Werk:De docta ignorantia/217
Intellectus altius volans videt, etiamsi sensus rationi subiceretur per omnia, sibi connaturales passiones non insequendo, quod nihilominus homo per se in finem intellectualium et aeternorum affectuum [1] pervenire non valeret. Nam cum homo ex semine Adam in carnalibus voluptatibus sit genitus, in quo ipsa animalitas secundum propagationem vincit spiritualitatem, tunc ipsa natura in radice originis carnalibus deliciis immersa, per quas homo in esse a patre prodiit, [2] penitus impotens remanet ad transcendendum temporalia pro amplexu spiritualium. Quapropter, si pondus delectationum carnalium attrahit deorsum rationem et intellectum, ut consentiant illis motibus non resistendo, clarum est hominem ita deorsum tractum a Deo aversum fruitione optimi boni, quod est intellectualiter sursum et [3] aeternum, penitus privari. Si vero ratio dominatur sensui, adhuc opus est, ut intellectus dominetur rationi, ut supra rationem fide formata mediatori adhaereat, ut sic per Deum Patrem attrahi possit ad gloriam.
Der Geist, der höher fliegt, sieht, wenn auch die Sinnlichkeit der Vernunft unterworfen ist und ihren angeborenen Leidenschaften nicht in allem folgen muß, daß nichtsdestoweniger der Mensch aus sich selbst nicht zum Ziel seines geistigen und ewigen Verlangens zu gelangen vermag.
Denn da der Mensch aus dem Samen Adams in fleischlichen Begierden gezeugt ist, und in ihm, der Art seiner Fortpflanzung gemäß, das Tierische das Geistige übertrifft, bleibt seine Natur, die in der Wurzel ihres Ursprunges in den fleischlichen Lüsten steht, durch welche der Mensch von seinem Vater ins Sein eintritt, vollkommen unfähig, das Zeitliche zu überschreiten, um das Geistige zu umfassen.
Wenn das Gewicht fleischlicher Lust Vernunft und Geist nach unten zieht, so daß sie ohne Widerstand dieser Bewegung zustimmen, dann ist es offenbar, daß der Mensch, so von Gott weggezogen und abgekehrt, des Genusses des höchsten Gutes, das auf geistige Weise oben und ewig ist, völlig verlustig geht. Wenn aber die Vernunft über die Sinnlichkeit herrscht, dann ist es notwendig, daß der Geist über die Vernunft herrscht, damit der Mensch sich über die Vernunft erhebe und in lebendig erwachsenem Glauben dem Mittler anhange, auf daß er so von Gott dem Vater zur Herrlichkeit geführt werden kann.== Einzelnachweise ==