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Werk:Die mathematischen Schriften/Von den Atithmetischen Ergänzungen

aus AufEinWort, der freien Forschung

[1](De arithmeticis complementis)

[t. 1] Der Kardinal Nikolaus von Cues widmet dem Arzte Paulus, dem besten und gelehrtesten Manne, seine Schrift Über die Arithmetischen Ergänzungen Hier, bester Paulus, etliche Ergänzungen über die arithmetischen Verhältnisse! Ich unterbreite sie Dir unverdrossen, obwohl sie Dir und allen bekannt sein könnten aus dem, was ich in meiner Abhandlung über die Geometrischen Verwandlungen entwickelt und Dir zur Berichtigung überreicht habe[2].

Ich behaupte: Die Koinzidenz von Winkel und Seite in den verschiedenen umfangsgleichen Vielecken führt uns zum isoperimetrischen Kreis, wie wir in der ersten Prämisse der Geometrischen Verwandlungen gezeigt haben[3]. Damit eröffnet sich uns hier ein Weg, um das, was auf eine arithmetische Ergänzung hinzielt, auf jede nur erreichbare Weise zu berechnen. Das aber, was ich meine, war bisher in der Hauptsache unbekannt, nämlich das Verhältnis der Sehne zum Bogen. Die besagte Ergänzung besteht in dem Auffinden dieses Verhältnisses. Kennt man dieses Verhältnis, dann bleibt für die zahlenmäßige Berechnung nichts mehr schwierig.

Es gab sorgsame und genaue Gelehrte, ihnen voran Archimedes[4], die gezeigt haben, daß der Kreisumfang im Verhältnis zum Durchmesser größer ist als 31071 und kleiner als 31070, und daß dieser Näherungswert fortwährend genauer gemacht werden kann. Sie haben uns aber nicht überliefert, wo der zahlenmäßig nicht erreichbare genaue Wert verborgen ist; denn wenn sich auch die Quadratseite aus der zahlenmäßig gegebenen Diagonale nicht in [rationalen][5] Zahlen berechnen läßt, so gelangt man trotzdem zu einer Zahl. Wenn man deren Wurzel [genau] berechnen könnte, würden wir die zahlenmäßig nicht angebbare Seite kennen[6]. Ich habe nicht gefunden, daß die Alten etwas Derartiges [für den Kreis][7] gewußt oder wenigstens überliefert hätten.

Abb. 15.
Abb. 16.

Abb. 15.Fürwahr, wenn sich dieses Verhältnis in Zahlen finden läßt, dann vermute ich, daß man diesen Kunstgriff auf den schon angegebenen Wegen gewinnen kann, und übergehe der Kürze halber die letzte dort gesetzte Figur[8]. Es steht fest, daß das Verhältnis der Sechseckseite zum Umkreishalbmesser des isoperimetrischen Dreiecks dem Quadrat nach (in quadratis) bekannt ist. Wenn das Quadrat von dg gleich 4 ist, dann ist das Quadrat der Seite des isoperimetrischen Sechsecks gleich 3, da die Sechseckseite gleich der Halbsehne unter dem Drittelbogen des nämlichen Kreises ist. Folglich ist das Quadrat von ed bekannt; denn wenn das Quadrat von dg gleich 4 ist, dann ist das Quadrat von ed gleich 9, da dg das Doppelte von ge ist. So wird fe bekannt sein als die Sechseckseite, deren Quadrat gleich 3 ist, wenn das Quadrat von dg gleich 4 gesetzt ist. Auf die gleiche Weise wird ec bekannt sein. So kennt man ed und ef[9]. Und weil die Dreiecke egl und ecn gleiche Winkel haben, stehen die Seiten im nämlichen Verhältnis. Es ist also ge:ce=ce:en.

Es sollen nun zwei Größen gefunden werden, deren größere sich zu eg verhält wie die kleinere zu ec, und zwar so, daß die Reste gleich sind, wenn man die größere von ed abzieht und die kleinere von ef. Dieser Rest ist der Halbmesser des Kreises, der zum Sechseck oder Dreieck isoperimetrisch ist[10]. Diese Vielecke sind unter sich umfangsgleich. Da das Verhältnis des Vieleckumfangs zu de bekannt ist, und weil das Verhältnis des Halbmessers im isoperimetrischen Kreis zu de bekannt ist, wird das Verhältnis [t. 2] des Durchmessers zum Umfang auf jede nur denkbare Weise bekannt sein. Somit weißt Du, was das Gesuchte ist, das die Zahl nicht erreichen kann, damit der Geist erkenne, wie unwissend und mangelhaft der rechnende Verstand ist.

Abb. 17.

Daraus wird offenbar, daß man jedes Verhältnis einer Sehne zum Bogen und Durchmesser untersuchen kann. Wenn Du nämlich an Stelle des Sechsecks ein beliebiges Vieleck nimmst, dann ist klar, daß sich alles wie im Sechseck behandeln läßt. Und um dies einzusehen, beschreiben wir einen Halbkreis, dessen Halbmesser gleich dem Umkreishalbmesser am Dreieck ist[11], ziehen vom Mittelpunkt g den Halbmesser dg zur Bogenmitte d und geben auf dem Bogen von d aus nach beiden Seiten hin den Bogen an, der den Vieleckseiten — die ja die gesuchten Sehnen darstellen — entspricht. Angenommen, Du willst die Sehne zu einem Winkel von , dann wirst Du den Winkel von 2212∘ vom Punkte d aus nach beiden Seiten antragen; die Endpunkte seien s und t. Lege nunmehr von s aus gegen t hin die Halbsehne bis zum Halbmesser dg und benenne diesen Endpunkt mit v. Da 45∘ ein Achtel des ganzen Umfangs beträgt, hat dieses Vieleck ebenso viele Ecken und Seiten. Ziehe dann aus dem Mittelpunkt g zum Punkte s eine Gerade, teile den in eine Gerade aufgespannten Dreieckumfang in acht gleiche Teile und bringe einen Halbteil xy parallel zu so zwischen die Geraden gs und gd. Dann beschreibe um g als Mittelpunkt mit dem Halbmesser xg einen Bogen, der dg in z trifft.45^\circ45∘

Hierauf beschreibe zwei Quadranten wie vorher, indem Du den Halbmesser ed gleich dem Umkreishalbmesser am Dreieck machst, vermehrt um den Überschuß dieses Umkreishalbmessers über den zugehörigen Inkreishalbmesser; und ef, den Halbmesser des zweiten Quadranten, gleich der Strecke gx oder gz, vermehrt um den Überschuß des Umkreishalbmessers über den Inkreishalbmesser am isoperimetrischen Achteck. Nun ziehe die Sehne gh so, daß der Pfeil gd gleich dem Umkreishalbmesser des Dreiecks wird, und die zweite Sehne ck so, daß fc gleich gx wird, d. h . gleich dem Umkreishalbmesser am Achteck[12]

Hierauf ziehe man aus e eine Gerade bis zu den Umfängen, deren Abschnitte zwischen den Bögen und den zugehörigen Sehnen wie oben gleich sind, und die wie früher[12] mit lm und no bezeichnet werden. Nun untersuche, wie Dir ef bekannt werden kann. ed ist nach dem Vorhergehenden bekannt, außerdem auch lm gleich no. Ferner ist el und ey bekannt, daher auch das Verhältnis el:eg und en:ec. Da no bekannt ist, wollen wir die Strecke en untersuchen. Angenommen, en sei irgendeine Größe, dann wird wegen des bekannten Verhältnisses notwendig auch die Größe ec bekannt sein. Und wenn die als en angenommene Größe die richtige ist, dann prüfe ich so ef. Gemäß der Annahme wird dann eo bekannt und ebenso auch cf. Nun werde vom Quadrat der Strecke cf oder gx das Quadrat der Strecke xy abgezogen. Das ist bekannt. Die Wurzel aus dem Rest ist gy. Auf diese Weise wird auch zy bekannt. Wenn diese Strecke gleich ec ist, dann war die Annahme richtig; wenn nicht, muß man den Fehler verbessern. Dann ergibt sich das Gesuchte[13].

Auf diesem Wege werden alle Sehnen bestimmbar, was die Alten trotz des größten darauf verwendeten Eifers nicht erreichen konnten[14]. Wie Du weißt,gestehen bisher alle, die Sehnen zum Winkel 1∘, 2∘, 4∘ oder 8∘ usw. nicht genau angeben zu können. Mittels der hier behandelten Ergänzungen kann man aus dem bekannten Verhältnis der Bögen und Sehnen das Verhältnis der Seiten und Winkel eines unbekannten Dreiecks und alles, was man sonst über diesen Gegenstand wissen kann, erfassen[14].

Abb. 18

Indem ich die Dreieckfigur der ersten Prämisse [t. 3] voraussetze, beschreibe ich um den Mittelpunkt a einen weiteren Kreis, dessen Halbmesser gleich dem Umkreishalbmesser am isoperimetrischen Sechseck ist, vermehrt um den Überschuß dieses Umkreishalbmessers über den Inkreishalbmesser im nämlichen Sechseck. Ziehe nunmehr die sich im Mittelpunkt senkrecht schneidenden Durchmesser mit den Endpunkten b, c, d, e und die Sehne fgh, deren Pfeil gleich dem Umkreishalbmesser am Sechseck ist. Schließlich ziehe aus a durch gh eine Gerade aik, die gleich dem Umkreishalbmesser des isoperimetrischen Sechsecks wird. Dann bestimme den Überschuß der Strecke cb in der ersten Figur über die Strecke ab der vorliegenden, trage ihn auf der durch a gezogenen Linie gleich al an, fälle aus l auf ad das Lot und nenne den Fußpunkt m. Und weil cb aus der Lage der Seite des dem Kreis einbeschriebenen Dreiecks bekannt ist und ebenso ab[15], ist auch la und ag bekannt. Es ist aber la:am=ai:ag und la:ai=ma:ag. Nun soll also eine Zahl gefunden werden, die in einem bestimmten Verhältnis zur bekannten Strecke la steht, so daß es eine andere Zahl gibt, die im nämlichen Verhältnis zur bekannten Strecke ag steht derart, daß la zusammen mit dieser gefundenen Zahl, von bc abgezogen, den nämlichen Rest läßt, der sich ergibt, wenn man ag zusammen mit der anderen Zahl von ab abzieht. Damit hast Du den Halbmesser des Kreises berechnet. Du mußt also das Verhältnis der dreifachen Dreieckseite und des doppelten Halbmessers betrachten, um auf diese Weise durch eine feine Näherung da Terhältnis des Durchmessers zum Umfang zu erhalten[16].

  1. ↑ Die Compl. arithm. sind die unmittelbare Fortsetzung der Transm. geom. und wie diese an TOSCANELLI gerichtet. OMNISANCTUS hatte auch von ihnen eine Abschrift des JAKOB FABER aus Deventer erhalten, kam jedoch mit dem Inhalt nicht ganz zurecht und mag daher ähnlich wie in den Transm. geom. Textveränderungen vorgenommen haben. Da wir die Abhandlung nur aus dem Abdruck in der Parisina und dem Wiederdruck in der Basilea kennen, sind wir nicht imstande, den ursprünglichen Wortlaut wiederherzustellen. Die von ÜBINGER (1876, S. 62) vertretene Auffassung, die Compl. arithm. seien am 13. VII. 1450 niedergeschrieben, beruht auf der irrtümlichen Datierung der Transm. geom. Die Compl. arithm. sind sicher nicht sehr lange nach den Transm. geom. verfaßt; sie gehören gleich diesen der Koblenzer Zeit an und dürften im Spätherbst 1445 abgeschlossen worden sein.
  2. ↑ 2
  3. ↑ 3
  4. ↑ 4
  5. ↑ 5
  6. ↑ 6
  7. ↑ 7
  8. ↑ 8
  9. ↑ 9
  10. ↑ 10
  11. ↑ 11
  12. ↑ a b 12 und 12a
  13. ↑ 13
  14. ↑ a b 14 und 14a
  15. ↑ 15
  16. ↑ 16
  1. ↑ Ed. paris. form. II, fol. 54r
  2. ↑ fol. 54v
  3. ↑ fol. 55r