De docta ignorantia Liber primus Capitulum III.
Capitulum III.
Quod praecisa veritas sit incomprehensibilis. [1]
Quoniam ex se manifestum est infiniti ad finitum proportionem non esse, est et ex hoc clarissimum, quod, ubi est reperire excedens et excessum, non deveniri ad maximum simpliciter, cum excedentia et [2] excessa finita sint. Maximum vero tale necessario est infinitum. Dato igitur quocumque, quod non sit ipsum maximum simpliciter, dabile maius esse manifestum est. Et quoniam aequalitatem reperimus gradualem, ut unum aequalius uni sit quam alteri secundum [3] convenientiam et differentiam genericam, specificam, localem, influentialem et temporalem cum similibus: patet non posse aut duo aut plura adeo similia et aequalia reperiri, quin adhuc in infinitum similiora esse possint. Hinc mensura et mensuratum, quantumcumque aequalia, semper differentia remanebunt.
Kapitel III.
Die genau abgegrenzte Wahrheit ist unfaßbar
Da es aus sich offenkundig ist, daß es keinen Verhältnisbezug des Unendlichen zum Endlichen gibt, so ist daraus auch völlig einsichtig, daß man dort, wo Ausgehendes und Ausgegangenes zu finden ist, nicht zum schlechthin Größten gelangen kann; denn Ausgehendes und Ausgegangenes ist endlich.
Das schlechthin Größte aber ist notwendigerweise unendlich. Selbstverständlich kann es also, sobald etwas, das nicht das schlechthin Größte ist, gegeben ist, ein noch Größeres geben. Und da wir eine abgestufte Gleichheit finden, so daß das Eine der Zusammengehörigkeit und dem Unterschied von Gattung, Eigengestalt, Ort, Einfluß und Zeit entsprechend, dem Einen gleicher ist als dem Anderen, ergibt sich, daß es nicht zwei oder mehrere Dinge geben kann, die einander so ähnlich und gleich sind, daß sie nicht noch unendlich ähnlicher sein könnten. Daher werden Maß und Gemessenes, wie gleich sie einander auch sind, stets verschieden bleiben.[4] Non potest igitur finitus intellectus rerum veritatem per similitudinem praecise attingere. Veritas enim non est nec plus nec minus, in quodam indivisibili consistens, quam omne non ipsum verum existens praecise mensurare non potest; sicut nec circulum, cuius esse in quodam indivisibili consistit, non-circulus. Intellectus igitur, qui [5] non est veritas, numquam veritatem adeo praecise comprehendit, quin per infinitum praecisius comprehendi possit, habens se ad veritatem sicut polygonia ad circulum, quae quanto inscripta plurium angulorum fuerit, tanto similior circulo, numquam tamen efficitur aequalis, etiam si angulos in infinitum multiplicaverit, nisi in [6] identitatem cum circulo se resolvat.
Patet igitur de vero nos non aliud scire quam quod ipsum praecise, uti est, scimus incomprehensibile, veritate se habente ut absolutissima necessitate, quae nec plus aut minus esse potest quam est, et nostro intellectu ut possibilitate. Quidditas ergo rerum, quae est entium [7] veritas, in sua puritate inattingibilis est et per omnes philosophos investigata, sed per neminem, uti est, reperta; et quanto in hac ignorantia profundius docti fuerimus, tanto magis ipsam accedimus veritatem. .
Es kann also der endliche Geist durch Ähnlichkeit die Wahrheit der Dinge nicht genau erreichen. Die Wahrheit nämlich ist nicht mehr noch weniger. Sie besteht in einem Unteilbaren und nichts, das nicht selbst als Wahres besteht, kann sie in genauer Abgrenzung messen; so wie der Nicht-Kreis den Kreis, dessen Sein in etwas Unteilbarem besteht, nicht messen kann.
Der Geist also, der nicht die Wahrheit ist, begreift diese niemals so genau, daß er sie nicht unendlich genauer begreifen könnte; er verhält sich zur Wahrheit wie ein dem Kreis eingeschriebenes Vieleck, welches dem Kreis um so ähnlicher sein wird, je mehr Winkel es hat. Dennoch wird es, auch wenn man die Winkel unendlich vervielfacht, ihm niemals gleich werden, außer es löst sich in die Identität mit dem Kreis auf.Es ist also offenkundig, daß wir über das Wahre nichts anderes wissen, als daß es selbst, in genauer Abgrenzung, so wie es ist, unbegreiflich bleibt, und daß es sich in der Wahrheit, als in absoluter Notwendigkeit, in unserem Geist als in der Möglichkeit verhält. Die Washeit der Dinge also, die Wahrheit der Seienden, in ihrer Reinheit unerreichbar, ist von allen Philosophen erfragt, von niemandem aber, so wie sie ist, erschlossen worden; und je tiefer wir in dieser Unwissenheit wissend und weise geworden sein werden, um so mehr werden wir uns der Wahrheit selbst nähern.Anm. KF:NK beschreibt hier aus der Sicht der menschlichen Wahrnehmung ohne Kenntnis über die geistigen Fähigkeiten. Das muss so sein, da ansonsten ein perfektes Duplikat erzeugt wird und da zwei Dinge nicht zur selben Zeit am selben Ort sein können, würde dies so geschehen und das Ding würde verschwingden, da die materielle Welt der geistigen Welt im 180 Grad Winkel entgegengestellt ist, somit eine Auslöschung geschehen würde.