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Werk:Phaidon (Platon)/98

aus AufEinWort, der freien Forschung

—Übrstzng B.Z.

◀▷[1] Wenn er mir dies aufzeigen würde, war ich gewillt, niemals mehr eine andere Art von Ursache zu begehren. Und ebenso war ich gewillt, mich auch über die Sonne auf die gleiche Weise zu erkundigen, auch über den Mond und die anderen Sterne, über ihre Geschwindigkeit im Verhältnis zueinander, ihre Richtungen und ihre anderen Eigenschaften, inwiefern es wohlfür jedes besser ist, das zu tun und zu erleiden, was es erleidet. Denn ich glaubte ja nicht, daß er, nachdem er behauptet hatte, alles sei von der Vernunft geordnet, irgendeine andere Ursache dafürhinzuziehen würde, als daß es am besten sei, wenn sie sich so verhalten, wie sie sich eben verhalten. [2] Indem er nun für jedes einzelne von ihnen und für alles insgesamt die Ursache angebe, werde er, glaubte ich, mich auch über das für jedes Beste und das für alle gemeinsame Gute belehren. Nicht um alles in der Welt hätte ich diese Hoffnung drangegeben, sondern voller Eifer nahm ich seine Bücher und las sie, so schnell ich nur konnte, um so schnell wie möglich das Beste und das Schlechtere zu erkennen.

[3] Dieser außerordentlichen Hoffnung, Freund, wurde ich beraubt, als ich voranschritt im Lesen und sah, daß der Mensch die Vernunft gar nicht gebraucht und auch keine Ursachen für die Ordnung der Dinge angibt, [4] sondern Luft und Äther und Wasser vorschiebt und viele andere sonderbare Dinge.[5] Und mir schien, ihm sei ganz dasselbe widerfahren, wie wenn jemand sagen wollte: Sokrates tut alles, was er tut, mit Vernunft, und wenn er es daraufhin unternähme, die Ursachen von allem, was ich tue, anzuführen, er zuerst sagen wollte, daß ich jetzt deswegen hier säße, weil mein Körper aus Knochen und Sehnen zusammengefügt ist, und die Knochen seien hart und durch Gelenke voneinander getrennt, die Sehnen aber seien so beschaffen, [6] daß sie angespannt und losgelassen werden könnten, und sie umgäben die Knochen mitsamt dem Fleisch und der Haut, die sie zusammenhält. Da sich nun die Knochen in ihren Gelenken frei bewegten, bewirkten die Sehnen, indem ich sie entspanne und anspanne, daß ich nun in der Lage sei, die Glieder zu beugen, und aus dieser Ursache säße ich zusammengebeugt hier. Auch dafür, daß ich mich mit euch unterhalte, könnte er wiederum andere Ursachen dieser Art anführen, indem er Töne und Luft und das Gehör und tausend anderes dergleichen vorschieben würde, [7] unbekümmert darum, die wahren Ursachen anzuführen: daß, nachdem es den Athenern besser zu sein schien, mich zu verurteilen, es deshalb auch mir wiederum besser erschien, hier sitzen zu bleiben, und gerechter, auszuharren und die Strafe zu erdulden, die sie angeordnet haben. …▷

—Übrstzng F.S.

  1. ↑ [98.A]
  2. ↑ [B[
  3. ↑ 47.
  4. ↑ [C]
  5. ↑ Phaidon (Platon)/Anm.148
  6. ↑ [D]
  7. ↑ [E]