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Werk:Bonaventura (Hattrup)/Nachwort

aus AufEinWort, der freien Forschung
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Glaube und Wissenschaft

treffen im 13. Jahrhundert in der Person des heiligen Bonaventura († 1274) auf eine Weise zusammen, die sein Leben zu einem Schlachtfeld der beiden Schicksalsmächte Europas werden ließ.

Das Mittelalter war der Versuch, Feuer und Wasser miteinander zu vermählen und ein harmonisches Bündnis zwischen Christentum und Welt zu stiften. Kaum jedoch hatte der Lebensbund eine Gestalt angenommen, da zeigten sich die ersten Risse, die Zeichen der beginnenden Auflösung taten sich kund. Warum hatte der Bund keinen Bestand? Auf welcher Seite begann die Auflösung? Tief im Mittelalter liegen die Keime der neuzeitlichen Säkularisierung. ‚Das Drama des Mittelalters ist die Enthüllung dieser Unvereinbarkeit. Die Neuzeit ist das Abrollen ihrer Konsequenzen.[1] Weniger hat die Welt der Kirche als die Kirche der Welt entsagt, da sie selbst es war, die in einem scharfen Anlauf versucht hat, sich aus der Umarmung durch das kaiserliche Imperium zu lösen. Die gregorianische Bewegung war es, die mit dem Ruf Freiheit für die Kirche! oder Libertas ecclesiae! eine größere Autonomie für ihre geistliche Sendung gefordert und dem Staatskirchentum eine Absage erteilt hat. Im Gegenzug etablierten sich die säkularen Kräfte durch die Gründung von Städten, nationalen Territorien und Universitäten. Mit dem Einströmen der Schriften des Aristoteles nach Westeuropa erhielten diese Kräfte im 13. Jahrhundert einen starken Auftrieb. Während die gregorianische Bewegung die Freiheit im unendlichen Gott suchte, wollten die säkularen Kräfte mehr und mehr die Freiheit in der endlichen Welt verwirklichen. Die Philosophie sollte nicht länger die Magd der Theologie, nicht länger Ancilla theologiae sein, sie sollte ihre Zwecke selbst bestimmen.

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Die aristotelische Philosophie bietet dafür das Handwerkszeug. Sie betont die Einzelerfahrung und läßt die großen Fragen von Herkunft und Zukunft auf sich beruhen oder behandelt sie nach dem Muster des alltäglichen Lebens. Aristoteles beginnt seine Untersuchungen immer mit den Erfahrungen, die uns die nächste Umgebung bietet, um sie dann zu erweitern und zu vertiefen. Dieser theoretische Grundentscheid hat die Praxis von Wissenschaft und Technik ermöglicht. Dagegen verlor die auf platonischer Grundlage aufgebaute mystische Theologie, die sich dem Sein der Dinge durch Kontemplation und Gebet nähern wollte, an Plausibilität. Theologie und Philosophie, die Symbole des Unendlichen und des Endlichen, begannen im 13. Jahrhundert in einen neuen, bisher nicht gekannten Gegensatz zu treten, in den Gegensatz von Endlichkeit und Unendlichkeit.

Absage an Aristoteles.

Philosophie ist hier der Sammelname für alles Wissen, das unabhängig von der Offenbarung und rein mit der Vernunft gewonnen werden kann. Oft bedeutet Philosophie auch so viel wie die Gesamtheit der Wissenschaften. Die Frage, die sich im 13. Jahrhundert stellte, war diese: Kann es eine unabhängige Philosophie geben? Kann es eine wesentliche Erkenntnis ohne Offenbarung geben? In welchem Verhältnis steht die Philosophie zur Theologie? Anders als der hl. Thomas von Aquin († 1274), der eine selbständige und getrennte Wissenschaft für möglich gehalten hat, versuchte Bonaventura nachzuweisen, warum eine solche autonome Philosophie nicht lebensfähig sein kann, da ein Körper ohne Seele nicht leben kann. Mit Leidenschaft hat er für seine Sicht gekämpft. Es gibt, sagt er, keine Einzelfrage, mit der nicht zugleich die Frage nach dem Ganzen, also die Frage nach Gott gestellt wird. Die Frage nach dem Ganzen aber kann in der Welt keine Antwort finden, da der endliche Mensch nicht über den unendlichen Gott und sein Handeln verfügen kann. Die Unmöglichkeit einer autonomen Philosophie und die Notwendigkeit einer Offenbarung sind zwei verschiedene Seiten der gleichen Einsicht. Dabei verachtet Bonaventura keineswegs die Philosophie, nur sieht er ihre Reichweite begrenzt und benutzt sie auf eine andere Weise. Er lobt Platon und Plotin und erklärt sie zu Fürsten der Philosophie[2], während er das Denken des Aristoteles, je mehr es ihm bekannt wird, auf Teilbereiche einschränkt. Als System stößt es ihn ab. Solches Denken, meint er, bringt tausend unnötige Einzelheiten hervor. Es erzeugt Stolz, Eitelkeit und Rechthaberei. ‚Aristoteles war ein großer Gelehrter, aber kein Philosoph, meint er schließlich, denn er arbeitete die Philosophie des Nutzlosen aus.[3] Nur diejenige philosophische Denkweise kann der Theologie als Grundlage dienen, welche die Widersprüchlichkeit der endlichen Welt in sich aufgenommen hat.

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Die Kräfte der säkularen Welt aber waren stärker. Bonaventura gehört nicht zu den Siegern der Geschichte. Sein Denken wurde zwar zu einer mystischen Quelle im Abendland, er wurde mit dem Titel Doctor Seraphicus heilig gesprochen und zum Kirchenlehrer erhoben; schließlich pries ihn Papst Leo XIII. als Fürsten der mystischen Theologie[4], doch im Hauptstrom der geistigen Geschichte stand er nicht. Selbst im Franziskanerorden trat Duns Scotus († 1308), der in seinen Schriften mehr Aristoteles als die Bibel zitierte, an die Stelle des seraphischen Lehrers.[5] Mit dem 13. Jahrhundert tauchte das Abendland endgültig in den Strom der Vielheit ein, zu deren Beherrschung die Wissenschaft eingesetzt wurde. Sie bildete das neuzeitliche Denken heraus, das von Europa aus zur Welteroberung ansetzte. Am Anfang dieser Eroberung stand der Verlust Gottes, besser gesagt, des unendlichen Gottes, der sich radikal von der Welt unterscheidet. Denn von Gott war bei der Unterwerfung der Erde viel die Rede; die Wissenschaften und der Staat wurden bis ins 19. und 20. Jahrhundert gerne auf Gott gegründet. Aber der erwies sich am Ende als das, was er schon zu Anfang der Eroberung war, als ziemlich unbewegt und dann als tot. Nach so vielem nützlichen Denken, nach so vielem Fleiß und Fortschritt, nach jeder Beschwörung und Anklage gegen den endlichen Gott, der die Welt nicht von Leid und Tod befreit hat, lauert im Menschen des 21. Jahrhunderts die Philosophie des Absurden. Was wissen wir, wenn wir viel wissen? Was nützt die grenzenlose Technik? Hat der Nutzen selbst einen Nutzen? An der Zeitenwende zum 21. Jahrhundert sind dies nicht mehr nur vereinzelte Fragen, sie sind Ausdruck der öffentlichen Stimmung. Gott ist nicht mit uns, und wir sind zu einer Freiheit verdammt, die wenige aushalten. Der Nihilismus ist zum Kennzeichen der Epoche geworden. Die Gleichgültigkeit ist das Ergebnis eines säkularen Programms, mit dem die Ziele des Lebens vom Menschen selbst errungen werden sollten. Es ist kein geringer Reiz, am Ende der Epoche der szientifischen Selbstvergewisserung den hl. Bonaventura als warnenden Propheten vom Anfang in den Blick zu nehmen und den Grundzügen seines Denkens nachzuspüren.

Itinerarium – De Reductione.

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Die beiden Texte dieses Bandes sind zu diesem Zweck gut, ja hervorragend geeignet. Zwischen ihnen waltet der Gegensatz von Glaube und Wissen. Zwar war die Epoche der Neuzeit beherrscht vom Gegensatz der beiden, vom Kampf der Wissenschaft gegen die Religion, wo sich die Theologie oft in einem Gewand präsentierte, der die Versöhnung zwischen Wissen und Glauben feierte, der in Wirklichkeit ein Sieg der selbstgewissen Wissenschaft war. Die Herrschaft des Begriffs wurde unerkennbar. Diese Unerkennbarkeit zählt zu den Kennzeichen jener Epoche. Einer der ersten Texte, in dem, unerkannt, in frommer Sprache, der Sieg der Wissenschaft über den Glauben erprobt wird, ist das Schriftchen ‚De Reductione‘. Äußerlich betrachtet hat es viel Ähnlichkeit mit dem ‚Itinerarium‘ Bonaventuras von 1259. Im ‚Itinerarium‘ verschmelzen Philosophie und Theologie in einer Intensität, mit der das Programm der Einheit von Philosophie und Theologie ansichtig wird. Das ‚Itinerarium‘ ist Wissenschaft, denn es geht nach Prinzipien vor, es bringt auch Argumente. Zugleich und noch mehr ist es Mystik, die hohe Schule von der Einheit des Seins, die vom Gegenstand ausgeht und schließlich das gegenständliche Denken aufhebt. Einheit des Seins bedeutet hier nicht Weltformel. Denn die Suche nach der Einheit führt zu keinem objektiven Sachwissen, vielmehr, wenn sie gelingt, wird sie zur Einigung des Suchenden mit Gott. Das geschieht unter der Leitung des einfältigsten aller Heiligen, des hl. Franziskus, dem nichts ferner lag als die Vielfalt des Wissens und der Ehrgeiz der Wissenschaften. Das ‚Itinerarium‘ verbindet das Wissen der damaligen Zeit mit der Tradition von Theologie und Philosophie und bringt es unter das Erlebnis des Alvernaberges, auf dem Franziskus 1224 die Wundmale des gekreuzigten Herrn empfangen hat.

De Reductione als Weltformel.

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Ganz anders die Einheit in De Reductione! Das Thema dieser Schrift ist ebenfalls das Verhältnis von Philosophie und Theologie. Während sich aber das Itinerarium zur Transzendenz führen läßt, verbleibt De Reductione immanent, genauer gesagt, es versucht die Transzendenz auf Immanenz zu reduzieren. Es versucht eine Formel! Dieses übersichtliche Schriftchen von wenigen Druckseiten galt bisher als eigenartiges, doch zentrales Werk Bonaventuras. Manche sahen in ihm sogar den Schlüssel, der das Tor zu Bonaventura aufschließt und die Grundlinien seiner Synthese zeichnet.[6] Die Interpreten der letzten 120 Jahren schwankten eigentlich nur in der Frage, ob sie es für ein Früh- oder ein Spätwerk halten sollten, da die symbolische Denkart und die Universalität, wie man sie aus dem frühen Itinerarium von 1259 und dem späten Hexaëmeron von 1273 kennt, keinen Zweifel an der Autorschaft Bonaventuras aufkommen ließen. Dennoch verstößt das Schriftchen elementar gegen den Geist des hl. Bonaventura. Es scheint einen innerfranziskanischen Streit zu spiegeln, in dem Bonaventura, der Generalminister des Ordens, mit seinem eigenen Rede- und Denkstil vom Wert der Wissenschaften überzeugt werden soll. De Reductione ist ein Loblied auf die Wissenschaft, die darin zu einer Art von Gottesdienst erhoben wird. Im Hexaëmeron wendet sich Bonaventura mit dem wiederholten Hinweis auf den armen und ekstatischen Franziskus gegen die Verherrlichung bloßen Wissens. Schon das Itinerarium ist kein Programm zur Förderung der Gelehrsamkeit. Aus der Erfahrung des hl. Franziskus, für den Gott überall in der Schöpfung aufleuchtet, in Sonne und Mond, in Wind und Wasser, in Feuer und Erde, ja auch in Krankheit und Tod, hatten einige Franziskaner um Roger Bacon († nach 1292) einen neuen Grundsatz abgeleitet. Nach Franziskus kann Gott überall gesucht und gefunden werden, also kann er auch in den Wissenschaften gefunden werden, das wollten sie jetzt tun. Sie hatten aus dem geistlichen Sonnengesang ein hartes Wissenschaftsprogramm gemacht. Dieses Programm für den franziskanischen Weg zu halten war nicht im Sinne des Generalministers Bonaventura.

  1. ↑ Carl Friedrich von WEIZSÄCKER: Wahrnehmung der Neuzeit. München: Hanser, 1983. – 440 S.; 222.
  2. ↑ Hexaëmeron VI, 27 [V, 364a]
  3. ↑ Hexaëmeron XVII, 7 [V, 410b].
  4. ↑ Audienz vom 11. Nov. 1890.
  5. ↑ Werner DETTLOFF: Art. Franziskanerschule. In: TRE 11, 397 - 401. Liste bekannter Scholastiker
  6. ↑ Jacques G. BOUGEROL OFM: Introduction f l'étude de saint Bonaventure. Tournai: Desclée, 1961. – 267 S.; 227.