Werk:De docta ignorantia/220
Non est igitur iustificatio nostra ex nobis, sed ex Christo. Qui cum sit omnis plenitudo, in ipso omnia consequimur, si ipsum habuerimus. Quem cum in hac vita per fidem formatam attingamus, non [1] aliter quam ipsa fide iustificari poterimus, ut infra quodam loco extensius dicemus.
Hoc est illud ineffabile crucis mysterium nostrae redemptionis, in quo ultra ea, quae tacta sunt, Christus ostendit, quomodo veritas et iustitia et virtutes divinae | temporali vitae, ut aeterna caducis, [2] [3] praeferri debeant; ac quod in perfectissimo homine summa constantia atque fortitudo, caritas et humilitas esse debent, sicut mors Christi in cruce in maximo Iesu illas ac omnes alias virtutes maxime fuisse ostendit. Quanto igitur homo plus in ipsis immortalibus virtutibus [4] ascenderit, tanto Christo similior fit. Coincidunt enim minima maximis, ut maxima humiliatio cum exaltatione, turpissima mors virtuosi cum gloriosa vita, et ita in ceteris, ut omnia ista nobis Christi vita, passio atque crucifixio manifestant.
Unsere Rechtfertigung geschieht also nicht durch uns, sondern durch Christus. Denn da er die ganze Fülle ist, erlangen wir, wenn wir nur ihn haben, alles in ihm und da wir in diesem Leben ihn durch lebendig erwachsenen Glauben erreichen, können wir nicht anders als durch diesen Glauben gerechtfertigt werden, wie ich noch an bestimmter Stelle ausführlich darlegen will.
Dies ist jenes unaussprechliche Kreuzesgeheimnis unserer Erlösung, in dem – über unsere Ausführungen hinaus – Christus zeigt, daß Wahrheit, Gerechtigkeit und göttliche Tugenden dem zeitlichen Leben vorgezogen werden müssen; daß das Ewige dem Vergänglichen vorzuziehen ist, und daß im vollkommenen Menschen höchste Standhaftigkeit und Tapferkeit, Liebe und Demut sein müssen. So hat der Kreuzestod Christi gezeigt, daß diese und andere Tugenden in Jesus, dem Größten, am größten waren. Je mehr der Mensch also in diesen unsterblichen Tugenden aufwärtssteigt, um so ähnlicher wird er Christus. Denn das Kleinste fällt mit dem Größten zusammen, die größte Erniedrigung mit der Erhöhung, der schändlichste Tod des Tugendreichen mit dem ruhmvollen Leben, wie uns dies alles das Leben, das Leiden und die Kreuzigung Christi dartun.== Einzelnachweise ==