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Gorgias 3 (Platon)

aus AufEinWort, der freien Forschung

4. Teil: Gorgias 4 (Platon)

halten, damit diese nicht mehr haben mögen als sie selbst, sagen sie, es sei hässlich und ungerecht, für sich immer auf mehr auszugehen, und das ist nun das Unrechttun, wenn man sucht mehr zu haben als die Andern. Denn sie selbst, meine ich, sind ganz zufrieden, wenn sie nur gleiches erhalten, da sie die schlechteren sind. Daher wird nun gesetzlich dieses unrecht und hässlich genannt, das mehr zu haben streben als die Meisten, und sie nennen es Unrechttun. [D] Die Natur selbst aber, denke ich, beweiset dagegen, dass es gerecht ist, dass der Edlere mehr habe als der Schlechtere, und der Tüchtigere als der Untüchtige. Sie zeigt aber vielfältig, dass sich dieses so verhält, sowohl an den übrigen Tieren als auch an ganzen Staaten und Geschlechtern der Menschen, dass zu Recht es so bestimmt ist, dass der bessere über den schlechteren herrsche, und mehr habe. [E] Denn nach welchem Recht führte Xerxes Krieg gegen Hellas, oder dessen Vater gegen die Skythen? Und tausend anderes der Art könnte man anführen. Also meine ich, tun sie dieses der Natur gemäß, und, beim Zeus, auch dem Gesetz gemäß, nämlich dem der Natur, aber freilich vielleicht nicht nach dem, welches wir selbst willkürlich machen, die wir die Besten und Kräftigsten unter uns gleich von Jugend an, wie man es mit dem Löwen macht, durch Besprechung gleichsam und Bezauberung knechtisch einzwängen, indem wir ihnen immer vorsagen, [484 St.1 A] Alle müssen gleich haben, und dies sei eben das Schöne und Gerechte. Wenn aber, denke ich, einer mit einer recht tüchtigen Natur zum Manne wird, so schüttelt er das alles ab, reißt sich los, durchbricht und zertritt alle unsere Schriften und Gaukeleien und Besprechungen und widernatürlichen Gesetze, und steht auf, er der Knecht, und erhebt sich als unser Herr und eben [B] darin leuchtet recht deutlich hervor das Recht der Natur. Auch Pindar scheint mir das, was ich meine, anzudeuten in dem Liede, worin er sagt:

Das Gesetz, der Sterblichen König und Unsterblichen,

und dies, sagt er,

vollführt ohne Scheu die größte Gewalttat mit übermächtiger Hand. Das bezeugen die Taten des Herakles, der ungekauft ...

so ungefähr lautet es, denn ich weiß das Lied selbst nicht, er meint aber, weder gekauft noch geschenkt habe jener des Geryones Stiere weggetrieben, als ob also dieses [C] das von Natur gerechte wäre, dass eben Stiere und alles andre Eigentum der Schlechteren und Geringeren dem Besseren gebühre, der mehr ist.

Dies ist also eigentlich das Wahre, und das wirst du auch einsehen, wenn du zum Größeren fortschreitest, und von der Philosophie endlich ablässt. Denn diese, o Sokrates, ist eine ganz artige Sache, wenn jemand sie mäßig betreibt in der Jugend, wenn man aber länger als billig dabei verweilt, gereicht sie den Menschen zum Verderben. Denn wie herrliche Gaben einer auch habe, wenn er über die Zeit hinaus philosophiert, [D] muss er notwendig in allem dem unerfahren bleiben, worin erfahren sein muss, wer ein wohlangesehener und ausgezeichneter Mann werden will. Denn sowohl in den Gesetzen des Staates bleiben sie unerfahren, als auch in der rechten Art, wie man mit Menschen umgehen muss bei allerlei Verhandlungen, eignen und öffentlichen, und mit den Gelüsten und Neigungen der Menschen, und ihrer Gemütsart überhaupt [E] bleiben sie unbekannt. Gehen sie hernach an ein Geschäft, sei es nun für sich oder für den Staat, so machen sie sich lächerlich, wie, glaube ich, auch die Staatsmänner wiederum, wenn sie zu euren Versammlungen und Unterredungen kommen, lächerlich werden. Denn hier trifft die Rede des Euripides:

Darinnen wohl glänzt jeder, drängt auch dazu sich vorzüglich hin, Die meiste Zeit gern widmend solcherlei Geschäft

Worin er selbst der beste leicht erfunden wird,

[485 St.1 A] worin er aber schlecht ist, das meidet er und schmäht darauf, das andere hingegen lobt er aus Wohlmeinen mit sich selbst, weil er glaubt, so sich selbst zugleich zu loben. Das richtigste aber, denke ich, ist sich mit beidem einzulassen. Mit der Philosophie nämlich, soweit es zum Unterricht dient, sich einzulassen ist schön, und keineswegs gereicht es einem Jüngling zur

 

Unehre, zu philosophieren. Wenn aber ein schon älterer noch philosophiert, Sokrates, [B] so wird das ein lächerliches Ding, und es gemahnt mich mit dem Philosophieren grade wie mit dem Stammeln und Tändeln. Wenn ich nämlich sehe, dass ein Kind, dem es noch ziemt so zu sprechen, stammelt und tändelt, so macht mir das Vergnügen, und ich finde es lieblich und natürlich und dem Alter des Kindes angemessen. Höre ich dagegen ein kleines Kind ganz bestimmt und richtig sprechen, so ist mir das zuwider, es peinigt meine Ohren, und dünkt mich etwas Erzwungenes zu sein. Hört man dagegen von einem Manne [C] unvollkommene Aussprache, und sieht ihn tändeln, das ist offenbar lächerlich und unwürdig, und verdient Schläge. Ebenso nun geht es mir mit den Philosophierenden. Wenn ich Knaben und Jünglinge bei der Philosophie antreffe, so freue ich mich, ich finde dass es ihnen wohl ansteht, und glaube, dass etwas edles in solchen ist, den aber der nicht philosophiert halte ich für unedel, und glaube, dass er es nie mit sich selbst auf etwas Großes und Schönes anlegen wird. Wenn ich dagegen sehe, dass ein Alter noch philosophiert, und [D] nicht davon loskommen kann, solcher Mann, o Sokrates, dünkt mich müsste Schläge bekommen. Denn wie ich eben sagte, es findet sich bei solchem Menschen gewiss, wie schöne Gaben er auch von Natur besitze, dass er unwürdig geworden ist, das Innere der Stadt und die öffentlichen Orte flieht, wo doch erst, wie der Dichter sagt, sich Männer hervortun, und versteckt in einem Winkel mit drei bis vier Knaben flüsternd sein übriges Leben hinbringt, ohne doch je edel, groß und tüchtig herauszureden.

Ich meines Teils, Sokrates, [E] bin dir gut und gewogen, und es mag mir beinahe jetzt mit dir gehen wie beim Euripides, dessen ich vorhin schon gedacht, dem Zethos mit dem Amphion. Denn auch ich habe Lust dir dergleichen zu sagen, wie jener seinem Bruder, dass du, o Sokrates, versäumst, was du betreiben solltest, und ein Gemüt so herrlicher Natur durch knäbisches Gebaren ganz entstellst, dass weder, wo das Recht beraten wird, [486 St.1 A] du richtig vorzutragen weißt, noch scheinbar etwas und glaublich vorzutragen, noch auch je für andere, wo es Rat zu geben gilt, mutvollen Schluss beschließen wirst.

Und, lieber Sokrates, aber werde mir nicht böse, denn ich sage es aus Wohlmeinen gegen dich, dünkt es dich nicht schmählich, in solchem Zustande zu sein, in welchem du bist, wie ich glaube, und Alle die es immer weiter treiben mit der Philosophie? Denn wenn jetzt jemand dich, oder einen [B] Andern solchen, ergriffe, und ins Gefängnis schleppte, behauptend, du habest etwas verbrochen, da du doch nichts verbrochen hättest, so weißt du wohl, dass du nicht wissen würdest, was du anfangen solltest mit dir selbst, sondern dir würde schwindlig werden, und du würdest mit offenem Munde stehen und nicht wissen, was du sagen solltest. Und wenn du dann vor Gericht kämest, und auch nur einen ganz gemeinen und erbärmlichen Menschen zum Ankläger hättest, so würdest du sterben müssen, wenn es ihm einfiele auf die Todesstrafe anzutragen. Und doch, wie könnte das wohl weise sein, Sokrates, wenn eine Kunst, [C] den wohlbegabten Mann ersichtlich schlechter macht, dass er weder sich selbst helfen, und aus den größten Gefahren erretten kann, noch sonst einen, wohl aber von seinen Feinden aller seiner Habe beraubt werden, und offenbar ehrlos im Staate leben muss? Einen solchen kann man ja, um es derber zu sagen, ins Angesicht schlagen ungestraft.

Darum, du Guter, gehorche mir, hör auf zu lehren, übe im Wohlklang lieber dich von schönen Taten, [D] in dem, wodurch du weise erscheinst, lasse andern jetzt dies ganze herrliche, soll ich es Possenspiel nennen oder Geschwätz,

weshalb dein Haus armselig, leer und verödet steht,

und eifere nicht denen nach, die solche Kleinigkeiten untersuchen, sondern die sich [E] Reichtum erwerben und Ruhm, und viel anderes Gute.

SOKRATES: Wenn ich etwa eine goldene Seele hätte, Kallikles, glaubst du nicht, dass ich gar zu gern von jenen Steinen, an denen sie das Gold prüfen, den trefflichsten möchte gefunden haben, gegen welchen ich sie dann halten könnte, und wenn der Stein mir Zeugnis gäbe, dass meine Seele in gutem Stande wäre, nun ganz gewiss wüsste, dass ich zufrieden sein könnte, und keiner weiteren Prüfung bedürfe?

KALLIKLES: Weshalb fragst du das nur, o Sokrates?


SOKRATES: Das will ich dir gleich sagen. Ich glaube nämlich, nun ich dich gefunden, ein solches Kleinod gefunden zu haben.

KALLIKLES: Wie so?

SOKRATES: Ich weiß gewiss, dass was du mir zugibst von meinen Meinungen, dieses dann gewiss die Wahrheit selbst ist. Ich denke mir nämlich, wer eine vollständige Prüfung [487 St.1 A] anstellen soll mit einer Seele, ob sie recht lebt oder nicht, muss dreierlei haben, welches du alles hast, Einsicht, Wohlwollen und Freimütigkeit. Denn ich treffe auf gar Viele, welche nicht im Stande sind, mich zu proben, weil sie nicht weise sind wie du. Andere sind zwar weise, wollen mir aber nicht die Wahrheit sagen, weil sie sich meiner nicht so annehmen wie du. [B] Und wiederum diese beiden Fremden, Gorgias und Polos, sind zwar weise und mir auch gewogen, ermangeln aber etwas der Freimütigkeit, und sind verschämter als billig. Oder wie kann es anders sein, da sie es so weit treiben mit der Verschämtheit, dass sie beide weil sie sich schämen, so dreist sind, sich selbst, angesichts vieler Menschen, zu widersprechen, und das in den wichtigsten Dingen. Du aber hast dieses alles, was die Andern nicht haben. Denn unterrichtet bist du zur Genüge, wie gewiss die meisten Athener eingestehen würden, und gegen mich bist du wohlmeinend. Woraus ich das schließe [C] will ich dir sagen. Ich weiß, Kallikles, dass ihr viere eine Gemeinschaft der weisen Lehre unter euch errichtet habt, du und Tisandros der Aphidnaier, und Andron der Sohn des Androtion, und Nausikydes der Cholarger. Und ich habe euch einmal gehört als ihr beratschlagtet, wie weit man sich mit der Wissenschaft abgeben müsse, und weiß, dass eine solche Meinung unter euch die Oberhand behielt, man müsse es nicht bis aufs äußerste treiben wollen mit der Philosophie, [D] vielmehr ermahntet ihr euch unter einander, auf eurer Hut zu sein, damit ihr nicht weiser würdet als schicklich, und dadurch unvermerkt in Unglück gerietet. Da ich nun höre, dass du mir denselben Rat erteilst wie deinen Vertrautesten, so ist mir dies ein hinreichender Beweis, dass du es wahrhaft wohl mit mir meinst. Dass du aber frei heraus zu reden verstehst ohne dich zu schämen, sagst du ja selbst, und was du vorher sagtest, bezeugt es dir auch. Daher verhält es sich hiermit [E] jetzt offenbar so, wenn du mit mir über etwas in unseren Reden übereinkommst, das wird alsdann hinlänglich erprobt sein durch mich und dich, und es wird nicht nötig sein, es noch auf eine andere Probe zu bringen. Denn du würdest es ja sonst nicht eingeräumt haben, weder aus Mangel an Weisheit noch aus Überfluss an Scham, noch auch um mich zu betrügen würdest du es einräumen. Denn du bist mir freund, wie du auch selbst sagst. Gewiss also wird, was ich und du eingestehen, die beste Richtigkeit haben. Es gibt aber gewiss keine schönere Untersuchung, o Kallikles, als darüber, weshalb du mir eben Vorwürfe machtest, wie nämlich ein Mann sein muss, und wonach er zu streben hat [488 St.1 A] und wie weit, im Alter sowohl als in der Jugend. Denn wenn ich irgendwo nicht richtig handle in meinem Leben, so wisse nur, dass ich nicht anders fehle, als in meinem Unverstande. Wie du also schon angefangen hast mich zurechtzuweisen, so lasse nicht ab, sondern zeige mir vollständig, was dasjenige ist, dessen ich mich bestreben soll, und auf welche Weise ich es wohl erlangen könnte. Und wenn du findest, dass ich dir jetzt zwar beistimme, in der Folge aber dasjenige nicht tue, worin ich dir beigestimmt, [B] so halte mich nur ganz für einen Taugenichts, und ermahne mich niemals wieder nachher, wie einen der nichts wert ist.

Wiederhole mir aber noch einmal von Anfang, wie du glaubst, und Pindar mit dir, dass es sich mit dem Gerechten verhalte, dem der Natur gemäßen, dass der Würdigere gewaltsam wegführt, was dem Geringeren gehört, und der Bessere über den Schlechteren herrscht, und der Edlere mehr hat als der Gemeinere? Ist nach deiner Rede das Gerechte etwas anderes, oder habe ich es richtig behalten?

KALLIKLES: Eben das sagte ich damals, [C] und sage es auch jetzt noch.

SOKRATES: Meinst du aber dasselbe, wenn du sagst einer ist besser, und wenn du sagst einer ist würdiger? Denn das konnte ich auch schon damals nicht recht verstehen wie du es meintest. Nennst du die würdiger, welche stärker sind, und soll der Schwächere auf den Stärkeren hören, wie mich dünkt, dass du auch damals zeigtest, dass die größeren Staaten nach dem natürlichen Recht die kleineren angriffen, [D] weil sie nämlich würdiger sind und stärker, wonach dann

 

würdiger und stärker und besser einerlei wäre? Oder kann man besser sein, aber geringer und schwächer, und würdiger, aber schlechter? Oder soll besser und würdiger einerlei besagen? Dieses grade bestimme mir recht genau, ob das verschieden ist oder einerlei, würdiger und besser und stärker.

KALLIKLES: So sage ich dir denn ganz bestimmt, dass es einerlei ist.

SOKRATES: Sind nun nicht die Vielen von Natur stärker [E] als der Eine, da sie ja auch die Gesetze geben für den Einen, wie du auch selbst vorher sagtest?

KALLIKLES: Wie anders?

SOKRATES: Was also den Vielen gesetzlich ist, ist es auch den Stärkeren.

KALLIKLES: Allerdings.

SOKRATES: Also auch den Besseren, denn die Stärkeren sind bei weitem die Besseren nach deiner Rede.

KALLIKLES: Ja.

SOKRATES: Also das bei diesen Gesetzliche ist von Natur schön, da sie ja eben die Besseren sind? KALLIKLES: Das gebe ich zu.

SOKRATES: Setzen nun nicht eben die Vielen dieses fest, wie du auch selbst oben sagtest, es sei gerecht das Gleiche zu haben, und Unrecht tun sei unschöner als Unrecht leiden? [489 St.1 A] Ist dies so oder nicht? Und dass du hier nur ja nicht darauf ertappt wirst, dass du dich auch schämst. Setzen die Vielen dieses fest oder nicht, dass das Gleiche zu haben, und nicht mehr, gerecht sei? Nicht die Antwort hierauf mir vorenthalte, Kallikles, damit wenn du mir beistimmst, dann werde ich bestätigt durch dich, weil nun ein Mann, der wohl im Stande ist es zu beurteilen, mir beigestimmt hat.

KALLIKLES: Ja, die Vielen setzen dies so fest.

SOKRATES: Also nicht nur dem Gesetze nach ist Unrechttun unschöner als Unrechtleiden, und das Gleiche haben gerecht, sondern auch der Natur nach. [B] So dass du im vorigen nicht magst wahr gesprochen, noch mir mit Recht Schuld gegeben haben, als du sagtest, Gesetz und Natur wären einander entgegen, was ich wohl wüsste, und dadurch in meinen Reden den andern übervorteilte, indem ich, wenn er es jemand nach der Natur meinte, ihn auf das Gesetzliche führte, wenn aber nach dem Gesetz, dann auf die Natur.

KALLIKLES: Dieser Mann wird nie aufhören, leeres Geschwätz zu treiben. Sage mir, Sokrates, schämst du dich nicht in deinem Alter auf Worte Jagd zu machen, und wenn jemand in einem Worte fehlt, dies für einen [C] großen Fund zu achten? Glaubst du denn, dass ich etwas anderes meine unter dem Bessersein als das würdiger sein? Sage ich dir nicht schon immer, ich setze dies als einerlei, würdiger und besser? Oder glaubst du, ich meine, wenn sich ein Haufen Knechte versammelt, oder allerlei andere Leute, an denen weiter gar nichts ist, als dass sie vielleicht körperliche Kräfte haben, und diese es behaupten, dass dann eben dieses das gesetzliche sei?

SOKRATES: Wohl, du weisester Kallikles! So meinst du es? KALLIKLES: Freilich so.

SOKRATES: Auch ich vermutete selbst schon lange, [D] dass du es so ungefähr meintest mit dem würdiger sein, und fragte dich eben weiter, weil ich gern recht genau wissen wollte, wie du es meintest. Denn du hältst doch wohl nicht allemal Zwei für besser als Einen, noch deine Knechte für besser als dich, weil sie stärker sind als du. Also sage mir noch einmal von Anfang, was du denn eigentlich verstehst unter den Besseren, wenn doch nicht die Stärkeren. Und du Wunderlicher, lehre mich etwas sanftmütiger sein, damit ich nicht wegbleibe von dir.

KALLIKLES: Du spottest wieder, Sokrates.

SOKRATES: Nein, bei Zethos, [E] vermittelst dessen du nur kürzlich so viel Spott mit mir betreiben hast. Also komm und sage mir, wer du meinst, dass die Besseren sind.

KALLIKLES: Die Edleren, meine ich.


SOKRATES: Siehst du nun, dass du selbst nur Worte vorbringst und nichts erklärst? Willst du mir nicht sagen, ob du etwa unter denen, die würdiger und besser sind, die einsichtsvolleren meinst oder andere?

KALLIKLES: Nun ja, eben diese meine ich, beim Zeus, ganz eigentlich.

SOKRATES: Oftmals also ist ein Einsichtsvoller besser als zehntausend, die ohne Einsicht sind, [490 St.1 A] nach deiner Rede, und dieser muss herrschen, jene aber beherrscht werden, und der Herrschende mehr haben als die Beherrschten. Denn dies dünkt mich willst du sagen, und ich mache nicht Jagd auf Worte, wenn der Eine besser ist als die Zehntausend.

KALLIKLES: Eben das ist es auch was ich meine. Denn dies, denke ich, ist das Gerechte von Natur, dass der Bessere und Einsichtsvollere herrsche und mehr habe als die Schlechteren.

SOKRATES: Halte doch hier. Was sagst du nur [B] wieder jetzt? Wenn, wie jetzt hier, unserer sehr viele zusammen wären, und hätten gemeinschaftlich hier vielerlei Speisen und Getränk, wären aber durcheinander von allerlei Art, Kräftige und Schwächliche, einer aber unter uns wäre der Einsichtsvollste hierin, weil er ein Arzt wäre, wäre aber selbst, wie es ja wahrscheinlich ist, kräftiger als einige, schwächer als andere, nicht wahr, so wäre doch dieser, weil er einsichtsvoller wäre als wir, auch besser und stärker hierin?

KALLIKLES: Freilich.

SOKRATES: Müsste er [C] nun etwa von diesen Speisen mehr bekommen, weil er der Bessere ist? Oder müsste er, sofern er herrscht, eben alles verteilen, sofern er es aber genießt und verbraucht, für seinen eigenen Leib nicht nach dem meisten streben, wenn er nicht Schaden leiden wollte, sondern mehr haben als Einige und weniger als Andere, und wenn er zufälligerweise der schwächlichste wäre, dann gerade am wenigsten, Kallikles, unter Allen, unerachtet er der Beste wäre. Nicht so, mein Guter?

KALLIKLES: Von den Speisen sprichst du [D] und Getränk und Ärzten und Possen, ich aber meine das gar nicht.

SOKRATES: Sagst du also nicht, dass der Einsichtsvollere der Bessere ist? Sprich doch ja oder nein. KALLIKLES: Ja, sage ich.

SOKRATES: Aber nicht, dass der Bessere auch mehr haben müsse?

KALLIKLES: Nicht Speise und Trank.

SOKRATES: Ich verstehe. Aber vielleicht Kleider, und wer sich am besten auf das Weben versteht, muss auch das größte Kleid haben, und am vollständigsten und schönsten angezogen umhergehen?

KALLIKLES: Was doch Kleider?

SOKRATES: Aber an Schuhen offenbar doch muss [E] wer der einsichtsvollste und beste hierin ist, auch mehr haben, und der Schuhmacher vielleicht auf die größten und meisten Sohlen treten?

KALLIKLES: Was für ein Geschwätz machst du nun wieder von Schuhen!

SOKRATES: Also wenn du dergleichen nicht meinst, dann vielleicht dieses, wie ein Landmann, der im Ackerbau einsichtsvoll ist und achtungswert, der muss vielleicht mehr Samen haben, und möglichst vielen auf seinen Acker verbrauchen?

KALLIKLES: Wie du doch immer wieder dasselbe vorbringst, Sokrates!

SOKRATES: Nicht nur das, o Kallikles, sondern auch, wohl zu merken, von derselben Sache.

KALLIKLES: Bei [491 St.1 A] den Göttern, du hörst auch gar nicht auf, immer von Schustern und Gerbern und Köchen und Ärzten zu reden, als wenn davon die Rede wäre unter uns.

SOKRATES: Willst du also sagen, worin denn der Einsichtsvollere und Bessere mehr haben soll, damit er es auch mit Recht habe? Oder willst du weder leiden, dass ich dir etwas vorlege, noch auch es selbst sagen?

KALLIKLES: Aber ich sage es ja schon lange, zuerst wer die Besseren sind, dass ich [B] nicht Schuster meine noch Köche, sondern die in den Angelegenheiten des Staates einsichtsvoll sind,

 

und wissen, wie er gut kann verwaltet werden, und nicht nur einsichtsvoll, sondern auch tapfer, so dass sie im Stande sind, was sie ersonnen haben, auch auszuführen, und nicht dabei ermüden aus Weichlichkeit des Gemüts.

SOKRATES: Siehst du, bester Kallikles, wie es gar nicht dasselbe ist, was du mir Schuld gibst, und was ich wiederum dir? Denn du behauptest von mir, ich sagte immer dasselbe, und tadelst mich deshalb. Ich aber beschuldige dich im Gegenteil, dass du nie dasselbe sagst von derselben Sache, sondern bald erklärst du, die Besseren, und die Würdigeren, wären die Stärkeren, [C] dann wieder sind es die Einsichtsvolleren, nun aber bringst du schon wieder etwas anderes, indem du gewisse Tapfere für die Besseren ausgibst, und die Würdigeren. Aber, du Guter, sage es doch einmal fertig heraus, wer denn die Besseren sein sollen und worin?

KALLIKLES: Aber ich habe es ja schon gesagt, die in den Staatssachen einsichtsvoll sind und tapfer. Denn diesen kommt es zu die Staaten zu beherrschen, und das ist eben das Recht, dass diese mehr haben als die Andern, die Herrschenden [D] als die Beherrschten.

SOKRATES: Auch mehr als sie selbst, Freund? KALLIKLES: Wie meinst du das?

SOKRATES: Ich meine, dass doch jeder Einzelne über sich selbst herrscht. Oder ist das gar nicht nötig, sich selbst beherrschen, sondern nur die Andern?

KALLIKLES: Wie meinst du sich selbst beherrschen?

SOKRATES: Gar nichts besonders schwieriges, sondern wie es die Leute meinen, maßvoll sein und sein selbst mächtig, und die Lüste und Begierden, die jeder in sich hat, [E] beherrschend.

KALLIKLES: Wie gutmütig du bist! Diese Einfältigen meinst du, die Maßvollen!

SOKRATES: Warum denn nicht? Das kann ja niemand verkennen, dass ich das meine.

KALLIKLES: O doch, Sokrates. Denn wie könnte wohl ein Mensch glückselig sein, der irgendwem diente? Sondern das ist eben das von Natur Schöne und Rechte, was ich dir nun ganz frei heraus sage, dass wer richtig leben will, seine Begierden muss so groß werden lassen als möglich, und sie nicht einzwängen, und diesen, wie groß sie auch sind, muss er dennoch Genüge zu leisten vermögen durch Tapferkeit und Einsicht, [492 St.1 A] und worauf seine Begierde jedesmal geht sie befriedigen. Allein dies, meine ich, sind eben die Meisten nicht im Stande, weshalb sie grade solche Menschen tadeln aus Scham, ihr eignes Unvermögen verbergend, und sagen, die Zügellosigkeit sei etwas Schändliches, um, wie ich auch vorher schon sagte, die von Natur besseren Menschen einzuzwängen, und weil sie selbst ihren Lüsten [B] keine Befriedigung zu verschaffen vermögen, so loben sie das Maßhalten und die Gerechtigkeit, ihrer eigenen Feigheit wegen. Denn denen, welche entweder schon ursprünglich Söhne von Königen waren, oder welche kraft ihrer eigenen Natur vermochten sich ein Reich oder eine Macht und Herrschaft zu gründen, was wäre wohl unschöner und übler als das Maßhalten für diese Menschen, wenn sie, dass sie des Guten genießen könnten, und ihnen niemand im Wege steht, sich selbst einen Herren setzten, nämlich des großen Haufens Gesetz, Geschwätz und Gericht. [C] Oder wie sollten sie nicht elend geworden sein durch das Schöne der Gerechtigkeit und des Maßhaltens, wenn sie nun ihren Freunden nicht mehr zuwenden als ihren Feinden, und das, unerachtet sie herrschen in ihrem Staat! Sondern der Wahrheit nach, o Sokrates, die du ja behauptest zu suchen, verhält es sich so: Üppigkeit, Zügellosigkeit und Freigebigkeit, wenn sie nur Rückhalt haben, sind eben Tugend und Glückseligkeit, jenes andere aber sind Zierereien, widernatürliche Satzungen, leeres Geschwätz der Leute und nichts wert.

SOKRATES: Gar nicht feigherzig, o Kallikles, [D] stürmst du mit deiner Rede bei großer Freimütigkeit an. Denn ganz offen sagst du nun heraus, was die Andern zwar auch denken, aber nicht sagen wollen. Ich bitte dich daher, ja auf keine Weise nachzulassen, damit nun in der Tat offenbar werde, wie man leben muss. Und sage mir, die Begierden, sprichst du, muss man nicht einzwängen, wenn man sein will wie man soll, sondern sie so groß immer möglich lassen, [E] und ihnen woher es auch sei Befriedigung bereiten, und das sei die Tugend.

KALLIKLES: Das behaupte ich.


SOKRATES: Nicht richtig also sagt man, die nichts Bedürfenden wären glückselig. KALLIKLES: Die Steine wären ja auf diese Art am glückseligsten, und die Toten.

SOKRATES: Aber doch auch, so wie du es beschreibst, ist das Leben mühselig. Ich wenigstens wollte mich nicht wundern, wenn Euripides Recht hätte, wo er sagt:

Wer weiß ob unser Leben nicht ein Tod nur ist, Gestorben sein dagegen Leben?

Und ob wir vielleicht in der Tat tot sind. Was ich auch sonst schon [493 St.1 A] von einem der Weisen gehört habe, dass wir jetzt tot wären, und unsere Leiber wären nur unsere Gräber, der Teil der Seele aber, worin die Neigungen sind, wäre ein beständiges Aneignen und Abstoßen aufwärts und abwärts, welches ein stattlicher Mann, der Sinnbilder dichtet, einer aus Sikelien wohl oder Italien mit dem Worte spielend wegen des Einfüllens und Fassenwollens ein Fass genannt hat, [B] und die Ausgelassenen Ausgeschlossene, und bei diesen Ausgeschlossenen könnte nun der Teil der Seele, wo die Neigungen sind, eben wegen der Ungebundenheit und Unhaltbarkeit nicht schließen, wie ein leckes Fass, womit er sie der Unersättlichkeit wegen verglich. Und ganz dir entgegengesetzt, o Kallikles, zeigt dieser, dass in der Schattenwelt, worunter er die Geisterwelt meinte, jene Ausgeschlossenen die Unseligsten wären und Wasser trügen [C] in das lecke Fass mit einem ebenso durchlässigen Siebe. Unter dem Siebe aber verstand er, wie der sagt, der es mir erzählte, die Seele, und die Seele der Ausgelassenen verglich er mit einem Siebe, weil sie leck wäre und nichts festhalten könne, aus Ungewissheit und Vergesslichkeit. Dies ist nun gewissermaßen hinreichend wunderlich, es macht aber doch deutlich, was ich dich gern, wenn ich es dir irgend zeigen könnte, überreden möchte zu wechseln, und anstatt des unersättlichen und ausgelassenen und ungezügelten Lebens das besonnene, und mit dem jedesmal vorhandenen [D] sich begnügende zu wählen. Aber wie ist es nun? Überrede ich dich wohl, und änderst du deine Behauptung dahin, dass die Maßvollen glückseliger sind als die Zügellosen, oder schaffe ich nichts, sondern wenn ich auch noch so viel dergleichen dichtete, würdest du doch deine Meinung nicht ändern?

KALLIKLES: Dies war richtiger gesprochen, Sokrates.

SOKRATES: Wohlan, ich will es dir noch mit einem anderen Bild erklären aus derselben Schule wie das vorige. Gib Acht, ob du wohl dies richtig findest [E] von jeder dieser beiden Lebensweisen, der besonnenen und der zügellosen, wie wenn zwei Menschen jeder viele Fässer hätte. Die des Einen wären dicht und angefüllt eins mit Wein, eins mit Honig, eins mit Milch und viele andere mit vielen andern Dingen, die Quellen aber von dem allen wären sparsam und schwierig, und gäben nur mit vieler Mühe und Arbeit etwas her. Jener eine nun hätte seine Fässer voll, und leitete nichts weiter hinein, dächte auch gar nicht weiter daran, sondern wäre hierüber zufrieden. Der andere aber hätte eben wie jener solche Quellen, die zwar etwas hergäben aber mit Mühe, seine Gefäße aber wären leck und morsch, und er müsste sie Tag und Nacht [494 St.1 A] anfüllen oder die ärgste Pein erdulden. Willst du nun, wenn es sich mit diesen beiden Lebensweisen so verhält, dennoch sagen, die des Zügellosen wäre glückseliger als die des Maßvollen? Überrede ich dich etwa hierdurch zuzugeben, das maßvolle Leben sei besser als das zügellose oder überrede ich dich nicht?

KALLIKLES: Du überredest mich nicht, Sokrates. Denn für jenen, wenn er seine Fässer voll hat, gibt es gar keine Lust mehr, sondern das heißt eben was ich vorher sagte wie ein Stein leben, wenn alles angefüllt ist weder Lust mehr haben noch Unlust. Sondern darin besteht eben das angenehm leben, dass recht viel hineinfließe.

SOKRATES: So muss doch notwendig, wenn viel [B] einfließen soll, auch des Abgehenden viel sein, und gar große Öffnungen für die Ausflüsse?

KALLIKLES: Allerdings.

SOKRATES: Das ist wiederum ein Leben wie das einer gestopften Gans, was du meinst, freilich nicht wie eines Toten oder eines Steins! Sage mir aber, du meinst es doch so, wie hungern, und wenn man hungert essen?

KALLIKLES: Ja.

 

SOKRATES: Auch dursten, und wenn man durstet trinken?

KALLIKLES: Auch, und ebenso alle andern Begierden soll man haben und befriedigen können, und so Lust gewinnen und glückselig leben.

SOKRATES: Wohl, [C] Bester. Bleibe nur dabei, wie du angefangen hast, und dass du ja nicht aus Scham abspringst. Wie es aber scheint, muss auch ich mich nicht schämen. Und so sage mir nur zuerst, ob krätzig sein und das Jucken haben, wenn man sich nur genug schaben kann, und so gekitzelt sein Leben hinbringen, ob das auch heißt glückselig leben?

KALLIKLES: Wie abgeschmackt du immer bist, Sokrates, und offenbar schlechte Kunstgriffe gebrauchst.

SOKRATES: Darum eben habe ich auch den Polos und den Gorgias eingeschüchtert und Scham beigebracht. Du aber lasse dich ja nicht erschrecken [D] und schäme dich auch nicht, sondern antworte nur.

KALLIKLES: So sage ich denn, auch wer sich kratzt wird angenehm leben. SOKRATES: Also wenn angenehm auch glückselig.

KALLIKLES: Freilich.

SOKRATES: Etwa wenn ihn nur der Kopf juckt, oder noch sonst etwas, frage ich dich. Siehe wohl zu, Kallikles, was du antworten willst, wenn dich jemand was hiermit zusammenhängt alles der Reihe nach fragt. Und verhält es sich hiermit so, so kommt heraus das Leben der Knabenschänder ist nicht abscheulich und schändlich und elend. Oder wirst du wirklich wagen zu behaupten, [E] dass auch diese glückselig sind, wenn sie nur vollauf haben, wessen sie bedürfen?

KALI.IKLES: Schämst du dich nicht, Sokrates, die Rede auf solche Dinge zu bringen?

SOKRATES: Bringe ich sie etwa darauf, Bester? Oder der, welcher so ohne weiteres behauptet, wer nur Lust habe, gleichviel wie er Lust habe, der sei glückselig, [495 St.1 A] und keinen Unterschied angibt, welche Lust gut ist und welche schlecht. Aber auch jetzt noch, sage nur, behauptest du das Angenehme und das Gute sei einerlei, oder es gebe Angenehmes was nicht gut ist?

KALLIKLES: Damit ich also meinen Satz nicht aufgebe, wenn ich sage, es wäre verschieden, so sage ich, es ist einerlei.

SOKRATES: Aber, Kallikles, du verdirbst die ersten Reden, und kannst nicht mehr gehörig mit mir das Wahre erforschen, wenn du anders redest, als du es selbst meinst.

KALLIKLES: Auch dir gilt das, Sokrates.

SOKRATES: Also tue [B] weder ich recht, wenn ich dies tue, noch du. Aber Bester, bedenke doch, das ist wohl nicht das Gute, auf alle Weise nur Lust haben. Denn das eben angedeutete viele schändliche folgt doch offenbar, wenn sich dies so verhält, und noch viel anderes.

KALLIKLES: Wie du wenigstens glaubst, Sokrates.

SOKRATES: Du aber, Kallikles, willst dies in der Tat durchsetzen?

KALLIKLES: Das will ich.

SOKRATES: Sollen wir also auf den Satz losgehen, als wäre es dir ernst damit?

KALLIKLES: Allerdings freilich.

SOKRATES: Wohlan, wenn es denn so sein soll, so bringe mir doch dieses in Ordnung. Du nennst doch etwas Erkenntnis.

KALLIKLES: [C] Ja.

SOKRATES: Sagtest du nicht auch, dass es eine Tapferkeit gäbe mit Erkenntnis?

KALLIKLES: Das tat ich.

SOKRATES: Nicht wahr, doch als sei die Tapferkeit verschieden von der Erkenntnis, darum nanntest du sie beide?

KALLIKLES: Allerdings.


SOKRATES: Und wie? Sind Lust und Erkenntnis einerlei oder verschieden? KALLIKLES: Verschieden doch wohl, du weisester Mann.

SOKRATES: Auch die Tapferkeit verschieden von der Lust?

KALLIKLES: Wie anders?

SOKRATES: Wohlan, lasse uns dies wohl behalten, dass Kallikles [D] der Acharner gesagt hat, angenehm und gut zwar sei einerlei, Erkenntnis aber und Tapferkeit von einander sowohl als von dem Guten verschieden. Sokrates aber von Alopeka gibt dies nicht zu. Oder gibt er es zu?

KALLIKLES: Er gibt es nicht zu.

SOKRATES: Ich glaube aber auch Kallikles nicht, wenn er sich selbst erst recht betrachtet hat. Denn sage mir doch, die wohl leben und die schlecht leben, meinst du nicht, dass diese sich in einem entgegengesetzten Zustande befinden?

KALLIKLES: Freilich.

SOKRATES: Muss nun nicht, wenn beides wirklich einander entgegengesetzt ist, es sich auch so damit verhalten, wie es sich mit Gesundheit und Krankheit verhält. [E] Nämlich ein Mensch ist doch nicht zu gleicher Zeit gesund und krank, verliert auch nicht zu gleicher Zeit die Gesundheit und die Krankheit.

KALLIKLES: Wie meinst du das?

SOKRATES: Nimm welches Einzelne du willst am Leibe und betrachte es. Ein Mensch sei krank an

den Augen, [496 St.1 A] was man die Augenentzündung nennt. KALLIKLES: Gut.

SOKRATES: So ist er doch nicht zugleich gesund an denselben? KALLIKLES: Auf keine Weise.

SOKRATES: Wie aber wenn er nun die Augenentzündung verliert, verliert er alsdann auch die Gesundheit der Augen, und hat am Ende beides zugleich verloren?

KALLIKLES: Ganz und gar nicht.

SOKRATES: Es wäre auch, denke ich, wunderlich und widersinnig. Nicht wahr?

KALLIKLES: Gar sehr.

SOKRATES: Sondern abwechselnd, glaube ich, bekommt und verliert er jedes. Nicht wahr?

KALLIKLES: Gewiss.

SOKRATES: Auch [B] Stärke und Schwäche ebenso?

KALLIKLES: Ja.

SOKRATES: Und Schnelligkeit und Langsamkeit?

KALLIKLES: Eben so.

SOKRATES: Etwa auch das Gute und die Glückseligkeit, und das Gegenteil davon, Übel und Elend, bekommt und verliert man immer eins um das andere?

KALLIKLES: Auf alle Weise.

SOKRATES: Wenn wir also etwas fänden, was der Mensch zugleich verliert und auch hat, so wäre dieses offenbar nicht das Gute und das Böse. Wollen wir dies annehmen? Bedenke es dir recht gut, [C] ehe du antwortest.

KALLIKLES: Ja ganz bestimmt nehme ich das an.

SOKRATES: So gehe mit mir auf das vorhin eingestandene zurück. Sagtest du, hungern wäre angenehm oder schmerzlich? Ich meine nämlich das Hungern selbst.

KALLIKLES: Schmerzlich, sagte ich, das Essen jedoch wenn man hungert angenehm. SOKRATES: Das denke ich auch. Aber doch das Hungern selbst schmerzlich? KALLIKLES: Das gebe ich zu.


SOKRATES: Auch wohl [D] das Dursten? KALLIKLES: Gar sehr.

SOKRATES: Soll ich nun noch mehr fragen, oder gibst du zu, dass überall jedes Bedürfnis und Begehren schmerzlich ist?

KALLIKLES: Ich gebe es zu, frage nur nicht weiter.

SOKRATES: Wohl! Durstend aber trinken, sagst du nicht das sei angenehm? KALLIKLES: Das sage ich.

SOKRATES: In diesem nun, was du sagst, bedeutet doch das durstend, Unlust habend. KALLIKLES: Ja.

SOKRATES: Das Trinken aber die Befriedigung des Bedürfnisses, und also Lust? KALLIKLES: Ja.

[E] SOKRATES: Sofern man also trinkt, sagst du, man habe Lust?

KALLIKLES: Gewiss.

SOKRATES: Durstend doch?

KALLIKLES: So meine ichs.

SOKRATES: Also Unlust habend?

KALLIKLES: Ja.

SOKRATES: Merkst du nun was folgt, dass du sagst, der Unlust habende habe zugleich Lust, wenn du sagst, der Durstige trinkt? Oder geschieht dieses etwa nicht zugleich in einerlei Raum und Zeit, wie du willst, der Seele oder des Leibes? Denn das, denke ich, macht uns hier keinen Unterschied. Ist es so oder nicht?

KALLIKLES: Es ist so.

SOKRATES: Dass aber, wer wohl lebt, zugleich auch schlecht leben könne, das, sagtest du, wäre unmöglich.

KALLIKLES: Das sage ich freilich.

[497 St.1 A] SOKRATES: Dass aber ein Unlust habender zugleich Lust haben könne, hast du als möglich zugegeben.

KALLIKLES: So scheint es.

SOKRATES: Lust haben ist also nicht gut leben, und Unlust haben nicht schlecht. So dass das Angenehme verschieden ist vom Guten.

KALLIKLES: Ich weiß nicht, was du herausklügelst, Sokrates.

SOKRATES: Du weißt wohl, aber du sträubst dich, Kallikles. Und rücke nur noch etwas weiter heraus mit deinen Schwänken, damit du recht sehest, von welcher Weisheit herab du mich zurechtweisest. [B] Hört nicht jeder von uns zugleich auf zu dursten und zugleich am Trinken Vergnügen zu haben?

KALLIKLES: Ich weiß nicht, was du willst, und habe genug von diesen Reden.

GORGIAS: Nicht also Kallikles! Sondern antworte, auch unseretwegen, damit die Rede durchgeführt werde.

KALLIKLES: Aber Sokrates ist immer so, Gorgias, dass er geringfügige und nichtswürdige Dinge ausfragt und widerlegt.

GORGIAS: Aber was macht es dir aus? Auf alle Weise kommt ja das nicht auf deine Rechnung, Kallikles, sondern lasse du nur den Sokrates zeigen, [C] wie er will.

KALLIKLES: So frage denn deine Kleinigkeiten und Jämmerlichkeiten, wenn es dem Gorgias so gut dünkt.


SOKRATES: Du bist glückselig, Kallikles, dass du die großen Weihen hast vor den kleinen, ich würde meinen, das ginge nicht an. Wo du also stehen bliebst, das beantworte, ob nicht jeder zugleich aufhört zu dursten und auch Lust zu haben.

KALLIKLES: Das gebe ich zu.

SOKRATES: Also auch mit dem Hunger und allen andern Begierden hört die Lust zugleich auf.

KALLIKLES: So ist es.

[D] SOKRATES: Also hört auch die Unlust und die Lust zugleich auf?

KALLIKLES: Ja.

SOKRATES: Aber das Gute und Böse hört nicht zugleich auf, wie du zugabst, gibst du es aber nun nicht zu?

KALLIKLES: O ja, und was weiter?

SOKRATES: Dass demnach, lieber Freund, das Gute nicht einerlei ist mit dem Angenehmen, noch das Böse mit dem Unangenehmen, denn diese hören beide zugleich auf, jene aber nicht, dass also offenbar beide verschieden sind. Wie sollte also das Angenehme mit dem Guten einerlei sein, und das Unangenehme mit dem Bösen? Wenn du lieber willst, betrachte es auch so: denn ich denke, [E] auch so tritt der Widerspruch hervor. Sieh nur zu. Nennst du die Guten nicht gut, weil ihnen Gutes einwohnt, wie diejenigen schön, denen Schönheit einwohnt?

KALLIKLES: Das tue ich.

SOKRATES: Und wie? Nennst du die Törichten und Feigherzigen Gute? Vorher wenigstens nicht, sondern die Tapfern und Einsichtsvollen nanntest du so. Oder nennst du nicht diese gut?

KALLIKLES: Allerdings.

SOKRATES: Und wie? Hast du schon ein unverständiges Kind vergnügt gesehen?

KALLIKLES: O ja.

SOKRATES: Einen unverständigen Mann hast du aber noch nicht vergnügt gesehen?

KALLIKLES: Ich glaube wohl, aber wozu das?

SOKRATES: Zu nichts, antworte nur.

KALLIKLES: Ich habe solche gesehen.

[498 St.1 A] SOKRATES: Wie? Auch Verständige vergnügt oder unlustig?

KALLIKLES: O ja.

SOKRATES: Welche haben nun mehr Lust und Unlust, die Vernünftigen oder die Unvernünftigen?

KALLIKLES: Ich glaube, das wird ziemlich dasselbe sein.

SOKRATES: Auch das ist mir genug. Hast du auch schon im Kriege einen Feigherzigen gesehen?

KALLIKLES: Wie sollte ich nicht.

SOKRATES: Wenn nun die Feinde abgezogen, welche dünkten dich mehr Freude zu haben, die Feigen oder die Tapferen?

KALLIKLES: Sie dünkten mich beide viel zu haben, wo nicht, doch ziemlich gleichviel. SOKRATES: Auch das verschlägt nichts. Es freuen sich also doch auch die Feigen? KALLIKLES: Gar sehr.

SOKRATES: Und die [B] Törichten, wie es scheint.

KALLIKLES: Ja.

SOKRATES: Kommen aber die Feinde angezogen, haben dann die Feigen allein Unlust, oder auch die Tapferen?

KALLIKLES: Beide.

SOKRATES: Auch gleich sehr? KALLIKLES: Mehr vielleicht die Feigen.


SOKRATES: Und wenn sie abziehen, sollten sie nicht mehr Lust haben? KALLIKLES: Vielleicht.

SOKRATES: Also Lust und Unlust haben die Törichten und die Einsichtsvollen, die Feigen und die Tapferen gleichmäßig, wie du behauptest, und wohl die Feigen mehr als die Tapferen.

KALLIKLES: Das behaupte ich.

SOKRATES: Aber doch sind die Einsichtsvollen und die Tapferen gut, die [C] Feigen und Törichten aber böse?

KALLIKLES: Ja.

SOKRATES: Gleichviel also haben die Guten und die Bösen Lust und Unlust?

KALLIKLES: Das behaupte ich.

SOKRATES: Sind nun etwa auch die Guten und die Bösen beides gleichviel gut und böse, oder sind die Bösen mehr gut als böse?

KALLIKLES: Ja, beim Zeus, ich weiß nicht was du willst.

SOKRATES: Weißt du nicht, dass du sagtest, die Guten wären gut, weil ihnen Gutes einwohnte, die Bösen böse, weil Böses, das Gute aber wäre die Lust, das Böse die Unlust?

KALLIKLES: Das sagte ich.

SOKRATES: Also denen, [D] die sich freuen, wohnt das Gute ein, die Lust, wenn sie sich doch freuen.

KALLIKLES: Wie sollte es nicht.

SOKRATES: Also da ihnen Gutes einwohnt, sind die gut, welche sich freuen?

KALLIKLES: Ja.

SOKRATES: Und wie? Denen die Schmerz empfinden, wohnt denen nicht Böses ein, die Unlust?

KALLIKLES: Ja.

SOKRATES: Und wegen Einwohnung des Bösen, sagst du, sind die Bösen böse. Oder sagst du es nicht mehr?

KALLIKLES: Noch immer.

SOKRATES: Gut also sind, die irgend Lust haben, böse, die irgend Schmerzen?

KALLIKLES: Freilich.

SOKRATES: [E] Die mehr sind es mehr, und die weniger weniger, und die gleich sehr, sind es gleich sehr?

KALLIKLES: Ja.

SOKRATES: Nun sagst du doch, die Einsichtsvollen und Törichten, und die Feigen und Tapferen hätten gleich sehr Lust und Unlust, oder auch die Feigen noch mehr.

KALLIKLES: Das sage ich.

SOKRATES: So erwäge nun gemeinschaftlich mit mir, was aus dem Eingestandenen folgt. Denn auch zweimal und dreimal, sagen sie, dürfe man das Schöne vorbringen und erwägen. [499 St.1 A] Gut sei der Einsichtsvolle und Tapfere, sagen wir, nicht wahr?

KALLIKLES: Ja.

SOKRATES: Böse der Törichte und Feige? KALLIKLES: Allerdings.

SOKRATES: Gut aber auch wiederum der Vergnügte? KALLIKLES: Ja.

SOKRATES: Und schlecht der welcher Pein hat? KALLIKLES: Notwendig.


SOKRATES: Gepeinigt aber und vergnügt, sagst du, sei der Gute und der Schlechte auf gleiche Weise, vielleicht auch der Schlechte noch mehr?

KALLIKLES: Ja.

SOKRATES: Also wird der Schlechte eben so wie der Gute gut und schlecht oder auch noch mehr gut? Folgt nicht dieses [B] und auch jenes vorige, wenn jemand behauptet Gutes und Angenehmes wäre dasselbe. Ist es nicht notwendig, Kallikles?

KALLIKLES: Schon lange höre ich dir so zu, Sokrates, indem ich dir immer alles zugebe, weil ich merke, dass wenn dir jemand, wäre es auch nur im Scherz, irgendetwas Preis gibt, du dich damit freust wie ein Kind. Also glaubst du wirklich, dass ich, oder sonst irgendein Mensch meine, es sei nicht einige Lust besser, andere schlechter?

SOKRATES: Oh! oh! Kallikles! wie boshaft bist du, und gehst mit mir um wie mit einem Kinde! Bald sagst du, die Sache verhalte sich so, [C] bald wieder anders, und hintergehst mich. Und doch glaubte ich anfangs nicht, dass ich absichtlich von dir würde hintergangen werden, da du mir ja wohlwillst, nun aber bin ich betrogen, und muss schon, nach dem alten Spruch, nehmen was ich bekommen kann, und aus dem, was du mir gibst, soviel machen als möglich. Es ist also, wie es scheint, und du jetzt sagst, so, dass einige Lust gut ist, andere schlecht.

KALLIKLES: Ja.

SOKRATES: Sind nun gut etwa die nützlichen, schlecht aber die schädlichen?

KALLIKLES: Freilich.

SOKRATES: Und nützlich [D] sind doch die etwas Gutes bewirken, schädlich aber die etwas Schlechtes?

KALLIKLES: Das sage ich auch.

SOKRATES: Meinst du etwa dieses? Wie in Beziehung auf den Leib, von der Lust, welche wir anführten am Essen und Trinken, wenn davon einige dem Leibe Gesundheit verschaffen, oder Stärke, oder irgend eine andere Vollkommenheit des Leibes, diese gut sind, die aber das Gegenteil hiervon, schlecht?

KALLIKLES: Freilich.

SOKRATES: Ist es nun auch mit der Unlust eben so, dass einige heilsam ist, andere verderblich? KALLIKLES: [E] Wie sollte es nicht.

SOKRATES: Also die gute Lust und Unlust muss man wählen und bewirken?

KALLIKLES: Freilich.

SOKRATES: Die schlechte aber nicht?

KALLIKLES: Offenbar.

SOKRATES: Denn um des Guten willen müsse man alles tun, glaubten wir beide, wenn du dich noch erinnerst, ich und Polos. Glaubst du dies etwa mit uns, dass aller Handlungen Ziel das Gute ist, und dass um seinetwillen alles andre muss getan werden, nicht aber [500 St.1 A] dieses um des andern willen? Willst du auf unsre Seite treten als der dritte?

KALLIKLES: Das will ich.

SOKRATES: Um des Guten willen also muss man alles übrige und so auch das Angenehme tun, nicht aber das Gute wegen des Angenehmen.

KALLIKLES: Freilich.

SOKRATES: Ist es nun etwa jedermanns Sache, auszuwählen, was unter dem Angenehmen gut ist, und was schlecht, oder bedarf es zu jedem eines Sachverständigen?

KALLIKLES: Eines Sachverständigen.

SOKRATES: Bringen wir uns nun in Erinnerung, was ich zum Polos und Gorgias sagte. Ich sagte nämlich, [B] es gäbe Verrichtungen, von denen einige nur bis zur Lust gingen, und diese allein bewirkten, vom Besseren und Schlechteren aber nichts wüssten, andere aber gingen auf das, was


gut ist und was schlecht, und so setzte ich unter die auf die Lust gehenden, als die leibliche, des Kochs Geschicklichkeit, nicht Kunst, unter die aber auf das Gute gehenden ebenso die Kunst des Arztes. Und nun, beim freundlichen Zeus, o Kallikles, [C] treibe weder Scherz mit mir, und antworte auch nicht gegen deine Meinung, was sich eben trifft, noch weniger aber nimm was ich sagen werde so an, als scherzte ich. Denn du siehst, dass davon die Rede unter uns ist, worüber es gewiss für jeden Menschen, der nur ein wenig Vernunft hat, nichts ernsthafteres geben kann, nämlich auf welche Weise er leben soll, ob auf diejenige, zu welcher du mich ermunterst, dass ich doch jenes dem Manne geziemende betreiben möchte, im Volke auftreten, die Redekunst ausüben und den Staat verwalten, auf die Art [D] wie ihr ihn eben jetzt verwaltet, oder ob er sich zu jener Lebensweise halten solle, die in der Philosophie behandelt wird, und worin wohl diese von der andern sich unterscheidet. Vielleicht wäre es nun am besten, dass ich schon vorher versuchte, zu unterteilen, und nachdem wir unterteilt hätten und miteinander übereingekommen sind, ob dies die beiden Lebensweisen sind, dann überlegen, worin sie sich unterscheiden, und nach welcher man leben müsse. Vielleicht weißt du aber noch nicht, was ich meine?

KALLIKLES: Nicht recht.

SOKRATES: So will ich es dir noch deutlicher sagen. Nachdem wir übereingekommen, [E] ich und du, es gebe Gutes und auch Angenehmes, und das Angenehme wäre verschieden von dem Guten, für jedes von beiden aber gebe es eine Bemühung und Verrichtung zu seinem Besitz zu gelangen, ein Jagen nach dem Angenehmen also, und eins nach dem Guten. Dies aber gib mir zuerst entweder zu, oder leugne es.

KALLIKLES: Ich gebe es zu.

SOKRATES: Wohlan, auch darüber, was ich zu diesen sagte, erkläre dich mir, ob dich damals dünkte, dass ich recht hätte. Ich sagte nämlich, die Kochkunst schiene mir keine Kunst zu sein, sondern nur eine Geschicklichkeit, wohl aber die Heilkunst, wobei ich meinte, [501 St.1 A] dass diese die Natur dessen erforscht hätte, was sie besorgt, und den Grund dessen was sie tut, und von jedem einzelnen Rechenschaft geben kann. Die andere aber auf die Lust, auf welche ihre ganze Sorge gerichtet ist, offenbar ganz kunstlos hin arbeitet, ohne weder die Natur der Lust erforscht zu haben noch ihren Grund, und ganz vernunftlos, dass ich es grade heraus sage, eine gar nichts erforschende Hantierung und Geschicklichkeit, lediglich eine sich erhaltende Erinnerung dessen was zu geschehen pflegt, wodurch [B] sie eben die Lust herbeischafft. Dieses nun überlege zuerst, ob du glaubst, es sei mit Grund gesagt, und es gebe wirklich auch ebenso verschiedene Beschäftigungen mit der Seele, einige kunstgemäße, weiche Fürsorge tragen für das Beste der Seele, andere, welche, dieses vernachlässigend, nur wie dort auf die Lust der Seele bedacht sind, welchermaßen ihr die entstehen könnte, darauf aber, welche Lust besser sei, [C] und welche schlechter, weder Acht haben, noch überhaupt um irgendetwas anders sich bekümmern, als nur wohlgefällig zu sein, gleichviel ob besser oder schlechter. Mich nun, o Kallikles, dünkt, es gebe solche, und ich wenigstens sage dergleichen sei Schmeichelei, in Beziehung auf den Leib sowohl als die Seele und jedes andere, dem jemand nur durch Lust gütlich tun will, ohne nachgedacht zu haben über das bessere und schlechtere. Du aber, stellst du hierüber dieselbe Meinung auf wie wir, oder widersprichst du?

KALLIKLES: Ich nicht, sondern ich räume es ein, damit auch nur deine Rede zu Ende gebracht werde, und ich dem Gorgias zu willen sei.

SOKRATES: Soll es nun dergleichen für Eine [D] Seele zwar geben, für zwei oder mehrere aber nicht?

KALLIKLES: Nein, sondern auch für Zwei und Viele.

SOKRATES: Also auch Vielen zu Hauf kann man Wohlgefallen erregen, ohne auf das Beste bedacht zu sein.

KALLIKLES: Das glaube ich wohl.

SOKRATES: Kannst du nun wohl sagen, welches die Beschäftigungen sind, die dieses tun? Oder vielmehr wenn du willst, lasse mich fragen, und welche dir nun zu diesen zu gehören scheint, von


der bejahe es, welche nicht, von der verneine es. Zuerst lasse uns die Kunst des Flötenspielens betrachten. Dünkt sie dich nicht eine solche zu sein, Kallikles, dass sie nur unser Vergnügen sucht, und auf [E] nichts anders bedacht ist?

KALLIKLES: Das dünkt mich.

SOKRATES: Nicht auch alle ähnlichen insgesamt, wie das Spiel auf der Lyra in den tonkünstlerischen Wettstreiten?

KALLIKLES: Ja.

SOKRATES: Und wie die Ausführung der Chöre und die Dichtung der Dithyramben, erscheint dir die nicht auch als eine solche? Oder meinst du, Kinesias, der Sohn des Meles, denke im Mindesten darauf, wie er so etwas sagen will, wodurch seine Zuhörer besser werden? Oder nur, [502 St.1 A] wodurch er dem großen Haufen derselben gefallen will?

KALLIKLES: Das letzte wohl ist deutlich genug, vom Kinesias nämlich.

SOKRATES: Nun, und sein Vater Meles? Glaubst du, der habe auf das Beste Rücksicht genommen bei seinem Spiel auf der Lyra? Oder er ja wohl nicht einmal auf das angenehmste, denn er quälte mit seinem Gesang die Zuhörer. Aber überlege nur, scheint dir nicht das ganze Spiel auf der Lyra und die dithyrambische Dichtkunst nur zum Vergnügen erfunden zu sein?

KALLIKLES: Das scheint mir.

SOKRATES: Und jene prächtige und bewundernswürdige Dichtung der Tragödie, [B] worauf wendet die so viel Fleiß? Meinst du, ihr Zweck und ihre Bemühung sei nur darauf gerichtet den Zuschauern Wohlgefallen zu erregen, oder auch darauf durchzusetzen, dass wenn ihnen etwas zwar angenehm ist und wohlgefällig, aber verderblich, dieses nicht gesagt werde, und wenn dagegen etwas ihnen widerlich ist, aber heilsam, dass sie dieses sage und singe, mögen sie sich nun daran ergötzen oder nicht? Auf welches von beiden scheint es dir die tragische Dichtkunst angelegt zu haben?

KALLIKLES: Es ist ja offenbar, Sokrates, dass sie mehr auf die Lust ausgeht, und darauf den Zuschauern [C] gefällig zu sein.

SOKRATES: Dieses aber, o Kallikles, sagten wir eben jetzt sei Schmeichelei? KALLIKLES: Allerdings.

SOKRATES: Wohlan, wenn jemand von jeder Dichtung den Gesang wegnimmt, und den Tonfall und das Silbenmaß, werden nicht, was übrig bleibt, Reden?

KALLIKLES: Notwendig.