Werk:De ven. sap./106
106▷Si recte consideras, veritas, verum et verisimile sunt omnia, quae mentis oculo videntur. Veritas est omne id quod esse potest, neque [1] augmentabilis neque minorabilis, sed aeternaliter permanens. Verum est aeternae veritatis perpetua similitudo intellectualiter participata. Et quia unum verum est verius et clarius alio, verum, quod non potest esse verius, est absoluta et aeterna veritas. Actus enim verificabilis est aeterna veritas, actu se et cuncta verificans. Verisimile [2] vero est ipsius intelligibilis veri temporalis similitudo. Sic sensibile est veri similitudo, quia intelligibilis imago, ut recte dicebat Dionysius; quod et Plato prius viderat.
Intellectus igitur verus est, sicut et bonus et magnus et ita de reliquis decem, quia est illorum intellectualis participatio. Et ultra [3] hoc est etiam intelligendo verus, quando est rei intellectae adaequatus. Res enim intelligibilis tunc vere intelligitur, quando intelligibilitas eius est ita depurata ab omni extraneo, quod actu est vera intelligibilis species seu ratio rei. Et tunc intellectus in actu verus est, quia intellectus est idem cum intellecto.
Übs. Sg.
Wenn du es richtig bedenkst, dann sind Wahrheit, das Wahre und das Wahrscheinliche alles, was das Auge des Geistes erblickt. Die Wahrheit ist alles das, was sie sein kann. Sie ist keiner Vermehrung und keiner Verminderung fähig, sondern bleibt in Ewigkeit. Das Wahre ist das bleibende Abbild der ewigen Wahrheit, an dem der Geist auf geistige Weise teilhat. Da nun das eine Wahre wahrer und klarer ist als das andere, so ist das einer Steigerung nicht fähige Wahre die absolute und ewige Wahrheit. Die bewahrheitbare Wirklichkeit ist die ewige Wahrheit, die in Wirklichkeit sich und allem Wahrheit schenkt. Das Wahrscheinliche ist das zeitliche Abbild des geistig erfaßbaren Wahren. So ist das sinnlich Wahrnehmbare das Abbild des Wahren; ist es doch das Abbild des geistig Erkennbaren, wie Dionysius mit Recht sagte.[4] Diesen Sachverhalt hatte auch Platon[5] bereits früher gesehen.
Der Geist ist wahr, ebenso auch gut und groß, und das gleiche gilt von den übrigen zehn Preiswürdigen, denn er ist die geistige Teilhabe an ihnen. Darüber hinaus ist er auch im Erkennen wahr, wenn er in Übereinstimmung steht mit dem erkannten Gegenstand. Der Gegenstand des geistigen Erkennens wird dann in Wahrheit erkannt, wenn sein geistig erfaßbares Wesen so von allem äußeren Beiwerk gereinigt ist, daß es tatsächlich das wahre geistige Artwesen oder der Wesensgrund des Gegen- standes ist. Dann ist das aktuale Erkennen wahr, weil es iden- tisch ist mit dem erkannten Gegenstand.
Übs. Dp.
Wenn du es richtig bedenkst, ist die Wahrheit, das Wahre, und das Wahrscheinliche alles, was mit dem Auge des Geistes gesehen wird.
Die Wahrheit ist alles das, was sie sein kann; sie kann weder vergrößert noch verkleinert werden, sondern bleibt ewig gleich bestehen.
Das Wahre ist das immerwährende Abbild der ewigen Wahrheit, an der es auf geistige Weise teilhat. Und weil ein Wahres wahrer und klarer als ein anderes sein kann, ist das Wahre, das nicht wahrer sein kann, die absolute und ewige Wahrheit. Die Wahrheit gebende Wirkung ist die ewige Wahrheit, die in der Wirkung sich und allem Wahrheit verleiht.
Das Wahrscheinliche aber ist die zeitliche Ähnlichkeit des geistigen Wahren.
So ist das Sinnliche ein Abbild des Wahren, weil es ein Abbild des Geistigen ist, wie Dionysius und vor ihm Plato mit Recht sagen. Darum ist das Denk-Wirkliche wahr, aber es ist auch groß und gut, und ebenso verhält es sich mit den andern zehn, an denen es in der Wirklichkeit des Denkens teilhat. Darüber hinaus ist es auch im verstehenden Denken wahr, wenn es der erkannten Sache angeglichen ist. Eine erkennbare Sache wird dann wahrhaft erkannt, wenn ihre Erkennbarkeit so von allem Äußeren gereinigt ist, daß sie als Wirklichkeit eine wahre, geistige Eigengestalt oder der Wesenssinn der Sache ist, und dann ist das Denk-Wirkliche in seiner Wirklichkeit wahr, weil es mit dem vernünftig Gedachten das Selbe ist.