Werk:Phaidon (Platon)
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Gründet auf dem Werk „Phaidon“ Platon
399 n. Chr. hrsg.
Abschrift
unüberarbeitet
ungeprüft
PHAIDON. (De animo)
Teil 2: Phaidon 2 (Platon)
Nach der Übersetzung von Friedrich D. E. Schleiermacher
in: Platons Werke. Zweiten Teiles dritter Band, Dritte Auflage, Berlin 1861, bearbeitet.
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Übersetzung ( Felix Meiner Verlag GmbH, Hamburg 2007) B. Zehnpfennig: Platon Phaidon Griechisch – Deutsch
Phaidon (Platon)
Die Rahmenhandlung und die Einleitung von Phaidons Bericht
◀▷Als wir nun hineingingen, fanden wir Sokrates soeben losgemacht und Xanthippe[1] - du kennst sie ja - saß, sein Kind haltend, daneben. Als uns Xanthippe sah, brach sie in laute Klagen aus und sagte manches in der Art, wie es die Frauen zu sagen pflegen: Sokrates, zum letztenmal werden deine Freunde nun mit dir sprechen und du mit ihnen! Da schaute Sokrates zu Kriton hin und sagte: Kriton, jemand möge sie nach Hause führen.
Da führten sie einige von Kritons Leuten fort, während sie schrie und wehklagte. Sokrates aber beugte, indem er sich aufrecht auf das Lager setzte, das Bein und rieb es mit der Hand, und während er es rieb, sagte er:[2] Wie sonderbar, ihr Männer, scheint es doch mit dem zu sein, was die Menschen angenehm nennen! Wie seltsam verhält es sich zu dem, was als sein Gegenteil gilt, dem Unangenehmen, daß beide zugleich zwar nicht im Menschen sein wollen, wenn aber jemand dem einen nachjagt und es erwirbt, er fast immer gezwungen ist, auch das andere zu erwerben,[3] als ob sie, die doch zwei sind, an einem Scheitelpunkt [4] zusammengeknüpft wären. Mir scheint, sagte er, wenn Aisopos[5] das bemerkt hätte, hätte er einen Mythos darüber verfaßt, daß Gott die beiden Streitenden versöhnen wollte, und da er es nicht konnte, sie an ihren Scheitelpunkten zusammengebunden habe, und daß dadurch nun, wenn bei jemandem das eine vorhanden sei, später auch das andere nachfolge. Wie es jetzt auch bei mir zu sein scheint; weil von der Fessel im Bein vorher Schmerz war, scheint nun nachfolgend das Angenehme zu kommen.
4. Darauf ergriff Kebes das Wort und sprach: Bei Zeus, Sokrates, du tust gut daran, mich zu erinnern. Denn nach deinen Gedichten, die du gemacht hast, indem du die Worte des Aisopos in Verse gesetzt hast, und nach dem Lobgesang auf Apollon[6] haben auch andere mich schon gefragt und vor kurzem erst Euenos,[7] wie du eigentlich darauf gekommen bist, Verse zu machen, [8] seitdem du hier bist, während du es früher nie getan hast. Ist dir also daran gelegen, daß ich Euenos zu antworten vermag, wenn er mich wieder fragt – denn ich weiß wohl, daß er fragen wird –, so sprich, was ich sagen soll!
Sag ihm also, Kebes, sprach er, die Wahrheit, daß ich es nicht getan habe, weil ich gegen ihn und seine Gedichte antreten will – ich wüßte nämlich, daß das nicht leicht sein würde –, sondern um gewisse Träume zu erforschen, was sie wohl bedeuten, [9] und um meinen heiligen Pflichten nachzukommen,[10] wenn sie mir etwa aufgetragen haben sollten, mich auf diese Weise musisch zu betätigen. Es verhielt sich nämlich so: Oftmals kam mir derselbe Traum in meinem vergangenen Leben, jeweils in anderer Gestalt erscheinend, aber dasselbe sagend: »Sokrates, sprach er, wirke und betätige dich musisch!«▷
Als wir nun hineintraten, [60 St.1 A] fanden wir den Sokrates eben entfesselt, und Xanthippe, du kennst sie doch, sein Söhnchen auf dem Arm haltend, saß neben ihm. Als uns Xanthippe nun sah, wehklagte sie und redete allerlei dergleichen, wie die Frauen pflegen, wie: „O Sokrates, nun reden diese deine Freunde zum letzten male mit dir, und du mit ihnen!“ Da wendete sich Sokrates zum Kriton und sprach: „O Kriton, lasse doch jemand diese nach Hause bringen!“ Da führten einige von Kritons Leuten sie weg, heulend und sich an die Brust schlagend.
Sokrates aber, auf dem Bette sitzend, zog das Bein an sich und rieb sich den Schenkel mit der Hand, indem er zugleich sagte: Was für ein [B] widersprüchliches Ding, ihr Männer, ist es doch um das, was die Menschen angenehm nennen, wie wunderlich es sich verhält zu dem, was ihm entgegengesetzt zu sein scheint, dem Unangenehmen, dass nämlich beide zu gleicher Zeit zwar nie in dem Menschen sein wollen, doch aber, wenn einer dem einen nachgeht und es erlangt, er meist immer genötigt ist, auch das andere mitzunehmen, als ob sie zwei an einer Spitze zusammengeknüpft wären, und ich denke, wenn Aisopos dies bemerkt hätte, würde er eine Fabel daraus gemacht haben, dass Gott beide, da sie im Kriege begriffen sind, habe aussöhnen wollen und, weil er dies nicht gekonnt, sie an den Enden [C] zusammengeknüpft habe, und deshalb nun, wenn jemand das eine hat, komme ihm das andere nach. So scheint es nun auch mir gegangen zu sein, weil ich von der Fessel in dem Schenkel vorher Schmerz hatte, so kommt mir nun die angenehme Empfindung hintennach.
Darauf nahm Kebes das Wort und sagte: Beim Zeus, Sokrates, das ist gut, dass du mich daran erinnerst. Denn nach deinen Gedichten, die du gemacht hast, indem du die Fabeln des Aisopos in Verse gebracht, und nach dem Vorgesang an den Apollon haben mich auch andere schon gefragt, und noch neulich Euenos, wie es doch zugehe, dass, [D] seitdem du dich hier befindest, du Verse machest, da du es zuvor nie getan hast. Ist dir nun etwas daran gelegen, dass ich dem Euenos zu antworten weiß, wenn er mich wieder fragt, und ich weiß gewiss, das wird er, so sprich, was ich ihm sagen soll!
Sage ihm denn, sprach er, o Kebes, die Wahrheit, dass ich es nicht tue, um etwa gegen ihn und seine Gedichte aufzutreten, denn das, wüsste ich wohl, wäre nicht leicht, sondern um zu versuchen, was wohl ein gewisser Traum meine, und mich vor Schaden zu hüten, wenn [E] etwa dies die Musenkunst wäre, die er mir anbefiehlt. Es war nämlich dieses: es ist mir oft derselbe Traum vorgekommen in dem nun vergangenen Leben, der mir, bald in dieser, bald in jener Gestalt erscheinend, immer dasselbe sagte: „O Sokrates“, sprach er, „mache und treibe Musenkunst!“◀▷Und ich nahm bisher immer an, eben das, was ich schon tat, gebiete er mir und ermutige mich[11] dazu; ganz wie diejenigen, die die Läufer antreiben, so ermutige auch mich der Traum zu dem, was ich schon tat, mich musisch zu betätigen, weil ja die Philosophie die höchste Form des Musischen ist und ich diese doch betrieb. Nun aber, nachdem das Urteil gefällt ist und das Fest des Gottes mich noch gehindert hat zu sterben, schien mir, ich sollte, wenn mir der Traum etwa befehlen sollte, die gewöhnliche Form des Musischen zu betreiben, ihm gegenüber nicht ungehorsam sein, sondern es tun. Denn es sei sicherer,[12] nicht fortzugehen, bevor ich meinen Pflichten nachgekommen bin und Gedichte gemacht habe, um dem Traum zu gehorchen. So habe ich also zuerst dem Gott etwas gedichtet, für den gerade die Opferfeier stattfand; nach dem Gott aber, weil ich bedachte, daß ein Dichter, wenn er wirklich Dichter sein wolle, Mythen dichten müsse und nicht Reden, und ich selbst kein Mythendichter bin,[13] habe ich deshalb von den Mythen des Aisopos, die ich zur Hand hatte und kannte, in Verse gebracht, welche gerade da waren. [14],[15] Das also, Kebes, sage Euenos, und er solle wohl leben und, wenn er vernünftig sei, mir folgen.[16] Ich gehe aber, wie es scheint, heute; denn die Athener befehlen es.
Da sprach Simmias: Was läßt du da dem Euenos raten, Sokrates? Denn ich bin mit dem Mann schon oft zusammengetroffen; aber nach dem zu schließen, was ich dabei wahrgenommen habe, wird er dir wohl kaum freiwillig Folge leisten.
Wieso? fragte er. Ist Euenos kein Philosoph?
Ich glaube schon, sagte Simmias.
Also wird Euenos auch wollen und ebenso jeder, der diese Sache in angemessener Weise betreibt. Gewalt allerdings wird er sich hoffentlich nicht antun; denn das,[17] sagen sie,[18] sei nicht recht. Und als er dies sagte, ließ er die Beine auf die Erde herab und besprach, so dasitzend, das übrige.
Nun fragte ihn Kebes: Wie meinst du das, Sokrates, daß es nicht recht sei, sich Gewalt anzutun, daß aber doch der Philosoph dem Sterbenden zu folgen wünsche?
Was, Kebes? Habt ihr, du und Simmias, über diese Dinge nichts gehört, als ihr mit Philolaos[19] zusammen wart? Nichts Genaues wenigstens, Sokrates.
Nun ja, auch ich kann nur vom Hören darüber reden.[20] Was ich da also gehört habe, will ich ohne etwas vorzuenthalten sagen.
Denn es gehört sich ja wohl ganz besonders für den, der im Begriff ist, dorthin zu wandern, über die Wanderung nach dort, wie wir sie uns vorstellen können, nachzusinnen und sich Mythen auszudenken. Denn was könnte man sonst auch tun in der Zeit bis zum Sonnenuntergang?
[21]Weshalb sagen sie nun eigentlich, daß es nicht recht sei, sich selbst zu töten, Sokrates? Ich habe das, was du gerade gefragt hast, nämlich auch schon von Philolaos gehört,[22] als er sich bei uns aufhielt, und auch schon von anderen, daß man das nicht tun dürfe. Genaues aber habe ich darüber von keinem jemals gehört.▷
Und ich dachte sonst immer, nur zu dem, was ich schon tat, ermuntere er mich [61 St.1 A] und treibe mich noch mehr an, und wie man die Laufenden anzutreiben pflegt, so ermuntere mich auch der Traum zu dem, was ich schon tat, Musik zu machen, weil nämlich die Philosophie die vortrefflichste Musenkunst ist und ich diese doch trieb. Jetzt aber, seit das Urteil gefällt ist und die Feier des Gottes meinen Tod noch verschoben hat, dachte ich doch, ich müsse, falls etwa der Traum mir doch befehle, mit der Musenkunst im üblichen Sinn mich zu beschäftigen, auch dann nicht ungehorsam sein, sondern es tun. Denn es sei doch sicherer, [B] nicht zu gehen, bis ich mich auch so vorgesehen und Gedichte gemacht, um dem Traum zu gehorchen. So habe ich denn zuerst auf den Gott gedichtet, dem das Opfer eben gefeiert wurde, und nächst dem Gott, weil ich bedachte, dass ein Dichter, wenn er ein Dichter sein wolle, Fabeln dichten müsse und nicht vernünftige Reden, und ich selbst nicht erfinderisch bin in Fabeln, so habe ich deshalb von denen, die bei der Hand waren und die ich wusste, den Fabeln des Aisopos, die, welche mir eben aufstießen, in Verse gebracht. [C] Dieses also, o Kebes, sage dem Euenos, und er solle wohl Leben und, wenn er klug wäre, mir nachkommen. Ich gehe aber, wie ihr seht, heute, denn die Athener befehlen es.
Da sagte Simmias: Was lässt du doch da dem Euenos sagen, o Sokrates? Ich habe schon viel mit dem Manne verkehrt, aber soviel ich gemerkt, wird er auch nicht die mindeste Lust haben, dir zu folgen.
Wieso? fragte er, ist Euenos nicht ein Philosoph?
Das dünkt mich doch, sprach Simmias.
Nun, so wird er auch wollen, er und jeder, der ernstlich damit zu tun hat. Nur Gewalt wird er sich doch nicht selbst antun, denn dies, [D] sagen sie, sei nicht recht.
Und als er dies sagte, ließ er seine Beine von dem Bett wieder herunter auf die Erde, und so sitzend sprach er das übrige.
Kebes fragte ihn nun: Wie meinst du das, o Sokrates, dass es nicht recht sei, sich selbst Leides zu tun, dass aber doch der Philosoph dem Sterbenden zu folgen wünsche?
Wie, Kebes? Habt ihr über diese Dinge nichts gehört, du und Simmias, als ihr mit dem Philolaos zusammen wart?
Nichts Genaues wenigstens, Sokrates.
Auch ich kann freilich nur vom Hörensagen davon reden, was ich [E] aber gehört, bin ich gar nicht abgeneigt, euch zu sagen. Auch ziemt es sich ja wohl am besten, dass der, welcher im Begriff ist, dorthin zu wandern, nachsinne und sich Bilder mache über die Wanderung dorthin, wie man sie sich wohl zu denken habe. Was könnte einer auch wohl besseres tun in der Zeit bis zum Untergang der Sonne?
Weshalb also sagen sie, es sei nicht recht, sich selbst zu töten, o Sokrates? Denn ich habe dies auch schon, wonach du eben fragtest, vom Philolaos gehört, als er sich bei uns aufhielt, und auch schon von andern, dass man dies nicht tun dürfe. Genaues aber habe ich von keinem jemals etwas darüber gehört.◀▷[23]Du mußt dich eben darum bemühen, sagte er. Möglich, daß du es dann hören wirst. Vielleicht kommt es dir allerdings wunderlich vor, daß dies allein von allen Dingen ohne Ausnahme so sein und es nie, wie in anderen Fällen, dem Menschen begegnen soll, daß es manchmal und für einige Menschen besser ist zu sterben als zu leben; für die es aber besser wäre zu sterben, bei denen erscheint es dir vielleicht wunderlich, wenn es ihnen nicht erlaubt sein soll, sich selbst wohlzutun,[24] sondern daß sie auf einen anderen Wohltäter warten sollen.
Da sagte Kebes, ein wenig auflachend und in seiner Mundart: Das mag Zeus wissen!
Es mag[25] wohl so scheinen, sagte Sokrates, als ob das widersinnig sei; dennoch hat es wohl seinen Sinn. Das jedenfalls, was in den Geheimlehren[26] darüber gesagt wird, daß wir Menschen in einer Art von Gewahrsam[27] seien und man sich nicht selbst daraus lösen und davonlaufen solle, das scheint mir ein großes Wort und nicht leicht zu verstehen zu sein; wohl aber scheint mir das gut gesagt zu sein, Kebes, daß die Götter unsere Hüter sind und wir Menschen zum Besitz der Götter gehören. Oder scheint es dir nicht so?
Mir schon,[28] sagte Kebes.
Würdest du nun nicht auch, fragte er, wenn einer von denen, die zu deinem Besitz gehören, sich selbst töten würde, ohne daß du ein Zeichen gegeben hättest, daß du wolltest, er möge sterben, ihm böse sein und, wenn du noch irgendeine Strafe zur Verfügung hättest, ihn bestrafen?
Ganz bestimmt, sagte er.
Demnach ist es also vielleicht doch nicht so widersinnig, daß man sich selbst nicht eher töten soll, als bis Gott irgendeine Notwendigkeit[29] verhängt hat, wie die, die jetzt für uns besteht.
[30]Das scheint ganz richtig zu sein, meinte Kebes. Was du allerdings eben gesagt hast, daß die Philosophen leicht bereit seien zu sterben, dies, Sokrates, scheint widersinnig, wenn denn das,[31] was wir eben gesagt haben, einen Sinn hat, daß Gott es ist, der uns hütet, und wir zu seinem Besitz gehören. Denn daß gerade die Vernünftigsten sich nicht am unwilligsten aus der Obhut entfernen sollten, in der die für sie sorgen, die die besten Fürsorger für alles Seiende sind, nämlich die Götter, das ergibt keinen Sinn. Denn ein solcher glaubt doch wohl nicht, er werde für sich selbst besser sorgen, wenn er frei geworden ist. Vielmehr könnte wohl nur ein törichter Mensch glauben, man müsse vor[32] seinem Herren fliehen, und nicht bedenken, daß man ja nicht vor dem Guten fliehen, sondern gerade bei ihm ausharren soll, weshalb es widersinnig wäre, wenn er fliehen wollte. Wer aber Verstand hat, würde danach streben, immer bei dem zu sein, der besser ist als er. Und so, Sokrates, wäre das Gegenteil von dem richtig, was eben gesagt wurde: den Vernünftigen nämlich käme es zu, widerwillig zu sterben, den Unvernünftigen hingegen, mit Freuden.[33]▷
[62 St.1 A] So musst du dich noch weiter bemühen, sagte er, du kannst es ja wohl noch hören. Vielleicht aber kommt es dir auch wunderlich vor, dass dies allein unter allen Umständen schlechthin gelten soll, und auf keine Weise, wie doch sonst überall, nur bisweilen und nur für einige Menschen, nämlich es sei besser zu sterben als zu leben. Und denen nun besser wäre zu sterben, wird dir wunderlich vorkommen, dass es diesen Menschen nicht erlaubt sein solle, sich selbst wohlzutun, sondern dass sie einen andern Wohltäter erwarten sollen.
Da sagte Kebes etwas lächelnd und in seiner Mundart: Das mag Gott wissen.
Es kann [B] freilich so scheinen, unvernünftig zu sein, sprach Sokrates, aber es hat doch auch wieder einigen Grund. Denn was darüber in geheimen Lehren gesagt wird, dass wir Menschen wie in einer Feste sind und man sich aus dieser nicht selbst losmachen und davongehen dürfe, das erscheint mir doch als eine gewichtige Rede und gar nicht leicht zu durchschauen. Wie denn auch dieses, o Kebes, mir ganz richtig gesprochen scheint, dass die Götter unsere Hüter und wir Menschen eine von den Herden der Götter sind. Oder dünkt es dich nicht so?
Allerdings wohl, [C] sagte Kebes.
Also auch du würdest gewiss, wenn ein Stück aus deiner Herde sich selbst tötete, ohne dass du angedeutet hättest, dass du wolltest, es solle sterben, diesem zürnen und, wenn du noch eine Strafe wüsstest, es bestrafen?
Ganz gewiss, sagte er.
Auf diese Weise nun wäre es also wohl nicht unvernünftig, dass man nicht eher sich selbst töten dürfe, bis der Gott irgendeine Notwendigkeit dazu verfügt hat, wie die jetzt uns gewordene?
Dieses freilich, sagte Kebes, scheint ganz billig. Was du jedoch vorher sagtest, dass jeder Philosoph gern werde sterben wollen, dieses, o Sokrates, kommt dann ungereimt heraus, wenn doch, [D] was wir eben sagten, sich richtig so verhält, dass Gott es ist, der uns hütet, und dass wir zu seiner Herde gehören. Denn dass nicht die Vernünftigsten gerade am unwilligsten aus dieser Pflege sich entfernen sollten, wo diejenigen für sie sorgen, welche die besten Versorger sind für alles, was ist, die Götter, das ist gar nicht zu denken. Denn sie können ja nicht glauben, dass sie sich selbst besser hüten werden, wenn sie frei geworden sind, sondern nur ein unvernünftiger Mensch könnte das vielleicht glauben, dass es gut wäre, von [E] seinem Herrn zu fliehen, und könnte nicht bedenken, dass man ja von dem Guten nicht fliehen muss, sondern sich so viel als möglich daran halten, und dass er also unvernünftigerweise fliehen würde, der Vernünftige aber würde immer streben, bei dem zu sein, der besser wäre als er. Und so käme ja wohl, o Sokrates, das Gegenteil von dem heraus, was eben gesagt ward, den Vernünftigen nämlich ziemte es, ungern zu sterben, und nur den Unvernünftigen gern.- ↑ ▷ 25. Xanthippe war vermutlich die einzige Frau des Sokrates; die von Aristoteles verbreitete Version, Sokrates sei auch noch mit Myrto verheiratet gewesen, ist wenig wahrscheinlich. Xanthippe ist die Mutter der im Dialog nicht namentlich genannten Söhne Lamprokles, Sophroniskos und Menexenos.
- ↑ [B]
- ↑ ▷ 26. Zur Motivverknüpfung vgl. Anm. 7. Beispielhaft wird sichtbar, wie Erfahrungen im Bereich des Sinnlichen für Sokrates zum Anlaß werden, das darin wirksame Nicht-Sinnliche zu denken – daß Lust und Unlust immer relativ sind, läßt nach dem Nicht-Relativen suchen, an dem die Relativität überhaupt erst feststellbar wird. Dies schafft zugleich Distanz zur eigenen Lage; die vom Philosophen im folgenden geforderte Lösung aus der Sinnlichkeit, die aus dem Betroffenen den kühlen Diagnostiker werden läßt.
- ↑ [C]
- ↑ ▷ 27. Über Aisopos ist historisch nur wenig überliefert. Ihm werden die meisten der griechischen Fabeln (oder Mythen) zugeschrieben. Bei diesen handelt es sich um die bildhafte Einkleidung allgemeiner Lebenswahrheiten, meistens sind Tiere oder Pflanzen die Handlungsträger. – Die Erwähnung des Mythos soll hier vielleicht darauf hinweisen, daß auch dieser in der Regel einen rationalen Kern hat. Wichtig ist dies deshalb, weil Sokrates nach eigenem Bekunden (s. 61e) Logos und Mythos gebrauchen will, um seine eigene Lebenswahl, die Entscheidung für die Philosophie mit ihren tödlichen Konsequenzen, zu begründen.
- ↑
- ↑ ▷ 29. Euenos war ein bekannter Dichter, Sophist und Rhetor. Distanziert wird er in ›Apologie‹ 206 dargestellt, außerdem in ‹Phaidros› 267a genannt. Man darf wohl Ironie unterstellen, wenn Sokrates nicht gegen Euenos antreten will; das jeweilige Anliegen dürfte zu unterschiedlich sein, um ein Konkurrenzverhältnis aufkommen zu lassen.
- ↑ [D]
- ↑ [E]
- ↑ ▷ 30. Das Verfassen von Gedichten ist also ein Akt der Frömmigkeit, nicht Ausdruck des Zweifels an der bisherigen Auslegung, daß die Philosophie der eigentliche Musendienst ist. Deshalb hat diese kurze Episode der Beschäftigung mit anderen Dingen auch sofort ein Ende, wenn die Freunde zum gemeinsamen Philosophieren da sind.
- ↑ [61 St.1 A]
- ↑ [B]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.31
- ↑ 5.
- ↑ [C]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.32
- ↑ [D]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.33
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.34
- ↑ [E]
- ↑ 6.
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.35
- ↑ [62.A]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.36
- ↑ [B]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.37
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.38
- ↑ [C]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.39
- ↑ 7.
- ↑ [D]
- ↑ [E]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.40