Werk:Briefe (Platon)/Siebter Brief/28
▷Nach Anhörung dieses Vorschlages wurde ich unwillig, aber nach ruhiger Überlegung entgegnete ich doch mit der Antwort, ich wollte ihm den folgenden Tag meine Entschließung hierauf verkünden. Das war unser damaliger Vertrag. Ich ging also hierauf mit mir darüber zu Rate, weil ich durch jenen Vorschlag ganz konfus war. Und da war denn bei der Beratung mein erster Gedanke folgender: wie, wenn Dionysius im Schilde führte, von allen den Versprechungen keine auszuführen, aber nach meiner Abreise er selbst sowohl wie viele andre seiner Höflinge [E] unter Wiederholung der mir jetzt gemachten Vorschläge dem Dion in einem Briefe weiß machten, wie der Herr selbst zwar den besten Willen gehabt, ich aber gar keinen gehabt habe seinen Anweisungen mich zu unterziehen, sondern ich hätte mir aus seinen, des Dion, wichtigsten Interessen ganz und gar wenig Sorge gemacht. Nebst diesen Gedanken kam mir auch noch der: er möchte mich durch Anweisung der Verweigerung an jeden der Schiffer nicht fort lassen wollen, ja, er könne leicht allen den Wink geben, dass ich gegen seine Willen fort wolle, würde mich da wohl ein Schiffer fortführen wollen, [347 St.3 A] wenn er mich aus dem Hause des Dionysius zur Abreise schreiten sähe? Denn nebst den übrigen Qualen hatte ich Wohnung in seinem Palast-Garten, woraus mich auch der Portier ohne ausdrücklichen Befehl von Dionysius nicht fort lassen wollte. Wenn ich dagegen das Jahr noch verbliebe, so könne ich dem Dion schreiben, in welcher Lage ich für ihn bin und was ich für ihn vorhabe, und wenn einerseits Dionysius, wie leicht möglich, nur irgendeine seiner Versprechungen halten sollte, so wird mein Verfahren doch durchaus nicht lächerlich sein, [B] denn das Vermögen Dions ist, wenn man es richtig schätzt, nicht geringer als hundert Talente, sollten aber andrerseits, was bei dem bekannten Charakter des Dionysius wahrscheinlich ist, meine Befürchtungen in Erfüllung gehen, so setze ich mich zwar persönlich in große Verlegenheit, aber dennoch ist es eine unausweichliche Pflicht noch ein Jährchen zu bleiben und durch eine Probe nicht mittels Worte sondern mittels Handlungen den unwahren Charakter des Dionysius in seiner Blöße hinzustellen. Diese meine Entschlüsse überbrachte ich den andern Tag dem Dionysius mit den Worten, dass ich entschlossen sei zu bleiben, „ich verlange jedoch,” sagte ich, „dass du mich für keinen unbeschränkten Gebieter des Dion hältst, [C] sondern dass du mit mir an ihn ein Schreiben ergehen lässt, das ihn über die jetzigen Beschlüsse aufklärt, und dass du ihn fragst ob ihm diese genügen oder nicht, dass er, wenn er etwa andre Wünsche oder gerechte Forderungen zu stellen habe, diese so schnell als möglich schriftlich anher sende, dass du dagegen unterdessen alles was Dion betrifft bei dem Bisherigen bewenden lässt.” Das waren die Worte, das waren unsere ausdrücklichen gegenseitigen Gelöbnisse, gerade wie sie hier stehen. Fort waren hierauf bereits die Schiffe und es war mir nicht mehr möglich abzufahren, als es da auf einmal dem Dionysius einfiel zu eröffnen, [D] dass die Hälfte des Vermögens dem Dion gehören solle, dass dagegen die andere seinem Sohne verbleiben müsse, er werde sonach dasselbe verkaufen und von dem Erlöse die Hälfte mir mitgeben, die andere aber für seinen Sohn zurückbehalten, denn das sei gewiss das gerechteste Verfahren. Ich meinerseits war frappiert über diese Äußerung und hielt es zwar geradezu für lächerlich noch Etwas dagegen vorzubringen, dennoch aber nahm ich das Wort mit dem Bedeuten, dass wir doch vorerst das Antwortschreiben von Dion abwarten und [E] dass wir auch eben diese Neuerungen wieder ihm erst festhalten müssten. Unmittelbar aber darauf verkaufte er ganz leichtsinnig das ganze Vermögen desselben, wo, wie und an welche Leute er immer konnte, zu mir sprach er darüber aber keinen Laut mehr, sowie ich meinerseits auch ebenso wiederum kein Wort mit ihm über Dions Angelegenheiten anknüpfte, denn nach meinem Dafürhalten war es umsonst.▷