Werk:Phaidon (Platon)/74
◀▷ [1]Das kann man in der Tat, sagte er.
[2] Folgt nun nicht nach all diesen Fällen, daß die Erinnerung einmal durch ähnliche Dinge, einmal durch unähnliche entsteht?
Es folgt daraus.
Wenn jemand sich aber durch ähnliche Dinge an etwas erinnert, wird ihm dann nicht notwendig das noch dazu widerfahren, daß er abwägt, ob diese in bezug auf Ähnlichkeit etwas zurückbleiben hinter jenem, an das er erinnert wurde, oder nicht?
Notwendig, sagte er.
Prüfe also, sprach er, ob sich das so verhält: Wir sagen doch, etwas sei gleich, ich meine nicht ein Holz dem Holz oder ein Stein dem Stein und auch nichts anderes in der Art, sondern neben diesem allen noch etwas anderes, das Gleiche selbst. Sagen wir, es sei etwas oder nichts?
[3] Das sagen wir in der Tat, bei Zeus, sagte Simmias, aufs entschiedenste!
Erkennen wir auch, was es ist?
Gewiß, sagte er.
Wohernahmen wir seine Erkenntnis? Nicht von den Dingen her, von denen wir eben sprachen?[4] Wenn wir Hölzer oder Steine oder andere gleiche Dinge sahen, haben wir uns nicht bei diesen jenes vorgestellt, das verschieden ist von ihnen? Oder scheintes dir nicht verschieden zu sein? Prüfe es auf folgende Weise: Erscheinen nicht gleiche Steine und Hölzer zuweilen, obwohl sie dieselben sind, einmal gleich, einmal nicht?
Allerdings.
Wie aber? [5] Die gleichen Dinge selbst, ist es so, daß sie dir manchmal als ungleich erschienen - oder die Gleichheit als Ungleichheit?
Niemals Sokrates.
Nicht dasselbe sind demnach, fuhr er fort, jene gleichen Dinge und das Gleiche selbst.
Keineswegs, wie mir scheint, Sokrates.
Aber von diesen gleichen Dingen her, sagte er, die von jenem Gleichen verschieden sind, hast du dennoch die Erkenntnis von ihm ins Bewußtsein aufgenommen und bekommen?
Du hast vollkommen recht.
Und nicht wahr, von diesem als von etwas, das diesen Dingen entweder ähnlich ist oder unähnlich?
Gewiß.
Das macht wohl keinen Unterschied; solange du, etwas sehend, [6] dir von diesem Anblick her etwas anderes vorgestellt hast, sei es nun ähnlich oder unähnlich, soist dies notwendig Erinnerung gewesen.
Allerdings.
Wie weiter? fragte er. Widerfährt uns etwas derartiges bei den Hölzern und dem, wovon wir eben sprachen, den gleichen Dingen? Scheinen sie uns auf dieselbe Weise gleich zu sein wie das Gleiche selbst oder mangelt ihnen etwas daran, so beschaffen zu sein wie das Gleiche, oder nichts?
Vieles, sprach er, mangelt ihnen daran.
Stimmen wir nun nicht überein, daß jemand, wenn er etwas sieht und bemerkt: das, was ich jetzt sehe, will zwar so sein [7] wie etwas anderes von dem, was ist, es mangelt ihm aber daran und es vermag nicht, so zu sein wie jenes, sondern es ist schlechter – daß notwendig dieser, der das bemerkt, jenes vorher kennen muß, dem, wie er sagt, das andere zwar ähnlich sei, das aber mangelhafter ist als es?
Notwendig.
Wie nun? Geht es uns ebenso auch mit den gleichen Dingen und dem Gleichen selbst, oder nicht?
Gewiß.▷