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IDM-HR/Einführung

aus AufEinWort, der freien Forschung

Das geistige Lebenswerk, das uns Nikolaus von Cues hinterlassen hat, weist deutlich Höhenpunkte auf, in denen seine philosophische Arbeit in zusam­ mengefaßter Form gipfelt. Der erste großartige Niederschlag seines Ringens mit philosophischen Pro­blemen und die Frucht einer rund zwei Jahrzehnte währenden geistigen Entwicklung und Bildung sind die drei Bücher 'Über die belehrte Unwissenheit’ (De docta ignorantia) und das gleichsam als vierter Teil anschließende Werk 'Von den Mutmaßungen’ (De coniecturis), die er im Jahre 1440 vollendete. Die philosophische Entscheidung ist als Grundgedanke, den er coincidentia oppositorum nannte, in jener ersten philosophischen Schrift von ihm dargelegt wor­den und von da an in seinen Schriften durchgehend festgehalten[1]. Dieser Grundgedanke betrifft das We­sen des Unendlichen als das absolute Sein, das Wesen der menschlichen Vernunft als unser Erkenntnis­ vermögen und das Wesen des Gegensatzes als Kate­gorie des Denkens.

Nach zehnjähriger kontinuierlicher Arbeit, die sich auf die verschiedenartigsten Bereiche erstreckte, ge­wannen Einsichten Gestalt, die er dann im Jahre 1450 in wenigen Wochen ausarbeitete und als Gespräch des 'Laien’ überschrieb[2]. In der Form neu für jene Zeit erreicht der in diesem Bande vorgelegte dritte der vier Dialoge des Idiota, der 'Vom Geiste’ spricht, die philosophische Tiefgründigkeit der 'Gelehrten Un­wissenheit’. Der Inhalt des Buches betrifft ein Zentral­ problem menschlicher Bemühungen, das Wesen der menschlichen Vernunft selber.

Im folgenden Jahrzehnt bis zu seinem Tode im Jahre 1464 entstehen weitere Schriften, die einzelne Sonderprobleme herauslösen und behandeln und in denen er diejenigen Begriffsbildungen schuf, mit denen er über seine früheren Positionen noch hinausgelangte, vor allem den Begriff des 'Possest’, des Können-Seins, und den des 'Non-aliud’, des Nicht-anderen. Seine Philosophie bleibt zwar bis an sein Ende docta ignorantia, wissende Unwissenheit, aber gerade das letzte Jahrzehnt zeigt, wieviel Positives in logisch sehr hoher Sphäre durch seine kritizistische Problemeinstellung erreichbar geworden ist. Die neuen Begriffsbildungen in den beiden Werken De possest und De non aliud besonders bringen nicht nur eine Spezialisierung auf einzelne Probleme, sondern im ganzen gesehen einen stetigen Fortgang auf den 'Gipfel der Betrachtung’, wie er eine seiner Altersschriften nannte. Und in sei­ner Schrift De venatione sapientiae (Von der Jagd nach der Weisheit) konnte Cusanus an seinem Lebens­abend wirklich seine gesamte philosophische Ernte bergen. Er nahm nicht nur Gedanken der Mystik auf, verarbeitete nicht nur Nominalismus und Probleme der Antike, sondern ließ seine eigenen ursprünglichen methodischen Setzungen immer fruchtbarer werden.

Somit kennzeichnen die Werke Docta ignorantia, Idiota und De venatione sapientiae drei Phasen seiner philosophischen Genesis. Die 'Wissende Unwissen­heit’ entstand unmittelbar nach der Rückkehr des Cusanus aus Byzanz, wo ihm Hellas im Urbild sicht­bar geworden war. Die Bücher vom 'Laien’ schrieb er im Jubiläumsjahre der Kirche, das ihm in jeder Beziehung zum Höhepunkt seines Lebens wurde; es war die Zeit, da er zum Bischof von Brixen ernannt war; die Zeit, da er, in Rom weilend, vom Papst die Vollmacht zur testamentarischen Verfügung über sein Vermögen erhielt, wohl schon in Hinsicht auf die spätere Stiftung des Cueser Hospitals[3]; es war das Jahr, das ihm den Auftrag brachte, als päpstlicher Legat nach Deutschland zu ziehen, dort den Jubiläumsablaß zu verkünden, Frieden zu stiften und mit gewaltigen Vollmachten die kirchlichen Zu­stände zu reformieren; das Jahr, in dem er, durch die herrschende Pest im Hochsommer aus Rom ver­trieben, in ländlicher und klösterlicher Stille die vier Bücher des 'Laien* niederschrieb: so sehr waren seine Gedanken ausgereift, daß das Ganze in wenigen Wochen vollendet war: vom 15. Juli bis zum 13. Sep­tember. Und doch sollte erst die letzte Phase ganz herausstellen, wie reich die 'Jagd nach der Weisheit’ im Gesamt dieses Lebens gewesen war und was im Grunde von Anfang an gemeint war. Erst nunmehr war er wirklich fertig, was er auch fühlte: lebensmüde zwar nach dem Scheitern seiner Kirchenpolitik, ver­ trieben aus seinem Bistum, innerlich aber beglückt, daß es ihm vergönnt gewesen war, die volle 'Beute seiner Erkenntnis’ zu bergen, über deren philosophi­sche Bedeutung für die Zukunft er sich ganz klar war.

Die Gespräche des Laien führen uns in ihrer Ge­samtheit auf die drei metaphysischen Probleme, dia den Menschen bewegen: Gott, Mensch und Welt.

Das Gottesproblem, den unendlichen Geist oder die göttliche Weisheit behandelt der Laie in den ersten zwei Teilen der Gespräche: 'Über die Weisheit’ I und II. Den Menschen, d. h. das, was ihn allein zum Menschen macht seiner Würde und Aufgabe ge­mäß, den Geist des Menschen diskutiert der Teil 'Über den Geist’, während das Weltproblem in seiner damaligen Gestalt, die Welt als der Bereich äußerer Erfahrung, im letzten Teil der Gespräche 'Über Versuche mit der Waage’ das Thema bietet.

In der Problematik des Ganzen hat der mensch­liche Geist seinen bestimmten Platz, und die Schrift De mente, die ausschließlich über ihn handelt, muß als ein Stück des vierteiligen Werkes Idiota ausgelegt werden, daß man die Bedeutung des menschlichen Geistes richtig einschätze. Wenn der Sinn des Werkes sichtbar werden soll, muß es im ganzen gedeutet wer­den. Wie das philosophische Bewußtsein in der Spät­ zeit einer Epoche mächtiger wird und diese Epoche mitbeleuchtet — gleichsam im Rückgang vom Spä­ teren zum Früheren —, so muß dieses programmati­ scheWerk von seinerVollendungher ausgelegtwerden.

Der Geist (mens) ist das Thema des Buches, das hier deutsch vorgelegt wird. Schon die einleitenden Worte der Schrift offenbaren ihre Lebendigkeit und legen Dimensionen frei, ganz anders als sie etwa eine Logik und ihr Gegenstand, das Gedankending — der Titel des Gespräches könnte zunächst daran gemah­ nen —, erwarten ließe. Wir finden auch kein rein erkenntnistheoretisch eingestelltes Interesse für die Probleme. Nikolaus wendet sich vielmehr mit der Ursprünglichkeit und der Kraft des erwachenden Denkens dem Seienden selbst zu und dem geistigen Geschehen in der Welt. Der Geist als Seiender und als Schöpfer, die Möglichkeiten menschlichen Erkennens und seine Grenzen machen den Inhalt der Schrift aus.

Mühen wir uns, diesen cusanischen Versuch einer Lehre vom Geiste so nachzuvollziehen, daß in dem Vollzüge die Grundlinien und der Bau der Schrift deutlich werden. Gehen wir an die Probleme und rollen sie schlicht auf, machen wir sie uns in ihrem mittelalterlichen Gewände transparent und frei vom Zeitgebundenen, so bleibt der Gehalt — was er für uns ist und wie er gemeint ist.

Für den Cusaner entfaltet sich die Seele (anima) oder der menschliche Geist (mens) — denn die Seele und der Geist des Menschen werden für dasselbe ge­setzt[4] — aus der dem Menschen innewohnenden Kraft, um des Göttlichen teilhaftig zu werden. Bewegung ist ihr Leben. Sie braucht aber nicht von anderem bewegt zu werden. Sie kann sich selbst bewegen und enthält in sich den wahren Beweggrund, nämlich das Streben nach einer höheren Teilhabe. Damit ersteht in C sanus platonische Denkweise in neuer Genesis. Für Platon wurde die Seele durch das Streben nach der Teilhabe an den Ideen bewegt[5]. Und diese Bewe­gung geschieht aufgrund einer durch die Teilhabe an einem Höheren gewählten Sicherheit. Je nach dem Grad der Teilhabe — die Abstufung der einzelnen Gra­de ist eine Abstufung des Seinsgewichtes und daher nicht quantitativ — ist die Geltung und Verwirklichung mitgegeben. Im tätigen Einsatz wird die Geltung er­härtet und die Verwirklichung herbeigeführt. Der Geist des Menschen wird dann von dieser seiner Verrichtung her, d. h. von der Verrichtung der gestellten und von ihm verwirklichten Aufgaben, Seele genannt[6]. Damit hat Nikolaus das Verhältnis von Geist und Seele im ersten Kapitel der Gespräche des 'Laien über den Geist’ knapp Umrissen.

Im nächsten Kapitel führt er uns am Beispiel der Sprache ein Stück den Problemen nach. Geben wir uns nicht zufrieden mit den gebotenen Lösungen, neh­ men wir sie überhaupt nicht als solche, sondern be­ greifen wir diese Lösungen als Namen für die Tiefen, als Namen und Symbole, figürliche Verdeutlichun­ gen und Erscheinungsformen der Gedanken.

Auch die Sprache 'hat teil’. Sie gehört zum Be­ reich des Geschehens, des 'Mehr und Minder’, in dem es keine Genauigkeit (praecisio) gibt. Präzise Namen

  1. ↑ 1 Vgl. über das Gusanische Werk De docta ignorantia und auch zum Folgenden den Vortrag von Ernst Hoffmann: Nikolaus von Cues und die deutsche Philosophie, gehalten vor der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, fünfhundert Jahre nach der Niederschrift des Werkes, Neue Heidelberger Jahrbücher 1940, S. 35—76; zweite Ausg. 1947, Verlag Kerle, Heidelberg. — Die „Vorgeschichte der Cusanischen Coinci- dentia oppositorum“ behandelt Ernst Hoffmann in den Schriften des Nikolaus von Cues in deutscher Übersetzung, Philos. Bibi. Bd. 217, Leipzig 1938, S. 1—35.
  2. ↑ 2 Lateinische Ausgabe des Idiota als Band V der Opera omnia, Heidelberger Akademie-Ausgabe, Leipzig 1937. Vgl. ferner die Einführungen und Kommentare zu den Übersetzungen von Idiota de sapientia (Der Laie über die Weisheit), Philos. Bibi. Bd. 216a, von E. Bohnenstaedt; und von Idiota de staticis experimentis (Der Laie über Versuche mit der Waage), Philos. Bibi. Bd. 220, von H. Menzel-Rogner. — Außerdem sind die reichhaltigen Hinweise auf Früheres und Späteres im Gesamtwerk des Cusaners heranzuziehen, die Ludwig Baur in den Anmerkungen zur Ausgabe des lateini- schen Textes des vorliegenden Werkes gegeben hat.
  3. ↑ 2a S. J. Marx: Nik. v. G. und seine Stiftungen, Trier 1906, S. 158.
  4. ↑ 3 N. v. C.: Cribratio Alkoran (Sichtung des Alkorans) I 18, fol. 132v, deutsch von Paul Naumann, Philos. Bibi. Bd. 221, Leipzig 1943, S. 129f.
  5. ↑ 4 Platon: Phaedr. 245c.
  6. ↑ Kapitel I S. 9f.