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Werk:De ven. sap./87

aus AufEinWort, der freien Forschung

87▷Quapropter, licet omnia in visu sint visibiliter, tamen propterea visus non potest attingere intelligibilia, quae suam virtutem praecedunt et excedunt, neque directe audibilia, quae in sua potestate non includuntur. Attingit tamen aliquando illa indirecte in signis [1] et scripturis visibilibus, nequaquam autem directe aut indirecte intelligibilia, cum sit post illa et insufficientis virtutis apprehensivae ad illa. Sic intellectus essentiales rerum formas et quiditates, cum | sint ante notionalem suam virtutem et ipsam excedant, nequaquam [2] attingere potest, ut intelligat, licet coniecturas de ipsis per ea [3] quae intelligit facere possit. Solus deus, creator et dator formarum illarum essentialium, illas in se ipso intuetur. Deus enim proprie non intelligit, sed essentiat. Et hoc <est> esse terminum omnium. Nam posse fieri intelligens non terminatur nisi in intellectu, qui est quod esse potest. Ideo eius intelligere non oritur ex rebus, sed res sunt [4] ex ipso. Intellectus vero noster intelligit, quando se assimilat omnibus. Nihil enim intelligeret, nisi se intelligibili assimilaret, ut intra se legat, quod intelligit, scilicet in suo verbo seu conceptu. Neque intellectus propriam suam quiditatem et essentiam intra se attingere potest nisi modo quo alia intelligit, formando – si potest – ipsius [5] intelligibilem assimilationem, sicut nec visus videt se. Nisi enim visus fieret visibilis, quomodo videret? Sed bene ex eo quia homo videt alia, attingit quia est in eo visus; non tamen videt visum. Sic homo se intelligere sciens intelligit, quia est in eo intellectus, non tamen intelligens quid sit. Haec supra tacta sunt, ubi recitatur responsum [6] Indi. Divina enim essentia cum sit incognita, consequens est nullam rerum essentiam cognitione posse comprehendi.

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Übs. Sg.

Daraus ergibt sich: mögen auch alle Dinge im Gesichtssinn in sichtbarer Weise sein, so kann der Gesichtssinn deshalb dennoch nicht die Gegenstände des Denkens erreichen, die seiner Kraft vorausliegen und sie übersteigen. Er kann auch nicht auf direktem Wege die Gegenstände des Gehörs wahrnehmen, die in seiner Fassungskraft nicht eingeschlossen sind. Er erreicht sie jedoch bisweilen auf indirektem Wege in sichtbaren Zeichen und Schriftbildern. In keiner Weise aber erreicht er auf direktem oder indirektem Wege die Gegenstände des Denkens. Ist er ihnen doch nachgeordnet und sein Erkenntnisvermögen ihnen gegenüber unzulänglich. Ebensowenig kann die Vernunft die Wesensformen der Dinge und ihre Washeiten irgendwie erreichen, um so zu ihrer Erkenntnis zu gelangen, da sie seiner begrifflich erkennenden Kraft vorgeordnet sind und sie übersteigen. Freilich mag sie sich vermutungsweise Bilder von ihnen machen mit Hilfe dessen, was sie erkennt. Nur Gott, der Schöpfer und Geber jener Wesensformen, erschaut sie in sich selbst. Im eigentlichen Sinn des Wortes gibt es bei Gott kein Erkennen, sondern er verleiht Sein. Und das bedeutet, daß er die Grenzsetzung für alle Dinge ist. Denn das Werden-Können des Erkennens hat seine Grenze allein in einem Erkennen, das ist, was es sein kann. Sein Erkennen nimmt deshalb seinen Ursprung nicht aus den Din- gen, vielmehr sind die Dinge aus ihm. Unsere Vernunft dagegen erkennt, wenn sie sich allen Dingen angleicht. Sie würde ja nichts erkennen, würde sie sich nicht dem Erkenntnisgegenstand angleichen, um dann in sich abzulesen, was sie erkennt, d. h. an ihrem inneren Wort oder ihrem Begriff. Auch ihre eigene Washeit und ihre eigene Wesenheit kann die Vernunft in sich nicht erreichen, es sei denn ebenso wie sie andere Gegenstände erkennt dadurch, daß sie nach Möglichkeit ihre geistige Angleichung nachformt. So sieht auch das Sehvermögen sich nicht selbst. Wie sollte das Sehvermögen sich selbst sehen, ohne sichtbarer Gegenstand zu werden? Indes erfaßt der Mensch sehr wohl daraus, daß er andere Gegenstände sieht, die Tatsache, daß in ihm ein Sehvermögen vorhanden ist; er sieht indes das Sehvermögen nicht. Ebenso erkennt der Mensch kraft seines Wis- sens um sein Erkennen, daß in ihm ein Erkenntnisvermögen besteht, ohne indes das Wesen dieses Erkennens zu erkennen. Diese Dinge sind weiter oben[7] berührt worden, wo die Antwort des Inders wiedergegeben wurde. Da nämlich das Wesen Gottes unbekannt ist, ergibt sich als Folge, daß kein Wesen der Dinge im Erkennen erfaßt werden kann.

Übs. Dp.

Deshalb kann der Gesichtssinn, auch wenn in ihm alles auf sichtbare Weise ist, doch nicht das Denkbare erreichen, das seiner Fähigkeit vorausgeht und sie übersteigt, und ebenso ist das, was in der Möglichkeit des Gehörsinns nicht eingeschlossen ist, nicht unmittelbar hörbar. Dennoch erreicht er es auf mittelbare Weise in Zeichen und sichtbarer Schrift. Keineswegs aber erreicht er unmittelbar oder mittelbar das Denkbare, denn er ist nach ihm und hat nicht Kraft genug, es zu erfassen. So kann das Denken die Wesensgestalten und Washeiten der Dinge, da sie vor seiner begrifflichen Fähigkeit sind und diese übersteigen, niemals so erreichen, daß es sie versteht, auch wenn es sich von ihnen durch das, was es versteht, Mutmaßungen bilden kann.

Gott allein, der sie geschaffen und ihnen jene Wesensgestalten gegeben hat, betrachtet sie in sich selbst. Er sieht nämlich im eigentlichen Sinn nicht ein, sondern gibt das Wesen; das bedeutet, Ziel-Sein von allem. Denn das Werden-Können des Denkens wird nur in dem Denken begrenzt, das ist, was es sein kann. Daher entsteht sein Denken nicht aus den Dingen, sondern die Dinge sind aus ihm. Unser Geist jedoch sieht ein, wenn er sich allem angleicht. Er könnte nichts erkennen, wenn er sich nicht dem Erkennbaren angleichen würde, so daß er in sich selbst, nämlich in seinem Wort oder Gedanken lesen kann, was er erkennt.

Auch kann der vernünftige Geist nicht seine eigene Washeit und Wesenheit in sich erreichen, es sei denn auf die selbe Art, in der er anderes erkennt: indem er nämlich, soweit er es vermag, eine intelligible Angleichung seiner selbst bildet. So sieht auch der Gesichtssinn sich selbst nicht. Denn wie sollte er sich sehen, wenn er selbst nicht zuvor sichtbar wird? Wohl erkennt der Mensch dadurch, daß er anderes sieht, daß in ihm der Gesichtssinn ist. Trotzdem sieht er ihn nicht. Ebenso erkennt der Mensch, wenn er weiß, daß er erkennt, daß in ihm die Fähigkeit des Denk-Wirklichen ist, obwohl er nicht einsieht, was es ist. Dies wurde schon oben erwähnt, wo die Antwort des Inders wiedergegeben wurde.

Die göttliche Wesenheit ist unerkannt. Folglich kann keine Wesenheit der Dinge durch Erkenntnis erfaßt werden.


  1. ↑ Z.5
  2. ↑ fol.213v
  3. ↑ Z.10
  4. ↑ Z.15
  5. ↑ Z.20
  6. ↑ Z.25
  7. ↑