Werk:Phaidon (Platon)/81
◀▷… Wenn sie sich rein trennt und nichts vom Körper mit sich zieht, weil sie ja mit ihm schon im Leben willentlich nichts gemein hatte, sondern ihn gemieden und sich in sich selbst gesammelt hat, weil sie dies ja immer geübt hat – was aber nichts anderes heißt, als daß sie auf die richtige Weise philosophierte und wahrhaft einübte, [1] leicht zu sterben; oder sollte das nicht ein Einüben des Todes sein? –
Gewiß.
Wenn sie so beschaffen ist, geht sie dann nicht fort zu dem ihr Gleichen, dem Unsichtbaren, dem Göttlichen und Unsterblichen und Vernünftigen, wo es ihr, dort angekommen, zuteil wird, glücklich zu sein, getrennt von Irrtum und Unverstand, Furcht und roher Liebe und den anderen menschlichen Übeln,[2] um, wie man bei den Eingeweihten[3] sagt, die künftige Zeit wahrhaft mit den Göttern zuzubringen? Sollen wir so sprechen, Kebes, oder anders?
So bei Zeus, sprach Kebes.
[4] Wenn sie sich aber, meine ich, [5] befleckt und unrein vom Körper trennt, weil sie mit dem Körper immer zusammen war und ihn geehrt und geliebt hat und geblendet war von ihm und seinen Begierden und Lüsten, so daß ihr nichts anderes wahr zu sein schien als das Körperliche, was man berühren kann und sehen und trinken und essen und zur Liebe gebrauchen, sie aber das, was den Augen dunkel und unsichtbar ist, geistig erfaßbar aber und mittels Philosophie zu begreifen, gewohnt war zu hassen und zu fürchten und zu meiden – glaubst du, eine [6] sich derart verhaltende Seele würde sich ganz für sich rein trennen?
In keiner Weise, sagte er.
Sondern, glaube ich, durchdrungen von dem Körperlichen, mit dem sie der Umgang und die Gemeinschaft mit dem Körper aufgrund des dauernden Zusammenseins und der vielen Bemühungen um ihn zusammenwachsen ließ.
Gewiß.
Daß das aber belastend ist, mein Freund, muß man annehmen, und drückend, erdgebunden und sichtbar; dies an sich habend, wird eine solche Seele niedergedrückt und wieder an den sichtbaren Ort gezogen, aus Furcht vor dem Unsichtbaren und der Unterwelt, und sich, wie man sagt, bei den Grabmälern und Gräbern herumtreiben, [7] bei denen auch gewisse schattenhafte Seelenerscheinungen gesehen wurden. Wie sich ja solche Seelen als Schattenbilder[8] darbieten, die nicht rein losgelöst sind, sondern noch am Sichtbaren Anteil haben, weshalb sie auch gesehen werden.
Wahrscheinlich, Sokrates.
Wahrscheinlich in der Tat, Kebes, und auch, daß dies nicht die Seelen der Guten sind, sondern die der Schlechten,[9] die an solchen Orten herumzuirren gezwungen sind, indem sie Strafe leiden für ihre frühere Lebensweise, die schlecht war. Und so lange irren sie umher, bis sie durch die Begierde nach dem ihnen Nachfolgenden, [10] dem Körperlichen, wieder eingebunden werden in einen Körper. [11] Eingebunden werden sie aber wahr- scheinlich in eine solche Lebensform, in welcher sie sich auch in ihrem Leben geübt hatten.
Welche meinst du damit, Sokrates?▷
- ↑ [81.A]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.86
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.87
- ↑ 30.
- ↑ [B]
- ↑ [C]
- ↑ [D]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.88
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.89
- ↑ [E]
- ↑ 31.