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Werk:Phaidon (Platon)/73

aus AufEinWort, der freien Forschung

—Übrstzng B.Z.

◀▷ [1] Und gewiß, sagte Kebes, indem er das Wort übernahm, auch nach jenem Satz, Sokrates, wenn er wahr ist, den du oft zu erwähnen pflegtest,[2] daß das Lernen für uns nichts anderes sei als Erinnerung, und daß wir danach notwendig in irgendeiner Zeit einmal das gelernt haben, an was wir uns nun erinnern.[3] Das wäre aber unmöglich, wenn unsere Seele nicht irgendwo gewesen wäre, bevor sie in diese menschliche Gestalt kam; so daß auch danach die Seele etwas Unsterbliches zu sein scheint.

Aber, Kebes, sprach Simmias, das Wort ergreifend, welches sind die Beweise dafür? Erinnere mich! Denn im Moment entsinne ich mich nicht recht.

Um nur einen anzuführen, sagte Kebes, den schönsten: daß die Menschen, wenn sie gefragt werden und jemand sie nur richtig fragt, selbst zu sagen wissen, wie sich alles verhält – obwohl sie doch, wenn in ihnen keine Erkenntnis und kein richtiges Denken vorhanden wäre, nicht in der Lage sein würden, dies zu tun. [4]Wenn man sie also zu den geometrischen Figuren führt[5] oder zu etwas anderem dieser Art, so zeigt es sich da am deutlichsten, daß es sich so verhält.

Wenn es dich aber auf diese Weise nicht überzeugt, Simmias, sprach Sokrates, dann prüfe, ob du uns, wenn du es folgendermaßen untersuchst, beipflichten willst. Du zweifelst sicherlich, wie das sogenannte Lernen Erinnerung sein könne?

Ich zweifle, sagte Simmias, zwar nicht gerade, aber eben das habe ich nötig, von dem die Rede ist, nämlich erinnert zu werden. Und fast bin ich schon von dem her, was Kebes zu sagen versuchte, erinnert und überzeugt; nichtsdestoweniger möchte ich nun hören, auf welche Weise du es darzulegen versucht hast.

Ich auf folgende Weise, sprach er. [6] Wir stimmen doch wohl darin überein, daß, wenn jemand sich an etwas erinnern soll, er eben dieses vorher einmal kennen mußte.

Gewiß.

Stimmen wir nun auch darin überein, daß, wenn sich ihm Erkenntnis auf folgende Weise einstellt, das Erinnerung ist? Ich meine auf diese Weise: Wenn jemand, indem er etwas sieht oder hört oder auf andere Art wahrnimmt, nicht nur jenes erkennt, sondern sich dabei auch noch ein anderes vorstellt, dessen Erkenntnis nicht dieselbe, sondern eine andere ist, sagen wir da nicht mit Recht, daß er sich an das erinnert habe, wovon er die [7] Vorstellung bekam?

Wie meinst du das?

So wie folgendes: Eine andere Erkenntnis ist doch die vom Menschen und die von der Leier?

Wie sollte sie nicht?

Und du weißt doch, daß es den Liebhabern, wenn sie eine Leier sehen oder ein Gewand oder etwas anderes, was ihre Geliebten zu benutzen pflegen, folgendermaßen ergeht: Indem sie die Leier erkennen, nehmen sie zugleich in ihr Denken das Bild des Knaben auf, dem die Leier gehört; das aber ist Erinnerung. Wie auch jemand, wenn er Simmias sieht, oft an Kebes erinnert wird und derartiges wohl tausendfach vorkommen mag.

Gewiß tausendfach, bei Zeus, sagte Simmias.

Ist nun, fuhr er fort, [8] solches nicht eine Art von Erinnerung? Am meisten jedoch, wenn es jemandem bei jenen Dingen so ergeht, die er, wegen der inzwischen vergangenen Zeit und weil er nicht darauf geachtet hat, schon lange vergessen hatte?

Allerdings, sagte er.

Wie aber? Kann man, wenn man ein gemaltes Pferd sieht und eine gemalte Leier, an einen Menschen erinnert werden, und wenn man Simmias gemalt sieht, an Kebes erinnert werden?

Gewiß.

Und wenn man Simmias gemalt sieht, auch an Simmias selbst erinnert werden?▷

—Übrstzng F.S.