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Ideenlehre in der Antike

aus AufEinWort, der freien Forschung

Q: Problem Ideenlehre in der Antike

Schaubild Urbild-Abbild

Eines der Kernthemen der Philosophie Platons ist das Verhältnis der sogenannten ‚Ideen‘ (ideai) zu den empirischen Gegenständen und den Handlungen der Menschen. In den Platonischen Dialogen fragt Sokrates nach dem, was gerecht, tapfer, fromm, gut usw. ist. Die Beantwortung dieser Fragen setzt die Existenz der Ideen, die in den Allgemeinbegriffen ausgedrückt werden, voraus. Die Idee ist das, was in allen Gegenständen oder Handlungen dasselbe bleibt, so sehr sich diese auch voneinander unterscheiden mögen. Sie ist die Form (eidos) oder das Wesen (ousia) der Dinge.

Die Ideen sind das „Urbild“ (paradeigma) aller Dinge. Sie sind unveränderlich und den Einzeldingen vorgeordnet (universale ante rem), die an ihnen nur teilhaben (methexis). Nur sie sind im wahren Sinn des Wortes seiend. Die sichtbaren Einzeldinge stellen nur mehr oder minder vollkommene Abbilder der Ideen dar. Einzeldinge entstehen, verändern sich und vergehen. Ihr Ort ist zwischen Sein und Nicht-Sein.

Gegenüber seinen frühen und mittleren Schriften hat Platon seine Ansicht in den Spätschriften (Parmenides) relativiert und auf Probleme der Ideenlehre hingewiesen.

Aristoteles milderte in seiner Metaphysik den idealistischen Ansatz Platons mit einer neuen Abstraktionslehre ab. Er vertrat aber ebenso einen Universalienrealismus. Auch er hielt Erkenntnis nur für möglich, wenn das Allgemeine (katholou) Existenz (on he on) hat. Diese Existenz war für ihn jedoch nicht unabhängig von den Einzeldingen. Universalien sind nichts Abgetrenntes (chorismos). Allgemeines gibt es nur, wenn auch Einzeldinge existieren. Das Allgemeine entsteht, „wenn sich aus vielen durch Erfahrung gewonnene Gedanken eine allgemeine Auffassung über Ähnlichkeit bildet.“ (Met. I, 1, 981 a 5-5). Das Allgemeine ist eine Abstraktion, etwas aus den Einzeldingen „Abgezogenes“. Damit hat das Sein der Einzeldinge Priorität vor dem Allgemeinen. In den Kategorien fasste Aristoteles Universalien als „zweite Substanz“. Sie kennzeichnen das Wesen (eidos) eines Einzeldings, einer „ersten Substanz“ (ousia). Ideen und das Sein der wahrgenommenen Gegenstände fallen in den Objekten noch zusammen (universale in re) und werden erst durch intellektuelle Akte von ihnen getrennt.

Gegen Platons Lehre vom unabhängigen Sein der Ideen wandte Aristoteles ein (insb. Met. XIII, 6–9, siehe auch Chorismos),[1] dass

  • die platonischen Ideen keine Bewegung erklären können, weil sie unveränderlich sind.
  • die Vorstellung einer eigenständigen Existenz der Ideen zu einer unnötigen Verdopplung der Gegenstände in der Welt führt.
  • für die Bestimmung der Ähnlichkeit der Idee „Mensch“ mit einem individuellen Menschen ein anderer Mensch als Vergleichsmaßstab benötigt wird (Argument „des dritten Menschen“), für den als Maßstab wiederum ein weiterer Mensch erforderlich ist und so fort, sodass ein unendlicher Regress entsteht.

Der neuplatonische Philosoph Porphyrios verfasste im 3. Jahrhundert eine Einführung zur Kategorienlehre des Aristoteles in griechischer Sprache mit dem Titel Isagoge. Darin erklärt er auch die aristotelischen Prädikabilien: die Art und Weise, über etwas zu sprechen. Die von Boethius angefertigte ausführlich kommentierte lateinische Übersetzung dieser Schrift wurde während des gesamten Mittelalters gelesen und war eine Voraussetzung für die Diskussion des Universalienproblems in der scholastischen Philosophie. Darin heißt es (Buch I, 2. Kommentar):

„Was nun die genera [Gattungen] und species [Arten] betrifft, so werde ich über die Frage, ob sie subsistieren oder ob sie bloß allein im Intellekt existieren, ferner, falls sie subsistieren, ob sie körperlich oder unkörperlich sind und ob sie getrennt von den Sinnendingen oder nur in den Sinnendingen und an diesen bestehend sind, es vermeiden, mich zu äußern; denn eine Aufgabe wie diese ist sehr hoch und bedarf einer eingehenden Untersuchung.“

  1. ↑ Gottfried Martin: Platons Ideenlehre, de Gruyter, Berlin 1973, S. 133ff