PPÜZ/Die dialogische Methode
◀▷Die Einheit von Theorie und Praxis, die auch die thematische Einheit stiftet, ist Ergebnis der sokratischen Methode, des Dialogs. Daß dieses – von einigen wenigen Schriften abgesehen[1] – im platonischen Werk durchgängig geübte Verfahren von Sokrates buchstäblich bis zum letzten Atemzug angewandt wird, zeigt, daß es sich dabei nicht um eine ›zufällige Form«[2] handelt, sondern um ein der sokratischen Philosophie wesensmäßig zugehöriges Vorgehen.
Es ist die in der »Politeia‹ als Handwerkszeug des Philosophen geschilderte Dialektik,[3] die im Dialog Anwendung findet: die Prüfung der in der Vorstellung vom Wesen einer Sache immer schon mitschwingenden Voraussetzungen. So lange diese Voraussetzungen nicht in der mit ihnen gemeinten Sache gründen, bleiben sie widersprüchlich, der Widerspruch zeigt sich in Rede und Gegenrede. Gerade der Widerspruch aber ist es, der zur Suche nach dem Widerspruchslosen weitertreibt, denn wo Widerspruch ist, kann nicht Wahrheit sein - Wahrheit ist das Eine, Widerspruch das “”Viele. Gleichwohl kann es ohne Widerspruch keine Wahrheit geben. Denn erst wenn der Mangel an Sacherkenntnis im Widerspruch praktisch erfahren wurde, werden die gedanklichen Voraussetzungen, die Grundlage der Vorstellung waren, als solche erkennbar. Erst dies ermöglicht die kritische Distanz zu den eigenen Setzungen, die nach dem nicht bloß Gesetzten, der mit den Voraussetzungen gemeinten Sache, suchen läßt.
Wenn Sokrates in seiner Autobiographie seine ‹hypothetische Methode‹ entwickelt,[4] beschreibt er damit zugleich sein Vorgehen im Dialog. Der Weg führt von den unbewußten und daher notwendig auch unbegründeten Voraussetzungen über deren dialogische Untersuchung hin zu den begründeten Voraussetzungen, deren letzter Grund die Sache selbst ist. Das ist der Prozeß des ›Rechenschaft-Gebens‹, das theoretisch und praktisch zugleich ist: Geprüft wird dabei nicht nur die Begründung der Meinung von einer Sache, sondern mit ihr der Mensch, der sie vertritt.
Im Phaidon scheint sich nun die gewöhnliche Dialogsituation umgekehrt zu haben; diesmal ist es nicht Sokrates, der von seinen Dialogpartnern Rechenschaft verlangt, sondern nun sind es die anwesenden Freunde, die ihrerseits Sokrates für sein Leben und augenscheinlich so leichtes Sterben zur Rechenschaft ziehen. Hatte Sokrates also bisher immer den Nicht-Philosophen dazu genötigt, seine unbegründeten Lebensentscheidungen zu rechtfertigen, so ist er jetzt als Philosoph aufgefordert, die dem Alltagsdenken so unbegreiflichen praktischen Konsequenzen seines Denkens angesichts des Todes zu erklären – pikanterweise gegenüber solchen, die ihrerseits Philosophen zu sein beanspruchen, den der pythagoräischen Philosophie anhängenden Freunden.
Doch selbst in dieser Situation ist die sokratische Ironie am Werke. Unversehens werden die Prüfenden zu Geprüften, wenn ihre Einwände gegen die sokratische Position durchdacht und die ihnen zugrundeliegenden Vorurteile als solche entlarvt werden. Letztlich stellt sich das gewohnte Verhältnis auch hier wieder her. Die sich nicht-wissend gebenden Freunde zeigen in ihren Einwänden, daß sie unbewußt sehr wohl von einem vermeintlichen Wissen ausgehen, das sich jedoch in der sokratischen Untersuchung als tatsächliches Nicht-Wissen erweist. Die sokratische Gewißheit, die sich stets ironisch-pädagogisch hinter dem Nicht-Wissen verbarg,[5] muß in der Untersuchung ihre Überlegenheit zeigen. Nur wenn sie überlegen ist, kann sie den anderen zur Selbstoffenbarung zwingen.
- ↑ 22. Z. B. »Apologie‹, »Nomoi‹, »Kritiase und die darstellenden Teile in ,Politeia‹ und Timaiosc.
- ↑ 23. So Hegels Einschätzung des Dialogverfahrens, .s G. W. Fr. Hegel, Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie, Bd. II, Frankfurt .a M. 1971, S. 131
- ↑ 24. Politeia, Buch VI.
- ↑ 25. s. Phaidon 99e ff.
- ↑ 26. Völlig ernst genommen wird das sokratische Nicht-Wissen –stellvertretend für viele Interpreten – z. B. von Hackforth, a.a. O., der folgerichtig den Sokratesdes ›Phaidons für eine platonische Überformung des ursprünglichen Sokrates hält. Der eigentliche Sokrates ›knew nothing save his ownignorance‹ (4) und gelangte durch seine Suche nach der Definition ethischer Begriffe bestenfalls zu einem Allgemeinbegriff mi Sinne der ›universalia inrebus‹ (5f.). Daß der damit gemeinte Früh- dialog in der Fragebewegung exakt den mehrfach geschilderten Aufstieg zur Erkenntnis des Guten (s. ›Phaidros‹, ›Symposion‹, Politeia‹ VII, Siebter Brief‹)nachzeichnet, also erst auf der Basis dieser Erkenntnis auf sokratische Weise geführt werden kann, übersieht solche Deutung völlig. Vgl. dazu R. Schrastetter, Die Erkenntnis des Guten, in: Anodos, Fest- schrift für H. Kuhn, Weinheim 1989.