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Werk:Bericht einer Übung als Wehrpflichtiger der Bundeswehr

aus AufEinWort, der freien Forschung

Über diese Seite Werk

Ureigenwerk Liste Werke von Klaus Feldmann 
Schriftstück
1. April 1984 n. Chr. erst.  
Ausgabe 01
Ausgabe 01
Leserschaft: Niemand
unüberarbeitet
ungeprüft
Die besagt Wehrübung fand irgendwann an einem sonnigen Frühjahrstag in 1984 statt, – ein wahrhaftiger Aprilscherz
1984000001 Bundeswehr Klaus Bericht einer Übung als Wehrpflichtiger.pdf
Klaus als Soldat der Luftwaffe zum Abschied der Grundausbildung in Essen Kray. „Wie finden das Alles Banane“ (eine damalige Redewendung)

"Aufstehen…"

Das Licht geht an.

"Los raus aus den Kisten" sagt Dissmann, Gefreiter und derzeit Wachposten. Alles regt und streckt sich.

"Mensch, so früh steht doch kein normaler Mensch auf … halb fünf!… ich glaub ich spinne!“ tönt es aus dem Bett unter mir.

Minuten vergehen, einige raffen sich auf und gehen sich waschen. Irgendwer rüttelt an mein Bett, "Hey Feldmann… aufstehen, das gilt auch für dich!" funkt Dissman in mein Ohr.

"Biste schon wieder da? Weck doch erst man die Anderen, das Bad ist doch so oder so besetzt" fauch ich zurück und dreh mich um. Der Posten zieht ab in Richtung Wache. Nach 'ner viertel Stunde richte ich mich auf und gleite zur Bettkante.

"Ohhaa… tun mir die Knochen weh ich spüre jeden Muskel."

"Du bist ja auch ein Idiot" grunzt Greißinger, der schräg gegenüber auf seiner Bettkante sitzt und sich einen Strumpf anzieht. Mit seiner Brille, die er neuerdings ständig trägt, sieht er recht interlektuell aus.

"Wie kann man auch ohne Übung so eine Strecke laufen?"

"Na und? Ich hab's doch geschafft … oder?"

Eigentlich hat er ja Recht. Gestern Abend sind wir zusammen vom Feuerleitbereich zum Unterkunftsbereich und zurück gelaufen. Das ging Berg auf Berg ab… 14km. Trotz Vorsprung kam ich erst eine halbe Stunde später wieder oben an. Ich springe aus dem Bett auf den Boden.

"Aahh…" Ich breche zusammen mit dem Gefühl ich hätte Messer in den Waden, "scheiß Wadenkrämpfe" presse ich heraus.

"Streck die Beine und zieh die Zehen an", befiehlt Greißinger, der jetzt aufstand, um sich die Hose anzuziehen.

"Weiß ich" stöhne ich.

Aber ich mache genau das Gegenteil, ziehe die Beine an und fang an die Waden durch massieren zu lockern, der Schmerz läßt nach. Dann stehe ich auf und gehe ins Bad. Durch Zufall streift mein Blick den Spiegel an der Wand, … was sehe ich da?

"Man siehst du heut wieder fertig aus? … total zerknittert"[Anm. KF. 1], sag ich zu mir selbst. Die Haare stehen ab, klitzekleine Augen und irgendwie total geschafft. Das eiskalte Wasser läßt sich wieder zu mir kommen. Waschzeug unterm Arm betrete ich wieder den Schlafraum. Ich bin mal wieder fast der Letzte. Die Anderen verstauen schon ihr Bettzeug in die Schichtsäcke. Hemd, Unterhose, Hose und nun noch Strümpfe an, aber vorher Füße mit Fußspray einsprühen.

"ABC-Alarm!“, brüllt sofort Greißinger, der sich grinsend die Nase zuhält.

"Hab nun mal Schweißfüße in den Stiefeln… will aber nicht stinken."

"Ist aber kein Grund uns hier einzustinken, schließlich haben wier dir nichts getan", tönt Schweitzer, der gerade sein Kissen verstaut.

Nachdem der Schichtkram verstaut ist, hänge ich mein ABC-Gerödel[1] aufs Bett.

Üblicher Gefechtsstand der Nike Hercules Atomsprengkopf bestückten Raketen. HIPAR die größere Kugel und LOPAR die kleinere Kugel im Bild. Meine Dineststelle war das HIPAR-Gebäude (im Bild unmittelbar am Radar)

"Hör mal“, sagt Dissmann, der wie ich auch HIPAR-Operator [2] ist. "Du bist doch bei Übungen Hauptoperator, machst du die "Daylies" [Anm. KF. 2] ?"

Die Daylies sind Überprüfungen, die jeden Tag jeder Operator an seinem Gerät durchführen muß, um die Funktionsfähigkeit fest und sicher zu stellen.

"OK" sag ich, "ist kein Problem … wieviel Uhr haben wir?"

"Halb sechs."

Ich dreh mich um und geh aus dem Bereitschaftsgebäude heraus zum HIPAR.
Die 'Daylies', das sind viele Schalter, Meßinstrumente und Regler, die richtig bedient werden wollen. Nach einer dreiviertel Stunde bin ich damit fertig. Mit knurrenden Magen komm ich in der Kantine an. Die Hälfte der Leute sitzen schon da und frühstücken.

Ich setze mich neben einem Unteroffizier. Früher, in anderem Kampfbund[Anm. KF. 3] war das ganz anders gewesen. Jeder hatte dort seinen angestammten Platz. So von oben herab, wie die Dienstgrade und wehe es setzte sich da mal einer woanders hin. Irgendwie versuchte sich da jeder so groß wie möglich aufzuspielen. In diesem Kampfbund hier kann man wenigstens mit den Leuten auskommen.

Nach dem Frühstück heißt es fertig machen für den Alarm, der um sieben Uhr anfangen soll.[Anm. KF. 4] Auf zur Waffenkammer und Gewehr abholen. Schnippering kommt mir entgegen. Wir haben uns hier angefreundet. Durch den Wechsel waren wir aber jetzt in verschiedenen Kampfbünden.

"Hey Schnippy, wie geht's?"

"Hallo Klaus, ganz gut." sagt er und stellt sein Gewehr ab.

"Was willst du denn hier, Kampfstand besetzen oder was?"

"Nee… ich gehör zur Wache."

"Mensch hast du es gut … kein ABC-Alarm, kein gerödelt."

"Ätsch, selbst Schuld."

Da man ja schlecht einen Angriff auf die Wache simulieren kann, war die Wache 'neutralisiert' worden.

Wir trennen uns wieder und ich sehe wie Greißinger das Gebäude verläßt.

"Hey Grießiger … wo will'ste hin?"

"Ha… ich geh in die Karpaten."

"Du LRB[Anm. KF. 5]-Hund willst dich bloß verkriechen."

"Na klar … ich werd mich den ganzen Tag sonnen und schlafen legen, mich kann ja keiner sehen."

Er hatte Glück, er wurde genau wie Schippering nicht an Geräten gebraucht. LRB ist ein sogenannter Luftraumbeobachter. Seine Stellung liegt außerhalb des Bereichs auf einer Lichtung. Auf dem Weg zum Hauptgefechtstand begegnet mir der Hauptfeldwebel Groß, unsere Blicke streifen sich, sofort ziehe ich meine Hände aus den Taschen und grüße mit Nicken und einem "Guten Morgen Herr Haupt Feldwebel."

Er grinst nur, hatte wohl bemerkt, daß ich meine Hände in den Taschen hatte. Am Vortag hatte ich die dicke Unterredung mit ihm.

"Sie haben ein unheimliches Selbstvertrauen" fing er an, "hier traut sich fast keiner mehr zu ihnen etwas zu sagen. Aber bei mir liegen sie da falsch. Ich halte sie für einen fähigen Mann, was ihre technischen Fähigkeiten betrifft …, aber ihr militärisches Auftreten hier läßt zu Wünschen übrig. Jeden Morgen begegnen sie mir mit beiden Händen in den Taschen, grüßen mich zwar, aber das ist doch keine Art."

Ihn fuchst es sehr, daß ich zu den wenigen gehöre, die kein Schiß vor ihm haben. Bevor ich einen in den Arsch krieche, denk ich mir, geh ich lieber auf Zahnfleisch.

"Stellen sie sich vor…", fährt er fort, "… sie gehen unten in Waldbröl in Uniform, beide Hände iun den Taschen und schländern so vulgär über die Straßen und es sieht sie einer, der im zweiten Weltkrieg dabei war, was soll der den von uns denken?"

Ich dacht, ich spinne… wie kann man nur auf so eine absurde Idee kommen? Ich stelle ganz dreist einfach eine Gegenfrage.

"Ist es denn vom Dienstgrad abhängig, ob ich die Hände in den Taschen habe oder nicht?" und blickte auf den Oberfeldwebel, der in der Tür stand und die Hände tief in den Taschen verstaut hatte.

Er erwiderte ganz böse mit erhobener Stimme "Es steht ihnen nicht zu höhere Dienstgrade zu kritisieren, ist ihnen das klar? Ich kann ihnen die letzten Monate, die sie noch hier verbringen auch sehr angenehm gestallten." drohte er.

Ich zog es jedenfalls erstmal vor, die Sache abkühlen zu lassen und gehe noch schnell zum Coffee-shop, um mir eine Cola zu holen. Oben im Hauptgefechtstand steht die Geräte-Crew herum und langweilt sich. Die einzigen, die aus 'Mücken Elefanten machen' sind die höheren Dienstgrade. Die flippen da oben schon fast aus, jeder will so wichtig wie möglich aussehen, doch je mehr sie es versuchen umso lächerlicher wirken sie.

Endlich ertönt die Sirene… alles atmet auf… es geht los.

Ich schnappe meinen Krämpel und laufe raus. An der Tür begegnet mir der Major. Bloß nicht anhalten ud Grüßen … lieber so tun als hätte man es sehr eilig. Das begeistert die mehr, als wenn man vor ihnen einen Hampelmann macht. Im HIPAR angekommen verstaue ich mein ABC-Gerödel und dann der Gefechtsdrill, "HIPAR present" melde ich.

"roger …blue status" antwortet der Switchborder.

"roger, blue status" wiederholen ich.

Ich bin alleine hier. Ein Oberfeldwebel ist an sich auch ständig am 'Gerät'. Nachdem das HIPAR eingeschaltet ist, überprüfe ich das Video und melde, "LOPAR vor HIPAR"

"Hier HIPAR"

"HIPAR ready for action."

"roger"

Danach setze ich mich hin und hab erstmal Ruhe. Die Stunden vergehn sehr langsam. Ich lese ein angefangenes Buch zu Ende und pule das kleine bisschen Fleisch, daß sich in meinem Schnitzel verirrt hat heraus. Die Küche hatte und Verpflegungsbeutel zusammengestellt. Plötzlich geht die Tür auf, erst kann ich den Mann nicht erkennen. er setzt sich auf die Tischkante und ich sage "Hallo"

Ich hielt ihn erst für einen von uns, doch dann erkenne ich ihn. Es ist ein Hauptmann, der mich erstaunt ansieht. Ein ‚Checker’ also, er gibt irgendwelche Situationen bekannt und beobachtet dann, wie die Leute reagieren.

Um mein vertraut wirkendes Hallo wieder gut zu machen sage ich "Guten Morgen, wie geht es ihnen?"

"Warum haben sie keine ABC-Schutzmaske auf?" und deutet auf meine Maske.

"Wie ABC-Schutzmaske? … ist doch kein Alarm … oder?"

"Mensch sie sind tot!"

"Wie tot?, wie kann ich denn tot sein, wenn doch kein ABC-Alarm ist?"

Ich deute auf die Sittuationsanzeigetafel. Sie wird vom Hauptgefechtstand gesteuert und zeigt eindeutig nur Luftalarm an. Der Checker sieht das und denkt sich seinen Teil.

"Sie sind schon seit anderthalb Stunden tot! … solange ist schon ABC-Alarm."

Mittlerweile war der Oberfeldwebel aus seinem Nebenraum herausgekommen. Er hatte sich dort verkrochen, um in Ruhe seine Zeitung lesen zu können.

"Was ist eigentlich noch los… ich höre grad’ über Kopfhörer, daß die Antennen defekt sind."

"Ne…" sagt er "…das HIPAR brennt!"

"Ach wie nett, daß wir das auch erfahren dürfen … wie lang denn schon?"

"Seit 'ner viertel Stunde."

"Na gut…" sag ich und blicke ihn fragend an "…was nun?"

"Folgendes, sie leben wieder, sind aber verletzt, legen sie sich auf den Boden, ich lasse sie jetzt gleich retten, mal sehn wie das klappt."

Der Hauptmann dreht sich um und geht.

"Ok, bin ich halt verletzt." sag ich zu mir selbst und leg mich hin. Nach einer viertel Stunde kommt einer ins HIPAR gestürzt, schnappt sich einen Feuerlöscher, sieht mich, grüßt mich und geht wieder raus.

Nach zehn Minuten hört das Löschen wieder auf, ein Anderer kommt zur Tür herein und legt den Feuerlöscher zurück.

"Hey… und was ist mit mir, soll ich hier verbrennen?"

Er zuckt nur mit den Schultern, dreht sich um und geht raus.

Na gut, verbrenne ich also. Nach einer halben Stunde stehe ich mit schon kaltem Arsch auf.

"Herr Oberfeldwebel, ich habe keine Bock mer, ich melde uns Tod, da uns keiner gerettet hat."

"OK"

"BCO for HIPAR!"

"BCO present."

"BCO wir sind hier im HIPAR verbrannt, weil uns keiner gerettet hat."

"OK, alles klar."

Nach einer ganzen Weile geht die Tür wieder auf. Mit der Sonne im Rücken wirkt der Checker diesmal besonders gut.

"Wo ist ihre ABC-Schutzmaske?"

"Die liegt da."

"Und wieso haben sie die nicht auf? Es ist doch wieder ABC-Alarm."

"Wie schon wieder? Sehen sie selbst die Kontrolllampe brennt nicht und außerdem sind wir sowieso tot, da uns keiner gerettet hat."

"Wie? … war keiner hier? Ich hab doch die Sanitäter geschickt. Verdammte Scheiße!" Der kann ja richtig sauer werden, denk ich.

"Ist doch eh egal… lebe ich denn jetzt wieder?"

"Ja, OK, setzen sie ihre Schutzmaske auf!"

Er dreht sich um und geht wieder. Ich setze die Schutzmaske auf, schließe das Mikrophon an und rufe "BCO for HIPAR!"

"BCO"

"BCO, gerade war das jüngste Gericht bei mir, ich lebe wieder."

"Ist ja prima, schalten sie 'drive' on!"

"roger 'drive' on!"

Ich setz mich wieder und harre der Dinge, die noch kommen mögen. Die Tür wird aufgerissen, Unteroffizier Krimmel kommt auf mich zu und faucht "Du hast den Deckel kaput gemacht! Warum hast du dich nicht bei mir gemeldet?"

"Wie, was'n für'n Deckel?"

"Frag nicht so blöd!" Er grinste als hätte er eine Maus in der Falle, "Den Deckel vom UKV[3] natürlich."

UKV, das ist ein Verteiler, zwei Meter unter der Erde, in so'ne Art Bunker mit Bleideckel obendrauf.

"Wie vom UKV? Was ist denn daran kaputt?"

"Da ist eine Halterung abgebrochen."

"Ja … und bitteschön wieso war ich das?"

"Wer denn sonst? Die Richtfunker hab ich schon alle gefragt und sonst war keiner unten."

"Ach ne… und da war ich das also, … hat er schon mal darüber nachgedacht, daß dort noch mehr Leute unten waren, Greißinger zum Beispiel. Und wenn man es genau überlegt, kann das im Prinzip jeder gewesen sein, auch du."

Greißinger und ich haben in den letzten Tagen eine Lautsprecheranlage, die den ganzen Bereich beschallen soll, instandbesetzt und dabei mußten wir dort ständig rein und raus. Das war vielleicht ein Kuddelmuddel. Die haben sich da vielleicht was zusammengebastelt. Erst Gestern waren wir damit fertig geworden. Eine ganze Woche haben wir gebraucht. Eine Leitung hatten sie mit so vielen Umwegen verlegt, daß sie am Ende 150 Mater maß. Die neue Leitung hat jetzt sage und schreibe nur 25 Metzer Länge.

"Hör mal!" tönt er jetzt sauer, „Ich gebe dir eine Stunde Zeit, wenn du dich nicht innerhalb dieser Zeit bei mir meldest und zugibst, daß du es warst, melde ich dich beim Oberleutnant“, sagt er in der Hoffnung, daß es bei mir einen Schock auslöst und ich es zugebe, Er steht auf und will gehen. Ich greife ihm am Arm und halte ihn zurück.

"Ay Mann… hau doch nicht ab… Hör doch erstmal zu, eh du wegläufst! Erstens weiß ich nicht, ob ich das war oder nicht, zumal ich nicht jedesmal den Deckel auf Bruchstellen untersucht habe, wenn ich ihn berührt habe und zweitens ist mir das scheißegal, ob ich es war oder nicht, da ich ja versichert bin … Haste kapiert?"

"OK", druckst er, "dann schnapp ich mir halt den Greißinger."

"Wie schon gesagt, der war es genausowenig wir wir."

Er düst ab.

"Na ja … harren wir der Dinge die da noch kommen mögen."

Ein grünes Etwas stürzt ins HIPAR herein und entpuppt sich als Biererlaß[Anm. KF. 6]. Is'n netter Typ mit dunklem Haaren und Schnautzer.

"Ich soll dich ablösen."

"Wie geht's?"

"Alles klar und bei dir?"

"War schon zweimal kaput, aber nur weil die oben nichts raffen."

Er grinst.

"War doch klar, oder?"

Ich tausche das Mirkrophon an den ABC-Schutzmasken aus und packe meinen Kram zusammen.

"Hier war sonst nichts los, Gerät ist eingeschaltet, melde am besten, daß wir gewechselt haben."

"OK, bis dann."

Mit Gerödel unterm Arm stampfe ich aus dem HIPAR-Gebäude heraus, der Muskelkater war wieder deutlich zu spüren. Vorbei an zwei MG-Stellungen marschiere ich in Richtung Testmast am Hauptgefechtsstand.

"Beeil dich! Wir sollen in den Unterkunftsbereich fahren."

"Bin schon da."

Er drückt mir ein Magazin mit Übungsmunition und Manöverpatronengerät in die Hand.

"Hier, das Magazin biste Schnippy … OK?"

"OK"

Ich gebe ihm mein Magazin und er stiefelt los. Nach einer Weile kommt Schäfer. Eine Spielernatur, klein aber energisch.

"Na … wie geht's Schäfer?"

"Ha … bin bis jetzt ganz gut durchgekommen."

Er löst den Unteroffizier auf der anderen Seite des Kampfstand ab. Wir verbringen die nächste Stunde mit Sonnen und Faulenzen. Die Devise heißt ausruhen, komme was da wolle.

"Was willst du denn hier?"

"Ich soll dich wieder ablösen, Feldmann!"

Biererlaß war wieder zurückgekommen.

"Meinetwegen, auf geht's."

Wir tauschen die Sachen wieder aus und ich trotte wieder zur Wache, leider mit aufgesetzter ABC-Schutzmaske, war ja schließlich Alarm. Keuchend komme ich schließlich an der Wache an.

"Was willst du denn hier, Feldmann!"

"Ik soll mir hier melden, mir fahren in den Unterkunftsbereich."

"Kannste vergessen, sag ich da nur, ist nicht, ihr bleibt hier oben."

"Und warum hat mich dann Biererlaß abgelöst?"

"Der wird wohl irgendetwas falsch verstanden haben."

"Na gut."

Ich dreh mich wieder um und ach mich auf den Weg zurück. Als ich am Hauptgefechtstand vorbeikomme ist dort die Hölle los. Alles läuft wie wild geworden umher. Irgendwer packt mir von hinten an die Schulter und zieht mich herum.

"Ähh … Feldmann! … der Hauptgefechtsstand brennt, sie laufen da rein und versuchen die Verletzten und Toten zu retten" sagt der Unteroffizier mit wichtiger Miene zu mir.

"Na gut" erwidere ich, "Tote retten!"

Ich wetze los, das Wasser bricht über mir herab, springe in den Hauptgefechtsstand und sehe dort überall Leute rumliegen.

"Was ist denn los hier?"

"Fragen sie mich nicht, ich bin Toter" sagt ein Unteroffizier zu mir der gelangweilt auf dem Boden rumlungert.

Ich schnappe den Ersten und schaffe ihn raus, das Gleiche noch zweimal.

"Mensch, machen sie erstmal daß sie den Innenraum löschen!" schnautzt mich der Hauptfeldwebel Groß an. Ich reagiere sofort und greife nach dem Feuerlöscher, der neben ihm steht.

"Ay… lassen sie den Feuerlöscher steh!" brüllt er fast hysterisch.

Ich schrecke zurück, "Na was denn jetzt?"

"Nehmen sie hinten den, der hier bleibt wo er ist!"

Ich denk Feuerlöscher ist doch Feuerlöscher – oder nicht?

Ich gehe nach hinten. Mittlerweile ist mir alles egal. Den Feuerlöscher unterm Arm betrete ich den Raum wo sich die Kampfführung aufhält.

"Ich soll hier löschen!" sag ich und deute auf den Feuerlöscher. "Soll ich denn jetzt hier herum gehen und so tun als ob?"

"Fragen sie mich nicht, ich bin tot, wir sind hier alle tot."

Na ja, denk ich, wenn's so ist, "Was soll ich den jetzt tun?", richte ich fragend an den Oberfeldwebel.

"Wat se' machen is' mir ejal, blos nit hier."

"Gut, dann lasse ich es sein. Ist eigentlich noch ABC-Alarm?"

"Woher soll ich denn das wissen? Ich bin doch kein ABC-Mensch."

"Ist doch eh alles egal jetzt“, sagt ein anderer Feldwebel.

"Na wenn das so ist, hebe ich den ABC-Alarm jetzt auf." Ich schalte das Mikrophon ein.

"An alle, nehmt die Masken ab…"

Nun mach ich aber das ich hier raus komme, sonst fällt denen noch was Neues ein.

"Mensch Biererlaß, wie kommst’e darauf, daß du mich ablösen solltest?", frag ich, wie ich am Testmast wieder ankomme.

"Ist doch nicht meine Schuld, man hat mir gesagt, daß ich dich ablösen soll. Hier liegt der Kram." und deutet dabei zum Hauptgefechtsstand.

"Ich bin weg!"

Plötzlich ertönt die Sirene und aus dem Lautsprecher kommt, "Entwarnung – Entwarnung – alles zur Wache!"

Wir schnappen unseren Kram, decken die Kampflöcher mit Wellblech ab und latschen los.

Als wir oben an der Wache ankommen faucht mich auch schon mein Liebling Unteroffizier Rötzer an.

"Wie halten sie das Gewehr denn? hoffentlich nehmen sie das sofort runter, haben sie nicht gelernt, wie man sowas trägt?"

Ich ignoriere ihn einfach, nehme aber das Gewehr, das ich nach 'Western-Art' über die Schulter trug ab. Jedesmal wenn er mich sieht, macht er mich erstmal an, in der Hoffnung ich würde wenigstens seine dienstliche Person akzeptieren.

Noch eine halbe Stunde rumlabern. Schließlich kommt der Bus. Er wird alsbald gestürmt und besetzt. Auf geht die Fahrt zum Unterkunftsbereich. Unten angekommen, verstauen wir unsere Sachen in den Spinden, schließen ab, … eilen zu unseren Wagen, … starten, … losfahren, aus dem Tor heraus, … tief einatmen und abschalten, endlich wieder ein eigener mensch sein, endlich wieder frei. Das ist wie, wenn Nena am Schluß den Ballon fliegen läßt.

Nachtrag:

Stationiert in der Kaserne war das 3./FlaRakBtl 22, das Flugabwehrraketen-Bataillon. Die Einheit sei bereits 1960 in Köln-Wahn gegründet worden.

Im Oktober des Jahres der Übung wurde die Garnison geschlossen. "Im Jahr 1984 posieren amerikanische Soldaten zum Abschied von der Garnisonsstadt Waldbröl ein letztes Mal vor einer Rakete Typ „Nike-Hercules“."

  1. ↑ Folgen nachg Wochen der Wache, 2 Stunden Wache, vier Stunden schlafen
  2. ↑ Tagesaufgaben zur Einstellung der Senderöhren des Hochfrequenzradar
  3. ↑ Zuvor nannte man es Kampfgruppe, als Begriff der Nazi jedoch verpönt
  4. ↑ Ich fand es damals irre – ein Schauspiel wird veranstaltet, wenn man schon zuvor weiß, an welchem Tag um wieviel Uhr es einen Alarm aufgrund eines feindlichen Angriff geben wird – oder?
  5. ↑ Lufraumbeobachter-Hund "Luftraumbeobachterhund" Verballhornung für Luftraumbeobachter den man aus den Wehranlagen heraus schickte um gegnerische Flugzeuge am Himmel zu suchen.Völliger Blödsinn jemanden mit dieser Aufgabe zu betrauen, der dann 2-3 Kilometer weiter Weg vor Kampfflugzeugen warnen soll, die bereist nach rechtzeitiger Entdeckung schon über den Wehrbereich hinwegfegen, bevor man überhaupt mittels Funkgerät Meldung machen kann – oder?
  6. ↑ Ich habe seinen Namen gewiß nicht richtig verstanden - es klang wie Biererlaß, wenn man ihn rief, er trank jedoch kein Bier, soweit ich mich entsinne.
  1. ↑ ABC steht für Atomar, Biologisch und Chemisch) ABC-Gerödel Verballhornung für Atemmaske und Schutzumhang, als vermeintlicher Schutz gegen ABC-Waffen, ABC eine früher verwendete Formulierung für Massenvernichtungswaffen
  2. ↑ "High Power Acquisition Radar" (HIPAR) to detect small, high-speed targets s. https://en.wikipedia.org/wiki/Nike_Hercules#Improved_Nike_Hercules
  3. ↑ Universelle Kommunikationsverkabelung