Werk:Erfahrung, Weltbild und Erkenntnis bei Nikolaus Cusanus
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Erfahrung, Weltbild und Erkenntnis bei Nikolaus Cusanus[1]
Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 14 ( 1991) 97-105
VCH Verlagsgesellschaft mbH, D-6940 Weinheim 1991 0170·6233/91 /0207-0097 $ 03.50+ .25/0
Summary: To explain the interaction of stillness and motion of thought, Nicholas Cusanus formulated his renowned comparison with a cosmographer, which through five gateways, corresponding to the five senses, receives information about the world in the form of messages. What follows therefrom is not directly an analysis of the world but of the Creator, whom the philosopher mirrors in himself as a creator of scientific symbols.
Cusanus was repeatedly suspected of Pantheism. What is crucial, however, for the critique of reasonning is the parallelism, that God's omnipresence in his creation corresponds to a universal capacity of the human mind to perceive everything by means of a hypothetical otherness (alteritate coniecturali). Therefrom proceeds the general pro- jection that everything can be seen in mathematical terms. Mathematical calculating, working with figures, reducing to units, leads Cusanus to God's creative power as much as to the functioning of the intellect.
However, his renowned mental experiments on the minimum and maximum were purely in pursuit of the goal of describing the fluid frontiers of defined thought. This is also true of his cosmology. Cusanus agued mathematically in order to prove the non- mathematical and the non-realistic.
Schlüsselwörter: Anthropologie, Denken, Erfahrung, Erkenntniskritik, Kosmogra- phie, Kosmologie, Mathematik, Mathematisierbarkeit der Welt, Metaphysik, Pantheis- mus, Theologie und Philosophie, Weltbild, Zeichen; Nikolaus Cusanus; XV. Jh.
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Dieser Mann der ,Gelehrten Unbildung' gibt an, was er schon lange mit verschiedenen Methoden der Wissenschaft gesucht habe, auf dem Meer gefunden zu haben, auf der Rückkehr von Griechenland, unter Leitung des obersten Lichtes; und er beschreibt seine Entdeckung mit den Worten:
,das Unbegreifliche in nicht begreifender Weise in belehrter Unwissenheit durch Übersteigen der unvergänglichen Wahrheiten, die man als Mensch wissen kann, zu erfassen'.[2]
Johannes Wenck, von dem dieses Zitat stammt, erbitterter Feind von Nikolaus Cusanus, startet seine Polemik gegen ihn an der richtigen Stelle: Denn wer soll das begreifen?
Erst recht, wenn diese Entdeckung – was immer ihr Inhalt sei – auf dem Meer, auf Reisen gemacht worden sein soll:
Wenck zitiert richtig, auch wenn er sich nach Kräften bemüht, seinen Gegner mißzuverstehen:
Tatsächlich erklärt Cusanus in einer Nachschrift zu seinem berühmtesten Werk Von der belehrten Unwissenheit (De docta ignorantia), seine Inspiration zur cusanischen Methode auf Reisen erhalten zu haben[3].
Er war nämlich 1437 in päpstlichem kirchenpolitischem Auftrag nach Byzanz gereist und mit bedeutenden griechischen Theologen, darunter Kardinal Bessarion, und mindestens ebenso bedeutenden griechischen Büchern, darunter Proklos, zurückgekehrt[4].
Eine späte Frucht dieser Reise war zum Beispiel sein Auftrag zur Übersetzung des Platonischen Parmenides an Georgios Trapezuntios, die dieser ihm 1459 mit den Worten widmete[5]:
"Du hast nicht nur viel gesehen, gelesen, gelehrt, sondern auch selbst geschrieben und hervorgebracht. Zudem schätzest Du die antiquitas Platonica besonders ..."
Seine Bildung, die er auf Reisen erworben hatte, war eine „gelehrte Unbildung" und stammte aus Büchern.
2
Wenn ich also über den Zusammenhang von Erfahrung und Weltbild bei Cusanus so berichten soll, daß die Erfahrungen des Cusaners selbst auftreten, so muß ich auf seine politischen Aktivitäten (er starb 1464, als er sich anschickte, zusammen mit dem Humanisten Enea Silvio Piccolomini, Papst Pius II., gegen die Türken zu ziehen[6]) verzichten und mich der Erfahrung zuwenden, die er als „Übersteigen" (transcensus) beschreibt.
Politisch ist Nikolaus Cusanus viel gereist, philosophisch machte er Reisen des Bewußtseins.
3
Da Cusanus bekanntlich das Seiende dynamisch denkt[7], muß er nicht nur – worauf ich noch zurückkommen werde – die Welt in multiplizierten Zahlen erfassen, er muß auch das Denken selbst als Bewegung darstellen, damit es der Bewegung folgt, die alles, was ist, konstituiert und selbst geistig ist[8].
Deutlichstes sprachliches Indiz dafür ist seine Vorliebe für Bewegungs-Metaphern zur Beschreibung des Denkens und besonders für den Zugang zu dem Prinzip des Erkennens und des Seins.
Vokabeln wie
- absolvere, abstractio (beide wörtlich genommen),
- antecedere und anteire (logisch und wörtlich),
- apprehendere, ascendere,
- attingere (logisch und wörtlich),
- coniectura,
- coniecturare,
- conversio,
- se elevare,
- excedere,
- mensurare (für Denken),
- motus rationis[9],
- opponi,
- praecedere, resolvere (diese letzteren auch wieder logisch und wörtlich),
- transcendere,
- transcensus,
- transferre,
- transformare,
- transilire,
- transire,
- transmutatio,
- transumere,
- transumptio,
- transumptive,
- venatio sapientiae
beschreiben das Denken, welcher Qualität es auch sein mag, als ein Bewegen oder durch Bewegungen, wobei Cusanus teils gängige Metaphern wörtlich nimmt, teils sprachliche Bilder abstrahierend terminologisch einsetzt.
Es ist dies eine leicht wiedererkennbare Eigenart seiner philosophischen Sprache, mit der er der Gegenständlichkeit einerseits und der ontologischen Leere des Denkens andererseits zu entkommen sucht.
Er hat dieses Verfahren in seiner Schrift über das Nichtandere (De non aliud) thematisiert[10].
4
Wo immer Cusanus vom Denken spricht, stellt er es als aktive Bewegung dar.
Seine Anthropologie in der Schrift über das Mutmaßen (De coniecturis, auch dies wird motorisch-aktiv genommen) faßt es so zusammen[11]:
So handelt der Mensch in vernunftmäßigen Dingen vernunftmäßig, indem er erschafft, ordnet und zusammenhält [...].
Das aber wendet er ganz auf sich selbst zurück, damit er sich erkennen, leiten und erhalten kann. Und so nähert sich der Mensch der Gottes-Artigkeit, wo alles Ewige in Frieden ruht.
5
Nur im Göttlichen und Ewigen gibt es Ruhe und Frieden.
Alles andere ist in Bewegung.
Und Cusanus versucht, uns nicht darum zu betrügen, vielmehr will er zeigen, wie unter diesen Bedingungen sich das Denken und Erkennen bewegt.
Denn dem Menschen ist das Denken so notwendig wie dem Tier die Bewegung zur Nahrungsaufnahme[12].
Es kann gar nicht anders, als Ruhe zu suchen, und darauf sind alle Bewegungen gerichtet, wie man leicht ableiten kann.
6
Für diesen Sachverhalt hat Nikolaus Cusanus ein Bild geschaffen, das das Ineinander von Ruhe und Bewegung darstellt, seinen berühmten Vergleich mit dem Kosmographen.
In dem Compendium, einer seiner letzten Schriften, die gleichzeitig seine Philosophie zusammenfaßt, betrachtet er das Denken als ein Sammeln und Verarbeiten von Zeichen.
Er faßt dies mit der Feststellung zusammen[13]:
Der Mensch macht also seine Überlegungen über manches [in der Natur und Kunst] und macht die Wissenschaft von den Dingen aus Zeichen und Vokabeln – so wie Gott die Welt aus Dingen.
7
Der Vergleich des menschlichen Denkens mit dem göttlichen Schöpfertum bekommt dadurch seine besondere Wendung, daß nicht nur Gedanken-Dinge und Kreatur verglichen werden, sondern daß beide als Zeichen gesehen werden.
Deshalb stehen Mensch-Zeichen-Wissenschaft und Gott-Dinge-Welt parallel.
Die Dinge sind bei weitem nicht Manifestationen Gottes, sondern nur Zeichen für die Welt, auf die sie als Ganzes verweisen, so wie der Mensch aus den Worten und Zeichen Wissenschaft produziert.
In der einen Reihe der Analogie fällt der Schöpfer als Zugängliches und in der anderen fällt das unreflektiert Reale als Gegenstand von Wissen aus.
Genau in dieser Weise arbeitet auch Cusanus' Kosmograph.
8
Dieser sitzt in seiner Stadt, ein vollkommenes Wesen mit Sinn und Verstand, das heißt der Mensch schlechthin[14], und läßt sich durch die fünf Tore, die seinen fünf Sinnen entsprechen, von der Welt durch Boten berichten[15]:
Der Kosmograph sitzt da und notiert alles, was berichtet wird, um eine Beschreibung der ganzen wahrnehmbaren Welt in seiner Stadt zu erhalten.
Ohne seine Stadt zu verlassen – ich vermute, daß wir uns seher so etwas wie eine Festung, eine Burg vorstellen müssen – und eigentlich nur an dieser interessiert, legt er nun eine Landkarte der wahrhaftig äußeren Welt in entsprechendem Maßstab an – und befaßt sich fürderhin nur noch damit[16].
Aber natürlich nicht, um etwa zur Freude aller Wissenschaftshistoriker die Qualität der Kartographie oder die Beschaffenheit der Welt zu prüfen.
Nichts von alledem, sondern der innere Schöpfer interessiert ihn jetzt.
Indem er die Kuriere entläßt, überträgt er seinen Blick auf ihn, wie es ausdrücklich heißt[17].
In der Landkarte, präzis gesagt in der Relation zwischen der Karte und der abgebildeten Welt, sieht er den Schöpfer[18]:
Aus dem Verhältnis der Karte zur wahren Welt spiegelt [speculatur] er in sich selbst als Kosmographen den Erschaffer der Welt, so daß er in der Abbildung die Wahrheit, im Zeichen das Bezeichnete geistig betrachtet.
9
Wer ist hier Zeichen, wer Bezeichnetes?
Allen Physikotheologen zum Ärgernis erfreut sich der spekulierende Wissenschaftler nicht an der Welt in der säkularen Gewißheit, auch Gott zugleich die Ehre, die die Himmel rühmen[19], zu geben. Denn es war ja schon gesagt worden, daß die Dinge nicht Zeichen Gottes, sondern der Welt sind, und sich folglich zwischen die Welt-Erkenntnis und die Gottes-Erkenntnis drängen. Wenn die menschengemachten Zeichen auf die Wissenschaft und nicht auf den Wissenschaftler verweisen - und schon gar nicht auf die Welt - , dann kann der Spekulierende den Schöpfer-Gott nicht in der Welt, sondern nur in sich selbst als Schöpfer von wissenschaftlichen Zeichen spiegeln. Die Analogie zwischen Menschen und Gott beruht nicht auf der Proportionalität zwischen Realität des Gedachten und Realität des Schöpfers, sondern zwischen der Produktivität des Denkens von vernünftig Gedach-tem und der Selbstoffenbarung Gottes in Dingen. Das menschlich Gedachte und das göttlich Geschaffene sind nicht simpel real, sondern jeweils Produktionen von etwas, das aus dem Schaffensprozeß als etwas anderes, vom Schöpfer verschiedenes hervorgeht[20]:
Daher findet er [der Kosmograph] in sich das erste nähere Schöpfermerkmal [signumn conditoris], in dem die Schöpferkraft [...] aufleuchtet.
Die Entdeckerfreude des cusanischen Kosmographen wird nur teilen, wer zu würdigen weiß, daß in ihm das „Licht, das in der Finsternis leuchtet"[21], aufgeschienen ist und die geographische Entdeckungsreise damit glücklich zuende ist[22]. Nach der Aufklärung wird das schwierig werden, für Cusanus war es die Hauptsache.
Zunächst aber muß die hergestellte Analogie noch ausgeführt werden, damit wir sehen, inwiefern der Rückzug des cusanischen Kartographen in seine innere Burg zu irgendeiner Erkenntnis von Welt führen kann. Wenn sich nämlich Gott in seinen Zeichen entäußert, die für uns Dinge sind und die Welt ausmachen, dann bedeutet das auch, daß die Differenz zwischen Gott und seiner Schöpfung so groß sein muß, daf wir nicht glauben dürfen, Gott in seinen Werken verehren zu dürfen. Cusanus, wie alle Philosophen, war kein Pantheist, er erweckte - wie mancher andere Platoniker auch - nur den Eindruck[23]. Andererseits muß die Ähnlichkeitsbeziehung zwischen Schöpfung und Schöpfer so nah sein, daß der besagte Verdacht aufkommen konnte, Gott und Welt seien für Cusanus identisch. Dies war natürlich auch einer der wichtigsten Vorwürfe in der eingangs zitierten polemischen Schrift Wencks[24].
Übrigens ist dies auch keine Frage der dogmatischen Rechtgläubigkeit, sondern der philosophischen Richtigkeit. Was hätten wir auch schon, wenn wir wüßten, daß die Welt - undurchschaubar und ungeordnet, wie sie ist - schon alles wäre. Wenn zwischen Schöpter und Schöptung keine Ditterenz ist, macht es auch keinen Unterschied, davon nichts zu wissen. Aber wenn andererseits die Differenz unüberbrückbar ist, hilft uns nicht einmal die Einsicht in diese Tatsache weiter - immer vorausgesetzt, dieses Verhältnis bestimmt die Chancen unserer Erkenntnis.
Cusanus hat zahlreiche Metaphern, dieses Problem darzustellen; alle seine Schriften handeln schließlich auch davon. In der Schrift Über das Geschenk des Vaters der Lichter (De dato patris luminum), die vor allem mit Licht und Spiegeln spielt, erklärt er den Anschein von Identität in der Differenz so[25]:
Es hat den Anschein, Gott und die Kreatur seien identisch, nämlich im Modus des Gebenden Gott, im Modus des Gegebenen die Kreatur. Es kann dies also nur eines sein, was nach der Verschiedenheit des Modus verschiedenerlei Namen bekommt. Dieses selbst muß nach dem Modus des Gebenden ewig und nach dem Modus des Gegebenen zeitlich sein.
Den theologisch prekären Aspekt dieser Aussage lasse ich jetzt beiseite, vielmehr will ich diese Modalmetaphysik des Ganzen mit der Modalität des Erkennens verknüpfen. Es folgt nämlich aus der Modalität des Einen, wie sie Cusanus darstellt, daß der Pantheismusverdacht nur entstehen kann, weil es bekanntlich außer Gott nichts geben kann, also auch nichts anderes.
Nun erkennt aber auch der Mensch immer nach dem Modus seiner Erkenntnisfähigkeit; und die besagt: Was ich nicht weiß, davon weiß ich nichts, dessen Existenz oder Gegebenheit bleiben mir notwendig verschlossen. Umgekehrt kann der menschliche Geist restlos alles denken, von dem er weiß. Der Omnipräsenz, wenn nicht gar Existenz Gottes in seiner Schöpfung entspricht demnach analog eine universale Erkenntnisfähig-keit des Geistes. Im Geiste sind die Gegenstände der Erkenntnis im Modus des Denkens, außerhalb des Geistes sind sie als Gedachtes gedacht.
Die Vermutung, daß es außerhalb des Denkens nichts zu denken gibt, macht Cusanus zur Grundvoraussetzung für seine Darstellung der Strukturiertheit der Welt in Zahlen. In seiner Schrift Über die Hypothesen (De coniecturis), die illustrieren soll, daß alles nur in der Weise der hypothetischen Fremdheit (alteritate coniecturali)[26] erkannt wird, leitet der Cusaner eine umfangreiche Spekulation über metaphysisch-mathematische Einheiten als Grundformen des Denkens und Seins mit der lapidaren Feststellung ein[27]:
Der Geist setzt voraus, daß er selbst um alles und in allem herumstreifen und alles begreifen kann; daraus schließt er, daß er in allem und alles in ihm selbst so ist, daß er behaupten kann, es könne nichts außerhalb von ihm geben und nichts, was seiner Beobachtung entkommt.
Cusanus macht keinen Hehl daraus, daß dies ein menschlicher Irrtum ist. Im Gegenteil, er erklärt es zur unumgehbaren Bedingung der Welterkenntnis überhaupt, indem er fortfährt[28]:
Wörtlich steht im Text: „in numerabili similitudine". Aber eine „zählbare Ähnlichkeit" gibt es nicht; denn nicht die Ähnlichkeit soll gezählt werden, sondern das, was durch einen Vergleich faßbar gemacht werden soll, das zu erkennende, und dies ist zunächst einmal die Einheit, bei der das Zählen - wenn es darum ginge - bald zuende wäre, sodann alles, was in Zahlen erfaßt werden kann, dank der numerischen Struktur des Denkens. Die Einheit wiederum wird auf alles, was es gibt, bezogen. Und so führt die Beschränktheit des Verstandes, an nichts außerhalb von ihm selbst zu glauben, zu einer allumfassenden Projektion der Mathematisierbarkeit, die wir nach Kant nur noch kantisch[29] als Bedingung der Möglichkeit von extramentaler Wahrnehmung beschreiben können.
Die ‚Kuriermeldungen', die der Kosmograph (in dem besprochenen Vergleich) durch die ‚Wahrnehmungstore' einläßt, sind also keineswegs irgendwelche bildhaften Zeichen für die „Welt draußen" , sondern mathematische Zeichen[30]:
Alles also, was durch Wahrnehmung oder Vorstellung erfaßt wird [...], wird nur mit Quantitätszeichen er-faßt. [...] Aher die Quantitätszeichen sind nicht an sich in den wahrnehmbaren Dingen, sondern indirekt [per accidens] [...]. Deshalb kommt Quantitatives durch Quantitätszeichen in das Wissen, und somit wird etwas, das an sich unerkennbar ist, indirekt bekannt. Ohne Größe und Zahlen ist gar nichts erkennbar.
Denn „der Verstand löst alles in Zahl und Größe auf"[31], wie es in der Hypothesen-Schrift heifst, obwohl die Zahl selbstverständlich nicht wirkliches Prinzip irgendeines Dinges ist. Dies hält Cusanus ausdrücklich gegen die Pythagoreer fest[32].
Aber wir dürfen uns von solchen Bemerkungen nicht irreführen lassen. Es geht Cusanus nicht um die Meßbarkeit der Welt, sondern um die Kritik der Verstandestätig-keit, und auch hier wiederum nicht cartesianisch oder kantianisch im Hinblick auf die alte skeptische Frage nach den Täuschungsmöglichkeiten in der Sinneswahrnehmung und um deren produktive Integration in ein Wissenschaftssystem; dem Kardinal geht es vielmehr um den Nachweis der „Selbstbezüglichkeit von Denken und Gedachtem"[33] im Rahmen einer Anthropologie in theologischer Absicht: Wenn der Mensch als Ebenbild sein Urbild erkennen will, muß er wissen, was er selbst in dieser Hinsicht ist.
Die ganze philosophische Innovation des Cusaners besteht demnach darin, daß er mathematisches Zählen, Operieren mit Zahlen, Reduzieren auf Einheit sowohl auf die Schöpferkraft Gottes bezieht (hierin ist er mystischer Theologe) als auch als die Tätigkeit des Verstandes ansieht, wenn er überhaupt erkennt (und hierin ist er Philosoph).
Daher ist es kein Wunder, daß Cusanus auch in der Mathematik von „einer symbolhaften Ausdeutung der Mathematik" zu einer „Haltung des echten Naturforschers" kommt, „der in der sachlichen Begründung seiner Ergebnisse (nicht in der heuristischen Form der Untersuchung) nur Tatsachen und auf Tatsachen gestützte logische Schlüsse verwenden will" , wie es Joseph Ehrenfried Hofmann ausdrückte[34]. Trotzdem: Paradoxerweise hat Cusanus all seine mathematischen Fähigkeiten letztlich nicht eingesetzt, um die Meßbarkeit der Welt oder allein die mathematische Theorie voranzutreiben. Die letzte seiner mathematischen Schriften (Der goldene Satz in der Mathematik) endet vielmehr mit der Bemerkung[35]:
Um den drei-einigen Urgrund also und um das Ausströmen der Dinge aus ihm wird die höchste Spekulation des Weisen verweilen.
Denn mit seinen Berechnungen zum Verhältnis von Bogen und Geraden in dieser Schrift kehrt er zu einem seiner Kernargumente der frühen Docta ignorantia zurück, nämlich der Beweisführung der „Umwandlung und des Überganges von Gegensätz- lichem in Gegensätzliches"[36]. Seine berühmten Gedankenexperimente um das Minimum und das Maximum verfolgten nämlich das Ziel, die verfließenden Grenzen des präzisen Denkens darzustellen, und dafür mußte dieses erst einmal in seiner Präzision nachgewiesen werden. Alle mathematischen Beispiele - hierzu zählen auch die im engeren Sinne mathematischen Untersuchungen über die Kreisquadratur - dienen dazu, die Inkommensurabilität des Verstandes mit seinen Gegenständen nach „oben" wie nach „unten" zu zeigen, das heißt die Vergeblichkeit des Messens im Verstande sowohl gegenüber den einzelnen Dingen als auch gegenüber deren Entstehungsursprung[37]. Hierfür stehe nur eines seiner Beispiele: Ausgehend von dem trivialen Lehrsatz, wonach die Summe der Winkel im Dreieck zwei rechte Winkel ausmacht, so daß, je mehr ein Winkel anwächst, die übrigen kleiner werden, fordert er, einmal trotzdem anzunehmen[38],
daß cin Winkel zum Maximum anwachse, bis er zwei rechte umfasse, und dabei ein Dreieck bleibt. Dann ist klar, daß das Dreieck einen Winkel hat, der drei ist und daß die drei einer sind.
Was mit diesem mathematischen Unding bewiesen werden soll, ist die Übersteigungs-leistung (transcendere, ascensio) des Intellekts im Vergleich zur Imagination, die an den Wahrnehmungen und am Quantitativen hängen bleibt[39]. Auch in einer frühen Predigt nimmt er die Dreidimensionalität alltäglich wahrgenommener Größen als Grundbedingung des Wahrnehmens, die zugleich die Wahrheit der Trinität garantiert, obwohl sie verstandesmäßig unerkennbar bleibt[40]. Später hat Nicolaus Cusanus bekanntlich seinen Laien über den Geist sagen lassen[41]:
Der Geist (mens) ist es, aus dem alles seine Abmessung und sein Maß (terminus et mensura) hat.
Aber wir sehen, daß die Konstruktion all der „Undinge" in den mathematischen Schriften nur metaphorisch auf die Quadratur des Kreises aus waren, nämlich das Unmögliche für das Denken zu zeigen.
So paradox das Verfahren des Cusaners ist, so paradox sind die Folgen für die Wissen-schaft. Das kann man am besten an der berühmten Frage erkennen, inwieweit Nikolaus Cusanus dem Verkünder der Unendlichkeit der Welten, Giordano Bruno, vorausgelaufen sei[42].
Nach dem erkenntniskritischen Durchbruch des ersten Buches der Docta ignorantia befaßt sich der Philosoph mit dem, was davon abhängt, im zweiten Buch, und das ist eben die Welt, die sich auch der Kartograph hatte liefern lassen. Aristotelisch ausgedrückt stellt Cusanus nun fest, daß[43]
der Seinsmöglichkeit nach die Welt wirklich unendlich oder größer oder ganz anders nicht sein konnte.
Selbst secundum regulas doctae ignorantiae[44] ist die Welt nicht real unendlich. Was erreichbar ist, ist nur die negative Gewißheit[45]:
Wenn denn auch die Welt nicht unendlich ist, kann sie doch nicht als endlich gedacht werden, da sie keine Grenzen hat, in die sie eingeschlossen wäre.
Die Denkbarkeit der Unendlichkeit der Welt - in den Grenzen aristotelischer Kosmologie - reduziert sich für den Cusaner auf die Undenkbarkeit ihrer Endlichkeit. Wenn es um Fortschritte in der Fachwissenschaft der Kosmologie gehen sollte, so ist das Ergebnis enttäuschend: Die Endlichkeit der Welt ist nur durch die Supereminenz Gottes in dieser Welt kompensiert[46]. Zentrale Begründung und zugleich Begrenzung aller kosmologischen Spekulation ist für Cusanus die Abständigkeit der Welt von ihrem Schöpfer und dessen Allgegenwärtigkeit in ihr. Die Welt kann deshalb nicht als unendlich gedacht werden, weil ihr die Grundvoraussetzungen auch der Endlichkeit fehlen, nämlich die Gleichmäßigkeit des Abstandes vom Zentrum und Peripherie. Es ist die Unvollkommenheit der Welt, aus der - wenn überhaupt - ihre Unendlichkeit folgt[47]:
Denn da das Zentrum ein Punkt ist, der von dem Umfang einen gleichmäßigen Abstand hält, und da es unmöglich ist, daß es eine reine Kugel oder so einen Kreis gibt, daß es keinen reineren geben könnte, so ist klar, daß es auch kein Zentrum geben kann, das nicht noch reiner und genauer angegeben werden könnte.
Anmerkung:Erf. Welt. Erk. Nik. Cus.
Anschrift des Verfassers: Dr. Paul Richard Blum, Bischof-Kaller-Strasse 3, D-6240 Königstein 1. Ber.Wissrnschaftsgesch. 14 (1991) 97-105