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PPZ/Die Dialogintention

aus AufEinWort, der freien Forschung

◀▷Was macht nun die sokratische Gewißheit aus, welche Botschaft vermittelt der Dialog? Sieht man im Gegensatz zu Hegelin dem letzten Gespräch des Sokrates nicht schlicht ‹Populärphilosophie‹,[1] sondern ein Resümee der eigenen Lebenstätigkeit, sucht man auch hier nach dem Einen in den vielen Gedankengängen des Dialogs, so scheint es dieses zu sein: Das gute Leben ist das der Philosophie. Philosophie aber bedeutet Lösung von der Sinnlichkeit, Reinigung der Seele von allen körperlichen Bindungen, Rückkehr der Seele zu ihrer ursprünglichen Geistnatur. Damit betreibt die Philosophie das Geschäft des Todes, denn der Tod ist die endgültige Trennung von Körper und Seele.

Wie aber ist das zu verstehen? Scheint damit nicht Nietzsches Diagnose gerechtfertigt zu sein, daß die sokratisch-platonische Philosophie Weltflucht ist? Hier wird doch offenbar tatsächlich der verhängnisvolle Trennungsstrich zwischen körperlicher und geistiger Welt gezogen, der in der Folge die traditionelle Metaphysik prägte. Ist es nicht dieser im Leben nicht zu überbrükkende Chorismos, die Kluft zwischen den Welten,[2] die den Philosophen den Tod herbeisehnen läßt, weil er durch ihn die verhaßte Sinnlichkeit und mit ihr die eigene Leiblichkeit hinter sich lassen und in das erträumte Reich der Ideen eingehen kann? Hat sich der Philosoph so nicht als dem Leben nicht gewachsen erwiesen? Geht er nicht deshalb mit kindlichem Gleichmut in den Tod, weil er den Ernst des Todes, nämlich absolutes Ende zu sein, gar nicht begriffen hat?

Oder sollte man eher Natorps Deutung vertrauen, der die Trennung von der Sinnlichkeit als geistige verstanden wissen will, so daß sie den »Anteil am Ewigen« ausmacht, »den der Philosoph im Denken der Ideen schon hat, nicht erst jenseits des Todes erwartet«? »Nicht die Hoffnung eines künftigen Lebens, sondern die Realität des hier schon möglichen ewigen Lebens«[3] wäre es dann, die der philosophischen Existenz die Richtung gibt; nicht die Flucht vor der Welt bedeutete dies, sondern die Abwendung von einem ungeistigen und somit nicht wahrhaft menschlichen Verhältnis zur Welt.

Doch auf diese Weise ist man nicht viel weiterals zu Beginn – der eine Sinn geht in den gegensätzlichen Möglichkeiten seiner Auslegung verloren. Es muß tiefer angesetzt werden. Notwendig wird der Rückschritt zum Dialog selbst, weil erst der Argumentationszusammenhang, und das bedeutet: die Begründung seiner Aussagen, über Angemessenheit oder Unangemessenheit der Deutung entscheiden läßt. Der Dialog soll selbst zu Wort kommen.

  1. ↑ 27. Hegel, .a .a O., Bd. I, S. 511.
  2. ↑ 28. Wie sie z. B. A. Stöckl, Grundriß der Geschichte der Philosophie, Mainz 1924, 4. Aufl., für das gesamte platonische Werk kennzeichnend findet: »Der schroffe Dualismus, in den Platon in seiner Ideenlehre die Welt auseinandergerissen hat, zieht sich durch das ganze System, auch durch die Psychologie, unversöhnt hindurch« (52).
  3. ↑ 29. Natorp, a. a. O., alles S. 127.