Zum Inhalt springen

Werk:Phaidon (Platon)/85

aus AufEinWort, der freien Forschung

—Übrstzng B.Z.

◀▷

... Und wie es aussieht, scheine ich euch in der Seherkunst schlechter zu sein [1] als die Schwäne, die, sobald sie merken, daß sie sterben müssen, nachdem sie schon zuvor gesungen haben, dann doch am meisten und am schönsten singen, weil sie sich freuen, daß sie zu dem Gott gehen sollen, in dessen Dienst sie stehen.[2] Die Menschen aber lügen wegen ihrer eigenen Furcht vor demTod auch über die Schwäne und sagen, daß sie, ihren Tod beklagend, aus Schmerz einen Gesang anstimmen, ohne zu bedenken, daß kein Vogel singt, wenn er hungert oder friert oder ein anderer Schmerz ihn bekümmert, nicht einmal die Nachtigall und die Schwalbe und der Wiedehopf, von denen sie sagen, daß sie ihren Schmerz beklagend singen.[3] [4] Aber weder diese scheinen mir aus Schmerz zu singen noch die Schwäne, sondern weil sie dem Apollon gehören, sind sie seherisch, glaube ich; und weil sie das Gute in der Unterwelt vorhersehen, singen sie und freuen sich an jenem Tag besonders, mehr als jemals in der Zeit zuvor. Ich aber meine, selbst auch ein Dienstgenosse der Schwäne und demselben Gott geweiht zu sein und nicht schlechter als sie die Seherkunst zu haben von meinem Herrn, mich also auch nicht mißmutiger als sie vom Leben zu trennen. Deshalb sollt ihr sagen und fragen, was ihr wollt, so lange es die elf Männer der Athener gestatten.

Schön, was du sagst, sprach Simmias. Und so will ich dir sagen, was mich ratlos macht, [5] und dann auch dieser, in welcher Hinsicht er das Gesagte nicht annehmen will. Denn mir scheint es, Sokrates, wie vielleicht auch dir, über derartige Dinge etwas Sicheres zu wissen im jetzigen Leben entweder unmöglich zu sein oder äußerst schwierig. Aber das, was darüber gesagt wird, nicht auf jede Weise zu erforschen und davon abzulassen, bevor man ermattet ist davon, es in jeder Beziehung zu prüfen, das ist die Art eines ganz weichlichen Menschen. Denn man muß bei diesen Dingen wenigstens eines davon erreichen: entweder zu lernen oder zu finden, wie es sich damit verhält oder, wenn das unmöglich ist, zumindest die beste der menschlichen Reden zu nehmen [6] und die am schwersten widerlegbare, und auf ihr wie auf einem Floß fahrend es wagen, durch das Leben zu ziehen, wenn jemand nicht sicherer und gefahrloser auf einem zuverlässigeren Fahrzeug,[7] einer göttlichen Rede, das Leben zu durchfahren vermag. Wirklich will ich mich nun auch nicht schämen zu fragen, da du aj auch dasselbe sagst; dann werde ich mir in späterer Zeit nicht vorwerfen müssen, daß ich jetzt nicht gesagt habe, was ich denke. Mir nämlich scheint, Sokrates, wenn ich bei mir selbst und auch mit diesem hier das Gesagte prüfe, daß es gar nicht hinreichend ist.

[8] Da sagte Sokrates: [9] Und vielleicht, mein Freund, erscheint es dir mit Recht so[10] – aber sprich, inwiefern nicht hinreichend.▷

—Übrstzng F.S.