Zum Inhalt springen

Werk:De docta ignorantia/189

aus AufEinWort, der freien Forschung

▲▼ ▶

[1] Principia enim individuantia in nullo individuo in tali possunt harmonica proportione concurrere sicut in alio, ut quodlibet per se sit unum et modo, quo potest, perfectum. Et quamvis in quacumque specie, puta humana, in dato tempore aliqui reperiantur aliis perfectiores et excellentiores secundum certa, uti Salomon ceteros vicit [2] sapientia, Absalon pulchritudine, Sampson fortitudine, et illi, qui magis in parte intellectiva ceteros vicerunt, meruerint prae ceteris honorari: tamen, quia diversitas opinionum secundum diversitatem religionum et sectarum ac regionum diversa facit iudicia comparationum, ut laudabile secundum unam sit vituperabile secundum aliam [3] sintque nobis per orbem dispersi incogniti, ignoramus, quis ceteris mundi excellentior, quando nec unum ex omnibus perfecte cognoscere vale|mus. [4]

Et hoc quidem a Deo factum est, ut quisque in seipso contentetur [5] – licet alios admiretur – et in propria patria, ut sibi videatur natale solum dulcius et in moribus regni et lingua ac ceteris; ut sit unitas et pax absque invidia, quanto hoc possibilius esse potest, cum omnimoda esse nequeat nisi cum ipso regnantibus, qui est pax nostra omnem sensum exsuperans.

Die vereinzelnden Prinzipien können in keinem Individuum in derselben harmonischen Verhältnisbeziehung zusammentreffen, wie in einem andern Individuum, so daß jedes Ding durch sich eins und auf die relativ beste Weise vollkommen ist.

Allerdings werden in jeder Eigengestalt, wie z. B. der menschlichen, zu gegebener Zeit Vertreter gefunden, die in gewisser Hinsicht vollkommener und vornehmer sind, als andere (so übertraf etwa Salomon die andern an Weisheit, Absolon an Schönheit, und Samson an Stärke) und jene, die in geistiger Beziehung alle übrigen weit übertrafen, verdienen auch, vor diesen geehrt zu werden. Weil aber die Verschiedenheit der Meinungen gemäß der Verschiedenheit [p.431] von Religion, Schule und Gegend unterschiedliche Vergleichsurteile bewirkt, so daß das Lobenswerte der einen das Tadelnswerte der andern ist, und weil sie, über den Erdkreis zerstreut, uns unbekannt sind, wissen wir dennoch nicht, welcher Mensch auf der Welt alle andern übertrifft, sintemal wir nicht einen einzigen von allen vollkommen zu erkennen vermögen. Dies ist von Gott so eingerichtet, auf daß jeder – wenn er auch die anderen bewundern soll – in sich selbst und im eigenen Vaterland Genüge findet und ihm sowohl in Sitten des Reiches als auch in der Sprache und allem übrigen nichts süßer scheine als die heimatliche Erde. So soll ohne Neid Einheit herrschen und Friede, soweit dies möglich ist; denn dies ist es nur bei jenen, die mit dem zusammenleben, der unser Friede ist, und der jeglichen Sinn übertrifft.== Einzelnachweise ==

  1. ↑ 122.15
  2. ↑ 122.20
  3. ↑ [p.123]
  4. ↑ fol.25r
  5. ↑ 123.5