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Werk:De docta ignorantia/48

aus AufEinWort, der freien Forschung

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Adhuc: Sicut linea infinita est indivisibilis, quae est ratio lineae finitae, et per consequens immutabilis et perpetua, ita et ratio omnium [1] rerum, quae est Deus benedictus, sempiterna et immutabilis est. Et in hoc aperitur intellectus magni Dionysii dicentis essentiam rerum incorruptibilem et aliorum, qui rationem rerum aeternam dixerunt; sicut ipse divinus Plato, qui – ut refert Chalcidius – in Phaedone dixit unum esse omnium rerum exemplar sive ideam, uti in se est; [2] in respectu vero rerum, quae plures sunt, plura videntur exemplaria. Nam cum lineam bipedalem et aliam tripedalem et sic deinceps considero, duo occurrunt: scilicet ratio lineae, quae est in utraque et omnibus una et aequalis, et diversitas, quae est inter bipedalem et tripedalem. Et ita alia videtur ratio bipedalis et alia tripedalis. Manifestum [3] autem est in infinita linea non esse aliam bipedalem et tripedalem; et illa est ratio finitae. Unde ratio est una ambarum linearum, et diversitas rerum sive linearum non est ex | diversitate rationis, quae est una, [4] [5] sed ex accidenti, quia non aeque rationem participant. Unde non est nisi una omnium ratio, quae diversimode participatur.

Ferner: Wie die unendliche Linie, die der Bestimmungsgrund der endlichen ist, unteilbar und folglich auch unveränderlich und immerwährend ist, so ist auch der Bestimmungsgrund aller Dinge Gott, gepriesen sei Er, immerwährend und unveränderlich. Darin offenbart sich sowohl der Geist des großen Dionysius, der sagt, daß die Wesenheit der Dinge unvergänglich sei, als auch der der andern, die den Bestimmungsgrund der Dinge ewig nannten. Ebenso drückt sich der göttliche Platon aus, der – wie Chalcidius berichtet – im Phaidon sagt, daß Eine, wie es in sich ist, sei aller Dinge Urbild oder Idee, hinsichtlich der Dinge jedoch, die viele sind, sieht man viele Urbilder.

Wenn ich nämlich eine zwei und eine drei usw. Fuß lange Linie betrachte, kommen zwei Dinge zusammen: der Bestimmungsgrund der Linie, der in beiden und für jede ein und derselbe ist und die Verschiedenheit, die zwischen der zwei Fuß langen und drei Fuß langen Linie besteht. Und so scheint der Bestimmungsgrund der zwei Fuß langen ein anderer als der der drei Fuß langen Linie zu sein. Es ist aber offenkundig, daß in der unendlichen Linie der zwei Fuß lange und drei Fuß lange Bestimmungsgrund kein anderer sein kann. Jene ist aber der Bestimmungsgrund der endlichen Linie. Daher ist der Bestimmungsgrund beider Linien einer, und die Verschiedenheit der Dinge bzw. der Linien kommt nicht aus der Verschiedenheit des Bestimmungsgrundes, der einer ist, sondern aus dem Hinzukommenden, denn sie haben nicht gleicherweise am Bestimmungsgrund teil.

Daher gibt es nur einen Bestimmungsgrund aller Dinge, der auf verschiedene Weise partizipiert wird.

Einzelnachweise

  1. ↑ 33.15
  2. ↑ 33.20
  3. ↑ 33.25
  4. ↑ fol.7v
  5. ↑ [p.34]