Erster Brief
Über diese Seite Werk
Gründet auf dem Werk „Platon's Werke, Fünfte Gruppe“ Platon
350 v. Chr. hrsg.
Briefe (Platon)
Entwurf Liste Werke von Wilhelm Wiegand
Brief
1859 n. Chr. erst.
17:25 Uhr freigegeben
ungeprüft
→ Erster Brief
↓ Zweiter Brief
http://www.opera-platonis.de/Briefe.html
ERSTER BRIEF
PLATON WÜNSCHT DEM DIONYSIOS HEIL UND SEGEN DER VERNUNFT IN ALLEN SEINEN HANDLUNGEN
[309 St.3 A] Ich habe lange Zeit bei euch zugebracht durch Führung Eurer mir vor allen größtenteils anvertrauten Staatsregierung, und während ihr die Vorteile davon erntetet, nahm ich den Druck der Verleumdungen auf meine Schultern. Denn mit meiner Zustimmung ist [B] keine der Rohheiten begangen worden, ich wusste, dass ihr diesen Glauben von mir haben würdet, denn alle Staatsbürger sind mit euch mir Zeugen, dass ich vielen derselben zur Seite stand und ihnen Befreiung von schweren Strafen erringen half. Aber obgleich ich an der Spitze eures Staates denselben oftmals vom Untergang gerettet habe, wurde ich doch von euch schimpflich fortgeschickt, [C] es würde eine Schmach für euch sein, wenn ihr einen Bettler so entließet und fort einschiffen hießet, wie mich, der ich so lange Zeit in eurer Mitte gelebt hatte.
Ich meinerseits werde nun unter diesen Umständen künftig auf eine etwas menschenscheuere Weise mein Leben einrichten, du dagegen, du wirst als gräulicher Tyrann von allen Menschen vereinsamt hausen müssen.
Das glänzende Goldgeschenk, welches du mir mit auf die Reise gabst, bringt Bakcheios, der Überbringer dieses Briefes, dir zurück, für die Reise war es nicht hinreichend und zu meinem übrigen Leben nützt es mir nichts, [D] es war höchst unrühmlich für den Geber und wäre ebenso unrühmlich für mich, wenn ich es behielte. Aus diesem Grunde nehm' ich's nicht. Dir aber ist es einerlei, so Etwas von dieser Quantität zu geben oder zu nehmen. Nimm es also und beschenke einen andern deiner Genossen damit, gerade wie du mich damit beschenkt hast. Denn auch ich bin ja hübsch von dir beschenkt worden. Ich kann jetzt füglich mit Euripides sagen, dass, wenn einmal die Zeiten bei dir sich ändern „an deine Seite wünschen wirst du solchen Mann.”
Ich will dir auch noch sagen, warum die meisten der übrigen Tragödien-Dichter einen Tyrannen, wenn sie den Tod desselben durch Mörderhand auf die Bühne bringen, mit dem Ausrufe enden lassen:
[310 St.3 A] „Ohn' allen Schutz und Freund, muss leiden ich den Tod”.
Aus Geldmangel lässt aber kein Tragiker einen Tyrannen sterben. Vielmehr halten es alle
Vernünftigen mit dem Dichter, wenn er sagt:
„Nicht blinkend Gold, im hoffnungsarmen Leben der Menschen sonst ein gar zu seltnes Glück,
noch Diamant, noch silbernes Geräte,
was sonst der Mensch als Liebstes schätzt und schaut, noch reiche Flur mit schwerem Ernte-Segen
auf weitem Felde, wiegen auf den Schatz
des gleichen Sinns mit weisen Ehrenmännern.”
Lebe gesund und sieh' ein, dass du sehr viele Fehler an uns begangen hast, damit du dich gegen die Übrigen besser benimmst.