Strikte und partielle Synonymie
◀▶Man unterscheidet strikte oder partielle Synonymie (Bedeutungsähnlichkeit).
Strikte Synonymie (Bedeutungsgleichheit, Synonymie im strengen, engeren Sinn) setzt nicht nur voraus, dass zwei lexikalische Zeichen die gleiche denotative Bedeutung haben, sondern auch, dass sie in allen Kontexten austauschbar sind und in allen Kontexten die gleiche Wirkung haben.
Beispiele für strikte Synonymenpaare im Deutschen sind nach allgemeiner Anschauung: Orange – Apfelsine; Streichholz – Zündholz.
Allerdings ist hier bereits einzuwenden, dass diese Art von Synonymie beim Paar Orange – Apfelsine nur für die Nordhälfte des deutschen Sprachgebiets gilt. In der Deutschschweiz etwa und in Österreich ist Apfelsine klar als Teutonismus markiert. Dieses Wort als Bestandteil eines Textes würde ihn klar als in Norddeutschland handelnd situieren. In Texten, die in der Schweiz oder Österreich spielen, würde das Wort befremdlich klingen und auch in Bayern würde der Gebrauch einen „Zugereisten“ oder Urlauber kennzeichnen. Dieses Beispiel kann demnach auch nur als Bedeutungsähnlichkeit gewertet werden.
Selbst bei Referenzgleichheit können somit „Bedeutungsdifferenzen“ auftreten: „Wertung durch den Sprecher (Pferd – Klepper), Soziolekt (Geld – Piepen), Dialekt (Mädchen – Dirn), stilistische Sprachebenen (Zimmer – Gemach), politischer Sprachgebrauch (Angriff – Präventivschlag), Euphemismus (sterben – heimgehen), Fremdwortgebrauch (Innenstadt – City).“[1]
Dass insgesamt nur wenige unstrittige Beispiele für strikte Synonymie gefunden werden, ist aus sprachökonomischerSicht nachvollziehbar. Die Tendenz zur Vermeidung von Redundanzen bei der Strukturierung des Lexikons lässt im Wortschatz natürlicher Sprachen keine größere Menge an strikten Synonymen entstehen. Dennoch kann das Konzept der strikten Synonymie in methodischer Hinsicht sinnvoll sein, um einen idealen Referenzpunkt auf einer gedachten Skala der Bedeutungsgleichheit zu markieren.[2]
Partielle Synonyme werden auch Homoionyme genannt. Folgende Aspekte der konnotativen Bedeutung bewirken, dass zwei lexikalische Zeichen bei gleicher denotativer Bedeutung nicht den strengen Anforderungen strikter Synonymie genügen:
- regionale Differenzierung: Metzger – Fleischer; Brötchen – Weckle – Semmel – Schrippe
- natives Wort gegenüber Fremdwort: Fahrstuhl/Aufzug – Lift
- lateinischer Ursprung gegenüber germanischer Ursprung: vertikal – senkrecht (siehe auch deutsche Sprachgeschichte)
In den meisten alltäglichen Verwendungssituationen genügt das weniger strikte Kriterium der Ersetzbarkeit salva veritate in typischen Kontexten, um ein Paar lexikalischer Zeichen als Synonyme zu identifizieren:
- (a) „Er benutzt schon wieder nicht den Genitiv.“ ↔ (b) „Er benutzt schon wieder nicht den Wesfall.“
Aus dem in diesem Satz (a) beschriebenen Sachverhalt folgt notwendigerweise der in Satz (b) beschriebene Sachverhalt und umgekehrt.
Weitere, weniger minimale Beispiele für nicht-strikte Synonymenpaare sind Fluss – Wasserstraße oder Wasserstraße – Kanal. Nicht jede Wasserstraße ist ein Fluss und nicht jede Wasserstraße ist ein Kanal; die Wörter werden jedoch als Synonyme z. B. im Duden Synonymwörterbuch angegeben.[3]
In der Regel geht man jedoch nicht so weit, dass kontrastierende Begriffe innerhalb eines Wortfeldes als synonym bezeichnet werden, also Unterbegriffe eines gemeinsamen Oberbegriffs (Kohyponyme) (entsprechend wird das Wortpaar Fluss – Kanal im Duden-Synonymwörterbuch nicht in genau dieser Kombination angegeben.[4] Solche Wortpaare in einem Bedeutungskontrast werden zumindest in einigen maßgeblichen Quellen eigens ausgeschlossen,[5] obwohl andere Quellen hier liberaler sind.[6][7]
Bei nicht-strikter Deutung wird Synonymie mithin zu einem graduellen Begriff.
Im vorhergehenden Beispiel wurde bereits sichtbar, dass Ober-/Unterbegriff-Beziehungen (Hyponyme) oftmals als Synonyme gewertet werden (Wasserstraße - Kanal), wenngleich auch dies nicht durchgängig gleich gehandhabt wird.[8]
Der Einschluss von Hyponymen hat eine lange Tradition: Für Aristoteles ist zu Beginn seiner Kategorien dies die Form der Synonymie schlechthin. Dort heißt es:
„Synonym wird genannt, was den Namen gemeinsam hat und bei dem der zum Namen gehörige Ausdruck, was das Wesen betrifft, derselbe ist, zum Beispiel ist der Mensch und das Rind ein Lebewesen. Jedes von beiden wird nämlich mit gemeinsamen Namen als Lebewesen benannt, und der Ausdruck ist, was das Wesen betrifft, derselbe“.[9]
In dem Beispiel von Aristoteles bezeichnen die Ausdrücke „Mensch“ und „Rind“ unter anderem dasselbe semantische Merkmal [Lebewesen], das zugleich Oberbegriff für den Menschen und das Rind ist.
- ↑ So Monika Schwarz, Jeanette Chur: Semantik. 5. Auflage. G. Narr, Tübingen 2007, S. 55.
- ↑ Alan Cruse: Meaning in Language. An Introducation to Semantics and Pragmatics. 2. Auflage. Oxford University Press, Oxford 2004, ISBN 0-19-926306-X, S. 155.
- ↑ Onlineversion: Duden.de/synonyme, Eintrag „Fluss“ etc.
- ↑ Duden.de/synonyme, Eintrag „Fluss“ bzw. „Kanal“
- ↑ Ronnie Cann: Sense Relations. In: Claudia Maienborn, Klaus von Heusinger, Paul Portner (Hrsg.): Semantics: An International Handbook of Natural Language Meaning. (= Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft, 33). De Gruyter, Berlin 2011, Band 1, Kap. 21, S. 456–479. Siehe S. 461.
- ↑ Winfried Ulrich: Wörterbuch linguistische Grundbegriffe. 5. Auflage. Borntraeger, Berlin 2002, ISBN 3-443-03111-0(Stichwort Hyponymie).
- ↑ Veronika Haderlein: Semantik bei der Arbeit mit zentralen Wortschätzen. In: Stefan Langer, Daniel Schnorbusch (Hrsg.): Semantik. Narr, Tübingen 2005, ISBN 3-8233-6099-X, S. 24.
- ↑ Nicht so in Volker Harm: Einführung in die Lexikologie. WBG, Darmstadt 2015 (Einführung Germanistik), ISBN 978-3-534-26384-4, S. 67.
- ↑ Ingo W. Rath (Hrsg.), Aristoteles: Categoriae/Die Kategorien. Reclam, Stuttgart 1998, ISBN 3-15-009706-1, S. 7.