Werk:Phaidon (Platon)/89
◀▷Phaid.: In der Tat, Echekrates, oftmals habe ich Sokrates bewundert, niemals aber habe ich ihnmehr verehrtals damals. [1] Daß er etwas zu sagen wußte, ist vielleicht nichts Besonderes; am meisten jedoch bewunderte ich ihn zunächst dafür, wie freundlich und gütig und beifällig er die Reden der jungen Leute aufnahm, dann, wie scharf er bemerkte, welche Wirkung die Reden auf uns hatten, schließlich, wie gut er uns heilte und uns wie Flüchtlinge und Geschlagene zurückrief und uns dazu brachte, ihn zu begleiten und die Rede gemeinschaftlich zu prüfen.
Ech.: Wie denn?
Phaid.: Ich wil es dir sagen. Zufällig saßich nämlich zu seiner Rechten [2] neben seinem Bett auf einem Fußschemel, er aber saß viel höher als ich. Indem er mir nun den Kopf streichelte und meine Haare im Nacken zusammennahm – denn er pflegte, wenn es sich so ergab, in meinen Haaren zu spielen -, sprach er: Morgen also, Phaidon, wirst du dir wahrscheinlich diese schö- nen Haare abschneiden.[3]
Es scheint so, Sokrates, sagte ich.
Nicht, wenn du auf mich hörst.
Aber wieso? fragte ich.
Heute schon, sprach er, müssen wir sie, ich meine, du diese abschneiden, wenn uns nämlich die Rede stirbtlI und wir sie nicht wiederbeleben können. [4] Und ich würde wohl, wenn ich du wäre und mir die Rede entfliehen würde, einen Eid leisten wie die Argeier,[5] sie nicht eher wieder wachsen zu lassen, bis ich in Wiederaufnahme des Kampfes die Rede des Simmias und des Kebes besiegt hätte.
Aber mit zweien, sagt man, sprach ich, könne es auch Herakles nicht aufnehmen.
Darum rufe auch mich, sagte er, als deinen Iolaos[6] zur Hilfe, so lange es noch Tag ist.
So rufe ich dich denn zur Hilfe, sprach ich, nicht wie Herakles, sondern wie Iolaos den Herakles.
Das wird keinen Unterschied machen, sagte er. [7] Aber zunächst wollen wir uns davor in acht nehmen, daß uns nicht ein gewisses Unglück widerfährt.
Was für eines? fragte ich.
[8] Daß wir nicht Redefeinde werden, wie manche Menschenfeinde werden; weil es ja nicht möglich ist, sagte er, daß jemandem ein größeres Übel widerfährt, als wenn er Reden haßt.[9] Es entsteht aber Redefeindschaft auf dieselbe Weise wie Menschenfeindschaft. Die Menschenfeindschaft stellt sich nämlich ein, wenn man jemandem zu sehr und ohne Kenntnis vertraut und geglaubt hat, der Mensch sei gänzlich wahrhaftig und gesund und zuverlässig, ihn dann aber wenig später boshaft und unzuverlässig findet, und ein anderes Mal wieder einen. Wenn einem das oft widerfährt und besonders bei denen, von [10] denen man glauben konnte, sie seien die vertrautesten und besten Freunde, dann haßt man, weil man immer wieder Pech hatte, schließlich ale und glaubt, daß an niemandem überhaupt noch etwas Gesundes ist. Oder hast du nicht bemerkt, daß es so geht?
Gewiß, sagte ich.▷
- ↑ [89.A]
- ↑ [B]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.110
- ↑ [C]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.112
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.113
- ↑ 39.
- ↑ [D]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.114
- ↑ [E]