Zum Inhalt springen

Werk:Phaidon (Platon)/76

aus AufEinWort, der freien Forschung

—Übrstzng B.Z.

◀▷ [1] Denn das hatte sich doch als möglich gezeigt, daß man, wenn man etwas wahrnimmt, entweder indem man sieht oder hört oder sonst einen Sinn betätigt, sich noch etwas anderes dabei vorstellen kann, was man vergessen hatte und dem dieses nahekam als ähnlich oder unähnlich. Daher gilt, wie ich meine, eins von beidem: entweder sind wir dies wissend geboren worden und wissen es alle unser Leben lang, oder diejenigen, von denen wir sagen, daß sie lernen, tun nichts anderes, als sich später zu erinnern, und das Lernen wäre also eine Erinnerung.

Und ganz gewiß verhält es sich so, Sokrates.

[2] Welches von beidem wählst du nun, Simmias? Daß wir wissend geboren wurden [3] oder daß wir uns später an das erinnern, wovon wir früher eine Erkenntnis gewonnen hatten?

Im Augenblick, Sokrates, weiß ich nicht zu wählen.

Wie aber? Weißt du bei Folgendem zu wählen, und was meinst du hierzu? Ein Mensch, der etwas weiß, sollte doch wohl über das, was er weiß, Rechenschaft geben[4] können - oder nicht?

Ganz notwendig, Sokrates.

Scheinen dir denn auch alle Rechenschaft geben zu können über das, wovon wir eben sprachen?

Ich wünschte es allerdings, sagte Simmias, aber viel eher fürchte ich, daß es morgen um diese Zeit keinen Menschen mehr geben wird, der imstande wäre, dies auf angemessene Weise zu tun.

[5] Demnach scheinen dir, Simmias, sagte er, nicht alle dies zu wissen?

Keineswegs.

Sie erinnern sich demnach an das, was sie einst gelernt hatten?

Notwendig.

Wann erwarben unsere Seelen die Erkenntnis davon? Doch wohl nicht, seit wir als Menschen geboren sind?

Gewiß nicht.

Früher also.

Ja.

Es gab folglich, Simmias, die Seelen auch schon früher, bevor sie in Menschengestalt waren, getrennt vom Körper und Einsicht habend.

Es sei denn, daß wir zugleich mit der Geburt diese Erkenntnisse erwerben, Sokrates; denn diese Zeit bleibt noch übrig.

Nun gut, mein Freund – [6] in welchem anderen Zeitraum verlieren wir sie aber? Denn wir haben sie ja nicht, wenn wir geboren werden, wie wir eben eingeräumt haben. Oder verlieren wir sie in derselben Zeit, in der wir sie auch erwerben? Oder weißt du noch einen anderen Zeitraum zu nennen?

Keineswegs, Sokrates, sondern es ist mir entgangen, daß ich nichts sagte.

[7] Verhält es sich also folgendermaßen, Simmias? Wenn es das gibt, was wir unentwegt im Munde führen,[8] ein Schönes und Gutes und jedes Wesen dieser Art, und wir auf dieses ale durch die Sinne vermittelten Dinge beziehen als auf etwas, [9] was uns früher zuteil wurde und was wir als das Unsere auffinden, und wir die Dinge mit jenem vergleichen – so muß notwendig, ebenso wie jenes ist, so auch unsere Seele schon sein, auch schon, bevor wir geboren wurden. Wenn jenes aber nicht ist, so wäre wohl diese Rede vergeblich ersonnen worden? Verhält es sich also so, und besteht die gleiche Notwendigkeit[10] dafür, daß jenes ist und daß unsere Seelen auch vor unserer Geburt schon sind, und wenn jenes nicht ist, dann auch nicht dieses?▷

—Übrstzng F.S.