Werk:Briefe (Platon)/Siebter Brief/12
▷All' das Vorstehende ist gesagt, [C] um den Freunden und Verwandten des Dion als Rat zu dienen. Nebst dem aber erteile ich euch noch einen Rat und eine Lehre, und zwar denselben Rat und dieselbe Lehre welche ich bei euch zum dritten Male an den Mann bringe, und diese meine Lehre lautet: Bringet nicht Sizilien und auch nicht einen anderen Staat unter die absolute Botmäßigkeit menschlicher Willkür, sondern unter die Botmäßigkeit eines auf herkömmliche Sitte gestützten und schriftlich aufgestellten Gesetzes, es gibt kein Glück weder für die Regenten noch für die Untertanen eines nach despotischer menschlicher Willkür regierten Staates, kein Glück für sie selbst, keines für Kindeskinder und Nachwelt, [D] sondern ein solcher Versuch führt jeden Falls einen Ruin herbei. Nur eine kleinliche und niedrige Denkart hascht gerne nur nach den vergänglichen Vorteilen solcher in den Tag hinein regierenden Politik, weil sie nichts weiß von dem was für die Zukunft und auch für den gegenwärtigen Augenblick wirklich gut und gerecht ist. Von der Wahrheit dieser Lehren suchte ich zuerst den Dion zu überzeugen, zweitens dann den Dionysius und drittens euch. Und folget nun meinem Wort des dritten rettenden Zeus wegen, nachdem ihr einen Blick auf die Lebensgeschichte des Dionysius und des Dion geworfen habt, der eine davon folgte nicht und führt jetzt ein schimpfliches Leben, der andere folgte und ist rühmlich tot. Denn wenn einer nach den wahren Gütern sowohl für seine Person wie für den Staat strebt, [E] da ist jedes Leiden vernünftig und schön, was immer er auch leiden mag. Keiner von uns ist unsterblich, und wenn solches Los auch einem hienieden zuteilwerden sollte, so würde er dadurch nicht glückselig, wie das ungebildete Volk glaubt. Denn es gibt kein Übel und kein Gutes für das Unbeseelte, nur bei den Seelen ist dies der Fall, [335 St.3 A] so lange sie mit dem Körper verbunden oder auch wenn sie von demselben geschieden ist, und man hat daher allerdings immer in Wahrheit mit Überzeugung an jenen alten heiligen Überlieferungen zu leben, welche bekanntlich offenbaren, dass wir eine unsterbliche Seele haben, dass sie für ihre Handlungen einen Richter erhält und für ihre Vergehen die größten Strafen zu verbüßen hat, wann eine einmal von ihrem Körper geschieden ist. Darum muss man auch das Dulden großer Vergehen und Ungerechtigkeiten für ein geringeres Übel halten als das Verüben derselben. Das sind aber Lehren, welche der bloß nach Geld und Gut geizende, aber an der Seele arme Mensch nicht hört, und sollte er sie auch hören, so hört er sie nach seinem Lebensstandpunkte mit Hohngelächter an [B] und trachtet nach Nichts als überall her alles Mögliche nach Art des unvernünftigen Tieres schamlos zu erhaschen, was er essen und trinken zu können glaubt oder was ihm sein Begehren stillt bloß hinsichtlich der tierischen und ekelhaften Liebe, welche diesen Namen vernünftiger Weise gar nicht verdient. Ein dabei mit Blindheit geschlagener und nicht einzusehen vermögender Mensch, mit welchen der erhaschten Sinnesgenüsse eine Freveltat verknüpft ist, allemal ein ungeheures Unheil bei jedem Unrecht, und dass die Folge jeder Freveltat eines jeden, der ein Unrecht begangen hat nach einem unausweichlichen Verhängnis [C] einmal hier auf Erden mit sich herumschleppen muss, so lange er darauf herum wandelt, und dann auch unter der Erde, da seine ehrlose Lebensweise ihm nichts als Schande bringt. Diese und andere dergleichen Lehren trug ich dem Dion vor, und ich drang damit bekanntlich zu seinem Herzen. Einen sehr gerechten Zorn dürfte ich daher gegen seine Mörder hegen, und ganz ähnlich gegen den Dionysius. Denn jene wie dieser haben mir, ja man kann wohl sagen Allen den ärgsten Schaden zugefügt. Jene dadurch, dass sie den Mann von dem besten Willen, der Gerechtigkeit zum Siege zu verhelfen, aus der Welt schafften, dieser dadurch dass er, obwohl im Besitze der größten Gewalt, durchaus keinen Willen hatte, Gerechtigkeit in dem Gebiete seiner Herrschaft zu verwirklichen. [D] Wäre aber in diesem Gebiete die Vereinigung von Philosophie und politischer Macht in einer Person zu Stande gekommen, so wäre in der ganzen Menschheit, sowohl bei den Hellenen wie bei den Barbaren, das Licht einer geeigneten Erkenntnis durchgedrungen, und alle Welt wäre von der Wahrheit des Satzes überzeugt worden, dass kein Staat und kein einzelner Mensch je glücklich werden kann, wenn er nicht mit denkendem Geiste in Gerechtigkeit sein Leben hinbringt, mag er nun in seinem Inneren den rechten Geist sich angeeignet haben oder mag er unter der Führung der vom Geiste erfüllten Männer [E] nach der rechten Methode zu jenem Leben erzogen und herangebildet worden sein. Soweit von dem Schaden welchen Dionys der Welt gebracht hat, im Vergleich mit welchem die mir in andrer Beziehung persönlich widerfahrene Verletzung sehr gering anzuschlagen ist. Aber denselben Schaden hat die Hand angerichtet welche den Dion ermordete, ohne sich dessen gerade bewusst zu sein. Denn soweit ein Mensch von Menschen etwas Gewisses sagen kann, so weiß ich sicherlich, dass Dion, wann er das Staatsruder übernommen hätte, dass er, sag' ich, zu keiner andren Regierungsweise sich verstanden hätte, als zu folgender: nachdem er erstlich zunächst seine eigene Vaterstadt Syrakus [336 St.3 A] von der Knechtschaft befreit, nachdem er es wieder in das Recht freier Menschen eingesetzt und dadurch ihm neuen Lebensmut gegeben, so hätte er hierauf auf alle mögliche Weise die Bürger dieses Staats mit den jener Freiheit entsprechenden und besten Gesetzen beglückt, zweitens hätte er sodann mit allem Eifer durchzusetzen gesucht, in ganz Sizilien die verwüsteten Städte wieder aufzubauen, und dasselbe von dem Joche der Barbaren ganz frei zu machen teils durch Verjagung teils durch Unterwerfung, was ihm leichter gelungen wäre als dem Hieron. Aber nach solchen Reformen durch einen mit allen Tugenden, [B] der Gerechtigkeit und dem ausdauernden Mannesmute, der besonnenen Mäßigung und der Weisheit ausgerüsteten Manne hätte dann bei dem syrakusischen Volke sich dieselbe Ansicht über die Tugend verbreitet, wie sie sich wohl bei der ganzen Menschheit verbreitet und auf die Dauer erhalten hätte, wenn Dionysius mir gefolgt wäre. Nun aber ist mir entweder ein Dämon oder ein gewisser fluchbeladener Mensch dazwischen gekommen und hat in seiner Verachtung menschlicher und göttlicher Gesetze, sowie besonders mit der Faust der verruchten Dummheit, in welcher die Wurzel und der Keim aller Übel der Welt liegt und welche für die Nachwelt die bitterste Frucht trägt, [C] hat alle meine Pläne schon zum zweiten Male vereitelt. Und jetzt nun beim dritten Male, wollen wir alle Reden meiden, die auf Böses deuten. Bei allem bisherigen Unglücke will ich euch hierbei doch meine Ratschläge nicht versagen, und da ist denn der erste, den ich euch Freunden des Dion vor Allem deshalb erteile, der: seine Vaterlandsliebe sowohl wie seine vernünftige Lebensart zum Beispiel zu nehmen, sowie auch die Ratschläge von ihm zu verwirklichen, wie diese lauten, das habt ihr deutlich von mir gehört. Sollte aber einer von euch nicht nach der einfachen Sitte der Dorier leben können, sondern nach der Art der Mörder Dions [D] dem sizilischen Genussleben nachgehen, den rate ich weder zu eurer Gemeinschaft einzuladen noch ihm ein treues und ehrliches Handeln zuzutrauen, die übrigen Freunde ermuntert zum Aufbau der Städte in ganz Sizilien und zur Einführung einer Gleichheit vor dem Gesetz, und zieht hierzu Leute aus Sizilien wie auch aus dem ganzen Peloponnes; auch schließt nicht Athen hierbei aus. Auch dort sind Leute welche Freunde echter Tugend sind, wie wenige in der ganzen Welt, und welche die Verruchtheit von Freundesmördern verabscheuen. Wenn aber diese Ratschläge zu spät kommen sollten [E] und bereits die vielen und mancherlei täglich wie aus der Erde wachsende Wirren der Parteien euch auf dem Nacken sitzen, so muss ein jeder Mensch in der Welt, dem irgend eine höhere Hand in Absicht auf Erkenntnis bloß einen richtigen praktischen Blick auch nur in geringem Maße beschert hat, die Einsicht haben, dass es kein Aufhören der Aufruhren gibt, [337 St.3 A] bis die die Oberhand bekommende Partei aufhört durch Verbannungen und Hinrichtungen der Gegner zu reagieren und von dem Rachegefühl gegen dieselbe sich hinreißen zu lassen, bis es Gesetze gibt, die allen zugutekommen, und bis sie also die Überwundenen nötigen die Gesetze der Verfassung durch ein doppeltes Zwangsmittel zu befolgen: durch Furcht und durch Einflößung von Achtung. Einmal durch Furcht dadurch, dass sie in Folge ihrer Überlegenheit auf ihre Gewalt hinweisen, und dann durch Einflößung von Achtung dadurch, dass sie sich als Sieger über ihre Lüste zeigen und in Folge dieser Überlegenheit noch mehr als die Besiegten sich den Gesetze unterwerfen. [B] Auf eine andere Weise ist es nicht möglich, dass ein in Parteien geteilter Staat Ruhe von seinen unheilvollen Wirren findet, sondern Bürgerkrieg,▷