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Werk:Phaidon (Platon)/61

aus AufEinWort, der freien Forschung

—Übrstzng B.Z.

◀▷Und ich nahm bisher immer an, eben das, was ich schon tat, gebiete er mir und ermutige mich[1] dazu; ganz wie diejenigen, die die Läufer antreiben, so ermutige auch mich der Traum zu dem, was ich schon tat, mich musisch zu betätigen, weil ja die Philosophie die höchste Form des Musischen ist und ich diese doch betrieb. Nun aber, nachdem das Urteil gefällt ist und das Fest des Gottes mich noch gehindert hat zu sterben, schien mir, ich sollte, wenn mir der Traum etwa befehlen sollte, die gewöhnliche Form des Musischen zu betreiben, ihm gegenüber nicht ungehorsam sein, sondern es tun. Denn es sei sicherer,[2] nicht fortzugehen, bevor ich meinen Pflichten nachgekommen bin und Gedichte gemacht habe, um dem Traum zu gehorchen. So habe ich also zuerst dem Gott etwas gedichtet, für den gerade die Opferfeier stattfand; nach dem Gott aber, weil ich bedachte, daß ein Dichter, wenn er wirklich Dichter sein wolle, Mythen dichten müsse und nicht Reden, und ich selbst kein Mythendichter bin,[3] habe ich deshalb von den Mythen des Aisopos, die ich zur Hand hatte und kannte, in Verse gebracht, welche gerade da waren. [4],[5] Das also, Kebes, sage Euenos, und er solle wohl leben und, wenn er vernünftig sei, mir folgen.[6] Ich gehe aber, wie es scheint, heute; denn die Athener befehlen es.

Da sprach Simmias: Was läßt du da dem Euenos raten, Sokrates? Denn ich bin mit dem Mann schon oft zusammengetroffen; aber nach dem zu schließen, was ich dabei wahrgenommen habe, wird er dir wohl kaum freiwillig Folge leisten.

Wieso? fragte er. Ist Euenos kein Philosoph?

Ich glaube schon, sagte Simmias.

Also wird Euenos auch wollen und ebenso jeder, der diese Sache in angemessener Weise betreibt. Gewalt allerdings wird er sich hoffentlich nicht antun; denn das,[7] sagen sie,[8] sei nicht recht. Und als er dies sagte, ließ er die Beine auf die Erde herab und besprach, so dasitzend, das übrige.

Nun fragte ihn Kebes: Wie meinst du das, Sokrates, daß es nicht recht sei, sich Gewalt anzutun, daß aber doch der Philosoph dem Sterbenden zu folgen wünsche?

Was, Kebes? Habt ihr, du und Simmias, über diese Dinge nichts gehört, als ihr mit Philolaos[9] zusammen wart? Nichts Genaues wenigstens, Sokrates.

Nun ja, auch ich kann nur vom Hören darüber reden.[10] Was ich da also gehört habe, will ich ohne etwas vorzuenthalten sagen.

Denn es gehört sich ja wohl ganz besonders für den, der im Begriff ist, dorthin zu wandern, über die Wanderung nach dort, wie wir sie uns vorstellen können, nachzusinnen und sich Mythen auszudenken. Denn was könnte man sonst auch tun in der Zeit bis zum Sonnenuntergang?

[11]Weshalb sagen sie nun eigentlich, daß es nicht recht sei, sich selbst zu töten, Sokrates? Ich habe das, was du gerade gefragt hast, nämlich auch schon von Philolaos gehört,[12] als er sich bei uns aufhielt, und auch schon von anderen, daß man das nicht tun dürfe. Genaues aber habe ich darüber von keinem jemals gehört.▷

—Übrstzng F.S.

Und ich dachte sonst immer, nur zu dem, was ich schon tat, ermuntere er mich [61 St.1 A] und treibe mich noch mehr an, und wie man die Laufenden anzutreiben pflegt, so ermuntere mich auch der Traum zu dem, was ich schon tat, Musik zu machen, weil nämlich die Philosophie die vortrefflichste Musenkunst ist und ich diese doch trieb. Jetzt aber, seit das Urteil gefällt ist und die Feier des Gottes meinen Tod noch verschoben hat, dachte ich doch, ich müsse, falls etwa der Traum mir doch befehle, mit der Musenkunst im üblichen Sinn mich zu beschäftigen, auch dann nicht ungehorsam sein, sondern es tun. Denn es sei doch sicherer, [B] nicht zu gehen, bis ich mich auch so vorgesehen und Gedichte gemacht, um dem Traum zu gehorchen. So habe ich denn zuerst auf den Gott gedichtet, dem das Opfer eben gefeiert wurde, und nächst dem Gott, weil ich bedachte, dass ein Dichter, wenn er ein Dichter sein wolle, Fabeln dichten müsse und nicht vernünftige Reden, und ich selbst nicht erfinderisch bin in Fabeln, so habe ich deshalb von denen, die bei der Hand waren und die ich wusste, den Fabeln des Aisopos, die, welche mir eben aufstießen, in Verse gebracht. [C] Dieses also, o Kebes, sage dem Euenos, und er solle wohl Leben und, wenn er klug wäre, mir nachkommen. Ich gehe aber, wie ihr seht, heute, denn die Athener befehlen es.

Da sagte Simmias: Was lässt du doch da dem Euenos sagen, o Sokrates? Ich habe schon viel mit dem Manne verkehrt, aber soviel ich gemerkt, wird er auch nicht die mindeste Lust haben, dir zu folgen.

Wieso? fragte er, ist Euenos nicht ein Philosoph?

Das dünkt mich doch, sprach Simmias.

Nun, so wird er auch wollen, er und jeder, der ernstlich damit zu tun hat. Nur Gewalt wird er sich doch nicht selbst antun, denn dies, [D] sagen sie, sei nicht recht.

Und als er dies sagte, ließ er seine Beine von dem Bett wieder herunter auf die Erde, und so sitzend sprach er das übrige.

Kebes fragte ihn nun: Wie meinst du das, o Sokrates, dass es nicht recht sei, sich selbst Leides zu tun, dass aber doch der Philosoph dem Sterbenden zu folgen wünsche?

Wie, Kebes? Habt ihr über diese Dinge nichts gehört, du und Simmias, als ihr mit dem Philolaos zusammen wart?

Nichts Genaues wenigstens, Sokrates.

Auch ich kann freilich nur vom Hörensagen davon reden, was ich [E] aber gehört, bin ich gar nicht abgeneigt, euch zu sagen. Auch ziemt es sich ja wohl am besten, dass der, welcher im Begriff ist, dorthin zu wandern, nachsinne und sich Bilder mache über die Wanderung dorthin, wie man sie sich wohl zu denken habe. Was könnte einer auch wohl besseres tun in der Zeit bis zum Untergang der Sonne?

Weshalb also sagen sie, es sei nicht recht, sich selbst zu töten, o Sokrates? Denn ich habe dies auch schon, wonach du eben fragtest, vom Philolaos gehört, als er sich bei uns aufhielt, und auch schon von andern, dass man dies nicht tun dürfe. Genaues aber habe ich von keinem jemals etwas darüber gehört.