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Werk:De docta ignorantia/93

aus AufEinWort, der freien Forschung

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Age, in musica ex regula praecisio non est. Nulla ergo res cum alia [1] in pondere concordat neque longitudine neque spissitudine; neque est possibile proportiones harmonicas inter varias voces fistularum, campanarum, hominum et ceterorum instrumentorum praecise reperiri, quin praecisior dari possit. Neque in diversis instrumentis idem gradus veritatis proportionis est, sicut nec in diversis hominibus; sed [2] in omnibus secundum locum, tempus, complexionem et alia diversitas necessaria est. Praecisa itaque proportio in ratione sua videtur tantum, et non possumus in rebus sensibilibus dulcissimam harmoniam absque defectu experiri, quia ibi non est. Ascende hic, quomodo praecisissima maxima harmonia est proportio in aequalitate, quam [3] vivus homo audire non potest in carne, quoniam ad se attraheret rationem animae nostrae, cum sit omnis ratio, sicut lux infinita omnem lucem; | ita quod anima a sensibilibus absoluta sine raptu ipsam supreme [4] concordantem harmoniam aure intellectus non audiret. Magna quaedam dulcedo contemplationis hic hauriri posset: tam circa [5] immortalitatem intellectualis et rationalis nostri spiritus, qui rationem incorruptibilem in sua natura gestat, per quam similitudinem concordantem et discordantem ex se attingit in musicis; quam circa gaudium aeternum, in quod beati a mundanis absoluti transferuntur. Sed de hoc alias.

Auch in der Musik gibt es auf Grund dieser Regel keine genaue Abgrenzung. Kein Ding stimmt mit einem andern in Gewicht, Länge oder Dichte überein; auch ist es nicht möglich, die harmonischen Verhältnisbeziehungen zwischen den verschiedenen Tönen von Flöten, Glocken, Menschen und den übrigen Instrumenten so genau zu finden, daß es nicht noch genauer sein könnte, noch gibt es in den verschiedenen Instrumenten dieselbe Stufe der Verhältnis-Wahrheit, wie es auch nicht in den verschiedenen Menschen der Fall ist. In allem herrscht vielmehr dem Ort, der Zeit, dem Zusammenhang und anderem entsprechend, notwendige Verschiedenheit. Einen genau abgegrenzten Verhältnisbezug scheint es also nur im jeweiligen Wesenssinn zu geben. In den sinnlichen Dingen können wir die liebliche Harmonie nicht ohne Fehl finden, weil es sie hier nicht gibt.

Hier soll man sich zu der Einsicht erheben, daß die ganz genau abgegrenzte, höchste Harmonie Verhältnisbezug in der Gleichheit ist, die der lebendige Mensch im Fleisch nicht hören kann, da sie als eines Jeden Wesenssinn die Grundbestimmung unserer Seele an sich zöge, wie das unendliche Licht jedes andere Licht. Daher hört die vom Sinnlichen losgelöste Seele diese höchste Einheit der Harmonie mit dem Ohr des Geistes nur, wenn sie entrückt wird. Daraus kann tiefe Freude für die Betrachtung geschöpft werden: Sowohl hinsichtlich der Unsterblichkeit unseres verstehenden und dem Wesenssinn zugehörigen Geistes, welcher in seiner Natur den unvergänglichen Wesenssinn trägt, durch den er die Ähnlichkeitsübereinstimmung und die Verschiedenheit in der Musik aus sich heraus versteht; als auch in Hinblick auf die ewige Freude, in die die Seligen, vom Irdischen befreit, hinübergeführt werden. Doch das werde ich andernorts behandeln.== Einzelnachweise ==

  1. ↑ 62.5
  2. ↑ 62.10
  3. ↑ 62.15
  4. ↑ fol.13r
  5. ↑ 62.20