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Werk:Bonaventura (Hattrup)/Die Schau der Seligsten Dreifaltigkeit in ihrem Namen, der Gutheit

aus AufEinWort, der freien Forschung

Übersetzung von Itinerarium Mentis In Deum/Cap. VI. De speculatione beatissimae Trinitatis in eius nomine, quod est bonum.

VI.

S. 107

Die Schau der Seligsten Dreifaltigkeit in ihrem Namen, der Gutheit

1. Das Gute als Prinzip.

Nachdem wir das Sein betrachtet haben, müssen wir das geistige Auge zur Anschauung der Heiligsten Dreifaltigkeit erheben, damit der eine Cherub fest beim andern steht. Wie aber für die Schau des Seins das Sein selbst, durch das alles übrige erkannt wird, Grundprinzip und Name ist, so ist für die Betrachtung der Hervorgänge das Gute selbst das fundamentalste Prinzip.

2. Existenz der Dreifaltigkeit.

Sieh also und achte auf folgendes: Das Beste wird das genannt, was schlichtweg nicht besser gedacht werden kann. Dieses ist so beschaffen, daß es angemessen nicht als nicht-seiend gedacht werden kann, denn es ist völlig besser, daß etwas ist, als daß es nicht ist.[1] Es ist sogar so beschaffen, daß es nicht angemessen gedacht werden kann, wenn es nicht als dreifach und einfach gedacht wird. Denn die Definition des Guten lautet: Verströmen seiner selbst.[2] Also ist das höchste Gute das höchste Verströmen seiner selbst. Es gibt kein höchstes Verströmen, au- ßer wenn es wirklich und innerlich, wesenhaft und personhaft, naturbestimmt und willensbestimmt, frei und notwendig, fehlerlos und vollkommen ist.

S. 109

Wenn es also im höchsten Guten nicht von Ewigkeit her eine Hervorbringung gäbe, die wirklich und wesensgleich wäre und, personal gesehen, auf der gleichen Stufe stünde wie der Hervorbringende, und zwar durch Zeugung und Hauchung, so daß sie vom ewigen Prinzip und seinem ewigen Mitprinzip stammt, also daß es einen Geliebten und einen Mitgeliebten gibt, einen Gezeugten und einen Gehauchten, also den Vater und den Sohn und den Heiligen Geist, dann wäre es keinesfalls das höchste Gute, weil es sich nicht auf höchste Weise verströmen würde. Denn das zeitliche Verströmen in der Schöpfung ist nur wie ein Kern oder ein Punkt im Vergleich mit der Unermeßlichkeit der ewigen Güte.[3] Also kann auch eine Art von Verströmen gedacht werden, die größer ist als die geschöpfliche, eine solche nämlich, in welcher der Verströmende einem anderen seine ganze Substanz und Natur mitteilt. Es wäre also nicht das höchste Gute, wenn der Sache nach oder unserem Verständnis nach beim Verströmen etwas fehlen würde.

S. 111

Wenn du es also vermagst, mit dem Auge des Geistes die Reinheit der Güte anzuschauen, wirst du durch die höchste Mitteilsamkeit des Guten sehen können, daß die Trinität des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes notwendig existiert. Denn diese Güte ist die reine Wirklichkeit des Ursprungs, der in hingebungsvoller Leidenschaft liebt, in geschenkter, geschuldeter und aus beiden Formen gemischter Liebe.[4]

Diese ist das vollste Verströmen, einmal der Natur, einmal dem Willen nach; sie ist das Verströmen einmal dem Sohn nach, in dem alles ausgesagt wird, einmal dem Heiligen Geist nach, in dem alle übrigen Gaben gegeben werden. In den trinitarischen Personen gibt es notwendig die höchste Mitteilsamkeit, aus der Mitteilsamkeit die höchste Wesensgleichheit, aus der Wesensgleichheit die höchste Gleichförmigkeit, durch diese die höchste Gleichartigkeit, durch diese die höchste Gleichewigkeit und aus allen diesen Eigenschaften die höchste Vertraulichkeit. Damit ist der eine durch ein Höchstmaß an Durchdringung notwendig im anderen und der eine wirkt mit dem anderen zusammen durch die völlige Ungetrenntheit an Substanz, Kraft und Wirkung dieser Seligsten Dreifaltigkeit.

3. Paradoxie der Gegensätze.

Wenn du diese Dinge betrachtest, paß auf, daß du nicht meinst, du hättest den Unbegreiflichen begriffen. Du hast bei diesen sechs wesentlichen Bestimmungen noch etwas weiteres zu beachten. Das wird das Auge unseres Geistes heftig zu Staunen und Bewunderung hinreißen. Denn dort besteht die höchste Mitteilsamkeit zusammen mit der Eigenständigkeit der Personen, die höchste Wesensgleichheit mit der Vielfalt der Personen, die höchste Gleichförmigkeit mit der Unterschiedenheit des Persönlichen, die höchste Gleichartigkeit mit einer Ordnung, die höchste Gleichewigkeit mit einem Hervorgang nach innen, die höchste Vertraulichkeit mit einer Sendung nach außen. Wer sollte beim Anblick so großer Wunder nicht in Staunen geraten? Wir erkennen, wenn wir die Augen zur überragenden Güte erheben, als völlig gewiß, daß dies alles in der Heiligsten Dreifaltigkeit zu finden ist. Denn wenn dort die höchste Mitteilsamkeit und das wahre Verströmen ist, dann ist dort auch der wahre Ursprung und die wahre Unterscheidung. Und weil ein Ganzes, nicht ein Teil mitgeteilt wird, deshalb wird es selbst gegeben, das ganze selbst. Also gibt es ein Erzeugnis und einen Erzeuger; in ihren Eigenschaften unterscheiden sie sich, aber dem Wesen nach sind sie eins.

S. 113

Weil sie durch ihre Eigenschaften unterschieden werden, deshalb haben sie persönliche Eigenschaften, eine Mehrzahl der Personen, einen Hervorgang des Ursprungs, eine Ordnung dieses Ursprungs ohne Nachordnung und einen Hervorgang, der nicht in örtlicher Veränderung besteht, sondern in geschenkter Inspiration aufgrund der Autorität, den der Sendende gegenüber dem Gesandten hat. Weil sie aber der Substanz nach eins sind, deshalb herrscht in Wesenheit, Form, Würde, Ewigkeit, Existenz und Unbegrenztheit notwendig die Einheit. Indem du die Eigenschaften für sich und im einzelnen anschaust, kannst du die Wahrheit betrachten. Indem du sie aber untereinander vergleichst, wirst du zu höchster Bewunderung hingerissen. Daher, damit dein Geist durch die Bewunderung zur wunderbaren Betrachtung aufsteigt, mußt du sie alle zusammen anschauen.

4. Bewunderung Christi.

Denn auch die Cherubim, die sich gegenseitig anblicken, zeigen dies an, da es nicht ohne Geheimnis ist, daß sie sich am Versöhnungsort anblicken. Dadurch soll wahr werden, was der Herr bei Johannes sagt: Das ist das ewige Leben: dich, den einzigen wahren Gott, zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast.[5] Denn wir sollen nicht nur die seinshaften und personalen Eigenschaften Gottes in sich bewundern, sondern durch den Vergleich auch die überaus wunderbare Einigung Gottes und des Menschen in der Einheit der Person Christi.

5. Christologie des 1. Cherub.

S. 115

Wenn du als der eine Cherub das Sein Gottes betrachtest und dich wunderst, daß das göttliche Sein zugleich das erste und letzte, das ewige und augenblicklichste, das einfachste und größte oder unbegrenzte, das überall ganz ist und nirgends umfaßt wird, das wirklichste und niemals bewegte, das vollkommenste ohne Überfluß noch Mangel, das dennoch unermeßlich und unendlich ohne Grenze ist, das höchste eine und dennoch allseitige, das alles in sich schließt, jede Kraft, jede Wahrheit, jedes Gute, dann schau auf den Versöhnungsort und wundere dich über die Tatsache, daß in Christus der Uranfang mit dem letzten Prinzip, daß Gott mit dem am sechsten Tag geschaffenen Menschen verbunden ist: Das Ewige ist verbunden mit dem zeitlichen Menschen, der in der Fülle der Zeit aus der Jungfrau geboren ist, das Einfachste mit dem völlig Zusammengesetzten, das Wirklichste mit dem, der am meisten litt und starb, das Vollkommenste und Unermeßliche mit dem Geringen, das völlig Eine und Allseitige mit dem Einzelnen, das zusammengesetzt ist und von anderen unterschieden, nämlich mit dem Menschen Jesus Christus.

6. Christologie des 2. Cherub.

Wenn du aber als der zweite Cherub die besonderen Eigenschaften der Personen betrachtest und dich wunderst, daß Mitteilsamkeit zusammen mit Besonderheit besteht, Wesensgleichheit mit Vielfalt, Gleichförmigkeit mit Persönlichkeit, Gleichartigkeit mit Ordnung, gleiche Ewigkeit mit Erzeugung, Vertraulichkeit mit Aussendung, weil der Sohn gesandt ist vom Vater und der Heilige Geist von beiden, der dennoch immer bei ihnen ist und niemals von ihnen weicht, dann schau auf den Versöhnungsort und wundere dich über die Tatsache, daß in Christus die Einheit der Person mit einer Dreiheit der Substanzen und einer Zweiheit der Naturen besteht.

S. 117

Es besteht allseitige Übereinstimmung bei einer Mehrzahl von Willen, gleiche Aussagbarkeit von Gott und Mensch bei einer Mehrzahl von Eigenschaften, gleiche Anbetung bei einer Mehrzahl von Ehren, gleiche Erhöhung über alles bei einer Mehrzahl von Würden, gleiche Herrschaft bei einer Mehrzahl von Gewalten.

7. Vollendung am 6. Tag.

In diesem Nachsinnen aber wird die Erleuchtung des Geistes vollendet, wenn er, gleichsam am sechsten Tage, sieht, daß der Mensch als Ebenbild Gottes geschaffen ist. Ein Bild ist Ausdruck der Ähnlichkeit. Wenn also unser Geist in Christus, dem Sohn Gottes, der von Natur aus das Bild des unsichtbaren Gottes ist, unsere so wunderbar erhöhte und unaussprechlich geeinte Menschheit betrachtet, indem er in Einem das Erste und Letzte sieht, das Höchste und Tiefste, den Rand und die Mitte, das Alpha und das Omega, die Wirkung und die Ursache, den Schöpfer und das Geschöpf, das Buch also, das innen und außen beschrieben ist, gelangt er schließlich zu einer Art Vollkommenheit, so daß er, gleichsam am sechsten Tag, mit Gottes Hilfe zur Vollendung seiner Erleuchtungen auf der sechsten Stufe gelangt. Dann bleibt nur noch der Tag der Ruhe übrig, an dem durch den Überstieg des Geistes der Scharfsinn des menschlichen Geistes von jedem Werk ausruht, das er vollbracht hat.[6]