Werk:Phaidon (Platon)/64
◀▷Laß ihn, sagte er. Aber euch als meinen Richtern will ich nun Rechenschaft darüber geben, daß ich mit Recht meine, ein Mensch, der sein Leben wahrhaft mit Philosophie zugebracht hat, müsse zuversichtlich sein, wenn er im Begriff ist zu sterben, und guter Hoffnung,[1] dort die größten Güter zu erlangen, wenn er gestorben ist. Wie sich das wohl verhalten mag, Simmias und Kebes, werde ich versuchen, euch darzulegen.
[2]Es scheinen nämlich alle, die sich auf die rechte Weise mit der Philosophie befassen, – verborgen vor den anderen – nichts anderes zu betreiben als zu sterben und tot zu sein. Wenn das nun wahr ist, wäre es doch wohl sonderbar, sich im ganzen Leben um nichts anderes zu bemühen als um dieses, wenn es aber nun selbst käme, unwillig zu sein über das, worum man sich schon so lange bemüht und was man betrieben hat.
Da lachte Simmias und sagte: Bei Zeus, Sokrates, obwohl ich jetzt durchaus nicht zum Lachen aufgelegt bin, hast du mich zum Lachen gebracht. Denn ich glaube, wenn die Leute das hören würden, würden sie meinen, das sei sehr treffend gesagt im Hinblick auf die Philosophen – und die Leute hier bei uns[3] würden wohl völlig zustimmen –, daß die Philosophen tatsächlich zu sterben wünschten; und sie wüßten sehr gut, daß sie es auch verdienten, dies zu erleiden.
Sie würden wohl auch die Wahrheit sagen, Simmias, abgesehen von dem »sehr gut wissen«. Denn weder wissen sie, inwiefern die wahren Philosophen zu sterben wünschen, noch, inwiefern sie den Tod verdienen und was für einen Tod.[4] So wollen wir, sprach er, die Sache unter uns besprechen und uns um jene nicht kümmern.[5] Glauben wir, daß der Tod etwas ist?
Sicher, sagte Simmias, indem er das Wort ergriff.
Doch wohl nichts anderes als die Trennung der Seele vom Körper? Und das sei das Tot-Sein, wenn der Körper, getrennt von der Seele, abgesondert ganz für sich ist, und auch die Seele, getrennt vom Körper, abgesondert ganz für sich ist? Der Tod ist doch nichts anderes als dieses?
Nein, sondern eben dies, sprach er.
Prüfe also, du Guter, ob du derselben Ansicht bist wie ich!
[6] Denn hieraus, glaube ich, werden wir besser erkennen, was wir untersuchen. Scheint es dir Sache eines philosophischen Menschen zu sein, sich um die sogenannten Lüste wie die des Essens und Trinkens zu bemühen?
Keineswegs, Sokrates, antwortete Simmias.
Aber um die der körperlichen Liebe? Durchaus nicht.
Und um die sonstige Pflege des Körpers – glaubst du, daß ein solcher große Achtung für sie hegt? Zum Beispiel der Besitz von besonderen Kleidern und Schuhen und der andere Schmuck für den Körper, meinst du, daß er ihn hoch oder gering achtet, [7] soweit es nicht unbedingt notwendig ist, etwas davon zu haben?
Gering achten, denke ich, wird ihn der wahre Philosoph. Scheint dir also nicht überhaupt die Bemühung eines solchen Menschen nicht auf den Körper gerichtet zu sein, sondern sich, so weit es ihm möglich ist, von diesem zu entfernen und sich der Seele zuzuwenden?
Ja.▷
- ↑ [64.A]
- ↑ 9.
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.43
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.44
- ↑ [C]
- ↑ [D]
- ↑ [E]