen?
POLOS: Dies ist wohl noch schwerer zu widerlegen als jenes.
SOKRATES: Das nicht, Polos, sondern unmöglich. Denn das Wahre kann nie widerlegt werden.
POLOS: Wie meinst du? Wenn ein ungerechter Mensch darüber ergriffen wird, dass er etwa ungesetzmäßiger Gewalt nachstellt und dann gemartert und verstümmelt wird, ihm die Augen ausgebrannt, und nicht nur ihm selbst [C] sonst noch große und vielfältige Qualen angetan werden, sondern er auch Weib und Kinder ebenso behandeln sieht, und zuletzt ans Kreuz geschlagen oder mit Pech verbrannt wird, der soll glückseliger sein, als wenn er unentdeckt hernach als Tyrann aufsteht, und den Staat beherrschend fortlebt, alles bewirkend was er will, ein beneidenswerter Mann, und glückselig gepriesen von den Bürgern und allen Andern? Dies meinst du sei unmöglich zu widerlegen?
SOKRATES: Nun schreckst du mich wieder, wackerer [D] Polos, und widerlegst mich nicht, vorher riefst du Zeugen auf, doch hilf mir ein wenig mich erinnern, ob du sagtest, wenn unrechtmäßig nach der Gewalt strebend.
POLOS: So sagte ich.
SOKRATES: Glückseliger wird dann freilich keiner von beiden jemals sein, weder der die Herrschaft unrechtmäßig in Besitz nimmt, noch der die Strafe erleidet. Denn von zwei Elenden kann keiner glückselig sein, elender aber ist der unentdeckt bleibende und herrschende. Was soll dieses, Polos? Du lachst? Ist auch dies wieder eine Beweisart, [E] wenn jemand etwas sagt, es zu belachen, und nicht zu widerlegen?
POLOS: Glaubst du denn nicht schon widerlegt zu sein, Sokrates, wenn du solche Dinge behauptest, die kein Mensch zugeben würde? Doch frage einen von diesen!
SOKRATES: O Polos, ich bin kein Staatsmann. Ja, vor Jahren als es mich traf im Rat zu sitzen, und meine Phyle den Vorsitz hatte, und ich die Stimmen einsammeln sollte, bereitete ich mir Gelächter, [474 St.1 A] und verstand gar nicht die Stimmen zu sammeln. Also mute mir auch jetzt nicht an Stimmen zu sammeln von den Anwesenden. Sondern wenn du keine bessere Widerlegung hast als diese, wie ich schon vorhin sagte, so überlass nun mir meinerseits die Widerlegung, um dich mit der Art von Widerlegung bekannt zu machen, wie ich glaube dass sie sein muss. Nämlich ich verstehe für das was ich sage nur einen Zeugen aufzustellen, den, mit dem ich jedesmal rede, die andern alle lasse ich gehen, und nur von dem Einen weiß ich die Stimme einzufordern, mit den andern aber rede ich nicht einmal. Sieh [B] also zu, ob du nun auch willst an deinem Teile Rede stehen, und das Gefragte beantworten. Ich nämlich glaube, dass ich und du und alle Menschen das Unrechttun für schlimmer halten als das Unrechtleiden, und das nicht gestraft werden als das gestraft werden.
POLOS: Ich aber glaube dies weder von mir noch sonst irgendeinem Menschen. Also du möchtest lieber Unrecht leiden als Unrecht tun?
SOKRATES: Auch du wohl und alle Andern.
POLOS: Weit gefehlt, sondern weder ich, noch du, noch sonst irgendjemand. SOKRATES: Willst du also antworten?
POLOS: Freilich. [C] Denn mich verlangt recht zu wissen, was du nur sagen wirst.
SOKRATES: So sage mir denn, damit du es erfährst, wie wenn ich dich von vorne her fragte, welches von beiden, Polos, scheint dir schlimmer zu sein, das Unrechttun oder das Unrechtleiden?
POLOS: Mir das Unrechtleiden.
SOKRATES: Wie aber nun, welches von beiden hässlicher, das Unrechttun oder das Unrechtleiden? Antworte.
POLOS: Das Unrechttun.
SOKRATES: Also auch schlimmer, wenn hässlicher. POLOS: Keineswegs das.
SOKRATES: Ich verstehe. Du hältst dies nicht für einerlei, schönes und gutes, und schlimmes, übles und hässliches.
POLOS: Freilich nicht.
SOKRATES: Wie aber dies? Alles Schöne, [D] wie Körper, Farben, Gestalten, Töne, Handlungen, nennst du das so ohne irgendeine Beziehung auf etwas schön? Wie, zuerst schöne Körper, nennst du die nicht entweder in Beziehung auf den Gebrauch schön, wozu jeder nützlich ist? Oder in Beziehung auf eine Lust, wenn sie beim Anschauen den Anschauenden ergötzen? Weißt du noch außer diesem etwas anzugeben über die Schönheit der Körper?
POLOS: Ich weiß nichts.
SOKRATES: Und nennst du nicht eben so alles andere, Gestalten und Farben entweder einer Lust wegen schön, [E] oder eines Nutzens wegen, oder beider?
POLOS: Ich gewiss.
SOKRATES: Nicht auch die Töne und alles was zur Tonkunst gehört ebenso?
POLOS: Ja.
SOKRATES: Und gewiss, auch was in Gesetzen und Handlungsweisen schön ist, ist es nicht außerhalb dieser Beziehung, dass es entweder nützlich ist oder angenehm oder beides?
POLOS: Mich wenigstens dünkt nicht.
SOKRATES: Eben so ist es wohl [475 St.1 A] auch mit der Schönheit der Erkenntnisse?
POLOS: Freilich, und sehr schön erklärst du jetzt, Sokrates, indem du das Schöne durch die Lust und das Gute erklärst.
SOKRATES: Also das Hässliche im Gegenteil durch Unlust und Übel? POLOS: Notwendig.
SOKRATES: Wenn also von zwei schönen Dingen eins schöner ist, so ist es, weil es entweder an einem von jenen beiden oder an beiden das Andere übertrifft, schöner, entweder an Lust oder an Nutzen, oder an beiden?
POLOS: Gewiss.
SOKRATES: Und ist von zwei hässlichen das eine hässlicher, so wird es, weil es entweder an Unlust oder Übel das andere übertrifft, hässlicher sein. Oder folgt dies nicht?
POLOS: Ja.
SOKRATES: [B] Wohl denn, was wurde eben gesagt über das Unrechttun und Unrechtleiden? Sagtest du nicht das Unrechtleiden wäre zwar übler, das Unrechttun aber hässlicher?
POLOS: Das sagte ich.
SOKRATES: Wenn also das Unrechttun hässlicher ist als das Unrechtleiden, so ist es entweder unlustiger, und wäre wegen eines Übermaßes von Unlust hässlicher, oder von Übel, oder von beiden. Folgt nicht auch dies notwendig?
POLOS: Wie sollte es nicht.
SOKRATES: Zuerst lass uns sehen, tut etwa das Unrechttun es an Unlust dem Unrechtleiden zuvor? Und haben die Unrechttuenden mehr Pein als die [C] Unrechtleidenden?
POLOS: Keineswegs, o Sokrates, doch wohl dieses.
SOKRATES: An Unlust also übertrifft es nicht?
POL0S: Wohl nicht.
SOKRATES: Also wenn nicht an Unlust, dann auch nicht mehr an beidem? POLOS: Nein wie sich zeigt.
SOKRATES: Es bleibt also nur noch übrig an dem andern von beiden.
POLOS: Ja.
SOKRATES: Dem Übel.
POLOS: So scheint es.
SOKRATES: Übertrifft es aber an Übel, so wäre ja das Unrechttun übler als das Unrechtleiden.
POLOS: Offenbar wohl.
SOKRATES: War aber nicht von den Meisten und auch von dir im vorigen zugegeben worden, das Unrechttun sei hässlicher als das Unrechtleiden?
POLOS: Ja.
SOKRATES: Nun aber hat es sich doch [D] als übler gezeigt. POLOS: So scheint es.
SOKRATES: Würdest du also lieber das üblere sowohl als hässlichere wählen, als das was beides weniger ist? Zögere nicht zu antworten, o Polos, denn es wird dir nichts zu Leide geschehen, sondern gib dich nur beherzt der Rede wie dem Arzte hin, und antworte, und bejahe entweder, oder verneine was ich frage.
POLOS: Ich würde es also nicht wählen, o Sokrates.
SOKRATES: Etwa irgend sonst Jemand?
POLOS: Nein, dünkt mich, nach dieser Rede.
SOKRATES: Recht also hatte ich, dass weder ich, noch du, noch sonst ein Mensch lieber würde [E] Unrecht tun wollen als Unrecht leiden, denn es ist übler.
POLOS: So zeigt es sich.
SOKRATES: Siehst du nun wohl, Polos, dass wenn man die eine Art zu widerlegen neben die andere stellt, wie sie ihr gar nicht ähnlich ist. Denn dir stimmen alle Andern zu, außer mir, mir aber ist es genug, [476 St.1 A] dass du nur einzig und allein mir beistimmst und Zeugnis gibst, und deine Stimme allein abfordernd lasse ich die andern alle gehen. So demnach verhält sich uns dies. Nächst dem lasse uns nun das, worüber wir außerdem noch uneinig waren, in Betrachtung ziehen. Wenn man Unrecht getan Strafe leidet ist das das größte aller Übel, wie du meintest, oder ein größeres sie nicht zu leiden, wie ich meines Teils meinte? Überlegen wir es aber so: Strafe leiden und rechtmäßig gezüchtigt werden für begangenes Unrecht, ist dir dies beides einerlei?
[B] POLOS: Gewiss.
SOKRATES: Kannst du nun wohl sagen, dass nicht alles Gerechte auch schön ist, sofern es gerecht ist? Überlege es wohl, und sprich.
POLOS: Das dünkt mich allerdings, Sokrates.
SOKRATES: Bedenke auch dies. Wenn jemand etwas tut, muss es dann nicht notwendig auch ein Leidendes geben von diesem Tuenden?
POLOS: Mich dünkt.
SOKRATES: Und zwar dasselbige leidend, was das Tuende tut, und auf solche Art wie das Tuende tut? Ich meine nämlich so, wenn jemand schlägt, wird notwendig etwas geschlagen?
[C] POLOS: Notwendig.
SOKRATES: Und wenn der Schlagende heftig schlägt oder geschwind, wird auf dieselbe Weise auch das Geschlagene geschlagen.
POLOS: Ja.
SOKRATES: Ein solches ist also das Leiden in dem Geschlagenen, wie das Schlagende tut? POLOS: Gewiss.
SOKRATES: Nicht auch wenn jemand sengt, wird notwendig etwas gesengt?
POLOS: Wie anders.
SOKRATES: Und wenn er stark sengt oder schmerzlich, muss eben so das Gesengte gesengt werden, [D] wie das Sengende sengt?
POLOS: Allerdings.
SOKRATES: Nicht auch wenn einer schneidet gilt dasselbe, nämlich etwas wird geschnitten?
POLOS: Ja.
SOKRATES: Und wenn der Schnitt groß oder tief oder schmerzlich ist, allemal wird mit solchem Schnitt das Geschnittene geschnitten, wie das Schneidende schneidet.
POLOS: Offenbar.
SOKRATES: Sieh also zu, ob du im Allgemeinen, was ich eben sagte, von Allem zugibst, dass wie das Tuende tut, so das Leidende auch leidet.
POLOS: Das gebe ich zu.
SOKRATES: Dieses nun zugestanden, ist das Gestraft werden ein Leiden oder ein Tun?
POLOS: [E] Notwendig, Sokrates, ein Leiden.
SOKRATES: Also von einem Tuenden?
POLOS: Wie sonst? Von dem Strafenden.
SOKRATES: Und der richtig strafende straft gerecht?
POLOS: Ja.
SOKRATES: Gerechtes daran tuend, oder nicht?
POLOS: Gerechtes.
SOKRATES: Also der Gestrafte, dem Recht widerfährt, leidet Gerechtes.
POLOS: Offenbar.
SOKRATES: Das Gerechte aber haben wir zugestanden sei auch schön.
POLOS: Allerdings.
SOKRATES: Von diesen also tut der Eine schönes, der Andere aber, der Gezüchtigte, leidet es?
POLOS: Ja.
SOKRATES: Wenn aber Schönes, dann auch Gutes, [477 St.1 A] denn es ist nämlich entweder angenehm oder nützlich?
POLOS: Notwendig.
SOKRATES: Gutes also leidet der, dem sein Recht widerfährt.
POLOS: So scheint es.
SOKRATES: Vorteil also erlangt er?
POLOS: Ja.
SOKRATES: Etwa den Vorteil, welchen ich mir vorstelle, dass er nämlich der Seele nach besser wird, wenn er doch rechtmäßig gezüchtigt wird?
POLOS: Wahrscheinlich wohl.
SOKRATES: Von der Schlechtigkeit der Seele also wird der Strafe leidende entledigt? POLOS: Ja.
SOKRATES: Wird er also etwa des größten Übels entledigt? Überlege es nur so: Wenn man auf den Zustand des Vermögens [B] sieht bei einem Menschen, gibt es da wohl eine andere Schlechtigkeit als die Armut?
POLOS: Nein, sondern Armut.
SOKRATES: Und wie? Wenn auf die Beschaffenheit des Leibes, würdest du da die Schwäche Schlechtigkeit nennen., und die Krankheit und die Hässlichkeit und dergleichen?
POLOS: Gewiss.
SOKRATES: Und du glaubst doch, dass es auch in der Seele eine Schlechtigkeit gibt? POLOS: Wie sollte es nicht?
SOKRATES: Meinst du nun damit nicht die Ungerechtigkeit und den Unverstand und die Feigheit und dergleichen?
POLOS: Allerdings.
SOKRATES: Also für [C] das Vermögen, für den Leib und für die Seele als drei verschiedene hast du drei verschiedene Schlechtigkeiten angegeben, Armut, Krankheit, Ungerechtigkeit?
POLOS: Ja.
SOKRATES: Welche nun unter diesen Schlechtigkeiten ist die hässlichste? Nicht die Ungerechtigkeit und überhaupt die Schlechtigkeit der Seele?
POLOS: Bei weitem.
SOKRATES: Wenn also die hässlichste, dann auch die übelste?
POLOS: Wie das, Sokrates?
SOKRATES: So. Allemal ist das hässlichste, weil es am meisten entweder Unlust oder Schaden oder beides bewirkt, deshalb das hässlichste nach dem vorhin zugestandenen.
POLOS: Ganz recht.
SOKRATES: Und als das hässlichste [D] haben wir jetzt einstimmig die Ungerechtigkeit und die gesamte Schlechtigkeit der Seele angenommen?
POLOS: Dafür haben wir sie angenommen.
SOKRATES: Also ist sie entweder als das schmerzhafteste durch ihren Überschuss an Pein das hässlichste unter diesen, oder durch den an Schaden, oder an beidem.
POLOS: Notwendig.
SOKRATES: Ist nun etwa ungerecht und zügellos sein, oder feige und unverständig, schmerzhafter als arm sein und krank?
POLOS: Das scheint mir nicht auf diese Art.
SOKRATES: Also muss durch übermäßig großen Schaden und unerhörtes Übel die Schlechtigkeit der Seele [E] die andern überragen als das hässlichste unter allen, wenn sie es doch nicht vermöge der Unlust ist, wie du ja sagst.
POLOS: Offenbar.
SOKRATES: Was aber durch den größten Schaden, den es verursacht, sich auszeichnet, das wäre ja auch das größte Übel unter allen?
POLOS: Ja.
SOKRATES: Die Ungerechtigkeit also und die Zuchtlosigkeit, und was sonst noch zur Schlechtigkeit der Seele gehört, ist das größte unter allen Übeln.
POLOS: So zeigt es sich.
SOKRATES: Welche Kunst nun entledigt von der Armut? Nicht die Erwerbsamkeit?
POLOS: Ja.
SOKRATES: Welche aber von der Krankheit? Nicht die Heilkunde?
POLOS: Natürlich.
SOKRATES: Welche aber [478 St.1 A] von der Schlechtigkeit und Ungerechtigkeit? Kannst du es auf diese Art nicht finden, so betrachte es so: Wohin und zu wem führen wir die Kranken?
POLOS: Zum Arzte, Sokrates.
SOKRATES: Wohin aber die Unrechttuenden und Zuchtlosen? POLOS: Zum Richter meinst du wohl?
SOKRATES: Nicht wahr, damit er sie zur Strafe ziehe?
POLOS: So meine ich es.
SOKRATES: Die aber auf die rechte Art strafen, tun die es nicht mit einer gewissen Anwendung der Gerechtigkeit?
POLOS: Offenbar.
SOKRATES: Die Erwerbsamkeit also befreit von der Armut, die Heilkunde von der Krankheit, die Anwendung der Gerechtigkeit beim Strafen, [B] oder die Rechtspflege von der Zuchtlosigkeit und Ungerechtigkeit?
POLOS: So zeigt es sich.
SOKRATES: Welche ist nun wohl von diesen die Schönste?
POLOS: Von welchen meinst du?
SOKRATES: Von Erwerbsamkeit, Heilkunde und Rechtspflege?
POLOS: Bei weitem, o Sokrates, hat die Rechtspflege den Vorzug.
SOKRATES: Also bewirkt sie entweder am meisten Lust oder am meisten Nutzen oder beides, wenn sie das Schönste ist?
POLOS: Ja.
SOKRATES: Ist es nun etwa angenehm vom Arzte behandelt zu werden, und haben die Vergnügen, welche von ihm behandelt werden?
POLOS: Mich dünkt eben nicht.
SOKRATES: Aber nützlich ist es. Nicht wahr?
POLOS: Ja.
SOKRATES: Denn [C] es befreit von einem großen Übel, so dass es wohl lohnt den Schmerz aushalten und dann gesund sein.
POLOS: Wie sollte es nicht?
SOKRATES: Ist nun so, was den Leib betrifft, einer am glückseligsten, wenn er vom Arzt geheilt wird, oder wenn er gar nicht krank geworden ist?
POLOS: Offenbar, der gar nicht krank ist.
SOKRATES: Denn nicht das war Glückseligkeit, wie es scheint, Erledigung vom Übel, sondern von vorne herein keine Gemeinschaft damit.
POLOS: So ist es.
SOKRATES: Und wie? Welcher ist der elendere von zweien, [D] die ein Übel haben, sei es nun am Leibe oder an der Seele? Der vom Arzt behandelt und des Übels entledigt wird, oder der nicht vom Arzt behandelt wird, es aber hat.
POLOS: Mir scheint, der nicht vom Arzt behandelt wird.
SOKRATES: War nun nicht bestraft werden die Befreiung von dem größten Übel, der Schlechtigkeit der Seele?
POLOS: Das war sie.
SOKRATES: Denn die Strafe macht besonnener und gerechter, und ihre Verwaltung ist die Heilkunde für diese Schlechtigkeit.
POLOS: Ja.
SOKRATES: Der Glückseligste also ist, [E] der keine Schlechtigkeit in der Seele hat, da diese sich als das größte Übel gezeigt hat.
POLOS: Offenbar.
SOKRATES: Der zweite aber ist der davon befreit wird.
POLOS: So scheint es.
SOKRATES: Das war aber der, dem man Ermahnungen gibt und Verweise und Strafe.
POLOS: Ja.
SOKRATES: Am schlechtesten also lebt, wer die Ungerechtigkeit hat, und nicht davon befreit wird. POLOS: So kommt es heraus.
SOKRATES: Ist das nun nicht der, welcher durch die größten Verbrechen und Ausübung der größten Ungerechtigkeit es dahin gebracht hat, dass er weder Zurechtweisung [479 St.1 A] noch Züchtigung noch Strafe bekommt, wie du eben sagst, dass Archelaos dieses erreicht habe, und andere Tyrannen, Redner und Gewalthaber?
POLOS: So scheint es.
SOKRATES: Denn diese, o Bester, haben es beinahe eben dahin gebracht, als wenn einer, der mit den ärgsten Krankheiten behaftet ist, es dahin gebracht hätte, sich für diese Sünden an seinem Körper von den Ärzten nicht strafen, und sich nicht von ihnen behandeln zu lassen, aus Furcht wie ein Kind vor dem Brennen und Schneiden, weil es weh tut. Oder scheint es dir nicht auch so?
POLOS: Mir ja.
[B] SOKRATES: Weil ihm nämlich unbekannt ist, wie es scheint, was es eigentlich mit der Gesundheit und Tüchtigkeit des Körpers auf sich hat. Etwas ähnliches nun scheinen nach dem unter uns ausgemachten, o Polos, auch diejenigen zu tun, welche die Strafe fliehen. Das schmerzhafte davon nämlich sehen sie ein, gegen das heilsame aber sind sie blind, und wissen nicht wieviel unseliger noch, als ein ungesunder Leib, es ist, keine gesunde Seele zu haben, sondern eine faulige, ungerechte und unheilige. Daher sie denn, um nur ja nicht Strafe zu leiden, und so von dem größten Übel befreit zu werden, alles Mögliche tun, auf Geld bedacht sind [C] und auf Freunde, und auch darauf, immer möglichst Glauben zu finden, wenn sie reden. Wenn nun das richtig war, was wir vorher angenommen haben, Polos, merkst du wohl, was dann aus der Rede folgt, oder sollen wir es doch lieber zusammen durchgehen?
POLOS: Wenn du nicht anders meinst.
SOKRATES: Folgt also, dass Ungerechtigkeit und Unrechttun das größte Übel ist?
POLOS: Offenbar.
SOKRATES: Und als eine Erledigung von diesem Übel zeigte sich doch das Strafe leiden.
[D] POLOS: So scheint es.
SOKRATES: Das nicht Strafe leiden aber als ein Dableiben des Übels?
POLOS: Ja.
SOKRATES: Das zweite Übel der Größe nach ist also das Unrechttun, die Ungestraftheit aber beim Unrechttun ist das erste und größte unter allen Übeln.
POLOS: Das scheint so.
SOKRATES: Stritten wir nun nicht eben hierüber, Freund, indem du den Archelaos glücklich priesest, der das ärgste Unrecht getan, und dennoch keine Art von Strafe erlitten hat, ich aber das Gegenteil meinte, dass, [E] sei es nun Archelaos oder wer sonst für sein Unrechttun nicht gestraft werde, dieser ganz vorzüglich vor allen Menschen für elend zu halten sei, und immer der Unrechttuende für elender als der Unrechtleidende, und der nicht gestrafte als der gestrafte. War das nicht was ich behauptete?
POLOS: Ja.
SOKRATES: Und ist nicht bewiesen, dass dies mit Recht behauptet wurde? POLOS: Ersichtlich.
[480 St.1 A] SOKRATES: Wohl. Wenn nun dieses wahr ist, o Polos, was ist denn der große Nutzen der Redekunst? Denn nach dem jetzt angenommenen muss jeder sich selbst zuvörderst am meisten davor hüten, dass er nicht unrecht tue, indem er sonst Übel genug an sich haben wird. Nicht wahr?
POLOS: Freilich.
SOKRATES: Tut aber entweder er selbst Unrecht oder ein Anderer von denen, die ihm wert sind, so muss er selbst freiwillig dahin gehen, wo er baldmöglichst bestraft werden kann, zum Richter hineilend, wie man zum Arzte pflegt, damit die Krankheit der Ungerechtigkeit nicht [B] einwurzele und sich in die Seele fresse und sie unheilbar angreife. Oder was sollen wir sagen, Polos, wenn doch unsere ersten Behauptungen bestehen sollen? Ist nicht gewiss, dass nur dieses mit ihnen übereinstimmt, alles andere aber nicht?
POLOS: Was wollten wir auch sagen, Sokrates!
SOKRATES: Um also Verteidigungen vorzubringen für die eigene Ungerechtigkeit oder der Eltern, Freunde und Kinder ihre, oder auch für das unrechthandelnde Vaterland, dazu ist uns die Redekunst nichts nutz, o Polos, es müsste denn etwa jemand denken zum Gegenteil, um nämlich recht anzuklagen vornehmlich sich selbst, dann aber auch Verwandte und wer sonst von Freunden Unrecht tut, [C] und ja nicht das Unrecht zu verbergen, sondern ans Licht zu bringen, damit der Täter Strafe leide und gesund werde, und um sich selbst und andere zu bewegen, dass man nicht feige werde, sondern sich mit zugedrückten Augen tapfer hinstelle wie vor dem Arzt zum Schneiden und Brennen, immer dem Guten und Schönen nachjagend, das Schmerzhafte aber nicht in Rechnung bringend, wenn einer Unrechtes, was Schläge verdient, begangen hat, zum Schlagen sich hergebend, was Gefängnis zum Einkerkern, was Geldbuße zum Bezahlen, was Verbannung [D] zur Flucht, wer aber was den Tod zum Sterben, jeder als erster Ankläger seiner selbst und der Andern, die ihm zugetan sind, und eben dazu sich der Redekunst bedienend, um durch Bekanntmachung der Vergebungen von dem größten Übel erledigt zu werden, von der Ungerechtigkeit. Wollen wir dies sagen, Polos, oder nicht?
POLOS: Ungereimt zwar, o Sokrates, scheint es mir wenigstens; mit dem Vorigen indes stimmt es vielleicht wohl zusammen.
SOKRATES: Also muss entweder auch jenes aufgegeben werden, oder dieses folgt notwendig. POLOS: Ja, so verhält es sich allerdings.
SOKRATES: Und dass wir [E] es auf die entgegengesetzte Seite kehren, wenn man jemanden soll übles zufügen, sei es nun ein Feind oder wer sonst, und nur nicht selbst von ihm beleidiget wird, denn davor muss man sich hüten, wenn aber dieser Feind einen Andern beleidigt, muss man auf alle Weise tätig und durch Reden dies bewerkstelligen, dass er ja nicht zur Strafe gezogen werde, [481 St.1 A] noch vor den Richter geführt, kommt er aber dennoch dahin, dann alles mögliche anwenden, dass der Feind entkomme, und ja nicht Strafe leide, vielmehr, hat er viel Geld geraubt, dieses nicht zurückgeben müsse, sondern es behalte, und für sich und die Seinigen ungerechter und gottloser Weise gebrauche; hat er etwas todeswürdiges verbrochen, dass er ja nicht sterbe, wo möglich nie, sondern unsterblich sei als ein böser, zum wenigsten aber so lange irgend möglich lebe als ein solcher. [B] Hierzu scheint mir, o Polos, die Redekunst nützlich zu sein. Denn für den, der überall nicht unrecht tun will, dünkt mich ihr Nutzen eben nicht groß zu sein, wenn sie anders irgendeinen Nutzen hat, wie sich denn im vorigen nirgend einer gezeigt hat.
KALLIKLES: Sage mir, Chairephon, meint Sokrates dies im Ernst oder scherzt er?
CHAIREPHON: Mir doch scheint, o Kallikles, als sei es ihm ausnehmend ernst. Doch ist nichts so gut als ihn selbst fragen.
KALLIKLES: Bei den Göttern, das will ich auch. Sage mir, Sokrates, [C] sollen wir denken du treibest jetzt Ernst oder Scherz? Denn wenn du es ernstlich meinst, und das wahr ist was du sagst, so wäre ja wohl das menschliche Leben unter uns ganz verkehrt, und wir täten in allen Dingen das gerade Gegenteil, wie es scheint, von dem was wir sollten?
SOKRATES: O Kallikles, wenn nicht dem Menschen, einigen so, andern so, dasselbige begegnete, sondern einem etwas ganz eigentümliches vor allen andern, so wäre es nicht leicht, [D] einem andern seinen Zustand zu bezeichnen. Ich sage dies aber, weil ich bemerke, dass wir beide, ich und du, uns jetzt in gleichem Zustande befinden. Wir lieben nämlich beide, jeder zweie, ich den Alkibiades, des Kleinias Sohn und die Philosophie, du das Athenische Volk und den Sohn des Pyrilampes. Ich bemerke nun allemal an dir, so gewaltig du auch sonst bist, das was immer dein
Liebling behaupte, und wie er behaupte, dass sich etwas verhalte, du ihm niemals widersprechen kannst, sondern umwendest bald so bald so. Denn in der Gemeinde, wenn du etwas gesagt hast [E] und das Volk der Athener meint nicht, dass es sich so verhalte, so wendest du wieder um, und sprichst wie jenes will, und mit dem Sohn des Pyrilampes, dem schönen Jünglinge, geht es dir eben so, nämlich des Lieblings Beschlüssen und Reden vermagst du nicht zuwider zu sein. So dass, wenn sich jemand darüber, was du jedesmal sagst, um dieser geliebten Beiden willen, wundern wollte, wie ungereimt es doch ist, du ihm vielleicht, wenn du die Wahrheit sagen wolltest, erwidern würdest, dass wenn nicht jemand machen könnte, [482 St.1 A] dass dein Liebling aufhöre dergleichen zu sagen, du auch nicht aufhören würdest dasselbe zu sagen. Denke dir also, dass du nun auch dergleichen von mir hören müsstest, und wundere dich nicht, dass ich dir dies sage, sondern mache, dass die Philosophie, mein Liebling, aufhöre es zu sagen. Denn eben sie, lieber Freund, behauptet immer, was du jetzt von mir hörst, und sie macht mir weit weniger zu schaffen, als jener andere Liebling. Denn dieser Sohn des Kleinias führt freilich bald solche Reden bald solche, die Philosophie [B] aber immer gleich lautende. Und eben sie sagt das, worüber du dich jetzt wunderst, du warst ja auch selbst dabei als es gesagt wurde. Entweder also, widerlege jener das was ich eben behauptete, dass also unrecht tun und nicht dafür bestraft werden nicht das ärgste aller Übel sei, oder wenn du dies unwiderlegt lässt, bei dem Hunde, dem Gott der Ägypter, so wird Kallikles niemals mit dir stimmen, o Kallikles, sondern dir misstönen das ganze Leben hindurch. Und ich wenigstens, du Bester, bin der Meinung, dass lieber auch meine Lyra [C] verstimmt sein und misstönen möge, oder ein Chor den ich anzuführen hätte, und die meisten Menschen nicht mit mir einstimmen, sondern mir widersprechen mögen, als dass ich allein mit mir selbst nicht zusammenstimmen, sondern mir widersprechen müsste.
KALLIKLES: O Sokrates, du scheint blenden zu wollen mit deinen Reden, wie ein rechter Volksschwätzer, auch jetzt willst du uns hiermit beschwatzen, da dem Polos dasselbe begegnet ist, was er vorher dem Gorgias von dir begegnet zu sein Schuld gab. Er sagte nämlich, als du den Gorgias gefragt, [D] wenn einer um die Redekunst von ihm zu lernen zu ihm käme, der das Gerechte noch nicht verstände, ob er es ihn lehren würde, habe Gorgias sich geschämt und bejaht, dass er es ihn lehren würde, lediglich wegen der Gesinnung der Menschen, weil sie unwillig werden würden, wenn jemand dies leugnete, und durch dieses Eingeständnis sei er hernach in die Notwendigkeit gekommen, sich selbst zu widersprechen, welches eben deine Freude wäre. Und hierüber hat er dich damit, ganz mit Recht wie mich dünkt, verspottet, jetzt aber ist ihm seinerseits eben dasselbe begegnet. Und ich bin nun wieder eben deshalb mit dem Polos unzufrieden, dass er dir eingeräumt hat, [E] das Unrechttun sei hässlicher als das Unrechtleiden. Denn grade durch dieses Eingeständnis ist auch er wieder von dir verwickelt worden in den Reden und zum Schweigen gebracht, indem er sich schämte, was er dachte auch zu sagen. Denn in der Tat, Sokrates, führst du immer, unerachtet du behauptest die Wahrheit zu suchen, die Rede auf solche verfängliche Dinge, die gut sind vor dem Volke vorzubringen, auf das nämlich, was von Natur nicht schön ist, wohl aber nach dem Gesetz. Denn diese beiden stehen sich größtenteils entgegen, die Natur und das Gesetz. Wenn sich nun jemand schämt und nicht den Mut hat zu sagen was er denkt, [483 St.1 A] so wird er gezwungen sich zu widersprechen. Was auch du dir eben recht künstlich abgemerkt hast, und andere damit übervorteilst in den Reden, wenn jemand von dem Gesetzlichen spricht, schiebst du in der Frage das Natürliche unter, wenn aber vom natürlichen, dann du das Gesetzliche. So jetzt auch beim Unrechttun und Unrechtleiden, als Polos vom gesetzlich unschöneren sprach, verfolgtest du das Gesetzliche, als wäre es das Natürliche. Denn von Natur ist allemal jedes das Unschönere, was auch das üblere ist, also das Unrechtleiden, [B] gesetzlich aber ist es das Unrechttun. Auch ist dies wahrlich kein Zustand für einen Mann, das Unrechtleiden, sondern für ein Knechtlein, dem besser wäre zu sterben als zu leben, weil er beleidigt und beschimpft nicht im Stande ist, sich selbst zu helfen, noch einem Andern, der ihm wert ist. Allein ich denke, die die Gesetze geben, das sind die Schwachen und die große Menge. In Beziehung auf sich selbst also und das was ihnen nutzt bestimmen sie die Gesetze, [C] und das löbliche was gelobt, das tadelhafte was getadelt werden soll, und um kräftigere Menschen, welche mehr haben könnten, in Furcht zu