Thelema (Begriff)
Thelema (altgriechisch θέλημα „Wollen, Wille, Gebot, Verlangen, Gelüst, Intention“) ist der Oberbegriff für eine lose zusammenhängende neureligiöse Bewegung.
Es gibt im Griechischen vor allem zwei Wörter für "Wille", die etwa im Neuen Testament teils synonym verwendet werden: βουλή (būlḗ) und θέλημα (thélēma).
- βουλή heißt „bewußte Absicht, Ratschluss, Vorhaben“ (also ein Wille mit Zweck), abgeleitet von βούλομαι (būlomai, "ich will"), dem gewöhnlichsten Verb des Wollens.
- θέλημα wurde im klassischen Griechisch selten gebraucht; es gibt nur wenige Belege, frühester bei Antiphon (5. Jhd. v. Chr.). In der Antike stand es neben dem göttlichen Willen, den ein Mensch ausführt, ebenso für den Willen der sexuellen Begierde. Dabei war weniger der Wille des Einzelnen gemeint als ein, ontologisch wo auch immer verorteter, übergeordneter Gesamtwille.[1] Das Substantiv ist abgeleitet vom Verb θέλω (thélō "ich will", "ich bin gewillt"), das gegenüber βούλομαι mehr Einwilligung oder Bereitschaft als intrinsischen Wunsch andeutet.[2] Diese semantische Nuance muss aber weder für das altgriechische Wort θέλημα noch für Thelema von Bedeutung gewesen sein.
„Aristoteles sagt in der Schrift de plantis, das Ziel des menschlichen Willens sei die Wahrnehmung – anders als bei den Pflanzen, die keine ‚epithymia‘ (‚Begierde‘) hätten (Übersetzung des Autors). Der Lexikar erklärt, Aristoteles habe hier ‚epithymia‘ und ‚thelema‘ ausgewechselt, und ‚thelema‘ solle ganz neutral, nicht irgendwie sittlich bestimmt, die begehrende Triebkraft beim Menschen bezeichnen.“[3]
In der Septuaginta wird der Begriff für den Willen Gottes selber, das religiöse Begehren des Gottesfürchtigen und den königlichen Willen eines weltlichen Herrschers verwendet. Er wird also nur für die Darstellung hohen ethischen Wollens im Glauben, herrschaftlicher Autoritätsausübung oder den außermenschlichen Willen, aber nicht für eher profanes Streben eingesetzt.[4] In der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, in Alexandria im 3./2. Jahrhundert gefertigt, taucht das Wort thelema 51-mal auf. Bei der Übersetzung des griechischen Alten Testaments(AT), der Septuaginta (LXX) ins Lateinische wurden bule und thelema mit voluntas („Wille“) übersetzt. Dadurch ging die unterschiedliche Bedeutung beider Begriffe verloren.
Im Neuen Testament in Koine wird thelema 62-mal gebraucht, davon zweimal im Plural (thelemata). Hier wird Gottes Wille stets und ausschließlich mit dem Wort thelema (θέλημα, zumeist im Singular) bezeichnet, wie der Theologe Federico Tolli anhand des Theologischen Wörterbuches zum Neuen Testament von 1938 aufzeigt. Dieser führt als Beleg unter anderem das Vaterunser Jesu an: „γενηθήτω τὸ θέλημά σου ὡς ἐν οὐρανῶ καὶ ἐπὶ γῆς“ („dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden“). In gleicher Weise wird der Begriff beim Apostel Paulus und dem Kirchenlehrer Ignatius von Antiochia verwendet. Für Tolli ergibt sich daraus, dass die genuine Idee von Thelema den Lehren Jesu nicht widerspreche (Lit.: Tolli, 2004).
Der als Arzt und Mönch tätige François Rabelais (1494–1553) schildert in seinem ersten Buch, der in der Zeit von 1532 bis 1564 entstandenen Pentalogie Gargantua und Pantagruel, wie Gargantua die Abtei Thélème errichten lässt, eine Abtei als ein Modell einer idealen menschlichen Gesellschaft. Die Bewohner der Abtei Thélème werden als Thélémitesbezeichnet. Das Wort Thélémites erscheint später ebenfalls in Crowleys Liber AL vel Legis und dient als Selbstbezeichnung der Anhänger Thelemas.
- ↑ Federico Tolli: Thelema - im Spannungsfeld zwischen Christentum, Logentradition und New Aeon, Edition Araki, 1. Aufl., Leipzig, 2004, S. 6
- ↑ ἐθέλω - Ancient Greek (LSJ). Archiviert vom am 9. Juli 2023; abgerufen am 22. Januar 2026 (englisch).
- ↑ Federico Tolli: Thelema - im Spannungsfeld zwischen Christentum, Logentradition und New Aeon. Edition Araki, 1. Aufl., Leipzig, 2004, S. 9
- ↑ Federico Tolli: Thelema - im Spannungsfeld zwischen Christentum, Logentradition und New Aeon, Edition Araki, 1. Aufl., Leipzig, 2004, S. 11