Werk:Phaidon (Platon)/92
Was also sagt ihr zu jener Rede, fragte er, in der wir sagten, daß das Lernen eine Erinnerung sei und daß es, wenn sich das so verhält, notwendig sei, daß unsere Seele vorher anderswo war, [1] bevor sie in den Körper eingebunden wurde?
Ich war, sagte Kebes, schon damals außerordentlich überzeugt von ihr, und auch jetzt bleibe ich dabei wie bei keiner anderen Rede.
Und auch mir, sagte Simmias, geht es damit so, und es würde mich sehr wundern, wenn ich darüber jemals anders denken sollte.
Da sagte Sokrates: Aber du mußt, mein thebanischer Freund,[2] notwendig anders darüber denken, wenn außerdem noch die Meinung bestehen bleiben soll, daß die Stimmung eine zusammengesetzte Sache ist, und daß die Seele als eine Stimmung aus dem zusammengefügt ist, was im Körper zueinander in Spannung steht. Denn du wirst es doch wohl nicht annehmbar finden, [3] wenn du selbst behauptest, daß die zusammengefügte Stimmung eher als jenes da war, aus dem sie zusammengesetzt sein muß. Oder wirst du?
Keineswegs, Sokrates, sprach er.
Merkst du nun aber, sagte er, daß das bei deiner Behauptung herauskommt, wenn du sagst, daß die Seele zwar da sei, bevor sie in Gestalt und Körper eines Menschen komme, daß sie aber zusammengefügt sei aus dem, was noch nicht da ist?
Denn eine Stimmung ist für dich ja nicht so etwas wie das, womit du sie vergleichst; sondern zuerst entstehen die Leier und die Saiten und die noch ungestimmten Töne, [4] zuletzt aber von allem setzt sich die Stimmung zusammen und geht zuerst wieder unter. Wie kann nun für dich diese Rede mit jener übereinstimmen?
In keiner Weise, sagte Simias.
Und doch, sprach er, wenn es sich für irgendeine Rede gehört, übereinzustimmen, dann ja wohl für die über die Stimmung.
Das gehört sich allerdings, sagte Simmias.
Diese also, fuhr er fort, stimmt dir nicht überein. Nun sieh' zu, welche von beiden Reden du wählst, die, daß das Lernen Erinnerung oder die, das die Seele eine Stimmung ist?
Viel eher jene, Sokrates, sagte er. Diesenämlich ergab sich mir ohne Beweise, [5] bloß aufgrund einer gewissen Wahrscheinlichkeit und Angemessenheit, weshalb auch den meisten Menschen etwas richtig erscheint. Ich weiß aber, daß die Reden, die ihre Beweise nur durch Wahrscheinlichkeiten erbringen, hohltönend sind, und wenn man sich nicht vor ihnen hütet, täuschen sie einen gänzlich, in der Geometrie wie in allem übrigen. Die Rede über die Erinnerung und das Lernen aber wurde mit Hilfe eines Grundsatzes aufgestellt, der es wert ist, angenommen zu werden. Denn es wurde ja gesagt, daß unsere Seele, auch bevor sie in den Körper kommt, ebenso sei, wie auch ihr Wesen ist, das den Beinamen »was ist« hat.[6] Ich habe das aber, wie ich mich selbst überzeuge, mit Fug und Recht angenommen. Deshalb ist es nun notwendig, wie es scheint, daß ich es weder mir selbst noch einem anderen gelten lasse zu behaupten, die Seele sei eine Stimmung,▷
- ↑ [92.A]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.119
- ↑ [B]
- ↑ [C]
- ↑ [D]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.120