Werk:De docta ignorantia/254
Capitulum XII.
De ecclesia.
[1] Etsi de Christi ecclesia intellectus ex iam dictis haberi possit, subiungam tamen verbum breve, ut nihil operi desit. Quoniam fidem in diversis hominibus in gradu inaequalem esse recipereque ex hoc magis et minus necessarium est, hinc ad maximam fidem, qua nulla potentia maior esse possit, nemo devenire potest, [2] sicut nec pariformiter ad caritatem maximam. Maxima enim fides, qua nulla potentia maior esse posset, si illa in viatore esset, illum et comprehensorem esse simul necesse esset; maximum enim in aliquo genere, sicut est supremus terminus illius, ita est initium altioris. Propter quod fides maxima simpliciter in nullo esse potest, qui non [3] sit simul et comprehensor; ita et caritas simpliciter maxima non potest esse in amante, qui non sit et amatus simul. Propter quod nec [4] fides nec caritas maxima simpliciter alteri quam Iesu Christo, qui viator et comprehensor, amans homo et amatus Deus fuit, competiit. Intra maximum autem omnia includuntur, quoniam ipsum omnia ambit. Hinc in fide Christi Iesu omnis vera fides et in caritate [5] Christi omnis caritas vera includitur, gradibus tamen distinctis semper remanentibus.
Kapitel XII.
Die Kirche
Obwohl man schon aus dem bisher Gesagten eine Einsicht über die Kirche Christi gewinnen kann, will ich dennoch ein kurzes Wort hinzufügen, auf daß dem Werk nichts fehle.
Weil der Glaube in den verschiedenen Menschen in seiner Abstufung ungleich und daher größer oder geringer sein muß, kann niemand zum größten Glauben, über den hinaus keine Macht größer sein kann, oder zur größten Liebe gelangen.
Wenn ein Mensch jenen größtmöglichen Glauben in sich hätte, so müßte er ihn ganz besitzen, denn das Höchste irgendeiner Gattung ist zugleich die äußerste Grenze dieser und der Beginn der höheren. Der größte Glaube kann schlechthin in keinem Glaubenden sein, der nicht zugleich auch der Geglaubte wäre. Und die größte Liebe kann nicht in einem Liebenden sein, der nicht zugleich auch der Geliebte wäre. Deswegen kommt sowohl der größte Glaube als auch die größte Liebe keinem andern zu als Jesus Christus, der Pilger und Ziel des Pilgers, liebender Mensch und geliebter Gott gewesen ist. Im Größten wird alles eingeschlossen, denn es umgreift alles.
Daher ist im Glauben Christi jeder wahre Glaube und in der Liebe Christi jede wahre Liebe eingeschlossen, obwohl sie immer in unterschiedlicher Abstufung bleiben.== Einzelnachweise ==