Zum Inhalt springen

KÜZKDWH/8

aus AufEinWort, der freien Forschung

▶Die Frage, was Wahrheit eigentlich sei (nature of truth), oder auch nur die, was wir unter Wahrheit verstehen (meaning of truth), kann man aber nicht so rasch abtun, um gleich auf ein Verfahren der Überprüfung (test of truth) zuzusteuern. Insofern philosophische Grundbegriffe im allgemeinen πολλαχώς λεγόμενα[A 1] sind, bedarf es zunächst einer Sprachanalyse, um die im umgangs­sprachlichen und wissenschaftlichen Reden vorkommenden Verwendungen fest­zustellen und gegenüber der anfänglichen Bedeutungsvielfalt das genaue Thema zu präzisieren. Diese noch mehr propädeutische Aufgabe setzt Habermas gewissermaßen als geschenkt voraus; Wahrheit gilt ganz selbstverständ­lich als Aussagenwahrheit. Dadurch sind andere Verwendungen ausgeschlos­sen. Insofern man umgangssprachlich aber auch von wahrem Gold oder einem falschen Freund spricht und auch bei Kunstwerken, den Religionen, selbst bei Gefühlen, Gebärden und vor allem auch bei Lebensformen die Wahrheitsfrage aufwirft, gehört zu einer umfassenden Theorie die Untersuchung, inwieweit es sich bei solchen Redeweisen um elliptische Formulierungen (so bei wahrem Gold), inwieweit es sich um analoge oder schlicht äquivoke Verwendungen handelt. Auf jeden Fall ist es erforderlich, die Bedeutungsvielfalt zu explizieren und sie entweder in eine umfassende Konzeption zu integrieren oder die Beschränkung der Überlegungen auf eine bestimmte Bedeutung zu rechtfertigen[1].

◀▶


Anmerkungen

[✎]
  1. ↑ "auf vielerlei Art gesatgt", "auf vielfältige Weise Ausgelegt"

Einzelnachweise

  1. ↑ Zur mehrfachen Bedeutung von Wahrheit bei Aristoteles vgl. Nikom. Ethik VI, wo Aristo­teles 5 Weisen des άληθεύεινunterscheidet und differenziert darstellt; zur mehrfachen Bedeu­tung von Falschsein: Metaph. Δ 29, 1024 a 17-1025 a 14. Über drei Aspekte des Begriffs der Wahrheit bei Thomas von Aquin: De veritate 1 1 (vgl. auch S. Th. I, q. 16). —Auch Habermas erkennt an, daß Wahrheit nicht bloß Aussagenwahrheit meint (219-223). Die vier Bedeutungen, die er untersucht: (semantische, grammatische, phonetische) Verständlichkeit, Wahrhaftigkeit, Richtigkeit, (Aussagen-)Wahrheit*, sind jedoch am Leitfaden der Geltungsansprüche eines wah­ ren Konsenses gewonnen. Sie können sich weder auf den gewöhnlichen Sprachgebrauch berufen, noch lassen sie für Kunstwerke oder Religionen eine eigentümliche Weise der Wahrheit zu. Im übrigen finden sich bei Habermas selbst Verwendungen des Ausdrucks ,wahr‘, die in seiner Kon­zeption der Aussagenwahrheit nicht berücksichtigt sind. So spricht er von der „Idee des wahren Lebens“ (Der Universalitätsanspruch, a. a. O. 100) oder vom „wahren Konsens“ (Vorbereitende Bemerkungen, a. a. O. 123). ' der 4. ist Wahrhaftigkeit