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Werk:Phaidon (Platon)/84

aus AufEinWort, der freien Forschung

—Übrstzng B.Z.

◀▷[1] Ich gewiß nicht.

Allerdings nicht, sondern so wird die Seele eines philosophischen Menschen wohl rechnen und nicht meinen, die Philosophie müsse sie zwar lösen, wenn sie aber durch jene gelöst sei, müsse sie sich selbst den Lüsten und dem Schmerz wieder ausliefern und sich aufs neue darin festbinden und ein unvollendbares Werk tun, indem sie das Gegenstück zu Penelopes Weberei[2] betreibt. Indem sie sich vielmehr Ruhe davon verschafft, der Überlegung folgt und immer ni ihr verharrt, das Wahre und Göttliche und der bloßen Meinung Unzugängliche erkennt und sich von jenem nährt, glaubt sie, [3] auf diese Weise leben zu müssen, so lange sie lebt, und wenn sie gestorben und zu dem Verwandten und ebenso Beschaffenen gelangt ist, dann getrennt zu sein von den menschlichen Übeln.[4] Infolge solcher Nahrung ist es nichts Erstaunliches, wenn sie, weil sie sich um dieses bemüht hat, nicht fürchtet, Simmias und Kebes, daß sie zerrissen werde bei der Trennung vom Körper und von den Winden verweht und zerstäubt fortgehe und nichts und nirgends mehr sei.

[5] Stilleherrschte nun, [6] nachdem Sokrates das gesagt hatte, für lange Zeit, und Sokrates selbst war noch ganz bei der gehaltenen Rede, wie man ihm ansehen konnte, und auch von uns die meisten. Kebes und Simmias aber unterhielten sich ein wenig miteinander. Da sah Sokrates sie an und fragte: Wie, euch scheint das Gesagte doch nicht noch unzulänglich gesagt zu sein? Es gibt natürlich noch viele Vorbehalte und Einwände, wenn jemand es ganz genau durchgehen will.[7] Hattet ihr nun etwas anderes untersucht, will ich nichts sagen; wenn ihr aber deswegen noch ratlos seid, so zögert nicht, es sowohl selbst zu sagen und darzustellen, wenn ihr meint, [8] es könne in irgendeiner Hinsicht Besseres gesagt werden, als auch mich wieder hinzuzuziehen, wenn ihr eher glaubt, mit mir zusammen Rat zu finden.

Da sprach Simmias: Nun ja, Sokrates, ich will dir die Wahrheit sagen. Schon lange nämlich hat jeder von uns ratlos den anderen angestoßen und ihn aufgefordert zu fragen, weil wir zwar begierig sind zu hören, uns aber scheuen, dir zur Last zu fallen, damites dir nicht unangenehm wäre wegen des gegenwärtigen Unglücks.

Als er das hörte, lachte er ein wenig und sprach: Ach Simmias!

Schwerlich dürfte ich wohl die anderen Menschen überzeugen, daß ich das gegenwärtige Geschick nicht für [9] ein Unglück halte, da ich nicht einmal euch zu überzeugen vermag, sondern ihr fürchtet, ich könnte jetzt mißvergnügter gestimmt sein als im früheren Leben. ...▷

—Übrstzng F.S.