Werk:Phaidon (Platon)/79
◀▷[1] Und diese Dinge kannst du wohl berühren und sehen und mit den anderen Sinnen wahrnehmen, die sich immer gleich verhalten hingegen kannst du wohl niemals auf andere Weise erreichen als durch das Denken des Geistes,[2] sondern unsichtbar sind diese und werden nicht gesehen?
Du hast vollkommen recht, sagte er.
[3] Setzen wir also, wenn du willst, zwei Arten des Seienden, die eine sichtbar, die andere unsichtbar.
Das setzen wir, sagte er.
Und die unsichtbare als sich immer gleich verhaltend, die sichtbare dagegen als niemals gleich?
Auch das, sagte er, setzen wir.
Also weiter, sprach er. [4] Gibt es an uns selbst etwas anderes als einerseits Körper, andererseits Seele?
Nichts anderes, sagte er.
Welcher von beiden Arten, wollen wir sagen, sei der Körper ähnlicher und verwandter?
Jedem, sagte er, ist das wohl klar, der sichtbaren.
Was aber ist die Seele? Etwas Sichtbares oder Unsichtbares?
Nicht für Menschen jedenfalls, Sokrates, sagte er.
Aber wir sprachen doch über das Sichtbare und das Nicht-Sichtbare für die Natur der Menschen – oder meinst du für irgendeine andere?
Für die der Menschen.
Was sagen wir also über die Seele? Daß sie sichtbar ist oder unsichtbar?
Nicht sichtbar.
Unsichtbar also?
Ja.
Ähnlicher also als der Körper ist die Seele dem Unsichtbaren, er aber dem Sichtbaren.
[5] Ganz notwendig, Sokrates.
[6] Haben wir nicht auch das schon lange gesagt, daß die Seele, wenn sie den Körper zur Hilfe nimmt, um etwas zu untersuchen, entweder mittels des Sehens oder des Hörens oder mittels irgendeiner anderen Wahrnehmungsart – denn das heißt »mittels des Körpers«: etwas mittels der Sinne zu untersuchen[7] –, daß sie dann vom Körper zu dem gezogen wird, was sich niemals gleich verhält, und dann selbst irregeht und verwirrt wird und taumelt wie berauscht, weil sie derartiges berührt?
Allerdings.
[8] Wenn sie aber ganz für sich etwas untersucht, dann geht sie zu dem Reinen und immer Seienden, Unsterblichen und sich immer gleich Verhaltenden, und als ihm verwandt bleibt sie immer bei ihm, so oft sie ganz für sich ist und es ihr möglich ist; und dann hat ihr Umherirren ein Ende und sie bleibt in bezug auf jenes sich selbst immer gleich, weil sie derartiges berührt. Und diesen Zustand von ihr nennt man Vernunft?[9]
Vollkommen schön und wahr, sprach er, ist, was du sagst, Sokrates.
Welcher von beiden Arten scheint dir nun wiederum nach dem, was vorhin und jetzt gesagt wurde, die Seele ähnlicher zu sein und verwandter?
Jeder, scheint mir, Sokrates, wird nach diesem Gang der Untersuchung zugeben müssen, selbst der Ungelehrigste, daß in allem und jedem die Seele dem sich immer gleich Verhaltenden ähnlicher ist als dem, was nicht.
Wie aber der Körper?
Dem anderen.▷
- ↑ [79.A]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.82
- ↑ 26.
- ↑ [B]
- ↑ [C]
- ↑ 27.
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.83
- ↑ [D]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.84