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Werk:De docta ignorantia/216

aus AufEinWort, der freien Forschung

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Sensus incapax est supertemporalium et spiritualium existens animalis. Animal igitur non percipit ea, quae Dei sunt, cum Deus spiritus et plus quam spiritus existat. Et propter hoc sensualis cognitio in tenebris est ignorantiae aeternorum et movetur secundum carnem [1] ad carnalia desideria per concupiscibilem potentiam et ad repellendum impediens per irascibilem. Ratio vero supraeminens in sua natura ex participabilitate intellectualis naturae leges quasdam continet, per quas ut rectrix passionibus desiderii ipsas moderetur et ad aequum reducat, ne homo in sensibilibus finem ponens desiderio [2] spiri|tuali intellectus privetur. Et est potissima legum, ne quis faciat [3] alteri, quod sibi fieri nollet; et quod aeterna temporalibus praeponantur et munda atque sancta caducis et immundis; et ad hoc cooperantur leges ex ipsa ratione elicitae a sanctissimis legislatoribus, secundum diversitatem loci et temporis pro remediis in rationem [4] peccantium promulgatae.

Die Sinnlichkeit ist unfähig, das Überzeitliche und Geistige zu erfassen, denn sie ist ihrem Wesen nach gleich dem Tiere. Das Tier nämlich erfaßt nicht was Gottes ist, da er Geist und mehr als Geist ist. Darum befindet sich die sinnliche Erkenntnis in bezug auf das Ewige in der Finsternis des Unwissens und strebt durch die Macht der Begierden nach fleischlichen Gelüsten, und auch danach, durch die Macht des Zornes alles Hinderliche zurückzustoßen.

Die verständige Vernunft aber, die auf Grund der Teilhabe an der geistigen Natur die Sinnlichkeit überragt, enthält gewisse Gesetze, vermittels derer sie als Führerin der Leidenschaften und Begierden diese mäßigt und zum Gleichgewicht zurückführt, auf daß der Mensch nicht sein Ziel ins Sinnliche setze und des geistigen Verlangens beraubt werde.

[p.461] Die bedeutendsten dieser Gesetze sind: niemand füge dem andern etwas zu, von dem er nicht will, daß es ihm zukomme; das Ewige ist dem Zeitlichen und das Reine und Heilige dem Hinfälligen und Unreinen vorzuziehen. Diesem Zweck dienen auch die Gesetze, die von heiligen Gesetzgebern – der Verschiedenheit von Ort und Zeit entsprechend – der Vernunft gemäß ausgewählt und verkündet wurden, um auf den Verstand der Sünder heilend einzuwirken.== Einzelnachweise ==

  1. ↑ 136.15
  2. ↑ 136.20
  3. ↑ fol.28r
  4. ↑ 136.25