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Werk:Phaidon (Platon)/86

aus AufEinWort, der freien Forschung

—Übrstzng B.Z.

◀▷Insofern, sprach er, als man ja auch über eine Stimmung und eine Leier und Saiten dieselbe Rede führen könnte, daß zwar die Stimmung etwas Unsichtbares, Unkörperliches, Wunderschönes [1] und Göttliches an der gestimmten Leier sei, die Leier selbst aber und die Saiten seien Körper und körperhaft, zusammengesetzt, erdgebunden und dem Sterblichen verwandt. Sobald nun jemand die Leier zerbrechen würde oder die Saiten zerschneiden oder zerreißen, könnte er mit derselben Rede wie du behaupten, daß jene Stimmung notwendig noch da sein müsse und nicht untergegangen. Denn es könnte doch keinesfalls möglich sein, daß die Leier zwar noch da wäre, nachdem die Saiten zerrissen sind, und auch die Saiten, die doch von sterblicher Art sind, die Stimmung aber, [2] die dem Göttlichen und Unsterblichen gleichgeartet und verwandt ist, untergegangen wäre, und früher untergegangen als das Sterbliche. Sondern er würde wohl sagen, daß die Stimmung selbst notwendig noch irgendwo sein müsse, und eher würden die Hölzer und die Saiten verfaulen, bevor jene etwas erleiden würde. Denn ich meine nun auch, Sokrates, du selbst wirst das schon bedacht haben, daß wir uns die Seele am ehesten als etwas derartiges vorstellen: Wenn unser Körper gleichsam eingespannt ist und zusammengehalten von Warmem und Kaltem, Trockenem und Feuchtem und dergleichen, ist eine Mischung und [3] Stimmung eben dieser Dinge unsere Seele,[4] wenn diese schön und angemessen miteinander gemischt sind. Ist also die Seele eine Art Stimmung, dann ist offensichtlich, daß, wenn unser Körper übermäßig erschlafft oder angespannt wird von Krankheiten oder anderen Übeln, die Seele notwendig sofort zugrundegehen muß, wie göttlich sie auch sein mag, ebenso wie die anderen Stimmungen in den Tönen und in allen Werken der Künstler, die Überreste jedes Körpers aber noch lange Zeit bleiben, [5] bis sie entweder verbrannt werden oder verwesen. Sieh nun, was wir gegen diese Rede sagen sollen, wenn jemand behauptet, daß die Seele, weil sie eine Mischung der Dinge im Körper sei, in dem, was wir Tod nennen, zuerst zugrundegehe.

[6] Da blickte Sokrates vor sich hin, wie er es meistens zu tun pflegte, und sagte lächelnd: In der Tat, Simmias hat ganz recht gesprochen. Wenn also einer von euch besseren Rat weiß als ich, warum antwortet er nicht? Denn gar nicht schlecht, scheint es, hat er die Sache angefaßt. Ich meine allerdings, wir müssen vor dem Antworten erst noch Kebes hören, was er wiederum unserer Rede vorzuwerfen hat, [7] damit wir Zeit gewinnen und uns beraten können, was wir sagen sollen, und dann, wenn wir es gehört haben, ihnen entweder zustimmen, wenn sie etwas Stimmiges zu sagen scheinen, wenn aber nicht, dann also unsere Rede verteidigen. Auf also, Kebes, sprach er, sag', was es war, das dich beunruhigt hat und dir Zweifel bereitet!▷

—Übrstzng F.S.

  1. ↑ [86.A]
  2. ↑ [B]
  3. ↑ [C]
  4. ↑ Phaidon (Platon)/Anm.104
  5. ↑ [D]
  6. ↑ 37.
  7. ↑ [E]