Werk:Phaidon (Platon)/71
◀▷Also auch, wenn etwas kleiner wird,[1] wird es aus einem vorher Größeren nachher ein Kleineres?
So ist es, sagte er.
Und ebenso auch aus dem Stärkeren das Schwächere und aus dem Langsameren das Schnellere? Gewiß.
Wie aber, wenn etwas schlechter wird, dann nicht aus Besserem, und wenn gerechter, aus Ungerechterem?
Wie sollte es nicht?
Hinreichend, sagte er, hat sich uns das also nun gezeigt, daß alle Dinge auf diese Weise entstehen, nämlich aus entgegengesetzten die entgegengesetzten.
Gewiß.
Wie nun weiter? Gibt es nicht auch bei ihnen so etwas wie zwischen allem einander Entgegengesetztem, nämlich,[2] weil sie
zwei sind, auch zwei Arten des Werdens, vom einen zum anderen und wiederum vom anderen zum einen zurück? So zwischen
einem größeren und einem kleineren Ding Wachstum und Abnahme – und wir nennen dann das eine Wachsen, das andere Abnehmen?
Ja, sagte er.
Nicht auch beim Scheiden und Vermischen, Abkühlen und Erwärmen, und so bei allem? Und auch, wenn wir bisweilen keine Benennung dafür haben, muß es sich doch der Sache nach notwendig überall so verhalten, daß eins aus dem anderen entsteht und daß es ein Werden von jedem zum anderen hin gibt?
Allerdings, sprach er.
[3] Wie nun, fragte er,[4] ist dem Leben etwas entgegengesetzt, wie dem Wachen das Schlafen?
Allerdings, antwortete er.
Was?
Das Tot-Sein, sprach er.
Und entstehen sie nicht auseinander, wenn sie wirklich entgegengesetzt sind, und gibt es nicht zwei Arten des Werdens zwischen ihnen, weil sie zwei sind?
Wie denn nicht?
Das eine der Paare, von denen ich sprach, will ich dir nun nennen, sprach Sokrates, sowohl es selbst als auch seine Arten des Werdens; du aber nenne mir die anderen. Ich sage, das eine sei das Schlafen, das andere das Wachen, und aus dem Schlafen[5] werde das Wachen, aus dem Wachen das Schlafen, und die beiden Arten des Werdens seien zum einen das Einschlafen, zum anderen das Aufwachen. Ist dir das hinreichend deutlich oder nicht?
Allerdings.
Sprich also auch du mir, sagte er, auf dieselbe Weise über Leben und Tod. Sagst du nicht, dem Leben sei das Tot-Sein entgegengesetzt?
Ich wohl.
Und daß sie auseinander entstehen?
Ja.
Was ist es also, das aus dem Lebenden entsteht?
Das Tote, antwortete er.
Was aber, fuhr er fort, aus dem Toten?
Notwendig, sagte er, muß man zugeben, das Lebende.
Aus dem Toten, Kebes, entstehen folglich das Lebende und die Lebenden?
[6]Offenbar, sprach er.
Es sind also, sprach er, unsere Seelen in der Unterwelt.[7]
Es scheint so.
Ist nun nicht auch von den beiden Arten des Werdens, die dazu gehören, die eine zumindest offensichtlich? Denn das Sterben ist doch wohl offensichtlich, oder nicht?
Allerdings.
Wie sollen wir es also halten? Müssen wir nicht die entgegengesetzte Art des Werdens dem entsprechen lassen, soll die Natur hier vielmehr verstümmelt sein? Oder ist es nicht notwendig, für das Sterben eine entgegengesetzte Art des Werdens den Ausgleich besorgen zu lassen?
Durchaus, sagte er.
Und welche?
Das Wieder-Lebendig-Werden.▷